25.05.2012 16:10 | Meine Presse Merkliste 0

Aufgehobene NS-Gesetze, österreichische Patrioten

RAINER NOWAK (Die Presse)

Die Debatte um die Aufhebung der NS-Urteile zeigt, wie schwer sich Österreich mit der Vergangenheit noch tut.

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In den vergangenen Wochen hätte die hektisch geführte Debatte um die Aufhebung von NS-Urteilen den Eindruck erwecken können, abertausende Soldaten der deutschen Wehrmacht wären desertiert. Dass sie sich dem Widerstand angeschlossen oder sonst Sand ins Getriebe des NS-Regimes gestreut hätten, um den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg mit einer schnelleren Niederlage Nazi-Deutschlands zu beenden. Dem war nicht so.

Umso mehr verdienen diese Männer den Respekt jenes Landes, das völkerrechtlich von NS-Deutschland widerrechtlich annektiert wurde: Österreich. Denn diese werden in der viel zitierten Moskauer Deklaration vom 30. Oktober 1943 indirekt erwähnt, die Österreichs Regierungen so gerne verwendeten. Zumindest den ersten Teil der Erklärung brachten sie immer ins Spiel, um die Souveränität Österreichs und die Rolle als Opfer Adolf Hitlers herauszustreichen. Dort heißt es zwar: „Die Regierungen des Vereinigten Königreiches, der Sowjetunion und der Vereinigten Staaten von Amerika sind darin einer Meinung, dass Österreich, das erste freie Land, das der typischen Angriffspolitik Hitlers zum Opfer fallen sollte, von deutscher Herrschaft befreit werden soll." Aber wenige Zeilen danach folgt die Passage, die man nur als klare Aufforderung zu Widerstand und Desertion lesen kann: „Österreich wird aber auch daran erinnert, dass es für die Teilnahme am Kriege an der Seite Hitler-Deutschlands eine Verantwortung trägt, der es nicht entrinnen kann, und dass anlässlich der endgültigen Abrechnung Bedachtnahme darauf, wie viel es selbst zu seiner Befreiung beigetragen haben wird, unvermeidlich sein wird." Anders formuliert: Wer österreichischer Patriot sei, müsse Widerstand leisten und die Wehrmacht verlassen. Dem trägt der nun zwischen ÖVP, SPÖ und Grünen erzielte Kompromiss in Form eines Gesetzestextes Rechnung. In den Erläuterungen des sogenannten Aufhebungs- und Rehabilitationsgesetzes ist der gesamte Text der Deklaration ausdrücklich angeführt.

Dieses Gesetz ist vor allem symbolisch wichtig und richtig, neben den Deserteuren sind es die Opfer von Zwangssterilisationen und erzwungenen Schwangerschaftsabbrüchen durch die sogenannten Erbgesundheitsgerichte sowie auch Personen, die wegen gleichgeschlechtlicher Liebe verurteilt wurden. Bei Letzteren wird es auch Prüfungen einzelner Fälle geben, so es solche Anträge gibt. Denn Vergewaltigung oder Unzucht mit Minderjährigen ist logischerweise auch noch heute strafbar. (Dass in der NS-Zeit im Gegensatz zu unserem Rechtssystem sofort die Todesstrafe verhängt wurde und diese nicht symbolisch posthum aufgehoben wird, bleibt ein - akademisches - Problem für Juristen.)

Gefallen ist hingegen die von der ÖVP beziehungsweise dem Justizressort vorgeschlagene Einzelprüfung von Desertionen: In diesem Punkt hat sich die Vernunft - und das Engagement des Komitees „Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz" - durchgesetzt. Die im ersten Reflex von der VP-Seite angesprochene Ausnahme für Desertionen mit Tötungsdelikten war laut Justizministerin Claudia Bandion-Ortner ohnehin nur ein Missverständnis. Stimmt, es wäre ein falsches Verständnis der symbolischen Wirkung, vor allem aber auch der historischen Tatsache gewesen: Nur in ganz seltenen Fällen töteten Deserteure Kameraden und Vorgesetzte. FP-Chef Heinz-Christian Strache behauptet dennoch das Gegenteil, er begrüßte demnach auch die Verurteilung von Widerstandskämpfern wie Claus Maria Stauffenberg. Laut Justizministerium habe man in Österreich überhaupt nur zwei solcher Fälle in den Akten. Einer davon ist der Wilhelm Grimburgs, den die FPÖ gern als Beispiel anführt: Er erschoss laut eigenen Angaben zwei Offiziere, die befahlen, gegen die norwegische Freiheitsbewegung weiterzukämpfen, obwohl das Oberkommando der Wehrmacht bereits den Befehl zur Kapitulation gegeben hatte.

Die meisten Fälle von Desertionen waren aber ohnehin ganz anders: Vor allem kurz vor der Kapitulation erkannten viele die Auswegslosigkeit und die sichere Niederlage und wollten möglichst schnell zu ihren Frauen, Kindern und Müttern. In den letzten Kriegstagen wurden hunderte von SS und der Feld-Gendarmerie vielfach am Straßenrand aufgehängt. Darunter waren auch zahlreiche versprengte Soldaten, die ihre Einheiten verloren hatten und zwecks Abschreckung ermordet wurden. Diese „Urteile" werden nun aufgehoben. Übrigens nach deutschem Vorbild.

Stimmt schon, der Antrag von SPÖ, Grünen und der dankenswerterweise geschwenkten ÖVP hat symbolischen Charakter. Dass die Geste notwendig ist, zeigt auch die Diskussion der vergangenen Wochen.

rainer.nowak@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.10.2009)

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19 Kommentare
Gast: Roter
09.10.2009 09:24
0 0

Stalin

hat fast alle Kommunisten, die vom Deutschen Heer desertiert sind und Schutz bei der UdSSR gesucht haben, als Verräter interniert und größtenteils umgebracht.
Was die Russen heute mit Deserteuren tun, will ich gar nicht wissen.

Aber Mord bleibt Mord - und sich selbst zu retten und andere dafür umzubringen ist auch nicht die feine Art, welche Anerkennung verdient. Oder?

Gast: Pazifist
09.10.2009 09:08
0 0

unfassbar

Es ist unfassbar, wie die Generationen, welche den Fast-Weltuntergang des Zweiten Weltkrieges nicht erlebt haben, sich erdreisten, zu urteilen.
Ist "DerWaehlerwille" schon wahlberechtigt oder wehrpflichtig? Kann er abschätzen, welche Regierung ihn heute in einen (absurd gedachten) Krieg schickten würde?
Hätte er sich geweigert einzurücken, wenn er selbst bei Verweigerung dem Standrecht und seine Frau und seine Kinder dem KZ ausgesetzt worden wären?

Urteilen ohne zu denken ist mehr als fahrlässig.

Antworten Gast: Samstaggast
10.10.2009 17:30
0 0

Re: unfassbar

da 1945 niemand von einem KZ wußte, wieso sollte man daran denken, daß die Frau und/oder Kinder in ein KZ kommen könnten?

1 0

gut so

jede desertion aus dieser verbrecherarmee war richtig und wichtig.

es ist ein armutszeugnis österreichs dies nicht schon wesentlich früher eingestanden zu haben.

gerade oben angeführter fall gehört btw noch entschieden hervorgehoben.

das töten von vorgesetzten um sinnloses blutvergiessen zu verhindern ist völlig richtig.

besser ein toter offizier als hunderte tote soldaten udn widerstandskämpfer.

Antworten Gast: Gast
08.10.2009 15:30
1 2

Re: gut so

Wenn Zivildiener ohne Bildung posten...
Einen Offizier erschießen?
Es wurde bestenfalls ein kleiner Gruppenführer aber meist der Kamerad der in demselben Schützengraben steckte von den Deserteuren ermordet.
Ganz zu schweigen von den Tätern die von den Russen umgedreht wurden und eigenen gefangene Kameraden töteten.
Die Mähr von dem getöteten regimetreuen Offizier dessen Ermordung hundert andere rettete ist nichts als ein G`schichtl.

1 1

Man darf gespannt sein: wann wohl die ersten Sammelklagen eintreffen


ssid
08.10.2009 11:02
0 2

Die Helden

verlassen das sinkende Schiff. Oder hieß das anders.
Für mich sind diese Leute nichts anderes als Wehrdienstverweigerer. Versager.

Antworten Gast: catto
08.10.2009 16:31
1 0

Re: Die Helden

Genau, und die einzigen Nicht-Versager waren Hitler und Göbbels - die sind kämpfend untergegangen und ihrem Wahnbild treu geblieben.

Erschütternd dass solche Ideen noch in heutigenKöpfen rumspuken. Aber verzagen Sie nicht, Sie treffen Ihre Vorbilder ja in der Hölle wieder.

0 0

Re: Die Helden

helden waren die deserteure

jeder der in dieser verbrecherarmee verblieb war täter.

Antworten Antworten Gast: Gast
08.10.2009 15:32
0 1

Re: Re: Die Helden

Ein Gutmensch ohne Ahnung.
Man kann ja nicht mal mehr böse sein wenn solcherart seit Jahren indoktrinierte Leute ihren Unsinn verzapfen. Das Schlimme ist jedoch sie sind wahrheitsresistent.

Antworten Gast: Berger
08.10.2009 12:00
0 0

Falsch.

Wer bei der Mörderbande aka Wehrmacht geblieben ist, war selbst fast immer ein Mörder. Es sind die Deserteure, auf die wir stolz sein müssen, denn nur sie haben richtig gehandelt.

Antworten Antworten Gast: Goldfisch Isaak
10.10.2009 10:56
0 0

Re: Falsch.

Du bist halt das Resultat einer der vielen Frauen, die nach Kriegsende von den Russen vergewaltigt wurde. Deshalb deine grosse Sympatie für die ehemaligen Feinde. Das und de linke Indoktinierung haben dich halt zu einem bedauernwerten Heimatverräter gemacht.

Gast: anonymos
08.10.2009 10:36
0 0

Wahrheit hat mehrere Seiten

Mein Vater ist auch desertiert - allerdings zu spät - man hatte ihm als Polizisten die Blutgruppe schon eingebrannt. Dagegen hätte er sich wehren können. Man hätte ihn sofort aufgehängt und meine Familie und ich wären noch schnell ins KZ geschickt worden.
Als er gezwungen wurde, 15 bis 17 Jährige an die Front mitzunehmen, hat er sie ohne Uniform nach Hause geschickt und ist selbst im Böhmerwald verschwunden.
Und ich musste als 4-jähriger an der Hand meiner Mutter von Ingolstadt nach Wien marschieren, quer durch die einmarschierenden Truppen - ein Monat lang ...

1 0

Re: Wahrheit hat mehrere Seiten

aber er IST desertiert .. und hat das richtige getan

respekt für ihren vater.

viele fanden den absprung .. manche spät.

aber der zeitpunkt ist nicht das wesentliche ..

Antworten Antworten Austrian
08.10.2009 14:53
0 0

Re: Re: Wahrheit hat mehrere Seiten

Natürlich hat jeder einzelne andere Deserteur damals so gehandelt wie der Vater von anonymous, genau so und nicht anders.

Gast: Alex Calder
08.10.2009 09:43
0 2

Die historische Kenntnis...

... des Autors dürfte allerdings auch nicht allzu groß sein: Claus "Maria" Stauffenberg?

Antworten Gast: krätzn
08.10.2009 10:56
2 0

Re: Die historische Kenntnis...

wohl besser als ihre eigene:
http://de.wikipedia.org/wiki/Claus_Schenk_Graf_von_Stauffenberg

0 1

Finde das auch richtig

und es hätte längst geschehen sollen. Nachvollziehbar ist es allemal, denn am Ende dieses schrecklichen Krieges, als abzusehen war, wie er ausgehen wird, galt es vor allem, die eigene Haut zu retten.
Als Helden des Widerstands würde ich die Deserteure der letzten Kriegstage aber nicht generell betrachten...

1 1

Wirklich allerhöchste Zeit!

Immerhin hat man es jetzt, 64 Jahre nach Kriegsende, endlcih doch noch geschaftt, Wehrmachtsdeserteure voll zu rehabilitieren! Nur noch die beiden Alt- und Neonaziparteien FPÖ und BZÖ bewiesen wieder einmal mehr, worin sie noch immer ihre "wahre geistige Heimat" sehen: Im 3. Reich! Für sie ist noch heute jeder, der dem "Führer" die Gefolgschaft verweigerte, ein Verbrecher am deutschen Volk; oder so ähnlich halt...

Anderseits berichteten in allierten Gefangenenhlagern festgehaltene Wehrmachtsangehörige nach ihrer Freilassung, daß die jeweiligen Sieger die bisherige interne Kommandostruktur der inhaftierten deutschen Einheit unangetastet ließen. Daß also die deutschen Offiziere mit ihren Untergebenen genau so weiter herum kommandieren konnten, wie vorher. Und daß es verschiedentlich sogar Prozesse gegen seitens der Allierten ebenfalls aufgegriffene Deserteure gab, die mit dem Todesurteil für die Betreffenden endeten! Deserteure haben eben nirgends gute Karten...


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