Die Erinnerung an Ereignisse, die den Lauf der Geschichte entscheidend beeinflusst haben, ist immer auch eine Einladung zur Neuformulierung dieser Geschichte. Jede Generation schreibt sich die Geschichte neu, zugeschnitten auf die jeweils aktuellen Interessen. Wer glaubt, dass es so etwas wie die Geschichte gibt, muss das für eine unendliche und unerträgliche Abfolge von Geschichtsfälschungen halten. Wer weiß, dass Geschichtsschreibung immer nur in der Zusammenstellung eines temporären Kanons aus dem unendlich großen Fundus von Geschichten besteht, wird in der Lage sein, aus dem jeweiligen Stand der Geschichtsschreibung Rückschlüsse auf die aktuellen politischen und ökonomischen Zustände einer Gesellschaft zu ziehen.
Also werden auch künftige Generationen aus der Lektüre der 2009 erschienenen historischen Beiträge zum „Wunderjahr 1989“ ihre Lehren ziehen. Man wird das wohl als das letzte Aufbäumen einer abtretenden Deutungselite in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften interpretieren, die sich dank einer weltweiten Wirtschaftskrise der kritischen Reflexion ihrer gescheiterten Utopien zu entziehen versuchen.
Wäre die Immobilienblase zwei Jahre später geplatzt und damit die große Wirtschaftskrise erst nach dem Wendejubiläum ausgebrochen, würden wir in diesen Tagen die Erinnerung an den Sieg der individuellen Freiheit über die kollektive Unfreiheit feiern. Vielleicht dürften wir sogar damit rechnen, dass jene Exponenten der „68er“-Generation, die vor 20 Jahren gegen die deutsche Wiedervereinigung waren und das Ende des Staatssozialismus bedauerten, ihre damalige Position sanft infrage stellen.
Aber die Nostalgiker der sozialistischen Utopie, die Denunzianten der politischen und ökonomischen Freiheit fühlen sich heute als Krisengewinnler. Sie sehen sich voll bestätigt: Seht ihr, sagen sie, wir haben doch immer gesagt, dass der Kapitalismus keine Zukunft hat und der Sozialismus voreilig totgesagt wurde. Francis Fukuyamas Essay über das „Ende der Geschichte“ und die Etablierung der liberalen Demokratie auf marktwirtschaftlicher Basis als finaler Form der gesellschaftlichen Organisation halten sie für widerlegt.
Sie haben genauso unrecht, wie sie vor 20 Jahren unrecht hatten, als sie den Niedergang eines Imperiums betrauerten, dem sie über Jahrzehnte hinweg eine intellektuelle Legitimation verschafft hatten, obwohl sie wissen konnten, dass es nur durch Unterdrückung und millionenfachen Mord aufrechterhalten werden konnte. Sie, die sich ihre gesellschaftlichen Machtpositionen durch eine gnadenlose Abrechnung mit dem Mitläufertum ihrer Elterngeneration erkämpft hatten, wurden ihrerseits zu Apologeten eines Mörderregimes, das den Vorteil bot, seinen Mitläufern die Ausrede „Wir haben ja nichts gewusst“ durch einen Eisernen Vorhang zu erleichtern.
Jetzt gehen sie in Pension, sie räumen ihre Schreibtische in Ministerien und Universitäten. Tribunale, wie sie sie selbst mit ihrer Elterngeneration veranstaltet haben, müssen sie nicht fürchten: Die Morde, die sie verharmlost haben, fanden nicht vor ihren Augen und mit ihrer Beteiligung statt. Und die Geschichte gönnt ihnen jetzt auch einen Abgang ohne Gesichtsverlust: Für den Moment dürfen sie sich bestätigt fühlen, und beim nächsten runden Jahrestag kräht kein Hahn mehr nach ihnen.
Vor zehn Jahren dominierte beim Gedenken an das Wunder von 1989 der Triumphalismus der Sieger, heute steht die klammheimliche Freude der Verlierer im Mittelpunkt, ideologisch noch einmal mit einem blauen Auge in den gesellschaftlichen Ruhestand davongekommen zu sein. In zehn Jahren wird sich hoffentlich zeigen, dass Francis Fukuyama recht hat, wenn er dieser Tage seinen Befund vom „Ende der Geschichte“ gegen alle krisenbedingten Anfechtungen verteidigt: Die Überlegenheit der liberalen Demokratie auf marktwirtschaftlicher Basis ist ein irreversibler Befund, der nur von islamischen Fundamentalisten, aftersozialistischen Despoten und deutschsprachigen Soziologen im Pensionsalter angezweifelt wird.
Wir werden dann die Geschichte noch einmal neu schreiben. Ohne den Triumphalismus von gestern und ohne das Wegstehlen aus der Verantwortung für die eigenen Irrtümer von heute.
Erst, wenn 1968 so weit weg ist wie 1945, wird man einen umfassenden Blick auf 1989 werfen können.
michael.fleischhacker@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2009)















