25.05.2012 16:05 | Meine Presse Merkliste 0

300.000 Analphabeten mitten unter uns

ERICH WITZMANN (Die Presse)

Der Unesco-Welttag der Alphabetisierung lenkt den Blick auf ein in Österreich beiseitegeschobenes Problem.

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Die Zahl ist alarmierend und schockierend: 300.000 Erwachsene in Österreich sind „funktionale Analphabeten“. 300.000 können mit dem Schreiben und Lesen nicht viel anfangen, sind nicht fähig, einen etwas anspruchsvolleren Text zu lesen oder eine behördliche Eingabe zu verfassen. Das „Netzwerk Basisbildung und Alphabetisierung“ kommt nach Untersuchungen sogar zu dem Schluss, dass eine Million Menschen in Österreich keine Ahnung hat, was täglich in der Zeitung steht. Weil sie nicht richtig lesen können.

Das sind dunkle Gewitterwolken am Horizont der Bildungspolitik gerade zum Schulbeginn – im Osten Österreichs heute, Montag, im Westen eine Woche später. Da melden sich alle mit der Schule befassten und auch andere Institutionen mit guten Ratschlägen und kostspieligen Forderungen zu Wort. Es wird das mittelmäßige Abschneiden in den PISA-Studien zitiert, die wenig schmeichelhaften OECD-Statistiken halten her (eine wird demnächst wieder präsentiert), übermäßiger Reformeifer wird ebenso wie die Reformverhinderung angeprangert. Dass aber die Lese- und Schreibfähigkeit auch und vor allem bei den Erwachsenen ein Problem ist, wird unter den Tisch gekehrt. Darüber spricht man nicht.

Dazu kommt, dass die offizielle Bildungspolitik das Analphabetentum beiseitegeschoben hat. Die Unesco veröffentlicht in ihren jährlichen Berichten zum Welttag der Alphabetisierung zahlreiche Länderberichte, jedoch keine Werte aus Österreich. Dieses Land kommt nicht vor, weil Österreich bisher keine empirische Untersuchung angeordnet hat und daher auch keinen Unesco-Beitrag liefern konnte (eine erste Erfassung soll erst 2013 vorliegen). Bei den Daten bezüglich der 300.000 Fast- oder Totalanalphabeten beruft sich die Unesco auf eine Schätzung des Unterrichtsministeriums. Gleichzeitig empören sich die Institutionen der Erwachsenenbildung, dass die Zuschüsse des Ministeriums beschämend niedrig seien, vor allem im internationalen Vergleich. Das hat sich auch unter der SPÖ-Ministerin Claudia Schmied nicht geändert.

Die offizielle Schulpolitik doktert vielmehr an unseren Schulen herum, es werden Kommissionen und Arbeitsgruppen eingesetzt, mögliche Reformen wie die Einführung von Bildungsstandards warten seit vielen Jahren auf eine flächendeckende Einführung, andere wie die Zentralmatura werden schon im ersten Anlauf – dieses Mal von der Lehrergewerkschaft – in Grund und Boden kritisiert. Und quer durch Österreich wird unter dem Stichwort Schulversuch irgendetwas erprobt, vermutlich hat nicht einmal Unterrichtsministerin Claudia Schmied einen kompletten Überblick.

Ein besonderes Beispiel lieferte da das Bundesland Vorarlberg: Es stellte seine komplette Hauptschulstruktur angeblich auf das Lieblingsprojekt Schmieds, nämlich die Neue Mittelschule, um, bei näherem Hinsehen entpuppt sich die Vorarlberger Schulform als dem Modell der „Kooperativen Mittelschule“ in Wien frappant ähnlich. Für das Wiener Modell gibt es keine zusätzlichen Bundesmittel, für die Neue Mittelschule, auch jene in Vorarlberg, schon. So einfach geht das.


Der Unesco-Welttag der Alphabetisierung, der morgen begangen wird, sollte den Blick auf diese Bildungsschwäche lenken. Es ist leicht, sich über vorhandene Schwächen auf anderen Kontinenten auszulassen, das Problem im eigenen Lande aber nicht zur Kenntnis zu nehmen. Ein Schulsystem, das nur Leistungsgruppen und die ständige Höherqualifikation zum Ziel hat, in dem möglichst alle bis zur Matura getrieben werden sollen, übersieht, dass eine profunde Basisausbildung für eine nicht so kleine Bevölkerungsschichte das Gebot der Stunde ist. Die Spitze, nämlich die Hochbegabten, erhält kaum eine Förderung, die unterste Basis ebenfalls nicht. Das SPÖ-Lieblingsprojekt der Gesamtschule ist eben auf die breite Mitte ausgelegt, wo die Lehrkräfte an dem Durchschnittsschüler Maß nehmen sollen. Und Zusatzlehrer, so sie vorhanden sind, für einige Stunden mit Zusatzangeboten durch die Klassenzimmer schwirren.

Das hilft den funktionalen Analphabeten, die den Sinn eines Textes nicht erfassen können, nicht. Sie sind im Arbeitsleben und im privaten Bereich (etwa bei der Führerscheinprüfung) benachteiligt, sie sind die ersten Opfer auf dem Arbeitsmarkt. Die Arbeitsmarktdaten bestätigen dies, nicht in Entwicklungsländern, sondern auch im hoch industrialisierten Europa. Österreich ist da keine Ausnahme.


erich.witzmann@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2009)

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41 Kommentare
 
1 2
krawuzl
08.09.2009 20:26
0 1

300.000 Analphabeten mitten unter uns

Na, Herr Witzmann, das haben Sie nicht geglaubt. Da schreiben Sie einen völlig unverfänglichen Artikel über Analphabetismus in Österreich - ein Thema, das ich aus der Presse schon seit sicher 25 Jahren kenne - und die ganze braune Camarilla kriecht wieder aus ihren Löchern.
Immer, wenn ich ein Brechreizmittel benötige, gebe ich mir die Postings in der Presse. Ich kann es weiterempfehlen. Es wirkt sicherer als jedes Medikament.

Antworten Gast: ALEXANDR
01.06.2010 19:21
0 0

Re: 300.000 Analphabeten mitten unter uns

ich kann auch nicht richtig lessen was kann ich machen

1 0

Ein KULTURBEREICHER braucht NICHT lesen zu können!

Er muss wissen wo er sich sein monatliches Geld abholt, wie man an die nächste Förderung herankommt, wie man verschiedene Suchtgifte streckt, wo man ein gestohlenes Fahrzeug verkauft und wie man in einem katholischen Land Europas zu einer beschnittenen Ehefrau kommt bzw. sie wieder los wird wenn sie zu westlich geworden ist oder lesen gelernt hat.
Wozu also Lesen lernen?

Gast: Türkin
07.09.2009 18:20
2 0

Spannend wäre zu wissen wieviele Postings hier die "Presse" unterschlägt?!

Ich habe das schon des öfteren in diesem Forum erlebt. Alles das nicht in den medialen Mainstream passt wird Grundsätzlich gelöscht oder erst gar nicht zugelassen.

Liebe Presse.
Ist ihnen überhaupt klar, dass genau dieses Verhalten vielen Diktaturen Tür und Tor öffnete und öffnet?
Wenn ein Staat oder deren Medien beginnen im grossen Stil Rede -und Meinungsfreiheit ein zu schränken ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Dikatur. Und Österreich ist in Pkto Meinungsfreiheit um vieles in meiner Wertschätzung gesunken (Ein weiterer Grund dieses Land zu verlassen. So traurig es ist...)!

Gast: hieronymusz
07.09.2009 15:23
0 0

Analphabeten Mut zur Weiterbildung machen!

Es gibt in jedem Land Erwachsene mit Leseschwierigkeiten. In österreich existieren in jedem Bundesland Angebote, dies nachzuholen. Oft werden diese von Volkshochschulen getragen.

Einheimische Erwachsene mit Schreib- und Leseschwierigkeiten können von der Grundbildung besonders profitieren. Sie schämen sich meist für ihre Defizite und fürchten, an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu werden. Sich für einen Grundbildungslehrgang zu melden bedeutet für sie die Überwindung einer riesigen, persönlichen Schwelle. Sie müssen dabei ja völlig fremden Menschen gegenüber ihre Schwierigkeiten zugeben.

Betroffene Menschen aus dem Bekanntenkreis zu unterstützen, ihnen Mut zu machen und ihnen die Vorteile des Erwerbs der Kulturtechniken aufzuzeigen solle für jeden Leser und jeden Leserin des Kommentars die Konsequenz sein. Schade, wenn immer noch der durch Fakten widerlegte Eindruck verbreitet wird, dass Analphabetismus nur Ausländer oder "Dumme" betrifft. Wer nicht glaubt, dass auch Österreicherinnen und Österreicher Grundbildungsbedarf haben und dass dieser nichts mit der persönlichen Intelligenz zu tun hat, kann sich gerne bei den Erwachsenenbildungseinrichtungen, die Lesen, Schreiben und Rechnen für Erwachsene anbieten eine entsprechenden Bestätigung holen.

?

Die Alphabeten sollen sich freuen, daß sie
die Zeitungen Heute und Österreich nicht lesen können !

Herman
07.09.2009 12:40
2 0

die nimmersatten Kapitalisten brachten den Multikulturalismus

. . . und die EU macht so weiter
übrig bleibt ein europäischer Eintopf / Kauderwelsch
und Englisch ohne England

Gast: Herby
07.09.2009 12:39
0 1

Das ist eine glatte LÜGE!

Die wissen sehr wolh, was in den Zeitungen steht, denn die sind ja auf türkisch und oder kroatisch oder was wer der Teufel was!

Antworten Ophicus
07.09.2009 14:45
2 0

Re: Das ist eine glatte LÜGE!

Ach, und türkische und kroatische Zeitungen muss man nicht lesen? Die lesen sich von selber vor?

Antworten Antworten Gast: Türkin
07.09.2009 14:56
1 1

Re: Re: Das ist eine glatte LÜGE!

Danke.
Ich denke der junge Mann hat ein wenig das Thema verfehlt?
Ich denke das nennt man "Sekundäranalphabetismus"?

5 0

Seltsam

Ein Artikel über Analphabetismus in Österreich, ohne dass die Worte Migrationshintergrund, Zuwanderer oder dergleichen auch nur ein einziges Mal vorkommen würden. Dass ist, wie wenn ich über Brandbekämpfung schreibe, und bewusst die Worte Feuer u. Wasser vermeide (bzw. vermeiden muss).

Antworten incubus
07.09.2009 12:15
0 0

Seltsam. Rechtsam.

Es könnte ja sein, dass der Autor zur Brandbehandlung bewusst nicht Wasser einsetzt, sondern warme Luft, um die Flammen zu schüren. So überlässt er der Leserschaft die rechten Interpretationen und liefert einen weiteren schlagenden Beweis seines Witzes.

Gast: DaKarli der...
07.09.2009 09:37
3 0

Kein Wunder

...fragen wir mal unsere Politiker warum Kinder eingeschult werden, die die Unterrichtssprche nicht verstehen. Jahrzehntelang!

Gast: EvE
06.09.2009 22:21
1 1

"Eine Million Menschen....

in Österreich hat keine Ahnung, was täglich in der Zeitung steht."
Und vermutlich sind es noch viel mehr.... wieviele "Leser" hat die Kronenzeitung gleich nochmal?

Gibt es politologische und soziologische

wissenschaftliche Untersuchungen über das Thema, zu welcher Politischer Partei die bedauerswerten funktionalen Analphabeten tendieren?

Oder gehen diese Menschen nicht zu den Wahlen?

1 0

Re: Gibt es politologische und soziologische

"zu welcher Politischer Partei..."
keine Ahnung, welche Partei wählen Sie als Betroffener?

Antworten Ophicus
06.09.2009 21:42
2 0

Re: Gibt es politologische und soziologische

Nachdem wir überhaupt keine seriösen Zahlen haben sondern nur Schätzwerte...eher nicht.

Das ganze reicht aber um mehr Fördergelder zu verlangen, also was will man mehr?

8 0

Türkische Bildungsverweigerer


Es ist eine unbestreitbare Tatsache dass es besonders in der türkischen Parallelgesellschaft eine große Anzahl an Bildungsverweigerern gibt die der deutschen Sprache nicht mächtig sind, Weder in Wort (das ist jedermann im direkten Gespräch sofort klar) als natürlich auch in Schrift.

Das Dumme daran: diese Bildungsverweigerer beherrschen aber auch ihre türkische Sprache nicht, weder in Schrift (woher denn?) noch in Wort. Sie sprechen einen einfachen türkischen Dialekt-Kauderwelsch. Dies zeigt sich uns jedoch nicht so offensichtlich, und auch den nativ türkisch sprechenden Einwanderern der alten oder neuen Generation fällt das kaum auf, da sie selbst meist aus unteren Schichten stammen und so die türkische Hochsprache kaum kennen.


Antworten amornwan
07.09.2009 16:13
0 0

Re: Türkische Bildungsverweigerer

wird wohl reichen um bei den beiden Linkspartien dass Kreuzerl zu machen!Gesunde wählen meistens RECHTS oder KKONSERVATIV.

Antworten Gast: helant
07.09.2009 11:32
1 3

Re: Türkische Bildungsverweigerer

Das heißt nicht "weder ... als", sondern "weder ... noch"! Angesichts solcher Grammatik-Schludereien - Beispiel u.a. die Kongruenz-Probleme, die selbst viele Journalisten plagen - gibt's auch unter Österreichs Eingeborenen viele Bildungsverweigerer.

Noch was: Bei der rasant fortschreitenden Verbreitung des "modernen" Pidgin-Deutsch, vor allem unter den Jugendlichen, wird schon die nächste Generation der Durchschnittsbürger weder die deutsche Hochsprache, noch das Englische beherrschen.

(Übrigens: Ich bin k e i n Lehrer.)

4 0

Re: Re: Türkische Bildungsverweigerer


Sie haben vollkommen Recht.

Vor dem Hintergrund meines persönlichen Analphabetentumes marginalisiert sich das Problem der weder lesen noch schreiben könnenden Türken in Österreich massivst.

Ein Problem zeigen sie jedoch deutlich auf: es ist sehr wohl möglich die Regeln der Rechtschreibung und Grammatik durch langes und intensives Bemühen auch Menschen beizubringen, die man landläufig als wenig Intelligent bezeichnen würde.

Danke für ihr Beispiel.

Tom93
06.09.2009 20:17
3 14

und einige dieser 300.000 posten regelmäßig im presse-forum!

die vereinigten deutschtümler, rassisten und notorischen ausländer-hasser sind ja in der regel der geliebten TEUTSCHEN sprache nicht mächtig, weder in wort noch in schrift. daher ist herrn witzmann recht zu geben. sie sind unter uns. genau hier im forum! da hat die erwachsenenbildung noch ein ganzes stück arbeit zu leisten!

Antworten Gast: Auslandsösterreicher
07.09.2009 18:23
0 2

Re: und einige dieser 300.000 posten regelmäßig im presse-forum!

Na Sie haben es nötig über Andere zu urteilen!
Deutschunterricht ist in der Sozialistischen Parteischule wohl kein Pflichtfach?

Antworten Gast: Kapa
07.09.2009 15:10
3 1

Re: und einige dieser 300.000 posten regelmäßig im presse-forum!

Dann schreib dich gleich mal schnell ein. Du brauchst einige Kurse, zumal sicher einen über Emotionale Intelegenz. Jeder soll seine Meinung kundtun dürfen, ob Korrekte Rechtschreibung oder nicht.

Antworten Antworten Tom93
14.09.2009 16:12
0 0

Re: Re: und einige dieser 300.000 posten regelmäßig im presse-forum!

ja eh, volle zustimmung! daher darfst ja sogar du deine "wertvolle" meinung hier kundtun! mach nur weiter, du hast selbstverstädnlich das recht und die freiheit dich lächerlich zu machen mit so vielen rechtschreibfehelern wie du nur möchtest! vorwärts!

Antworten Wahr ist
07.09.2009 07:23
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Re: und einige dieser 300.000 posten regelmäßig im presse-forum!

Im Gegensatz zu dir bemühen sich die von dir genannten wenigstens um korrekte Grammatik, wie zum Beispiel Groß- und Kleinschreibung.

Und sie sind wesentlich sympathischer, weil nicht so ein aufgeblasenes Würschtel wie du naives Buberl.

 
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