Acht Jahre nachdem der damalige US-Präsident George W. Bush Truppen nach Afghanistan geschickt hat, um dem Terrornetzwerk al-Qaida und seiner Schutzmacht, den Taliban, den Garaus zu machen, ist die Nato-Schutztruppe Isaf auf der Verliererstraße. Haben die Taliban vor sechs Jahren nur noch 30 der 364 Bezirke Afghanistans kontrolliert, sind es jetzt wieder 160. Dies, obwohl die Nato inzwischen rund 100.000 Soldaten am Hindukusch stationiert hat. Über 1400 westliche Soldaten sind seit 2001 in Afghanistan gefallen, darunter 837 US-Soldaten.
Mit jedem getöteten Nato-Soldaten aber steigt das Missbehagen über diesen Krieg in der Öffentlichkeit der Truppenentsenderstaaten. Das steigt genauso, wenn die Nato-Kommandanten im Einsatzgebiet Härte zeigen. Wehe, wenn dann Nato-Bomben auf Taliban-Ziele auch Zivilisten töten, wie jüngst in Kunduz. Inzwischen sind laut einer Umfrage auch 58Prozent der US-Bevölkerung gegen diesen Krieg, während ihn noch 39 Prozent befürworten.
Von „Sackgasse“ bis „Desaster“ reichen die derzeitigen Einschätzungen der Militäranalytiker über den Nato-Einsatz in Afghanistan. Und Taliban-Führer Mullah Omar streut noch genüsslich Salz in die klaffenden Wunden der Nato-Staaten und verkündet stolz, Afghanistan sei „schon immer ein Friedhof der Kolonialtruppen“ gewesen, und auch dieses Mal würden die „ausländischen Invasoren“ vertrieben.
Die Geschichte spricht für Mullah Omar und seine Taliban; man beachte in der neueren Geschichte nur die britische Besatzung (1839 bis 1919) und die sowjetische (1979 bis 1989). Beide endeten mit einem demütigenden Abzug der Invasoren.
Soll sich also auch die Nato rasch vom Hindukusch zurückziehen – je eher, desto besser? Wenn wir schon bei historischen Lehren sind: Gerade das sowjetische Beispiel zeigt, dass ein überstürzter Abzug nur der Auftakt zu einer noch größeren Katastrophe wäre. Dem Sowjetabzug folgte ein jahrelanger blutiger Bürgerkrieg, dann der Sieg der Taliban, die Errichtung eines islamistischen Terrorregimes, welches die Entstehung einer Terroristenbrutstätte zuließ. Bei einem Abzug der Nato-Schutztruppe würde sich dieses Szenario wiederholen, es wäre nur noch blutiger.
Denn die Taliban, die die amerikanischen „Teufel“ und ihre europäischen „Hilfsteufel“ vertreiben konnten, würden jegliches Maß verlieren. Nicht nur in Afghanistan gäbe es eine grausame Abrechnung mit allen, die mit der Nato kooperiert hatten. Die Taliban würden den Atomstaat Pakistan zu erobern und seine Kernwaffen zu kapern versuchen, sie würden die Muslime in Indien, China und Russland zum Kampf gegen die Regierungen anstacheln, sie würden Afghanistan wieder zu einem Nest für Terroristen aus aller Welt machen. Jeder, der jetzt laut den sofortigen Abzug der Nato-Truppen fordert, muss sich solcher Konsequenzen bewusst sein.
Nur, heißt das, dass die Nato-Schutztruppe einfach in Afghanistan bleiben und „weiterwursteln“ soll wie bisher? Dass sie halt die Zahl der eigenen Gefallenen und der Opfer unter der afghanischen Zivilbevölkerung möglichst gering halten soll? Dass sie dem „Regenten über Kabul“, dem Präsidenten Karzai, gut zureden soll, dass er, bitte, nicht so korrupt sein soll?
Sicher ist: „Weiterwursteln“ führt ebenso ins Desaster, wenn auch zeitverzögert. Was nötig ist, da hat der neue US-Oberbefehlshaber Stanley McChrystal hundertprozentig recht, ist nichts anderes als ein „revolutionärer Wechsel“ der gesamten westlichen Afghanistan-Strategie: weg von der konventionellen Kriegsführung, möglichst viele Taliban auszuschalten, hin zu jeder Anstrengung, um die Unterstützung der afghanischen Bevölkerung zu gewinnen. Nur sie kann die Taliban besiegen. Nur wenn die Sympathien der Zivilbevölkerung für die Aufständischen austrocknen, können sich die Taliban nicht mehr wie Fische im Wasser bewegen.
Die Unterstützung der Bevölkerung aber wird die Nato nur gewinnen, wenn sich diese sicherer fühlt, wenn ihr keine Nato-Bomben mehr auf den Kopf fallen, wenn sie nicht mehr das Gefühl hat, dass die ausländischen Soldaten nur einer korrupten Clique in Kabul ihre Macht absichern, wenn die Menschen allmählich Verbesserungen in ihrem Alltag sehen.
Das alles ist nichts wirklich Neues. Aber General McChrystal scheint eben kein „Weiterwurstler“ zu sein, sondern ein General der Tat. Präsident Obama und die Nato sollten ihm freie Hand für die Umsetzung seiner strategischen Vorstellungen geben. Es ist möglicherweise die letzte Chance, ein Desaster zu vermeiden.
McChrystals GeheimberichtSeite 6
burkhard.bischof@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2009)















