25.05.2012 22:23 | Meine Presse Merkliste 0

Abrechnung mit der Orangen Revolution

BURKHARD BISCHOF (Die Presse)

Die Ukraine wählt am Sonntag einen neuen Präsidenten. Der Wahlfälscher von 2004 hat die besten Chancen.

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Es ist schon grotesk und zugleich tragisch: Der Mann, der vor fünf Jahren als Profiteur einer gigantischen Wahlmanipulationsaktion der Präsident der Ukraine werden sollte, was eine Protestbewegung der Bevölkerung aber verhinderte, also Viktor Janukowitsch – der ist nach jetzigem Stand auf bestem Wege, neuer ukrainischer Staatschef zu werden. Dieses Mal legal, ohne schmutzige Tricks, ohne massive Einmischung aus Moskau. Der Mann aber, den sie vor fünf Jahren sogar vergiften wollten, damit er ja nicht an die Staatsspitze gelange, den entschlossener Bürgerwille während der Orangen Revolution dann aber doch ins Präsidentenamt spülte – also Viktor Juschtschenko –, der steht bei der Präsidentenwahl am Sonntag mit ganz wenigen Prozentpunkten vor der bittersten Niederlage seiner politischen Karriere.

Was ist in diesen fünf Jahren passiert im 46-Millionen-Staat im Osten Europas? Hat die ukrainische Bevölkerung ihre politische Einstellung radikal geändert, von Orange auf Blau geschaltet? Ist Juschtschenko tatsächlich der totale politische Versager, als den ihn die meisten Kommentatoren zwischen Moskau und Washington inzwischen hinstellen – dumpf nationalistisch, russophob, stur, lernunfähig, streitsüchtig?

Bei seinen jetzigen Zustimmungsraten ist es leicht, auf Juschtschenko herumzutrampeln. Tatsächlich ist es angesichts des jetzigen Zustandes des Landes – politisch zerstritten, wirtschaftlich am Boden, finanziell am Rande des Staatsbankrotts, sozial zerrissen und weiterhin von diversen historischen und kulturellen Bruchlinien durchzogen – schwierig, in der Juschtschenko-Bilanz etwas Positives zu finden.

Und trotzdem – wo viel Schatten, da muss es auch irgendwo Licht geben: Die Ukraine ist laut des jüngsten Index von „Freedom House“ das einzige postsowjetische Land (die baltischen Republiken ausgenommen), das „frei“ ist. Es gibt Presse-, Versammlungs- und Meinungsfreiheit, es existiert eine rührige Zivilgesellschaft. Bisweilen kann man sogar den bösen Eindruck bekommen, dass die Freiheit in der Ukraine politisch zu exzessiv ausgekostet wird. Und genau weil sich die Demokratie in der Ukraine unter der Juschtschenko-Herrschaft so ausbreiten konnte, wird ihn Janukowitsch, sein Erzrivale von 2004, mit einiger Wahrscheinlichkeit im Präsidentenamt ablösen.

Aber von Demokratie allein kann ein potenziell reiches, aber nach wie vor ziemlich armes Land nicht leben. Juschtschenko und sein oranges Lager haben in fünf Jahren vor allem versäumt, den Umbau des Landes in Angriff zu nehmen: die Modernisierung der Infrastruktur einzuleiten, das Gesundheits- und Pensionssystem zu reformieren, die Energieversorgung auf neue Basis zu stellen, günstige Grundlagen für Auslandsinvestoren zu schaffen, die Korruption zu bekämpfen, durch Verfassungskorrekturen endlich handlungsfähige politische Strukturen zu schaffen usw. Stattdessen sind sich der Präsident und die Ministerpräsidentin andauernd in den Haaren gelegen, wurde die Parlamentsarbeit blockiert, haben die Abgeordneten einander Ohrfeigen gegeben.

Kein Wunder, dass sich angesichts dieses politischen Schauspiels viele ukrainische Bürger angewidert abwenden, Juschtschenko am Wahltag die Rechnung präsentieren und für einen Protestkandidaten oder „Gegen alle“ (ein solches Votum ist in der Ukraine im Gegensatz zu Russland immer noch möglich) stimmen werden. Und auch Julia Timoschenko könnte, wie ihrem orangen Rivalen, bei dieser Wahl noch eine bittere Niederlage blühen.

Schließlich ist sie als Regierungschefin für das wirtschaftliche und soziale Schlamassel wesentlich mitverantwortlich, hat ihren Landsleuten in all den Jahren unzählige Versprechungen gemacht, aber die allerwenigsten davon gehalten. Und nicht wenige befürchten, dass die beinharte Populistin, säße sie einmal auf dem Präsidentensessel, wie ihr russischer Kollege Wladimir Putin alsbald autokratischen Versuchungen erliegen könnte.

Dann gelangt also wohl Janukowitsch, der steife, biedere, russophile Technokrat, an die Staatsspitze? Ja, außer Sergej Tigipko, der frühere Wirtschaftsminister, entpuppt sich noch als Überraschungsmann. Für ihn spricht, dass einer Mehrheit der Wählerschaft die jetzigen Führerfiguren des Landes unendlich auf die Nerven gehen. Wer immer es schafft – ob ein Alt- oder vielleicht doch ein Neupolitiker –, er steht vor einem ungeheuren Berg ungelöster Probleme. Ein Neuer wie Tigipko würde vielleicht sogar wagen, mit der Abtragung dieses Berges zu beginnen. Janukowitsch oder Timoschenko ziemlich sicher nicht.

Ukraine-Wahl: ''Eiserne Lady'' vs. ''Wahlfälscher''

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burkhard.bischof@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2010)

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6 Kommentare
Gast: west ukrainer
17.01.2010 13:54
0 0

Für die freiheit ,muss man erlich bleiben

ukraina heute 55% ukraina und 45% russen

Warum ? Wahl fast 20 % territorium einfach zu russland gehört

Herr Chrustschöv - auch ukraina , hat das so getrömnt und danach auch umgesetz

Egal was jetz kommt das Land bleibt gespaltet .

hätte die Ukraine das Russisches Land und die Leute die dort leben zuruck an russland gegeben , so konte Ukraine schon lenkst in der EU wie die Baltikum eigestigen .

STFU
16.01.2010 13:27
0 0

Das ich nicht lache

Die Ukraine ist laut des jüngsten Index von „Freedom House“ das einzige postsowjetische Land (die baltischen Republiken ausgenommen), das „frei“ ist.

das frei in "" !!!

http://www.spiegelfechter.com/wordpress/1639/freiheit-die-wir-meinen

Calvin
15.01.2010 14:08
1 0

Ein bisserl weniger Naivitaet, bitte

Yushenko und Timoshenko sind reine Machtpolitiker, denen die Demokratie und westliche Werte ziemlich egal sind. Yushenko hat nicht gewonnen, weil ihn der Volkswille auf den Praesidentenstuhl gespuelt hat, sondern weil er wesentlich cleverer war als sein Konkurrent.
Ueber 90% Zustimmung in einer Region? Wie westliche Experten sagen, das beste Zeichen einer Wahlmanipulation. Nur, dass von 5 Regionen, die ein solches wahrhaft dubioses resultat (im 1. Wahlgang) gezeigt haben, 3 fuer Yushenko gestimmt haben und 2 fuer Yanukovich.
Woher kamen denn dann ploetzlich all die orangenen Schals, die Zelte, wer hat die Leute gefuettert, ihnen Getraenke organisiert? Wer hat das alles bezahlt?
Das war nicht mehr als ein organisierter - wohl gewaltfreier - Staatstreich.
Dass sich die Proponentne sogleich zerstreiten in einem Konkurrenzkampf um pfruende und Einfluss ist nicht verwunderlich fuer den, der die Korruptionsvorwuerfe an Timoshenko und Yushenko kennt.

Arme Ukraine.

Gast: user33556
15.01.2010 09:23
1 0

Oberflächenjournalismus von Herr Burkhard Bischof

Wie kann man als Journalist diese These

"Der Mann, der vor fünf Jahren als Profiteur einer gigantischen Wahlmanipulationsaktion der Präsident der Ukraine werden sollte, was eine Protestbewegung der Bevölkerung aber verhinderte, also Viktor Janukowitsch – der ist nach jetzigem Stand auf bestem Wege, neuer ukrainischer Staatschef zu werden."

schreiben.

Der Artikel ist Einseitig und politisch sehr polisierend!

Das ist einfacher „Oberflächenjournalismus“ wie man ihn in der Presse leider schon gewohnt ist und hat mit der Realität nicht gemeinsam. Es sieht auch so aus als hätte der Journalist gegoogelt und nicht einaml in der Ukraine war bzw. mit betrofenen Menschen gesprochen hatte. Als ob der Juchenko nicht auch vom Westen (USA) unterstützt wurde. Und mal ehrlich, was hatte die orange Revolution der Ukraine gebracht? Meine Großeltern und ihre Nachbarn haben jetzt noch wesentlich weniger zu beißen als vor 6 Jahren! Das Land versinkt im Chaos, Bestächlichlkeit und Enegieproblemen. Der Westen sieht in der Ukraine keine großen Schätze zu holen und lässt sie fahlen. Russland bemüht sich (natürlich aus Eigenintresse) den Kontakt zu halten, die Zusammenarbeit auszubauen und der Ukraine zu helfen wird aber jedes Mal zurückgewiesen, weil die Medien jeden Tag zu 40% negative Schlagzeilen zu Russland bringen!

Schönen Gruß

Gast: Mister K
14.01.2010 21:53
0 0

Einseitig

Schön das sie Meinungsfreiheit untersützen. Ihr Artikel ist aber an Einsitigkeit kaum zu überbieten. Juschtschenko wurde vom Westen vor 5 Jahren als Held gefeiert, klar er war gegen die Machthaber und vorallem, er war gegen das bitter böse Russland. So jemand wird vom Westen unterstützt. Doch nur weil jemand gegen Russland ist sollte nicht vergessen werden wer er selber ist (dieser Fehler wurde nicht nur bei Bin Laden gemacht). Und jetzt ist der Westen entsetzt doch nicht auf den "Sieger" gesetzt zu haben. Nadan prost Mahlzeit

Gast: Russophilin
14.01.2010 20:02
2 0

Objektivität ist etwas schönes....

...und offenbar wieder etwas zu selten in den westlichen Medien.Demagogie und Populismus, die mit einem schnellen Tippen auf der Tastatur so ziemlich jedem vorgeworfen werden, der dem jeweiligen Journalisten aus welchen Gründen auch immer nicht sympatisch genug erscheint treten doch so häufig in den Berichten über die nationalen Geschehenisse.
Nur vergißt der Autor, wie so oft wer das Land in den letzten 5 Jahren so dermaßen in die Misere gestützt hat, dass es sich in ein dritte Welt Land runtergewirtschaftet hat. Wem ist es zu verdanken, dass einer Stadt mit 730000 Einwohnern (!) die Elekträzität gekappt wird, weil die Stadtverwaltung nicht fähig ist lauter Schulden zu begleichen, wem ist es zu verdanken, dass die üblichen Schulden des Lanndes, wenn überhaupt dann mit den Goldreserven der Nationalbank beglichen werden, ganz zu schweigen von den Kleinigkeiten wie zu Russophoben und Nationalisten erzogene Generation, die Tag für Tag von den ach so unabhängigen Medien (einer der Größten Fernsehsender des Landes gehört übrigens der lieben Frau Timoschenko) zu hören bekommt, dass ein Nachbarland, ein Land mit dem gemeinsam der Faschismus bekämpft wurde, und dessen Blut sich schon seit Jahrunderten mit dem eigenem vermischt hat, boshaft kontroll- und angriffslustig ist und der eigenen Freiheit (der Freiheit was zu tun, eigentlich) berauben und knechten will.
Im Grunde lieber Herr Burckhardt, wäre doch etwas Objektivitat und eine etwas weniger geblendete Recherche zu empfehlen...

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