Die mediale (Selbst)Beschädigung

Dieser Wahlkampf zeigt ein Identitätsproblem der Medien, auch des Qualitätsjournalismus. Statt für Leser zu fragen und Antworten zu geben, geht es oft um Applaus aus der eigenen kleinen Welt.

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Die Presse

Kein Tag, kein Wahlkampf vergeht, an und in dem nicht ein neues Wort erfunden wird, um die eigene Position zu erhöhen beziehungsweise das Verhalten anderer herabzusetzen. Kollegen des sonst geschätzten Radiosenders Ö1 unterstellten dieser Redaktion „komplizenhaften“ Journalismus. Zeitgleich mit „Profil“ veröffentlichten wir Enthüllungen über das Team des Ex-SPÖ-Beraters Tal Silberstein, aus dem seine Urheberschaft von zwei Facebook-Seiten, die zum Ziel hatten, Sebastian Kurz zu desavouieren, klar hervorgeht. Einige Tage danach berichteten wir über den Fortbestand dieses kleinen Redaktionsbüros mit rund einem halben Dutzend Mitarbeitern, in dem auch ein zentraler Mitarbeiter der SPÖ-Kampagne tätig war. Beide Artikel schadeten Christian Kern und nützten seinen Gegnern, sehr schnell wurde in der SPÖ die ÖVP oder Mittelsmänner verdächtigt, Tippgeber für die Recherchen gewesen zu sein. Tatsache ist, dass es eine glaubwürdige Quelle gab. Details, Dokumente, ja gar Namen können und werden wir nicht verraten, das nennt man Redaktionsgeheimnis.

Der grundlegende Verdacht eines „komplizenhaften“ Journalismus besteht in einem Irrtum: Die Journalistin, der Journalist solle demnach nur Enthüllungen und Recherchen veröffentlichen, die nicht vermeintlich Bösen hilft. Oder Guten schadet. In diesem Fall also der SPÖ. Bei dem Interview mit dem Facebook-Seiten-Verantwortlichen wurde uns von anderer Seite vorgeworfen, jemandem Raum für Anschuldigungen (diesmal gegen die ÖVP) zu geben, der weder besonders glaubwürdig noch besonders gut beleumundet sei. Und dass wir damit den Job der SPÖ gegen Sebastian Kurz besorgten. . .

All das zeigt ein völlig falsches Verständnis von Journalismus: Wir entscheiden uns nicht für eine Veröffentlichung anhand der Sympathie für die Quelle oder die Auswirkungen eines Artikels, sondern müssen einzig und allein unsere Lieblingsfragen mit einem Ja beantworten können. Ist es eine Geschichte? Hat sie Relevanz, sie zu bringen? Ist sie von Interesse? Und natürlich wichtig: Können wir uns sicher sein, dass die Quellen glaubwürdig sind, die Umstände nachvollziehbar und die Belege eindeutig? Anders formuliert: Würde man einen Skandal innerhalb einer für unsere Gesellschaft wertvollen Organisation veröffentlichen, der deren gute Werke beendet? Natürlich. Es ist weder unsere Aufgabe, Konsequenzen einer Recherche oder Veröffentlichung zu antizipieren, noch die Welt zu verbessern, und schon gar nicht sollten Journalisten beliebt sein wollen. Das mag unsympathisch klingen, ist aber unser Fach.

In diesem Wahlkampf war auch ein anderes Phänomen zu beobachten: Journalisten von Qualitätsmedien denunzierten sich gegenseitig, Partei für bestimmte Kandidaten zu sein. Das ist eine gefährliche Entwicklung, unterminiert sie doch weiter die Glaubwürdigkeit der gesamten Branche, die in Zeiten von Fake News – Christoph Matznetter unterstellt das großzügig in FPÖ-Manier en passant auch Qualitätszeitungen in Österreich – und sogenannter alternativer Wahrheiten (also extremer Unwahrheit) unter Druck geraten ist.

Das Gerede von Medien als vierter Gewalt klingt zwar pathetisch, hat aber etwas: Der Bürger, der Leser, Hörer, Seher kennt Marke und Namen, es gibt Regeln und Eigentümer, es gibt eine Geschichte und echte Journalisten. Und nicht anonyme Postings mit nichtüberprüfbaren „Informationen“ auf neuen digitalen Kanälen, deren Eigentümer im Silicon Valley wenig Interesse haben, wer wen kontrolliert.

Genau das ist unsere Aufgabe: Wir kontrollieren, kritisieren bei Bedarf und gehen nicht wenigen damit auf die Nerven. Das ist wichtig für Demokratie und moderne Gewaltentrennung. Aber es gibt eine Schwäche der Branche: Viele von uns schreiben am liebsten das, was dem eigenen Freundes- und Kollegenkreis gefällt. Auf Facebook und Twitter wirkt der Echoraum der gleichen Meinungen, wie ihn Konrad Paul Liessmann nennt, so stark, dass die Bereitschaft vieler, dort gefallen zu wollen und sich nach der vermeintlichen qualifizierten Mehrheit zu richten, noch steigt.

Das betrifft auch die Themenwahl. Wir haben uns – Kern und Kurz inklusive – vielleicht zu stark in die oft nicht mehr nachvollziehbare Tal-Silberstein-Affäre verbissen. Wahlen müssen und sollten immer thematisch entschieden werden. Daher bieten wir auf den Seiten 4 und 5 einen großen Programmvergleich zwischen den Parteien.

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