25.05.2012 16:08 | Meine Presse Merkliste 0

Friedhof Afghanistan – auch für die Nato?

BURKHARD BISCHOF (Die Presse)

Ein „revolutionärer“ Strategiewechsel ist wohl die letzte Chance, um ein Desaster am Hindukusch zu vermeiden.

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Acht Jahre nachdem der damalige US-Präsident George W. Bush Truppen nach Afghanistan geschickt hat, um dem Terrornetzwerk al-Qaida und seiner Schutzmacht, den Taliban, den Garaus zu machen, ist die Nato-Schutztruppe Isaf auf der Verliererstraße. Haben die Taliban vor sechs Jahren nur noch 30 der 364 Bezirke Afghanistans kontrolliert, sind es jetzt wieder 160. Dies, obwohl die Nato inzwischen rund 100.000 Soldaten am Hindukusch stationiert hat. Über 1400 westliche Soldaten sind seit 2001 in Afghanistan gefallen, darunter 837 US-Soldaten.

Mit jedem getöteten Nato-Soldaten aber steigt das Missbehagen über diesen Krieg in der Öffentlichkeit der Truppenentsenderstaaten. Das steigt genauso, wenn die Nato-Kommandanten im Einsatzgebiet Härte zeigen. Wehe, wenn dann Nato-Bomben auf Taliban-Ziele auch Zivilisten töten, wie jüngst in Kunduz. Inzwischen sind laut einer Umfrage auch 58Prozent der US-Bevölkerung gegen diesen Krieg, während ihn noch 39 Prozent befürworten.

Von „Sackgasse“ bis „Desaster“ reichen die derzeitigen Einschätzungen der Militäranalytiker über den Nato-Einsatz in Afghanistan. Und Taliban-Führer Mullah Omar streut noch genüsslich Salz in die klaffenden Wunden der Nato-Staaten und verkündet stolz, Afghanistan sei „schon immer ein Friedhof der Kolonialtruppen“ gewesen, und auch dieses Mal würden die „ausländischen Invasoren“ vertrieben.

Die Geschichte spricht für Mullah Omar und seine Taliban; man beachte in der neueren Geschichte nur die britische Besatzung (1839 bis 1919) und die sowjetische (1979 bis 1989). Beide endeten mit einem demütigenden Abzug der Invasoren.

Soll sich also auch die Nato rasch vom Hindukusch zurückziehen – je eher, desto besser? Wenn wir schon bei historischen Lehren sind: Gerade das sowjetische Beispiel zeigt, dass ein überstürzter Abzug nur der Auftakt zu einer noch größeren Katastrophe wäre. Dem Sowjetabzug folgte ein jahrelanger blutiger Bürgerkrieg, dann der Sieg der Taliban, die Errichtung eines islamistischen Terrorregimes, welches die Entstehung einer Terroristenbrutstätte zuließ. Bei einem Abzug der Nato-Schutztruppe würde sich dieses Szenario wiederholen, es wäre nur noch blutiger.

Denn die Taliban, die die amerikanischen „Teufel“ und ihre europäischen „Hilfsteufel“ vertreiben konnten, würden jegliches Maß verlieren. Nicht nur in Afghanistan gäbe es eine grausame Abrechnung mit allen, die mit der Nato kooperiert hatten. Die Taliban würden den Atomstaat Pakistan zu erobern und seine Kernwaffen zu kapern versuchen, sie würden die Muslime in Indien, China und Russland zum Kampf gegen die Regierungen anstacheln, sie würden Afghanistan wieder zu einem Nest für Terroristen aus aller Welt machen. Jeder, der jetzt laut den sofortigen Abzug der Nato-Truppen fordert, muss sich solcher Konsequenzen bewusst sein.

Nur, heißt das, dass die Nato-Schutztruppe einfach in Afghanistan bleiben und „weiterwursteln“ soll wie bisher? Dass sie halt die Zahl der eigenen Gefallenen und der Opfer unter der afghanischen Zivilbevölkerung möglichst gering halten soll? Dass sie dem „Regenten über Kabul“, dem Präsidenten Karzai, gut zureden soll, dass er, bitte, nicht so korrupt sein soll?

Sicher ist: „Weiterwursteln“ führt ebenso ins Desaster, wenn auch zeitverzögert. Was nötig ist, da hat der neue US-Oberbefehlshaber Stanley McChrystal hundertprozentig recht, ist nichts anderes als ein „revolutionärer Wechsel“ der gesamten westlichen Afghanistan-Strategie: weg von der konventionellen Kriegsführung, möglichst viele Taliban auszuschalten, hin zu jeder Anstrengung, um die Unterstützung der afghanischen Bevölkerung zu gewinnen. Nur sie kann die Taliban besiegen. Nur wenn die Sympathien der Zivilbevölkerung für die Aufständischen austrocknen, können sich die Taliban nicht mehr wie Fische im Wasser bewegen.

Die Unterstützung der Bevölkerung aber wird die Nato nur gewinnen, wenn sich diese sicherer fühlt, wenn ihr keine Nato-Bomben mehr auf den Kopf fallen, wenn sie nicht mehr das Gefühl hat, dass die ausländischen Soldaten nur einer korrupten Clique in Kabul ihre Macht absichern, wenn die Menschen allmählich Verbesserungen in ihrem Alltag sehen.

Das alles ist nichts wirklich Neues. Aber General McChrystal scheint eben kein „Weiterwurstler“ zu sein, sondern ein General der Tat. Präsident Obama und die Nato sollten ihm freie Hand für die Umsetzung seiner strategischen Vorstellungen geben. Es ist möglicherweise die letzte Chance, ein Desaster zu vermeiden.

McChrystals GeheimberichtSeite 6


burkhard.bischof@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2009)

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9 Kommentare
kawa
22.09.2009 21:40
0 0

Geniale Strategie

Geld sparen nach Hause fahren.

roger
22.09.2009 15:16
0 0

Revolutionärer Strategiewechsel

Kann nur heißen: raus aus Afghanistan, so schnell wie möglich.

Gast: catto
22.09.2009 09:08
0 0

Horror

Das unglaubliche ist, dass die USA trotz aller Erfahrungen aus Vietnam (völliges Scheitern der "body-count"-Strategie) glücklich nach sieben Jahren Krieg auf eine an sich selbstverständliche Strategie kommen. Das bedeutet, dass entweder an den Schalthebeln völlige Idioten sitzen oder ein Abgehen von einer kontraproduktiven aber öffentlichkeitswirksam martialischen Strategie politisch nicht durchzusetzen war. Beides sagt wohl alles.

democrates
21.09.2009 23:38
0 0

Strategischer Fehler

Es ist ein grundsätzlicher Fehler im Afganistan-Krieg nichtmoslemische Soldaten einzusetzen.
Dort müssen moslemische Soldaten ran.
In Europa leben ca. 30 Mio. männliche Moslems.
Viele würden gerne in den Krieg ziehen.

Gast: Kreuzfahrer
21.09.2009 20:47
0 0

Let's face it

Die Amis müssen sich gedanklich darauf einstellen, dauerhaft in Afganistan zu bleiben. Vielleicht können sie noch einen Streifen von Pakistan oder Iran dazuerobern, um Zugang zum Meer zu erhalten. Dann sollten sie ein paar Kolonisten aus dem Mittleren Westen (sind doch eh alle bei der National Rifle Association) dorthin schicken , um das Land zu zivilisieren. Was mit den Indianern gelungen ist, kann doch bei den Taliban nicht so schwer sein! Meine Güte!

Antworten Gast: schlÄchter
22.09.2009 08:20
0 0

Re: Let's face it

sg kreuzfahrer!
;-)))

ja bushs neuer "indianerkrieg", den er gestartet hat, war halt gegen die kleinigkeit von 1.300 000 000 moslemische indianer gerichtet. afghanistan wird neben dem irka das nächste "littel big horn"?
mfg
s.

p.s. @ herrn bischof: sie verkennen zudem, dass die taliban keine anschläge im ausland verüben - in den grenzprovinzen pakistans leben paschtunen, stammesbrüder der afghan. taleban - die grenzziehung stammt noch von den briten und gehört geändert.
anschläge im auslnaad verüben die ex- arabischen "fremden"legionäre (al quaida) die aufgrund der strengen gastregeln der paschtunen schutz genießen, aber nicht sonderlich beliebt sind. bush verkannte das auch.
hier gäbe es chancen diese allianz aufzubrechen - hier könnte man ansetzen.

mfg
s

Gast: schlÄchter
21.09.2009 19:58
0 0

sg herr bischof!

die schagzeile ihres kommentares macht hoffnung, der inhalt nicht.
1. die briten wurden 1842 rausgeschmissen, kamen 1880 wieder, errangen eine außenpolitische hoheit über den künstlichen pufferstaat, die erst 1919 durch den neuen herrscher amanullah beendet wurde, letzterer wurde ca. 1928 mitbritischer hilfe ins römische exil verbannt.
2. nach dem abzug der sovjets konnte sich der kommunist. gewaltherrscher nadschibullah erstaunlich lange noch an der macht halten bis kabul gestürmt werden konnte. die mujaheddin allgemein, nicht die erst später daherkommenden taliban mordeten ihre kommunist. gefangenen hin - es gibt in afgh. nicht gute und böse - auch die nordallianz unter massud waren und sind brutale mörder und Islamisten. ebenso der "prowestl." karsai verhält sich nach den alllgemeinen regeln am hindukusch - gerade sein bündnis mit oberbrutalinski dostum zeigt dies.
hier hat man mehrfach versucht den teufel mit dem beelzebub auszutreiben: zunächts setzte der westen auf die taliban, danach auf die nordallianz bzw. karsei= alles islamisten.
3. ihre dominotheorie ist nur eine theorie: pakistans grenzpsovinzen "paschtunistan" ist ein unruheherd, der pujab und sind sind die ausschlaggebenden provinzen. die nwfp solte aufgegebenund an afgh.abgetreten werden.
4. die afghan. bevölkerung ist ethnischund relig. inhomogen - sie will westl. demokratie nicht, die taliban sind ebenso keine einheitsfront, mac chrystals strategie besteht nur in einer truppenvermehrung.
mfg
s.

Gast: Niederösterreicher
21.09.2009 19:20
0 0

Bitte den Afghanistan-Krieg ernsthaft analysieren!

So zu tun (wie Burkhard Bischof), als wäre die Taliban im Falle eines Sieges in Begriffe, Pakistan mit dessen Atomwaffen zu erobern und auch Aufstände den den "Musterdemokratien" Indien, China und Rußland zu entfachen, ist genau so lächerlich wie die Absicht, den Afghanen eine Demokratie im westl. Sinne durch massive Luftschläge beibringen zu wollen!
Die Dinge liegen doch viel einfacher: Afghanistan ist ein im Islam tief verwurzeltes Land. Die Meinung der Imane hat dort wesentlich mehr Gewicht als die "Programme" der US- oder Nato-Heilsbringer! Dazu kommt, daß der Kampf der islamischen Glaubenbrüder gegen die jüdischen Besatzer in Palästina auch in Afghanistan seine Wirkung nicht verfehlt! Die westl. Verbündeten Israels sind den afghanischen Islamisten einfach suspekt! Ob die Taliban nach ihren Erfahrungen seit 2001 weiterhin die Al Khaida massiv unterstützen werden, scheint mir eher zweifelhaft. Auch sonst hat das Land (wenn man von seiner strategischen Bedeutung im Kampf gegen den Iran einmal absieht) wenig Bedeutung. Ein südamerikanischer Staat wie Bolivien oder Venezuela sollte gerade den USA wesentlich wichtiger sein! Jeder westl. Soldat, der dort fällt, wurde sinnlos geopfert! Also den Konflikt in A. wieder auf kleine Flamme zurückdrehen und möglichst rasch aus diesem unnötigen aber teuren Krieg in einem Weltteil, wo der Westen nichts verloren hat!

Antworten Gast: schlÄchter
21.09.2009 20:00
0 0

Re: Bitte den Afghanistan-Krieg ernsthaft analysieren!

sg NÖ!

spitzen beitrag - bravo!

mfg
s

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