06.02.2012 20:58 | Meine Presse Merkliste0

Vor den Gletschern schmilzt das Vertrauen

JÜRGEN LANGENBACH (Die Presse)

Der UNO-Klimabeirat ist drauf und dran, seinen Ruf zu ruinieren und den der Wissenschaft gleich mit.

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Der Winter ist hart, für uns und für den Uno-Klimabeirat IPCC. Dass er für uns hart ist, will auf längere Frist nichts besagen, anderswo ist es mild, und eine Saison gibt keinen Trend vor. Beim IPCC hat das – metaphorisch – abgekühlte Klima mehr zu bedeuten: Das angesehenste Forschergremium der Erde ist drauf und dran, in kürzerer Frist seinen Ruf zu ruinieren, und den der Wissenschaft gleich mit.

Das begann im Herbst, als bekannt wurde, dass in den letzten zehn Jahren die Temperaturen global nicht um ein hundertstel Grad gestiegen sind. Der Befund kam von der eigenen Zunft, Klimatologen, aber er kam bei Klimabesorgten im IPCC schlecht an: Erstens sei es nicht wahr, dass es nicht wärmer geworden sei, und zweitens sei es, wenn es doch wahr wäre, keine Überraschung, wenn die Erwärmung einmal Pause mache. Drittens seien auch zehn Jahre zu kurz für Schlussfolgerungen, für Klimatologen zählten erst Zeiträume ab 25 Jahren.

Gut, darüber kann man sich verständigen, auch Wissenschaft braucht Konventionen. Etwa die der Öffentlichkeit aller Daten. Die kam beim IPCC in ein düsteres Licht, als Hacker den E-Mail-Verkehr angriffen und publizierten („Climategate“). Aus den Mails konnte man lernen, dass sich auch IPCC-Forscher über die Nichterwärmung und andere Probleme im Klimahypothesengebäude Sorgen machten. Zur Lösung von einem – dem seltsamen Umstand, dass in den letzten fünfzig Jahren die Bäume im Norden trotz gemessener Erwärmung schlechter wuchsen – habe er einen „trick“ gefunden, schrieb ein britischer Forscher in einem der Mails. Man wurde stutzig, ließ sich aber beruhigen, das englische „trick“ meine nichts Böses, sondern schlicht und einfach eine elegante Lösung.


Aber in den Mails stand auch anderes, es weckte den Verdacht, missliebige Befunde hätten unterdrückt werden sollen, und Daten seien vernichtet worden. Man wurde stutziger, ließ sich aber wieder beruhigen, die Uno-Klimakonferenz stand bevor, offenbar zielte die Hackerattacke auf sie – und irgendjemand wird sie schon bezahlt haben, es gibt Interessen genug. Das IPCC hingegen besteht aus Forschern, und Forscher sind per definitionem nichts als der Neugier und der Wahrheit verpflichtet und legen alle subjektiven Befindlichkeiten ab, wenn sie den weißen Mantel überstreifen, das ist dessen Sinn, das ist der Kern der Naturwissenschaft.

Menschen bleiben sie doch, und Menschen machen Fehler, das zeigte sich vor zehn Tagen, als die „Sunday Times“ – gefüttert von wem auch immer – die nächste Runde einläutete. Diesmal griff man sich so an den Kopf, dass kein Beruhigungsmittel half, im Gegenteil, es machte alles ärger. Bekannt wurde zunächst ein dicker Hund im letzten „Sachstandsbericht“ des IPCC, das ist die Klimabibel, die den Stand des Wissens gibt und weitreichende ökonomische und politische Konsequenzen hat. Dort stand, auf einer von 3000 Seiten, bis 2035 seien die Gletscher des Himalaja weg.


Das war abgeschrieben – nicht erforscht, nicht von Kollegen begutachtet –, und es war falsch. So rasch schmelzen die Himalaja-Gletscher nicht, die größeren sind in den letzten Jahren eher stabil geblieben, das zeigten Messungen eines indischen Forschers. Aber dessen Arbeit wurde von Rajendra Pachauri, dem indischen Chef des IPCC, als „Voodoo-Wissenschaft“ beschimpft.

Mit Zeitverzögerung bedauerte das IPCC den Fehler doch. Aber dabei lernte man, dass er von einer Fehlkonstruktion der Organisation kam: Im IPCC arbeiten zwei Gruppen parallel an gleichen Themen, eine mit viel Sachverstand, eine mit weniger, ihr unterlief der Fehler. Zwar wurde er bald bemerkt, aber öffentlich korrigiert wurde er nie, noch ein Schlag gegen alle guten Bräuche der Wissenschaft.

Stattdessen tauchte die falsche Zahl – leicht gewandelt: In 40 Jahren seien die Gletscher weg – in einem Antrag für Forschungsgelder auf. Sie wurden bewilligt, von ihnen profitierte auch ein Institut in Indien, es heißt TERI, sein Chef heißt Pachauri und ist der Chef des IPCC. Honi soit!

Kommen zusammen: (a) Fehler, (b) eine Struktur, die sie ermöglicht, wenn nicht provoziert, (c) eine Person an der Spitze, die sich in Verdacht bringt, beim Akquirieren von Forschungsgeld mit dem Fehler operiert zu haben. (a) Fehler kommen natürlich vor, (b) das strukturelle Problem will das IPCC beheben. – Bleibt der Mann an der Spitze. Er denkt nicht an Rücktritt, offenbar wird er ihm vom eigenen Gremium auch nicht nahegelegt. Anders wird sich allerdings das rapide Schmelzen des Vertrauens, auch in die Wissenschaft ganz generell, nicht aufhalten lassen, mag der Winter hart sein, wie er wolle.


juergen.langenbach@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2010)

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19 Kommentare
derpradler
07.02.2010 10:04
1 0

Wenn sogenannte Wissenschafter

für eine Lobby agieren und wenn es dann noch die Atomlobby ist, dann ist das halt so. Wenn aber die "unabhängigen" Medien auch dieser Lobby verpflichtet sind, oder vielleicht nur zu faul sind nachzudenken, zu hinterfragen und ehrliche Wissenschafter, der Einfach halber, ganz einfach beiseite schieben, dann ist es vorbei mit "lustig".
Das Geschäft mir der Umwelt, der Erderwärmung, der CO²-Lüge ist halt zu verlockend!

0 0

Das angesehenste Forschergremium der Erde???

Ich kenne kein Forschergremium, das in der Welt der Wissenschaft von dieser heftiger kritisiert wird.

Gast: Dr.Gernot Stöckl
31.01.2010 21:55
1 0

Kopenhagen sei tausend Dank!

Das ist mein tägliches Morgengebet!

Gast: Dr.Gernot Stöckl
31.01.2010 21:53
1 0

Wer beschickt das IPCC mit welchen "Experten"???

Das müßte einmal eingehend hinterfragt werden!

Wen vertreten diese "Wissenschaftler"?

In wessen Auftrag handeln sie ??

Wer bezahlt ihre "Studien"???

Jedenfalls ist bekannt, daß die "wissenschaftlichen Ergebnisse" im IPCC per Mehrheitsbeschluß erstellt werden und die Argumente der unterliegenden Minderheit weitgehend unter den Tisch gekehrt werden!

17und4
31.01.2010 20:20
1 0

Haha, selten so gelacht:

"Das IPCC hingegen besteht aus Forschern, und Forscher sind per definitionem nichts als der Neugier und der Wahrheit verpflichtet und legen alle subjektiven Befindlichkeiten ab, wenn sie den weißen Mantel überstreifen, das ist dessen Sinn, das ist der Kern der Naturwissenschaft."
solche Einschätzungen der honorabilität von Wissenschaftlern sind einfach am Leben vorbeigegriffen.
Nichts ist so, war nie so und wird auch nie so sein, ausserdem mehren sich die forschungsergebnisse von einstigen Befürwortern, die genau zeigen, dass die Erderwärmung niemals in der prognostizierten Form kommen wird.

Gast: gms
29.01.2010 02:11
0 0

Dokumentation zum Thema


video.google.com/videoplay?docid=-284191183500847565#

"In einer Aufsehen erregenden Dokumentation bestreiten namhafte internationale Wissenschaftler massiv die These, wonach der Mensch durch das industriell produzierte Kohlendioxid verantwortlich sei für den weltweiten Temperaturanstieg und seine Folgen. Die Anzeichen für einen Klimawandel sind unverkennbar: Weltweit berichten die Medien fast täglich über neue, verheerende Naturkatastrophen [..]

2 0

Es gibt eben KEINE "wertfreie" Wissenschaft!

Schließlich bezahlen die Forscher ihre Arbeit in den Laboratorien samt aufwendigen Experimenten nicht selbst! Und ähnlich wie Meinungsforscher liefern sie ihren Auftraggebern die von diesen gewünschten Ergebnisse ab. Denn hier geht es einzig allein um wirtschaftliche Interessen; die "Wissenschaft" liefert dafür sozusagen den "spirituellen Überbau". Und ähnlich sakrosant wie theologische Dogmen sind auch bei den "Vertretern der reinen Vernunft" Zweifel an all dem, was sie als "unumstrittene Erkenntnis" kreiern. Bis sich dann eines schönen Tages heraus stellt, daß des "Unumstößliche" eben doch nur reiner Humbug war. Aber bis dahin haben andere bereits ganz schön daran verdient. Und ein bisserl ist an den Wissenschafts-Priestern wohl hoffentlich auch noch hängen geblieben. Und wenn sie schlau genug sind, schaffen sie auch noch die Kurve und springen schnell auf den nächsten Mode-Hype auf...

periskop
27.01.2010 17:22
1 0

Merkwürdig ist...

dass das Schmelzen der Himalaya-Gletscher, das für unser Klima unwesentlich ist, soviel Aufregung verursacht!
Dass die dem IPCC von Michael Mann - der auch bei "Climategate" eine unrühmliche Rolle spielte - gelieferte "Hockeyschlägerkurve", die vorgaukeln sollte, dass die gegenwärtige Erwärmung etwas Einmaliges ist, eine Fälschung war, hat die Öffentlichkeit dagegen gar nicht berührt. Nach der Aufdeckung des Schwindels wurde ihre Erwähnung erst im letzten Herbst aus der Internetfassung des IPCC-Berichts entfernt. Das hat überhaupt niemanden interessiert, trotz dieses eindeutigen Schwindels hat niemand an der Glaubwürdigkeit des Weltklimarates gezweifelt!
Immer noch wird die heutige Erwärmung so hingestellt, als ob sie einmalig wäre (vor ca. 1000 Jahren war es aber genau so warm), das schürt die Angst und ist eigentlich das Hauptargument für die drastische Klimapolitik Europas!

periskop
27.01.2010 15:54
2 0

Jürgen Langenbach hätte sich besser über den IPCC informieren müssen!

Der Weltklimarat (IPCC) war niemals eine wissenschaftliche, sondern immer eine politische Einrichtung, dessen Aufgabe es ist, die Risiken der vom Menschen gemachten globalen Erwärmung zu beurteilen und Vermeidungsstragien zu nennen. Er forscht nicht und beschäftigt auch keine Forscher (Forschungsaufträge kann er aber vergeben). Das "Abschreiben" kann man ihm nicht vorwerfen, er darf gar nichts anderes machen. Er ist nicht "der Wahrheit und Neugier verpflichtet", sondern der Darstellung der Schuld des Menschen. "Climategate" zeigt nur, dass er auftragsgemäß gehandelt hat.
Dass den Himalaya-Gletschern so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, beweist, dass niemand den ganzen Bericht, sondern alle nur die von Politikern redigierte Zusammenfassung gelesen haben. Der ausführliche Bericht enthält viel schwerwiegendere Ungereimtheiten, die die Glaubwürdigkeit des IPPC längst hätten erschüttern müssen, und die auch zeigen, dass die heutige Klimapolitik auf äußerst schwachen Beinen steht!
Jürgen Langenbachs Artikel über Erkenntnisse der Biologie sind höchst lesenswert, mit dem Klima beschäftigt er sich erst seit Kurzem und offensichtlich völlig ungenügend!

Gast: lou
27.01.2010 11:32
0 1

die verfehlung

der kyotoziele ist so ziemlich die größte errungenschaft unserer letzten regierungen.

Antworten periskop
27.01.2010 18:28
3 0

Re: die verfehlung

Die "Verfehlung" kommt nur von der Angeberei der österreichischen Kyotodelegierten, die dort völlig unnötig unerfüllbare Versprechungen gemacht haben! Die Nichterfüllung kann uns jetzt Milliarden kosten!

0 0

Re: Re: die verfehlung

Das kommt eben davon, wenn man überall den Vorreiter spielen will! Dann wird man an seinen Versprechungen gemessen und darauf fest genagelt. Anderseits hat man unter Schüssel auch ganz freiwillig, also aus Brüssel ungefragt, den österreichischen EU-Beitrag VERDOPPELT, um sich die eh wie eine schwere Kostenkugel am Bein der EU-Nettozahler hängende Erweiterung leisten zu können...

Gast: Uriel
27.01.2010 09:34
3 0

was ist da überraschend ?

Klimawandel ist eine Marke wie Coca Cola, BMW, Sony etc. Die Produkte müssen vermarktet werden. Man produziert was der "Markt will". Mit Realität hat das alles nichts zu tun.

Antworten Gast: freund
27.01.2010 11:52
2 0

Re: was ist da überraschend ?

Ein wahres Wort, ja!

Der Mensch hat einfach ein Bedürftnis nach Metaphysischem- wenn die Religionen Marktanteile verlieren, springen eben solche Untergangsvisionen in die Bresche.

Im Übrigen: Es gab kein Zeitalter ohne Untergangsvision. Das ist halt jetzt unsere.

Antworten Antworten Austrian
27.01.2010 12:09
3 0

Re: Re: was ist da überraschend ?

Allerdings.

Sollte nicht der Wald auch schon längst gestorben sein?

In den 70ern fürchtete man sich übrigens vor einer globalen EISZEIT. Sehr amüsant das durchzulesen.

http://www.welt.de/wissenschaft/umwelt/article5489379/Als-uns-vor-30-Jahren-eine-neue-Eiszeit-drohte.html

0 0

Re: Re: Re: was ist da überraschend ?

Vielen Dank für diesen aus heutiger Sicht geradezu unglaublichen Link! Wie schnell sich doch die wissenschaftlichen Prognosen aufgrund "intensiver" Klimabeobachtungen ändern können: Eínmal fürt die exzessive Luftverschmutzung zu einer neuen Eiszeit; dann wieder zu einer geradezu mörderischen Erwärmung! Auffallend: Es waren durch die Bank wirklich namhafte Wissenschaftler, die diese völlig daneben gegangenen Prognosen erstellten! Aber auch das zeigt wieder einmal deutlich: Keiner weiß, was morgen ist und kommt...

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Dr.Gernot Stöckl
31.01.2010 21:47
1 0

Re: Re: Re: Re: was ist da überraschend ?

Richtig! Unbedingt lesen!

Damals war die Eiszeit die drohende Katastrophe und dann explodierte Tschernobyl worauf das CO²-Märchen erfunden wurde, um die Atomenergie wieder ins Geschäft zu bringen!

roger
27.01.2010 08:15
4 0

2035 statt 2350

Erfreulich, dass es immer mehr Journalisten wagen, die herrschende Lehre vom Klimawandel zu hinterfragen. Der Uno-Beirat IPCC soll das Feld politisch aufbereiten - um ein möglichst effizienten Abkassieren im Namen des Klimas zu gewährleisten.

Antworten lachsrosa
27.01.2010 21:50
0 0

Re: 2035 statt 2350

ein bisschen anders war das schon: http://www.zeit.de/2010/05/U-IPCC-Kasten

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