12.02.2012 13:35 | Meine Presse Merkliste0

Bis auf die Unterhose – im Interesse der Sicherheit

NORBERT RIEF (Die Presse)

Hinter der Diskussion um „Nacktscanner“ steht die wichtigere Frage, wie viel Freiheit wir aufgeben wollen.

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Kennen Sie eigentlich den wahren Hintergrund dafür, dass man auf amerikanischen Flügen bei der Sicherheitskontrolle die Schuhe ausziehen und sie durch das Röntgengerät schicken muss? „Es war eine Wette zwischen zwei al-Qaida-Terroristen“, witzelte der US-Talkshow-Moderator Jay Leno vor einigen Jahren. „Der eine meinte: Wetten, dass ich es schaffe, dass sie sich alle die Schuhe ausziehen müssen? Nur gut für uns“, scherzte Jay Leno damals weiter, „dass es in der Wette nicht um Unterhosen ging.“

Jetzt also geht's um Unterhosen. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden wir bald vor jedem Flug durch einen sogenannten „Nacktscanner“ gehen müssen, der den Sicherheitsbeamten erlaubt zu sehen, ob sich in unseren Unterhosen etwas Explosives versteckt. Zwangsläufig wird man ihnen damit auch intimere Details enthüllen, und irgendwann – darauf kann man bedenkenlos wetten – wird irgendein Beamter glauben, eine witzige Bemerkung über einen zu kleinen oder zu großen Penis, über hängende Brüste oder fehlende Hoden machen zu müssen.

Sind wir bereit, auch das im Interesse der Sicherheit in Kauf zu nehmen? Lassen wir uns – im wortwörtlichsten Sinn – bis auf die Unterhose ausziehen, um in die Karibik oder nach London fliegen zu können? Wie viel Freiheit und Intimität sind wir bereit zu opfern, um im Gegenzug nicht vom Himmel oder in den selbigen gesprengt zu werden? Wo hört es auf? Ein „Nacktscanner“ kann schließlich keinen Sprengstoff erfassen, den man im Körper versteckt.

Zunächst muss klargestellt werden, dass der Anlassfall, der nigerianische „Unterhosenbomber“ Umar Faruk Abdulmutallab, kein Unbekannter war. Sein Vater warnte die Behörden, die nahmen ihn aber nicht ernst. Man wusste von Abdulmutallabs Kontakten zu Extremisten, setzte ihn aber nicht – wie eher vorschnell tausende andere Bürger (darunter aus Versehen den verstorbenen Senator Ted Kennedy) – auf die „No fly“-Liste. Immerhin: Auf irgendeiner Liste schien er auf, und deshalb wollte man ihn „ganz besonders überprüfen“ – nach seiner Landung in Detroit.

Es geht hier um genau jene Schlamperei, die schon die Anschläge vom 11.September 2001 ermöglichte. Die 9/11-Untersuchungskommission listete in ihrem Bericht zehn Punkte auf, mithilfe derer die Behörden die Terroristenmaschinerie hätten stoppen können, aber versagten. Mindestens so viele Punkte hätte man gefunden, wäre Northwest-Flug 253 am 25.Dezember 2009 in kleinen Teilen in den Atlantik gefallen.

Die Schaffung des Nationalen US-Geheimdienstdirektors hat nichts daran geändert, dass in den 16 Nachrichtendiensten noch immer Eifersüchteleien herrschen und sich Dienste gegenseitig auf die Zehen treten, statt sich zu ergänzen. Dem NGD fehlen schlicht die Ressourcen, um die Dienste zu koordinieren.

Der Staat reagiert auf das Versagen seiner Einrichtungen mit dem Ruf nach noch mehr Befugnissen für die Versager und mehr Kontrollen. Und das führt zur entscheidenden Frage, wie viel Freiheit wir bereit sind, für unsere Sicherheit aufzugeben.


Die USA, einst Inbegriff des „freien Landes“, waren nach den Anschlägen vom 11.September 2001 nur allzu willig, der Exekutive mit dem „Patriot act“ weitreichende Befugnisse zu geben: Die Polizei weiß seither, wer welche Bücher ausleiht oder kauft, und darf ohne richterliche Genehmigung das Haus des Käufers durchsuchen, wenn ihr die Lesegewohnheiten seltsam vorkommen. Man darf Menschen ohne Beweise und ohne Recht auf einen Anwalt monatelang festhalten, und man kann in Verfahren Beweise verwenden, die im Interesse der nationalen Sicherheit geheim bleiben.

Sind wir bereit, so viele Grundrechte zu opfern? Benjamin Franklin, einer der Gründungsväter der USA, schrieb einmal: „Die, die bereit sind, ihre Freiheiten für etwas mehr Sicherheit aufzugeben, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit.“

Es wird nie hundertprozentige Sicherheit geben. Natürlich wäre es leichter, die „Bösen“ zu fangen, wenn die Polizei jedes Detail über jeden wüsste. Wenn man der Polizei erlaubte, all unsere Gespräche abzuhören, unsere Mails zu lesen und unsere Häuser nach Belieben zu durchsuchen. Und natürlich wären wir sicherer vor Anschlägen, wenn alle vor jedem Flug, jeder U-Bahn-Fahrt, jedem Konzert, jedem Kino- und Theaterbesuch durch einen Ganzkörperscanner gehen müssten.

Zweifellos wären wir dann sicherer. Aber wollen wir in so einem Land leben?

Brüssel drängt auf Körperscanner Seite 4
Kontrolle, die unter die Haut geht Seite 5


norbert.rief@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2010)

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17 Kommentare
diogenes
09.01.2010 10:00
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Ich bin soo Glücklich

Ab sofort wird also der Nacktscanner erkennen, welche Massenvernichtungswaffe der Mutallab in der Unterhose verstecken konnte.

Sollte man nicht aus Sicherheitsgründen das tragen von Unterhosen überhaupt verbieten?
(generell oder nur in Flugzeugen?)...Wo kann man dann diese am Flughafen ausziehen, wenn man in Unterhose gekommen ist?
Das Sicherheitsministerium in USA wird uns das wohl zeitgerecht mitteilen. Und die EU wird dem dann zustimmen....und alle sind wir dann sicherer:
LAUTER DEPPEN!

Gast: Besorgter
09.01.2010 02:15
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Ob durch den Scanner auch wirklich jedes "braunes Stricherl" in der Unterhose entdeckt wird?

Schließlich könnte es sich ja um Schießpulver handeln!

Gast: also
08.01.2010 14:21
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ich

wollte heuer eigentlich in die USA fliegen ( das erste mal ) aus einer laune heraus, etwas urlaub in florida und evtl nach las vegas....ABER diese sicherheitsphobie schreckt mich wirklich ab.....d. leben soll einfach sein....
warum im urlaub sich einen solchen stress antun..?...bisher wurde am schwechater flughafen auch schon immer sehr genau kontrolliert.....nur weil die amiwürschtln einen bekannten terroristen in ihr land lassen ( und sich dann wundern wenn der einen anschlag versucht ) soll ich mir meine urlaubsreise verleiden lassen ( durch absolut unnötige wartereien und eine menschenunwürdige behandlung ) ? sicher NICHT ...ich bleib dieses mal in Ö und werde mein urlaubsbudget ( ca. 10000 euro ) in kitzbühl ausgeben.....und ich empfehle jeden anderen dasselbe...wenn man nicht wegen arbeit in die USA muss ( mein beileid ) dann diese idiotenhochburg meiden.....

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Der "Heuhaufen" wird immer größer...

Klingt doch irgendwie logisch: Je größer der erkenntnisdienstliche "Heuhaufen" wird, desto schwerer findet man die eine gesuchte Nadel darin! Und so lange die eh viel zu vielen US-Geheimdienste nach der "Ich sehe etwas, was Du nicht siehst und ich werde Dir es nicht sagen"-Methode arbeiten, werden "zeitgerechte Zugriffe" eher nach dem Zufalls-Prinzip erfolgen.

Der Jay Leno-Sager im ersten Absatz zeigt übrigens wieder einmal sehr deutlich, daß viele Witze von heute die bittere Realität von morgen sein können. Ich gehe jede Wette ein: Selbst Nacktscanner werden nicht der absolute Höhepunkt angedachter technischer Kontrollmöglichkeiten sein.

Vermutlich gäbe es selbst dann noch ein schwer kalkulierbares Restrisiko, wenn jedem Baby gleich nach der Geburt ein Gehirnchip implantiert wird, der destruktive Gedanken irgendwohin meldet und prophylaktischen Einsatzalarm auslöst.

Das brächte zwar noch mehr an Datenmaterial, aber wo wären die Leute, die dieses entsprechend bearbeiten?

Antworten Ka_Sandra
08.01.2010 16:51
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Re: Der "Heuhaufen... "

Nacktscanner sind eben leider auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Verschluckte oder rektal / vaginal versteckte Sprengstoffmengen werden dadurch nicht erfasst!
Selbstmordattentäter werden immer einen Schritt voraus sein.

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Re: Re: Der

"Rektal" klingt gut! Auf diese Weise bekommt der Begriff "Einen fahren lassen" eine völlig neue Bedeutung! Irgendwo habe ich heute gelesen, mit dem drastisch erhöhten Ermittlungsaufwand wolle die USA dem Terrorismus endlich "einen Schritt voraus" sein. Das wäre dann aber wirklich das allererste Mal in der Geschichte, daß die Kriminellen technisch und auch sonst kreativ im Rückstand wären. In der Regel verfügen sie ja über eine erheblich vollere "Kriegskassa" und können sich Geräte und Spezialisten leisten, die dem Staat zu teuer kämen..

Gast: Herr Casanuda
08.01.2010 10:15
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gut...

...schon der zweite Leitartikel zu 1984+ (vgl. Christian Ultsch, 3.1.)
Schön dass die staatliche verordnete Sicherheitskur mehr mediales Echo findet.

Um die Frage eines anderen Lesers hier im Forum aufzugreifen: "Wo, zum Teufel, soll man dagegen protestieren?"

Sie repräsentieren eine ernstzunehmende Zeitung, wie wärs wenn Sie eine Plattform stellen? Auch die Kronenzeitung unterstützt lustige Volksbegehren, warum also nicht einmal eine richtige Zeitung ein wirkliches Anliegen.

Vermutlich werden auch in Ihrer Leserschaft nicht wenige der "ich hab ja nix zu verbergen" Fraktion angehören.
Nur möglicherweise sind die "ich will meine Freiheit nicht wegschmeissen" Anhänger mehr? Man stelle sich nur vor.

Ich jedenfalls halte es für durchaus wahrscheinlicher am Frühstückstisch bei der Lektüre von Seite 32, Zeile 8, Wort 3 meines Lieblingsbuches vom Herzinfarkt erwischt zu werden als von der Bombe...


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"Wo, zum Teufel, soll man dagegen protestieren?"

(zynisch:) am salzamt!

proteste werden nichts helfen, denn ich denke nicht, dass irgendwo die "ich will meine Freiheit nicht wegschmeissen"-anhäger in der mehrzahl sind.
der brave, kuschende bürger, der ja nichts zu verbergen hat und seinen kopf nur dafür hat, damit es nicht in den hals reinregnet repräsentiert die mehrheit. hier und überall auf der welt (zumindest in den teilen, die ich schon besucht habe)

Ka_Sandra
07.01.2010 23:36
4 0

Nachhilfe bei Israel nötig?

Warum gibt es keine Terroranschläge auf Flüge von El Al? Warum ist Tel Aviv einer der besten und sichersten Flughäfen der Welt? Und das, obwohl man dort KEINE Nackscanner einsetzt?

Die USA sollten Nachhilfe bei Israel nehmen:

1) Dessen Sicherheits- und Geheimdienste arbeiten nicht gegeneinander, sondern kooperieren auf sehr effiziente Weise und sind bestens vernetzt.

2) Man geht nicht nach dem Prinzip der Gleichbehandlung vor, sondern filtert verdächtige Personengruppen heraus. "Ethnisches Profiling". Wer hier den ersten Stein wirft, ist ein elender Heuchler.


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das israel-argument ist genau das falsche!

waren sie schon mal dort?
ja, die el-al-flieger sind seit 2-3 jahrzehnten sicher.
aber wie schaut es zb mit den bussen aus?
mit den schanigärten, mit allem was den öffentlichen raum ausmacht. fliegen solche locations nicht nach wie vor gelegentlich in die luft?
und das obwohl(!!!) kaum anderswo die leute so überwachungsbereit und willig zur mitarbeit sind.

der preis ist einfach zu hoch:
wollen sie nicht auch so wie bei uns üblich, die fehlzündung eines autos nicht mal ignorieren. in israel würden sie vermutlich einen bauchfleck machen und in deckung kriechen....

das ergebnis ist einfach zu mager:
terror und alles was dazugehört sind politische phänomene.
eine bekämpfung mit polizeilichen (oder, graus, gar mit militärischen) mitteln ist nur für unmittelbar bevorstehende gefahren möglich. langfristig bringen nur und ausschließlich politisch lösungen eine verbesserung!

Antworten Antworten Ka_Sandra
08.01.2010 16:48
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Re: das israel-argument ist genau das falsche!

Sie haben völlig Recht, leider.

Ich hab eigentlich nur die Flughafen-Problematik angesprochen.
Dass man Selbstmordattentate auf Busse, Restaurants etc. mit Sicherheitsmaßnahmen allein nicht vermeiden kann, ist klar.

Eine politische Lösung ist im Nahen Osten weiterhin nicht in Sicht.

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Re: Nachhilfe bei Israel nötig?

Die Israeli haben es ja gut: Sie brauchen nicht bei jeder Kleinigkeit daran denken, ob diese oder jene Entscheidung der "political correctness" entspricht oder nicht! Genau darin liegt nänmlich das Hauptproblem der USA. Sie hat sich inzwischen völlig in ihrem selbst gewählten "Gleichbehandlungs-Ideal" verstrickt, sodaß eine zielgerichtete Effizienz immer schwerer möglich scheint.

Allein schon die sprachlichen Eiertänze, um nur ja niemanden zu "diskriminieren", lassen das schlechte Gewissen erahnen, mit dem die Behörden gewisse Volksgruppen kritisch unter die Lupe nehmen...

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Sicherheit statt Freiheit?

Die USA sollten ein wenig Nachhilfe bei ihren Verbündeten in Israel nehmen, die setzen auf Psychologie statt auf Materialschlacht! Schlau, oder? USA-Reisen werden eben immer unattraktiver, der Präsident Obama schaut auch schon ganz schön alt aus. Wir Europäer sollten uns da nicht verrückt machen lassen.

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Was glauben sie

wie viele Menschen über die "Zumpferln" von DEIX lachen - und wen kratzt das ??

Gast: nostradamus
07.01.2010 21:02
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... haben Sie keine anderen Sorgen ?

... als über diese läppischen unwichtigen Nacktscanner einen Leitartikel zu schreiben, wie wenn das irgendwen kratzt ? Wer unbedingt fliegen will muss das halt in Kauf nehmen, null Problemo.
Was hingegen ein Problem ist, sind diese wahnwitzigen unterschlagenen Milliarden, Freunderlgeschäfte, Scheingeschäfte, Beratungshonorare, welche uns Steuerzahler noch das letzte Hemd kosten, und dann brauchen wir auch keinen Nacktscanner mehrl.... Prosit 2010

Gast: Zam
07.01.2010 20:45
3 0

Es geht einfach

Die einfachste Methode wäre, es so zu machen wie die Israelis, aber das ist "rassistisch".

Moslems aus Problemländern generell dranzunehmen.

Antworten Gast: am besten
08.01.2010 14:23
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Re: Es geht einfach

und am einfachsten wäre es moslems generell flugreisen in den westen zu verbieten ausser sie stellen einen einheimischen bürgen....

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