Leitartikel

Kriegsgeschrei eines Maulhelden

Mit den Drohungen gegen Nordkorea und Venezuela erzeugt US-Präsident Trump bisher nur Theaterdonner. Es gibt keine konkreten Anzeichen, dass Militärschläge bevorstehen. Doch ein Restrisiko bleibt.

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Donald Trump – APA/AFP/JIM WATSON

Donald Trump hat eine merkwürdige Vorstellung von Urlaub. Anstatt sich – und dem Rest der Menschheit – wenigstens ein paar Tage Ruhe zu gönnen, stößt er in seinem Feriendomizil im Stundentakt neue Kriegsdrohungen aus. Nun gegen den Atomwaffennarren in Nordkorea. Eine „militärische Option“ brachte der US-Präsident zwischen ein paar Schlägen in seinem Golfklub nun auch gegen die autoritäre Führung in Venezuela ins Spiel. Der Mann hat eindeutig Probleme, den richtigen Ton zu treffen.

Kein Mensch glaubt ernsthaft, dass die USA bei aller berechtigten Kritik am diktatorischen Verhalten des venezolanischen Staatschefs, Nicolás Maduro, demnächst zu Feld gegen ihn ziehen. Im US-Pentagon sind derlei Interventionspläne jedenfalls nicht bekannt. Und auch in der viel gefährlicheren Nordkorea-Krise steht ein Krieg nicht unmittelbar bevor, da kann Chaosregisseur Trump noch so manisch Theaterdonner erzeugen, um von seiner desaströsen innenpolitischen Bilanz abzulenken. Noch hat er keine zusätzlichen Kriegsschiffe in die Region entsandt, noch bleiben die US-Soldaten zwischen Südkorea und Guam in ihren Baracken. Noch hat Trump seiner martialischen Feuer-und-Zorn-Tirade keine Taten folgen lassen, noch handelt es sich um substanzloses Gepluster.

Auch das kann fatal enden, wenn nämlich Nordkoreas Diktator im Glauben, dass der US-Präsident blufft, weiter zündelt und eine Rakete in Richtung der US-Pazifikinsel Guam abfeuert. Doch selbst dann könnte Kim Jong-un die Provokation bis zu einem gewissen Grad kalkulieren und das Geschoss außerhalb des US-Hoheitsgebiets einschlagen lassen. Wie reagiert Trump dann? Mit Cruise Missiles wie in Syrien? Und wie antwortet danach Kim darauf?


Atomschirm. Es ist dieUnberechenbarkeit auf beiden Seiten, die ein mulmiges Gefühl hinterlässt. Rational aber kann niemand ein Interesse haben, einen Krieg anzuzetteln, der zum Einsatz von Atomwaffen führen, Hunderttausende in den Tod und die Weltwirtschaft in den Abgrund stürzen könnte. Auch Kim wird sich hüten, seine Auslöschung zu riskieren. Oberstes Credo seines Clans ist seit jeher der Machterhalt: Die Atombombe soll die Herrschaft ultimativ schützen.

Die Machthaber in Pjöngjang haben genau studiert, was mit den Diktatoren im Irak und in Libyen passierte, die sich ihre Atomwaffenprogramme abverhandeln oder abnehmen ließen. Sie wissen, wie Saddam Hussein und Muammar al-Gaddafi nach westlichen Militärinterventionen endeten: am Galgen und mit einer Kugel im Kopf. Kim wird eher sein Volk verhungern lassen, bevor er seine Atomsprengköpfe herausrückt. Und anders als Saddam und Gaddafi hat er immer noch einen mächtigen Verbündeten, der im Zweifel die schützende Hand über ihn halten wird: den Atomstaat China.

Krieg ist keine Option in der Nordkorea-Krise. Es bleibt nur der mühsame Weg: das Regime in Pjöngjang einzudämmen und auf dessen Zerfall zu warten. Wenn Trump am Ende nicht als zahnloser Maulheld dastehen will, sollte er seine Drohungen gegen Nordkorea und Venezuela mäßigen – und wenigstens im Urlaub Twitterpausen einlegen.


christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2017)

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