Die Zahl ist alarmierend und schockierend: 300.000 Erwachsene in Österreich sind „funktionale Analphabeten“. 300.000 können mit dem Schreiben und Lesen nicht viel anfangen, sind nicht fähig, einen etwas anspruchsvolleren Text zu lesen oder eine behördliche Eingabe zu verfassen. Das „Netzwerk Basisbildung und Alphabetisierung“ kommt nach Untersuchungen sogar zu dem Schluss, dass eine Million Menschen in Österreich keine Ahnung hat, was täglich in der Zeitung steht. Weil sie nicht richtig lesen können.
Das sind dunkle Gewitterwolken am Horizont der Bildungspolitik gerade zum Schulbeginn – im Osten Österreichs heute, Montag, im Westen eine Woche später. Da melden sich alle mit der Schule befassten und auch andere Institutionen mit guten Ratschlägen und kostspieligen Forderungen zu Wort. Es wird das mittelmäßige Abschneiden in den PISA-Studien zitiert, die wenig schmeichelhaften OECD-Statistiken halten her (eine wird demnächst wieder präsentiert), übermäßiger Reformeifer wird ebenso wie die Reformverhinderung angeprangert. Dass aber die Lese- und Schreibfähigkeit auch und vor allem bei den Erwachsenen ein Problem ist, wird unter den Tisch gekehrt. Darüber spricht man nicht.
Dazu kommt, dass die offizielle Bildungspolitik das Analphabetentum beiseitegeschoben hat. Die Unesco veröffentlicht in ihren jährlichen Berichten zum Welttag der Alphabetisierung zahlreiche Länderberichte, jedoch keine Werte aus Österreich. Dieses Land kommt nicht vor, weil Österreich bisher keine empirische Untersuchung angeordnet hat und daher auch keinen Unesco-Beitrag liefern konnte (eine erste Erfassung soll erst 2013 vorliegen). Bei den Daten bezüglich der 300.000 Fast- oder Totalanalphabeten beruft sich die Unesco auf eine Schätzung des Unterrichtsministeriums. Gleichzeitig empören sich die Institutionen der Erwachsenenbildung, dass die Zuschüsse des Ministeriums beschämend niedrig seien, vor allem im internationalen Vergleich. Das hat sich auch unter der SPÖ-Ministerin Claudia Schmied nicht geändert.
Die offizielle Schulpolitik doktert vielmehr an unseren Schulen herum, es werden Kommissionen und Arbeitsgruppen eingesetzt, mögliche Reformen wie die Einführung von Bildungsstandards warten seit vielen Jahren auf eine flächendeckende Einführung, andere wie die Zentralmatura werden schon im ersten Anlauf – dieses Mal von der Lehrergewerkschaft – in Grund und Boden kritisiert. Und quer durch Österreich wird unter dem Stichwort Schulversuch irgendetwas erprobt, vermutlich hat nicht einmal Unterrichtsministerin Claudia Schmied einen kompletten Überblick.
Ein besonderes Beispiel lieferte da das Bundesland Vorarlberg: Es stellte seine komplette Hauptschulstruktur angeblich auf das Lieblingsprojekt Schmieds, nämlich die Neue Mittelschule, um, bei näherem Hinsehen entpuppt sich die Vorarlberger Schulform als dem Modell der „Kooperativen Mittelschule“ in Wien frappant ähnlich. Für das Wiener Modell gibt es keine zusätzlichen Bundesmittel, für die Neue Mittelschule, auch jene in Vorarlberg, schon. So einfach geht das.
Der Unesco-Welttag der Alphabetisierung, der morgen begangen wird, sollte den Blick auf diese Bildungsschwäche lenken. Es ist leicht, sich über vorhandene Schwächen auf anderen Kontinenten auszulassen, das Problem im eigenen Lande aber nicht zur Kenntnis zu nehmen. Ein Schulsystem, das nur Leistungsgruppen und die ständige Höherqualifikation zum Ziel hat, in dem möglichst alle bis zur Matura getrieben werden sollen, übersieht, dass eine profunde Basisausbildung für eine nicht so kleine Bevölkerungsschichte das Gebot der Stunde ist. Die Spitze, nämlich die Hochbegabten, erhält kaum eine Förderung, die unterste Basis ebenfalls nicht. Das SPÖ-Lieblingsprojekt der Gesamtschule ist eben auf die breite Mitte ausgelegt, wo die Lehrkräfte an dem Durchschnittsschüler Maß nehmen sollen. Und Zusatzlehrer, so sie vorhanden sind, für einige Stunden mit Zusatzangeboten durch die Klassenzimmer schwirren.
Das hilft den funktionalen Analphabeten, die den Sinn eines Textes nicht erfassen können, nicht. Sie sind im Arbeitsleben und im privaten Bereich (etwa bei der Führerscheinprüfung) benachteiligt, sie sind die ersten Opfer auf dem Arbeitsmarkt. Die Arbeitsmarktdaten bestätigen dies, nicht in Entwicklungsländern, sondern auch im hoch industrialisierten Europa. Österreich ist da keine Ausnahme.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2009)
















