22.11.2009 02:01 | Meine Presse Merkliste0

So provinziell sind wir auch wieder nicht

CHRISTIAN ULTSCH (Die Presse)

Österreich ist nicht zuletzt dank der Wende 1989 weltoffener und moderner geworden. Doch es gibt noch immer hinterwäldlerische Schattenreiche: Die politische Klasse bewegt sich unter Niveau des Landes.

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Österreich und 1989, das ist, wie so vieles in diesem Land, eine ambivalente Geschichte. Erst weinten alle gerührt vor den Fernsehapparaten mit, als die Ossis in ihren Trabis durch die Berliner Mauer tuckerten, dann war vielen der in voller Größe wiedererstandene deutsche Riese anfangs doch nicht geheuer. Erst gab es freie Fahrt in Bus und Bim für hunderttausende tschechische Nachbarn, die auf einmal frei nach Wien reisen durften, dann kam das Antiausländervolksbegehren. Erst eroberten heimische Unternehmen die neuen Märkte im Osten und kurbelten damit auch das Wirtschaftswachstum in Österreich an, dann schotteten diverse Regierungen den österreichischen Arbeitsmarkt ab.

1989 und der Fall des Kommunismus machten für das neutrale Österreich den Weg frei in die Europäische Gemeinschaft, den die Sowjetunion zuvor jahrzehntelang blockiert hatte. Es rückte vom Rand ins Zentrum Europas. Das hat das Land spürbar durchlüftet, offener und moderner gemacht. Trotzdem hat die Europaskepsis in Österreich, dem Profiteur der Osterweiterung, eine Heimat gefunden. Nur 41 Prozent der Bevölkerung halten die Mitgliedschaft in der EU für eine gute Sache. Es gab und gibt eine Gegenreaktion zur Öffnung.


Geistiger Verlust. Die Weltoffenheit, zu der Österreich als kleines exportabhängiges Binnenland ohne nennenswerte Rohstoffvorkommen geradezu gezwungen ist, hatte schon immer eine hinterwäldlerische Nachtseite. Das Lamento über den Provinzialismus gehört zu den seelischen Grundtonarten seit Bestehen der Republik, dieses geschrumpften Rests eines einstigen Großreichs. Wirklich dramatisch wurde der geistige Verlust, als die Nazis 1938 die jüdische Intelligenz vertrieben. Davon hat sich dieses Land nie erholt. Seither leidet es an intellektuellen Phantomschmerzen.

Und trotzdem wäre es verzerrend, aus ganz Österreich eine dumpfe Provinz zu machen. Kein Land außer Liechtenstein hat einen höheren Anteil an Erasmus-Studenten, die im Ausland lernen. Mindestens 470.000 Österreicher leben in der Fremde. Künstler, Wissenschaftler, Wirtschaftstreibende – sie alle sind global vernetzt. Die neuen Maturanten können mindestens zwei Fremdsprachen. Österreich ist viel internationaler, als es manchmal scheint.


Unter Niveau. Umso erschreckender ist, wie provinziell manche Bereiche geblieben sind. Und dazu gehören leider auch weite Teile der Medien und der Politik. Was inzwischen für jeden Angestellten in einem Mittelunternehmen selbstverständlich ist, gilt noch immer nicht für alle politischen Spitzenkräfte dieser Republik: Einzelne Mitglieder der jetzigen Bundesregierung können so schlecht Englisch, dass sie Nachhilfe brauchen. Andere haben eine Aussprache wie ihre Großväter.

Man merkte es bei der Posse um die Entsendung eines EU-Kommissars nach Brüssel: Internationalität war kein Kriterium bei der Bildung dieser Regierung. Das ist nicht überall so. Griechenland etwa hat mit George Papandreou einen Premier, der lange in den USA und in Schweden gelebt hat. Zu seinem Außenminister dürfte der Sozialdemokrat demnächst den 41-jährigen Dimitris Droutsas ernennen, der an der Wiener WU unterrichtet hat und später Rechtsberater in Wolfgang Schüssels Kabinett war. Frankreich hat eine Finanzministerin, die in Amerika gearbeitet hat; Polen einen Außenminister, der in England studierte.

In Österreichs Politik ist Auslandserfahrung kein Wert. Die Parteienwelt bewegt sich damit unter dem Niveau des Landes. Das liegt auch am Auswahlverfahren. Es wäre hilfreich, wenn es in Österreich öffentliche Hearings für angehende Minister gäbe, in denen sie öffentlich auf die Eignung für ihr Amt abgetestet werden. Denn 20 Jahre nach der Wende könnten langsam die letzten Nischen in Österreichs provinziellem Schattenreich mit Licht durchflutet werden.



christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2009)

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22 Kommentare
jb-clarici
09.11.2009 11:32
0 0

Nicht Provinz sondern System

Die österr. Bildungspolitik ist der verzweifelte Versuch der Politik das Volk auf ihr Niveau zu
bringen.

Gast: rari
08.11.2009 20:08
0 0

Provinz Österreich

Wäre Bildung ein Volkssport und nicht nur einer finanzstarken Elite vorbehalten, hätten wir vielleicht noch mehr kluge Köpfe. Bestimmte Bevölkerungsschichten haben es nämlich erheblich schwieriger zur Elite vorzudringen. Da bleibt oft auch das Lernen von Fremdsprachen auf der Strecke und damit das "internationale Flair". Mir ist aber ein Politiker lieber, der ohne Englischkenntnisse für Österreich mehr erreicht, als einer der perfekt englisch nur Süssholz raspelt.

harryqu
08.11.2009 19:00
0 0

qualifikation ist nicht gleich qualifikation

ich habe einmal von einem aelteren herrn gelernt, dass es drei arten von titeln gibt:

- verdient,
- erdient,
- erdienert.

ich behaupte, dass das eins-zu-eins auch auf die politik und staatsnahe betriebe anzuwenden ist.

die bequemste art, nach oben zu kommen, ist zweifellos, das hirn abzudrehen und als braver parteisoldat widerspruchslos mitzuschwimmen, denn irgendwann wird man schon den einen oder anderen versorgungsposten abstauben, oder - bei der geringen konkurrenz - in eine politische funktion rutschen. da brauchts keinen firlefanz wie fremdsprachen oder intellekt - unser duemmlicher grinsekanzler & co zeigen, wie's geht!

Gast: Gerne nur Gast
08.11.2009 17:20
0 0

Ihr Satz, Herr Ultsch ..

"Das Lamento über den Provinzialismus gehört zu den seelischen Grundtonarten seit Bestehen der Republik."
.. trifft genau auf sie zu, Herr Ultsch.

Gast: Gast
08.11.2009 16:09
0 0

Merkwürdige Beispiele

Die Verweise auf die beiden griechischen Politiker scheinen mir unglücklich. Mögen die beiden Herren auch im Ausland gewesen und sehr gebildet sein: Griechenland ist eines der chaotischsten Länder in der EU. Also Auslandsaufenthalte sind wohl kein entscheidendes Kriterium für die Qualität von Politikern. Viel wichtiger wäre, daß die WIRKLICHEN Probleme unseres Landes endlich angegangen würden - und das sind die explodierenden Schulden, verursacht u.a. durch Milliardenverschleuderung in der Verwaltung, insbesondere durch die absolut unnötigen Landesregierungen, durch die aberwitzigen Kosten eines organisatorisch kranken Gesundheitssystems, durch die irren Defizite einer monströsen ÖBB mit ihrer überprivilegierten Belegschaft (Stichwort ¿Pension mit 52¿), die Unimisere, usw. usw. Wichtig wäre es, Beispiele zu nennen wie Schweden, Finnland, Schweiz... (was nicht heißt, daß Auslandsaufenthalte u. Sprachkenntnisse unwichtig wären. Allerdings konnte Fischler zunächst kein Wort Englisch und wurde dann trotzdem ein hochgelobter Kommissar. Fremdsprachlich müssen sich übrigens z.B. Schüssel und Gusenbauer nicht verstecken. Und dass Faymann keine Fremdsprache kann ist leider bei weitem nicht seine größte Schwäche!)

Cicero
08.11.2009 15:57
1 0

Die große Koalition und das blöde Volk …

Hat schon mal wer darüber nachgedacht, wieso vereinbarungsgemäß die ÖVP das Vorschlagsrecht für den EU-Kommissar hat, dann aber Bundeskanzler Faymann entscheidet, daß es Hahn werden muß?

Richtig ist sicher, daß verfassungsgemäß der Bundeskanzler gegenüber der EU-Kommission den Kommissar zu nennen hat.

Richtig ist aber auch, daß im Ministerrat der Bundeskanzler kein Weisungsrecht hat.

Und weiters richtig ist, daß im Ministerrat Einstimmigkeit vorgeschrieben ist, also der Vizekanzler bloß Nein zu sagen braucht.

Wie kommt es dann, daß Josef Pröll im Ministerrat Werner Faymann „nachgeben“ muß?

Da habe ich eine gewagte These, die aber nicht so weit hergeholt sein muß.

Wenn Michael Häupl nächstes Jahr die Wiener Wahl deutlich verliert, ist die große Koalition tot, denn eine Niederlage Häupls hält die SPÖ nicht aus.

Also was macht Erwin Pröll zur Rettung (seiner) großen Koalition? Er opfert die Wiener ÖVP, die sowieso auf schwachen Beinen steht, rettet damit Michael Häupl und mit ihm die (geliebte) große Koalition. Denn, Hahn weg, dann muß ein Neuer her und der hat in nur zehn Monaten keine Chance sich zu profilieren, wer immer es sein soll.

Am sonntäglichen Pröll’schen Mittagstisch gibt es kein Vetorecht, wohl aber ein „Weisungsrecht“ des Älteren. Und der kann auch noch argumentieren, die große Koalition, wo wir schalten und walten können, wie wir wollen, ohne daß uns jemand hindern kann, schon gar nicht das blöde Volk, muß uns doch etwas wert sein.

Milchleber
12.11.2009 18:00
0 0

Re: Die große Koalition und das blöde Volk …

In Ihrer Theorie geht mir aber nicht auf, wieso der Weggang Hahns aus Wien eine Schwächung der ÖVP sei?

Die Wiener ÖVP wird höchstwahrscheinlich mit oder ohne Gio kaum etwas zum Wiener Wahlausgang beitragen.

Klar ist, dass die GroKo für SPÖVP die optimale Situation für Proporz und Postenschacherei bietet. Die FPÖ macht es nicht anders, dafür aber effizienter.

Quo Vadis Austria?

Gast: Heiner
08.11.2009 14:54
0 0

Die Vor Foranten

sehen die Sache wohl richtig, wenngleich ihnen eine gefährliche Entwicklung zu entgehen droht. Die Oligarchen und die Cliquen übernehmen mit durchaus kriminellen Methoden diesen Staat für private Zwecke. Österreich ist nicht nur sklerotisch sondern wird zunehmend russisch-oligarchisch. Fragen sie mal einen Rechtsanwalt ob er sich in bestimmten Fällen engagieren möchte, wenn wichtige Oligarchen auf der gegnerischen Seite stehen. Da regiert dann schon mal die Angst.

1 0

Brovo

Ich bin dem Gelesen zu 100 % einverstanden.

Leider genügt es im Staat Österreich ein braver Gewerkschafter, oder ein folgsamer Kämmerer, oder ein braver Parteisoldat, um irgendwann einen Posten zu erhalten bzw. eine Position zu bekleiden, wo man entscheiden kann, gleich, ob man von der Materie was versteht oder nicht.

Hier Beispiele aus der staatsnahen Wirtschaft zu nennen ist müßig, sie sind hinlänglich bekannt. Egal ob ie CEOs sind oder in der ÖIAG hocken, sie dürfen weiter wurschtl, weil sie - siehe oben!

Öffentlichge Hearings für Politiker und Manager der staatsnahen Industrie!! Wäre toll und wünschenswert, aber solange sich der Wähler 4 Jahre lang nicht merken kann, wieviel Blau vom Himmel versprochen wurde nur um an die Macht zu kommen, wird sich nicht viel ändern!

Hat sich eigentlich vor den Wahlen schon jemand die Mühe gemacht und die Wahl werbenden Parteien gefragt, wie sie das eine oder andere Wahlzuckerl zu finanzieren gedenken????????????

Das frage ich mich ........
..... und bekomme keine Antwort!

Gast: eleonore
08.11.2009 14:21
0 1

Ihre Meinung kann ich grundsätzlich teilen

aber bevor sie wieder einmal das sg. "Ausländer-Volksbegehren" (richtig "Österreich zuerst") als negatives Argument benutzen, lesen Sie bitte den Text - beim Umsetzen einiger Forderungen zur rechten Zeit stünden uns heute manche Probleme nicht bis zum Hals mfg E.Krupp
Text des Volksbegehrens folgt mit sep. mail

Cicero
08.11.2009 13:38
1 0

Die Mikado-Republik, wer sich bewegt, ist tot

Das Problem Österreichs sehe ich anders. Wir sind nicht provinziell, sondern übertrieben harmoniebedürftig. Wir haben genug Leute, die international etwas darstellen und nicht jeder muß oder kann nobelpreisverdächtig sein, irgendwer muß bescheiden genug sein, den Müll wegzuräumen. Letzteren brauchen wir auch und das dringend.

Das Problem liegt daher wirklich wo anders. Präsident Leitl eben in der Pressestunde. „Bund, Länder und Gemeinden müssen kooperativ zusammenarbeiten“. No, na! Leitl hat nur solche Sprüche. Der Bürgermeister oder der Landeshauptmann, der nicht den Vorteil seines Einflußgebietes sucht, lebt politisch nicht sehr lange. Wie also soll der Mann „kooperativ“ sein?

Schüssel war der Erste, welcher der „Konsens-Politik“ eine Absage erteilt hat und dafür wurde er bestraft. Es genügte, daß Gusenbauer – ohne eigenes besseres Konzept – jede Maßnahme Schüssels mit dem Spruch der „fehlenden sozialen Wärme“ heruntermachte.

Demokratie ist Interessenausgleich. D.h. die gegensätzlichen Interessen müssen auf den Tisch und „ausgestritten“ werden. Dazu aber muß es Konzepte geben. Der Wähler hat sodann über diese Konzepte zu entscheiden.

Die Pröll-Leitl-Clique hat in Wahrheit wie Faymann auch kein Konzept, es sind Großkoalitionäre, die sich nicht dreinreden lassen.

Das ist die unmittelbare Folge der Harmoniebedürftigkeit. In einem Symposium zum Mehrheitswahlrecht vergangenen Montag im Parlament sagte Gerd Bacher, „wir haben eine „Mikado-Republik“, wer sich bewegt ist tot“!

Gast: LJR
08.11.2009 12:42
1 0

d'accord


vor allem zu mehr Transparenz bezüglich Eignung und Qualifikationen bei Spitzenjobs.

@
"Wirklich dramatisch wurde der geistige Verlust, als die Nazis 1938 die jüdische Intelligenz vertrieben."

Eigentlich könnt man auch den "Nebensatz" anfügen, daß neben vertriebener und geflüchteter jüdischer Intelligenzia der "Aderlass an Humankapital" auch durch den Holocaust bedingt war. Aber gut, es war ja nicht das Hauptthema...

Helmut71
08.11.2009 09:52
3 0

wie wahr

wie wahr.

Dieser Provinzialismus hat aber auch Ursachen, die hier nicht erwähnt werden: zB dass in Ö eine Diktatur der Kammern, Interessensvertretungen und Gewerkschaften besteht - seit der letzten Regierung mehr denn je.

Ständestaat reloaded gewissermaßen. Strukturbewahrer sind an der Macht, Leute, die im geschützten Bereich nur emporgeschwommen sind und siuch in der Marktwirtschaft und auch international nie beweisen müssen.

Und letzten Endes bewegt sich auch die Presse in diesem Milleu - oder ist dieses Printmeidum nicht am Gänglband von Raiffeisen und IV?

Helmut71
08.11.2009 10:16
2 0

Re: wie wahr

Millieu
sich

Man möge mir die Tippfehler verzeihen :)

lb15
08.11.2009 08:19
1 0

Politikniveau

Unser letzter Bundeskanzler war eigentlich ein recht internationaler Mensch. Trotzdem war er als Politiker - na ja.

Grundsätzlich haben Sie recht. Aber was wollen Sie, wenn viele Politiker immer mehr einem alten Geiferer und seinen Kumpanen (Cato, Jeannée,...) nach dem Mund reden, nur weil dieser mit seinem Blatt die Massen begeistert.

Warum muss ich bei der Krone (und bei ähnlichen Blättchen) immer daran denken, dass die Pressefreiheit auch Schattenseiten hat?

Gast: Expat
08.11.2009 07:32
2 0

So provinziell sind wir leider

Sie sprechen mir aus dem Herzen!
Eine seit Jahren im Ausland lebnde Oesterreicherin

Gast: KommentiererEi
07.11.2009 22:08
1 0

Ausgezeichnet


Sehr couragierter Artikel!
MfG

APFELSYS
07.11.2009 18:57
2 0

Schon Bismarck sagte...

... Politik ist Aussenpolitik.

So gesehen haben wir in Österreich nur eine
Plebe-tik und keine Poli-tik.

lb15
08.11.2009 08:21
1 0

Re: Schon Bismarck sagte...

Wenn wir nur eine Plebetik hätten! Wenn mich mein Latein nicht im Stich läßt, wäre Plebs ja das Volk - ohne die Großkopferten.
Leider haben wir eine Prolo - tik!

APFELSYS
08.11.2009 09:09
0 0

Re: Re: Schon Bismarck sagte...

Polis - im Sinne von Staatspolitik
Plebs der = Kennzeichen: Entscheidungen werden im Bauch und nicht im Hirn getroffen.
So gesehen haben wir beide Recht ;-)

Milchleber
12.11.2009 18:04
0 0

Re: Re: Re: Schon Bismarck sagte...

"So gesehen haben wir beide Recht ;-) "
ein Beispiel österreichischen Harmoniebedürfnisses :)

APFELSYS
12.11.2009 18:49
0 0

Re: Re: Re: Re: Schon Bismarck sagte...

Wenn die Wahrheit Harmonie bedeutet, es lebe die Wahrheit! :-)

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