Armer Christian Kern, arme SPÖ

Leitartikel Laut SPÖ müssen wir also annehmen: Tal Silberstein hat offenbar auf eigene Faust Sebastian Kurz mit allen schmutzigen Mitteln bekämpft. Dahinter stehe nicht die Partei. Vielleicht der Mossad?

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Christian Kern – APA/HANS PUNZ

Die Täter-Opfer-Umkehrung ist ein Phänomen unserer Zeit. Georg Niedermühlbichler, SPÖ-Bundesgeschäftsführer und Kopf der Kampagne Christian Kerns, tritt also zurück, obwohl er überhaupt nichts vom Dirty Campaigning Tal Silbersteins geahnt haben will. Nur ein einzelner Mitarbeiter habe gewusst, dass eine geheime Einsatztruppe in einem Büro in der Josefstadt um 500.000 Euro zwei Schmutz-Seiten gegen Kurz gelauncht und betrieben habe. Leider sei der Mann im Krankenstand und könne nicht befragt werden. Und dafür nimmt der oberste Parteisoldat seinen Hut. Das ist Verantwortung!

Und noch logisch-lustiger: Jeder könne sich einen Reim darauf machen, dass diese Enthüllungen zwei Wochen vor der Wahl in der „Presse“ und dem „profil“ recherchiert und publik gemacht wurden. Da müsse doch die ÖVP dahinterstehen. Das ist es! Wäre es anders, hätten die beiden Medien die Recherchen nämlich verhindert oder auf Eis gelegt und erst nach der Wahl veröffentlicht. So geht also Journalismus, wie ihn die SPÖ ernsthaft vorschlägt.

Wollen wir die krude Opfer-Idee Niedermühlbichlers weiterspinnen. Die ÖVP hat demnach Silberstein schon unter Alfred Gusenbauer um einen Millionenbetrag engagiert und über die Jahre finanziert. Der damalige Schüler Sebastian Kurz hatte diesen Plan schon in der AHS-Unterstufe ausgeheckt und ihn damals von der Jungen Industrie, den Pfadfindern und der Katholischen Jungschar vorfinanzieren lassen. Entsprechende Geheimpläne und Konzepte in Kurz'scher Kinder-Schönschrift werden sicher bald enthüllt. Immerhin hatte Kurz so damals schon Wolfgang Schüssel in der ÖVP aus dem Weg geräumt, der bekanntlich auch Silbersteins Dirty Campaigning  zum Opfer gefallen war.

Lieber Herr Niedermühlbichler, lieber Christian Kern, einmal ganz ernst: Wir werden auch zwei Wochen vor der Wahl weiter die Wahrheit verlangen. Wer hat diese Truppe warum wann und wie mit einer halben Million bezahlt? Wenn, wie Niedermühlbichler sagt, nicht die SPÖ, wer dann? War es Holzhändler Schweighofer, der mit Gusenbauer und Kern befreundet ist? Ein Verein? Oder denken Sie an den Mossad, Herr Niedermühlbichler?

Stimmt schon, nur weil man beim Schmutzkübelanrühren erwischt wird, heißt das noch lange nicht, dass alle anderen unschuldige Waisenknaben sind. Die andauernden Vorwürfe gegen Geschäfte von Kerns Frau Eveline Steinberger-Kern erscheinen etwa substanzlos bis nieder motiviert zu sein. Aber die aktuellen Vorkommnisse bleiben auch mit dem trotzigen Bauernopfer skandalös. Ein oder mehrere SPÖ-Berater haben eine Hassseite beauftragt, die mit antisemitischen und rassistisch unterlegten Vorwürfen zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen hätten sollen. Erstens potenzielle Kurz-Wähler dazu zu bringen, ihn nicht zu wählen. Zweitens allen zu suggerieren, FPÖ-nahe Kreise hätten dies formuliert und ins Netz gestellt. Das ist perfide und menschenverachtend. Wollen wir glauben, dass Christian Kern, der immer eine andere, redliche Politik machen wollte, nicht informiert wurde oder alles nicht so genau wissen wollte. Dann aber sind ihm Mitarbeiter und Führung völlig entglitten. Schlimm genug. 

Mails an: rainer.nowak@diepresse.com

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