Leitartikel

Weiche, Krisensatan! Wie sich Europa die Wende herbeiwünscht

Die Fokussierung auf vermeintliche Lichtgestalten wie Emmanuel Macron lenkt von der Tatsache ab, dass es in der EU nach wie vor Reformbedarf gibt.

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(c) APA/AFP/JOHN MACDOUGALL

Unter magischem Denken versteht man gemeinhin eine frühkindlich-vormoderne Gemengelage aus Aberglauben, Riten, Tabus und Vorstellungen, die Ordnung ins Chaos der Umgebung bringen soll. Prähistorischen Jägern und Sammlern halfen magische Glaubenssätze, mit gefährlichen und unverständlichen Naturgewalten mental zurechtzukommen und ihre Existenz mit Sinn aufzuladen: Wenn neben mir ein Blitz eingeschlagen ist und ich gestern einen Teil der Beute unterschlagen habe, anstatt sie mit meinen Stammesangehörigen zu teilen, muss der Donnergott wütend auf mich sein.

Wer allerdings glaubt, dass anno 2017 die Menschen vor der Angst gefeit seien, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fällt, wenn sie gewisse Regeln nicht befolgen, irrt. Eine besonders gute Gelegenheit, spätmodernes magisches Denken in Echtzeit mitverfolgen zu können, bietet momentan die Europapolitik. Wie sonst lässt sich nämlich die weit verbreitete Annahme erklären, wonach auf die sieben mageren Jahre der europäischen Schuldenkrise nun zwangsläufig sieben fette Jahre folgen müssen? Oder die olympische Überhöhung des neuen französischen Staatschefs Emmanuel Macron, dessen medial zur Schau gestellter Tatendrang im Fokus diverser Erlösungsfantasien steht? Oder die Vorstellung, eine intakte französisch-deutsche Achse könne schlagartig alle Probleme der Europäischen Union lösen? Wir sind nicht weit von dem Moment entfernt, an dem Angela Merkels Raute nicht länger für eine harmlose Handgeste gehalten wird, sondern für einen mächtigen Zauber zur Vertreibung des Krisensatans.

Der schweizerisch-israelische Psychologe Carlo Strenger hat den Glauben daran, dass der Westen ein Erbrecht auf Wohlstand und Freiheit hat und alle Probleme von irgendwelchen Instanzen beseitigt werden könnten, als „metaphysischen Fehler“ bezeichnet.

Nun ist es beileibe nicht so, dass alle Europäer davon überzeugt sind, dass ihnen ein üppiges Paket mit diversen Goodies zusteht und beim Amt für Lebensglück zur Abholung bereit ist – auch wenn genau das in Österreich derzeit von einer wahlwerbenden Partei suggeriert wird. Aber diese „Berechtigungsmentalität“, wie Strenger das Phänomen nennt, ist zweifellos vorhanden – und zwar nicht nur in Vorstädten, sondern auch in Partei- und Konzernvorständen.

An dieser Stelle böte sich ein kleiner Exkurs zur deutschen Automobilbranche an. Doch bleiben wir lieber bei der Europapolitik. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass die grassierende Angst vor dem Untergang der Europäischen Union stark übertrieben war. Aus dieser Erfahrung lässt sich der Schluss ziehen, dass auch die aktuelle Euphorie nicht unbedingt ein wahrheitsgetreues Bild von der Gegenwart und nahen Zukunft abgeben muss. Anders formuliert: Was wir derzeit in Europa zu sehen bekommen, ist unter Umständen nicht der Beginn eines neuen goldenen Zeitalters, sondern die statistische Regression zur Mitte.

Doch zurück zur Berechtigungsmentalität. Der unbestrittene Vorteil des Glaubens an das magische Ende diverser Euro-, Schulden- und Flüchtlingskrisen ist, dass sich diese rosige Zukunft ohne eigenes Zutun entfaltet – der böse Zauber ist verflogen, nun ist alles wieder gut. In der Wirklichkeit harrt allerdings nach wie vor eine Vielzahl von Problemen ihrer Lösung. Auf die Gefahr hin, wie ein Spielverderber zu wirken, folgt jetzt eine unvollständige Aufzählung: Die Bankenunion ist nach wie vor löchrig; Griechenland ist stabilisiert, aber nicht geheilt; in Italien braut sich neues politisches Chaos zusammen; an der Ostgrenze der Union rasselt Russland mit dem Säbel; im Südosten degeneriert die Türkei zum Pseudosultanat; und im zentralen Mittelmeer vollzieht sich eine Völkerwanderung im Zeitlupentempo.

In grenzenlosen Pessimismus zu verfallen, ist aber auch nicht angebracht. Angst ist ein ebenso schlechter Ratgeber wie naiver Überschwang. Die Herausforderungen sind allesamt lösbar. Doch ihre Lösung erfordert aktives Zutun, Kreativität und (finanzielle) Opfer. Wir müssen uns unser Glück erarbeiten. Und dürfen nicht daran glauben, dass es uns von Amts wegen zusteht.

E-Mails an: michael.laczynski@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2017)

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