25.05.2012 22:25 | Meine Presse Merkliste 0

Es ist unser Recht, es sind unsere Daten

WOLFGANG BÖHM (Die Presse)

Endlich formiert sich eine politische Gegenbewegung zur Front der hyperaktiven Datenabsauger.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

John F. Kennedy hat es bereits zu Beginn der 1960er-Jahre versucht. Sein nationales Datenzentrum, in dem jeder US-Bürger registriert werden sollte, scheiterte am Widerstand der US-Parlamentarier. Fünfzig Jahre später sind es die EU-Parlamentarier, die den unstillbaren Sehnsüchten amerikanischer Datensammler den Riegel vorschieben. Mit ihrem angekündigten Nein zur Weitergabe aller Banküberweisungsdaten an die USA haben sie ein wichtiges Zeichen gesetzt. Endlich formiert sich breiter politischer Widerstand gegen ein Überwachungssystem, das bereits tief in unser Privatleben eindringt.


Bei allem Verständnis für das amerikanische Terrortrauma muss eine Grenze gezogen werden, um weitere Beschädigungen eines Grundrechts zu vermeiden. Die Forderungen der US-Sicherheitsbehörden nach Übermittlung von Fluggastdaten und nach Zugriff auf Bankdaten stellt sogar ureigene amerikanische Prinzipien wie das im neunzehnten Jahrhundert entwickelte „Right of Privacy“ infrage. Demnach muss es nämlich jedem Bürger freistehen, selbst darüber zu entscheiden, welche Gedanken, Meinungen und Informationen er öffentlich macht und welche nicht. Dieses Recht war lange die Bibel des Datenschutzes, die Grundlage des freien, vom Staat unabhängigen Individuums.
Wenn heute argumentiert wird, dass sich viele durch ihre Homepage, durch Facebook und Twitter sowieso offenlegen, ist das zwar den Fakten nach richtig. Falsch ist aber, dass daraus eine Zustimmung zum generellen Absaugen aller Daten abgeleitet werden kann. Auch in Zeiten des Internets muss es unsere eigene Entscheidung bleiben, was wir preisgeben.


Die reale Angst vor neuen Terroranschlägen darf nicht dazu führen, dass wir uns bisher so wichtige liberale Grundrechte wie den Datenschutz zerstören lassen. Das Argument „Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten“ ist nur eine Metapher einer weitverbreiteten Naivität. Sie wird von Sicherheitsbehörden geschürt, um an einem Überwachungsstaat weiterzubauen. In derselben Logik könnten wir Priestern erlauben, das Beichtgeheimnis zu brechen, wir könnten unseren Arzt von der Verschwiegenheitspflicht entbinden. Dann dürften wir uns freilich nicht mehr wundern, wenn Polizeibehörden und Versicherungen von uns Verlässlichkeitsprofile serstellen, wenn unsere Darmspiegelung auf YouTube veröffentlicht wird und wir irgendwann einen Chip injiziert bekommen, der unseren Alkoholkonsum dokumentiert.


„Na und, warum nicht?“, werden die verbliebenen Sicherheitsbegeisterten fragen. Darum, weil unser Leben immer ein Auf und Ab, eine schicksalshafte Hochschaubahn an guten und schlechten Entscheidungen ist. Es gibt Familienkrankheiten, Schulden, Jugendsünden, die wir vielleicht längst überwunden haben. Deshalb ist es absurd, sie zur jeweils aktuellen Bewertung unserer Person heranzuziehen.

Wer seinen Chef auf Facebook beschimpft und irgendwann später von seinem Hassobjekt dafür zur Verantwortung gezogen wird, ist selbst schuld. Wer seine Verdauungsprobleme in Kolumnen beschreibt und dann von seinen Kollegen keine Schokolade mehr angeboten bekommt, ebenso. Doch die Selbstbestimmung ist durchbrochen, wenn eine Spende an eine afghanische Volksmusikgruppe oder an einen kurdischen Freund, der aus einer PKK-Familie stammt, zur Observierung amerikanischer Geheimdienste führen kann.

Moment, hier ist genau der Widerspruch“, mögen die letzten verbliebenen Sicherheitsfanatiker einwerfen. Aber auch sie irren: Die Nutzung von Daten zur Kriminalitätsbekämpfung soll gar nicht infrage gestellt werden. Schon bisher konnte über einen richterlichen Beschluss ein Verdächtiger abgehört werden, es konnten seine Daten gesammelt werden. Aber es musste ein eindeutiger Zusammenhang mit einem Delikt bestehen. Die Bereitstellung aller Bankdaten, wie es die USA nun fordern, ist die Umkehrung dieses Prinzips: Hier wird der Wald zum Roden freigegeben, obwohl nicht einmal sicher ist, dass ein einziger Baum vom Borkenkäfer befallen ist. Was mit den Daten geschieht, ob sie für Dritte zugänglich gemacht werden, ob sie der Wirtschaftsspionage genauso dienen wie den Steuerbehörden – all das ist offen.


Wer noch immer meint, er habe nichts zu verbergen, der soll es einfach tun: Er soll seine Kontoauszüge ins Netz stellen, seine Reiseziele, Sexualgewohnheiten und den Inhalt seiner letzten Beichte veröffentlichen. Es ist seine eigene freie Entscheidung. Ich aber würde das nicht tun. Mein Leben geht weder die USA noch Sie etwas an!


wolfgang.boehm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2010)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

24 Kommentare
GKRIEGL
30.01.2010 13:44
1 0

GROSSARTIG

Der allgemeinen Tendenz, den Schutz der Privatsphäre zugunsten von Terror- und Verbrechensbekämpfung, aber auch zugunsten der allgemeinen Informationssucht ( Neugier von Presse, Rundfunk und Fernsehen ) aufzugeben bzw. einzuschränken, sollte kräftiger Widerstand geleistet werden.
Dieser Artikel leistet einen hervorragenden Beitrag dazu.

Gast: Stefan D.
29.01.2010 16:24
0 0

Weiter so!

Der Kommentar gefält mir sehr gut. Ich bin auch dafür ihn lange Zeit auf Seite 1 zu verlinken.
Es wäre schön wenn "die Presse" an dem Thema dranbleibt und sich nicht abschütteln läßt.

Ich befürchte nämlich nach dem medial ausgeschlachtetem NEIN des Parlaments könnte still & leise ein JA daraus werden, das dann nicht mehr so durch die Medien geistert. Bitte bleiben sie dran!

Übrigens plant die EU ein eigenes Überwachungsprojekt (http://www.indect-project.eu/), das nach dem selben Prinzip funktioniert. Der Wald wird mal vorsorglich gerodet, es könnte ja ein Borkenkäfer drin sein (der Vergleich gefällt mir).

Auch bei diesem Projekt - übrigens mit österreichischer Beteiligung - sollten die Medien Ihre kontrollierende Funktion wahrnehmen!

Gast: mastodon
29.01.2010 14:22
0 0

Aus RussLand

Sehr genau!

Der Vertreter der EVP ...

... hat in Wirklichkeit gesagt, dass das nicht so einfach geht - die Daten ohne Konsultation des Parlaments freizugeben.
Die unterwürfigen Deutschen (wie sie von den USAmerikanischen Republikanern genannt wurden) werden ganz bestimmt nachgeben.

Svenfekter
29.01.2010 11:41
0 1

Man sollte manchmal nicht vollmundig schreiben!

Die Amerikaner werden diese Daten doch bekommen.
Mr. Böhm sollte die Sache von einer anderen Seite mal sehen. Was verlangen die. östrr. Konsolaten von einem für Visa, der nur in Österreich Urlaub machen möchte oder nur seine Verwandten besuchen möchte?
Wenn die Österreicher auf ihre Daten grosses Wert legen, sollten sie nicht in die USA reisen.
Abgesehen davon, welche Informationen die östrr. Behörden über ihre eigene Bürger sammeln!
Wenn die Europaer für ihre Sicherheit ihre persönliche Freiheiten aufgeben, sollten doch die Amerikaner nicht verhindert werden! Die Amerikaner lassen sich auch nicht verhindern!

0 0

Richtiger Entschluß der EU; guter Kommentar von Herrn Böhm!

Na servas, die EU-Parlamentarier trauen sich da was: Schön wäre es ja, wenn sie endlich das mit dem "aufrechten Gang" durchziehen würden. Ich glaub¿s aber erst, wenn Washington dennoch beginnt, Druck auf Brüssel auszuüben: Weden sie dann weiterhin tapfer unzumutbarem Begehren des US-Heimatschutzes Paroli bieten - oder, wie schon bei früheren Anlässen zu sehen, einen mehr oder weniger "geordneten Rückzug antreten"? Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt...

Die einzigen, die sich den US-Wünschen nach sachdienlichen Infos wirklich verweigern, das scheinen die Afghanen zu sein. In einer ARD-Regportage beklagte ein US-Kommandant, wie wenig kooperativ; sprich auskunftsfreudig, die ländliche Bevölkerung doch im Zusammenhang mit in den betreffenden Region operierenden Taliban sei. Man stehe förmlich vor einer Mauer des Schweigens.

Aber genau dazu sollte die EU, zumindest in der im Artikel beschriebenen Causa, eigentlich auch fähig sein! Herr Böhm liefert dafür die besten Argumente!

0 0

"Schön wäre es ja, wenn sie endlich das mit dem "aufrechten Gang" durchziehen würden"

sehe ich auch so.
hinzufügen muss man allerdings: die möglichkeit für aufrechten gang hat das eu-parlament eigentlich erst so halbwegs seit dem inkrafttreten des lissabon-vertrags.
jenes vertrags, von dem so viele behaupteten, er wäre das ende jeglicher demokratie und mitbestimmung in europa....

werden diese lissabon-vernaderer jetzt von sich aus ihre bank- und sonstigen daten nach langley, va, schicken?
konsequentes handeln wäre es jedenfalls.


Gast: MH
29.01.2010 11:39
1 0

Wer schützt vor den Datenschützern?

Immer wenn der Datenschutz in Zusammenhang mit dem "kleinen" Bürger bemüht wird, beschleicht mich das Gefühl, dass es eben nicht um die kleinen unbescholtenen Bürger geht deren eventuelles Nasenbohren nun -oh Schreck- datenmäßig erfasst und an den Pranger gestellt wird.

Und mir fällt ein:

Die Regenbogenpresse aber auch andere Medien die oft ganz ungeniert Privates und auch Unwahres, Pietätloses veröffentlichen, und wehre sich wer (finanziell) kann.

Und mir fällt der Name Zogaj ein, lange Zeit als unbescholtene, beliebte Familie dargestellt, aber so manch erwiesenes Gegenteil unter "Datenschutz" fiel und deshalb die Wahrheit bestraft und die Lüge belohnt werden sollte.

Und mir fallen die Autobahnkameras ein, aufgrund derer jeder rechtschaffene, legal gemeldete Bürger zur Rechenschaft gezogen werden kann, aber keiner der Kriminaltouristen erwischt...

Und mir fallen die Grünen ein, die sich sooo für Datenschutz engagierten, aber ..... (eh selber wissen)


0 0

DANKE


1 0

super!

besser kann man es nicht formulieren!

Gast: Countdownclown
29.01.2010 10:52
2 0

Benjamin Franklin:

Those who would give up essential Liberty to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety.

Gast: mi fhèin
29.01.2010 10:06
1 0

Danke für diesen Kommentar!

Das war wirklich mal fällig. Und dem ist auch nichts hinzuzufügen!

toranaga
29.01.2010 08:09
1 0

bravo wolfgang boehm !


bitte bleiben sie am thema dran.

mfg, t.

0 1

die ars.-kriecher mucken auf

die usa vasallen mucken auf, aber wieso?

hat es die eigene hörigkeit oder die dummheit verboten?

wieso muss die eu alles einseitig bestimmen, oder darf dann die eu auch die usa-daten einsehen?

Gast: Iarno
29.01.2010 00:15
2 0

Endlich !

Endlich eine eindeutige Stellungnahme gegen die Überwachungstendenzen. Das entspricht der Traditioin der "Neuen Freien Presse". - In letzter Zeit hat es aber schon allzu viele, kaum gut zu machende Eingriffe in die Privatsphäre gegeben, wo eine Stellungnahme angebracht gewesen wäre: Das Recht der EXEKUTIVE, OHNE RICHTERLICHEN AUFTRAG auf den PC eines Internetteilnehmers zugreifen zu können. SKANDALÖS ! Oder das Begehren der Sozialversicherungen, nicht nur Diagnosen, sondern auch Symptome auf chefarztpflichtigen Rezepten, elektronischen Überweisungen etc und, aktuell, auch auf ELGA (der el.Gesundheitsakte) abzuspeichern. Hier hat der Bürger nur sehr bedingt die Freiheit, Daten zu unterdrücken, denn er will ja im Notfall auch ärztliche Hilfe und finanzielle Unterstützung durch die Kasse. ES WIRD NICHT KOMMUNIZIERT WIE GESUNDHEITSDATEN SICHER BLEIBEN (oder denken Sie an die privaten Versicherungen, die wollen Daten. Bei Krediten braucht man zur Besicherung oft eine Versicherung) ES FEHLT DAS LEGISTISCHE REGELWERK ZUR VERHINDERUNG VON DATENMISSBRAUCH, es sollte kein Druck zur Herausgabe von Daten ausgeübt werden dürfen. Natürlich sollen in letzter Zeit ALLE EINKOMMEN ÖFFENTLICH UND MÖGLICHST GLEICH ALS "UNVERHÄLTNISSMÄSSIG" AN DEN PRANGER gestellt werden. ABGEHORCHT WIRD DERZEIT ALLES. Das Nein des Europaparlamentes, sollte es kommen, ist seit langem wieder ein kleines Lebenszeichen des kränkelnden Europa. "Mehr privat, weniger Staat" war zuletzt aus der Mode.

Gast: MelGibson
28.01.2010 22:07
0 3

...

Gähn, sehr müde dieser Artikel.

"Sie haben kein Recht in meine Privatspähre einzudringen" --- war ein Satz in einem amerikanischen Film der die zunehmende Überwachung kritisierte, schon vor weit mehr als 10 Jahren !!

na ja, hierzulande dauert alles etwas länger, vor allem bei den letzten verbliebenen Sumpfjournalisten ....

Antworten joquer
29.01.2010 12:33
0 0

Re: ...

Der Satz muß, wie man sieht, regelmäßig wiederholt und neu argumentiert werden - die Angriffe auf die Privatsphäre finden ja genauso regelmäßig statt!

Antworten Gast: mi fhèin
29.01.2010 10:07
0 0

Re: ...

Absolut nicht! Und außerdem sehr notwendig!

Gast: grmblwmpf
28.01.2010 21:49
1 0

unerwartet...

...in der presse, aber dafür umso schöner. danke!

5 0

Bitte diesen Kommentar einen Monat lang tagtäglich auf Seite eins stellen. Danke!


Gast: hofer
28.01.2010 19:18
3 0

Chapeau!

Lob für dieses Kommentar im Speziellen wie für das Substantielle und Fundierte im Allgemeinen, das die Presse gegenüber dem Standard auszeichnet.

Antworten Gast: VersusGerechtigkeit
28.01.2010 21:19
1 0

Wau

gute, sehr gute Argumente.
Gratuliere für jeden Verständlich formuliert!!!!

Gast: gehirnforscher
28.01.2010 18:36
4 0

Wow, die einflussreichste Macht in der Geschichte

Ich bin immer wieder überrascht von der gigantischen Macht der USA, so einen Einfluss auf die ganze Welt ausüben zu können. All das nach den vielen Watschen, die die USA unter George W. einstecken mussten. Das sind nicht nur die SWIFT- daten; das sind die Einreiseauflagen in die USA für Besucher ohne die geringste Gegenreaktion auszulösen. Runt um die Boltzmanngasse wird abgesperrt, wie's den Amis gerade einfällt, die Kahlenbergstr. ist ein weiteres Beispiel. Die Kriege der USA werden entweder vom Ausland zwangsbezahlt oder von deren Soldaten mitgefochten. Dass sich die Welt wie eine Kolonie behandeln lässt, muss offensichtlich an der militärischen Überlegenheit der USA beruhen.

Antworten Svenfekter
29.01.2010 11:45
1 0

Re: Wow, die einflussreichste Macht in der Geschichte

Nicht die Welt, Europa laesst sich von den Amerikaner wie eine Kolonie behandeln!

Mehr Kommentare:

Top-News