Leitartikel

Voller Erfolg und leere Urnen: Macrons wunderliches Frankreich

Ein Signal der Hoffnung oder der Verdrossenheit? Eines steht nach Macrons Triumph fest: Wenn jemand Frankreichs Widersprüche auflösen kann, dann er.

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(c) APA/AFP/THOMAS SAMSON

Auf Journalisten ist Verlass. Wir professionellen Skeptiker tauchen unsere spitzen Federn wie üblich in dunkle Tinte: Der durchschlagende Erfolg der Partei von Präsident Macron bei der Parlamentswahl in Frankreich sei tief getrübt durch die historisch niedrige Wahlbeteiligung. Der Protest durch Enthaltung zeige, wie gering die Unterstützung für den neuen Hausherrn im Élysée tatsächlich sei. Die satte absolute Mehrheit von La République en marche verdanke sich einem verzerrenden Wahlrecht. Aber in Frankreich finde die wahre Opposition ohnehin auf der Straße statt: Zornige, von ideologisch verbohrten Gewerkschaftern angestachelte Volksmassen werden Macron mit seinem Reformeifer genauso in die Knie zwingen wie seine Vorgänger. Wenn alles schlecht geht wie erwartet, schlage in fünf Jahren die Stunde der Rechts- und Linksextremisten. Und dann: Gute Nacht, Frankreich, gute Nacht, Europa. Weshalb der große Sieger sich gefälligst gleich in Demut üben soll.

Ein wenig Demut wäre freilich auch uns Kommentatoren anzuraten. Keiner hat den Durchmarsch von En marche vorausgesehen. Wir erklärten lieber lang, dass in unseren breit aufgefächerten und tief zerfurchten Gesellschaften die Zeiten für absolute Mehrheiten endgültig vorbei seien. Aber dann kommt da ein 39-Jähriger und fegt solche Weisheiten ebenso beiseite wie das gesamte politische System. Macron schreibt Geschichte im Zeitraffer: Erst vor einem Jahr gründete er seine Bewegung, eine Schöpfung aus dem Nichts. Noch nach seinem klaren Sieg bei der Präsidentschaftswahl tönten die Unkenrufe: Der Senkrechtstarter ohne richtige Partei könne keine solide Mehrheit und damit keine stabile Regierung auf die Beine stellen. Doch siehe da: Das Parlament hat sich runderneuert, so radikal wie seit der Gründung der Fünften Republik 1958 nicht mehr. Drei Viertel der frisch gewählten Abgeordneten sind Politikneulinge; noch nie gab es so viele Frauen, so viele Junge. Ein in Ruanda geborener Ökonom, ein Spitzenmathematiker, ein Tech-Unternehmer mit marokkanischen Wurzeln als Digitalisierungsminister: Es ist ein bunter Haufen, den der Elan eint – Optimismus und Wille zum Wandel. Aber es stimmt: Sie sind nicht die leise murrende Mehrheit. Dass 58 Prozent den Urnen fernblieben, ist nicht nur der Müdigkeit nach der vierten Wahl in Folge geschuldet. Hoffnung und Resignation: Solch wunderliche Widersprüche machen Frankreich eben aus.

Die Franzosen rissen in ihrer großen Revolution die alte Ordnung nieder und hatten dann nichts Besseres zu tun, als einen Diktator namens Napoleon auf den Thron zu hieven. Heute wählen sie in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl großteils radikale, gefährlich utopische und EU-feindliche Kandidaten, um dann einen Mann der Mitte zu den Klängen der Europahymne in den Élysée zu geleiten. Sie lieben glorreiche Machtmenschen ebenso sehr wie die Revolte gegen diese. Hinter all dem steckt nämlich immer noch der „esprit de critique“, der kritische Geist der Aufklärung. Nur lebt er heute in zwei disparaten Formen fort: einer vitalen, die Macrons Lager motiviert, und einer sklerotisch verdorrten. Da gerinnt die Revolte zur Besitzstandswahrung, zur Verteidigung eines nicht mehr finanzierbaren Sozialmodells. Die Kämpfer verschanzen sich hinter nationalen Barrikaden – gegen den Welthandel, gegen Brüssel, gegen die Konzerne. Der Reflex: Wenn wir uns nicht wehren, beuten sie uns aus. Dass man soziale Errungenschaften pragmatisch reformieren muss, um nicht an Wohlstand einzubüßen; dass man ändert, um zu retten; dass dafür Sozialpartner an einem Strick ziehen: Was für Skandinavier, Deutsche oder Spanier wohl vertraut klingt, ist den meisten Franzosen bis heute fremd.

Bei Macron stimmen bisher Richtung und Ton: Zur Reform des Arbeitsrechts wild entschlossen, tauschen sich Präsident und Regierung zugleich mit den Gewerkschaften aus. Und statt vor dem Geheul der Antieuropäer zu erstarren, stärken sie die Achse mit Berlin. Geht alles gut, könnte Macron die Klippen umschiffen und dennoch Kurs halten. Und dann: Guten Morgen, Frankreich, guten Morgen, Europa.

E-Mails an: karl.gaulhofer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2017)

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