12.02.2012 13:44 | Meine Presse Merkliste0

Wie "Invictus" in Wien funktionieren könnte

MARTINA SALOMON (Die Presse)

Von der Überwindung ideologischer Grenzen mit Hilfe gemeinsamer Ziele ist Österreich weit entfernt.

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Politik ist kein Hollywoodstück. Aber Hollywood kann manchmal ein Lehrstück für Politik sein. Noch dazu, wenn es eine historische Vorlage hat. Clint Eastwood erzählt im derzeit laufenden Heldenepos „Invictus“ vom WM-Sieg des südafrikanischen Rugby-Teams 1995 und von dessen Unterstützung durch Präsident Nelson Mandela, der diesen Sport für die Einheit des Landes über Rassengrenzen hinweg nutzen wollte. Dafür musste er aber erst seine eigene schwarze Anhängerschaft mobilisieren, und zwar gegen scharfen Widerstand. Denn Rugby galt als Weißensport mit nur einem einzigen schwarzen Spieler im Nationalteam, das die nun regierenden Schwarzen eigentlich zerstören wollten.

Mandela wird als Prototyp des idealen Politikers dargestellt: verzeihend, willensstark. Einer, der den politischen Gegner durch Versöhnlichkeit überraschen will und eine klare Mission hat. Wer ein Ziel hat, kann es auch gegen Zweifler durchsetzen und wird am Ende dafür bejubelt werden, auch wenn der Weg dorthin hart ist. So lautet die politische Botschaft.

Ohne auf die massiven Probleme im damaligen wie im heutigen Südafrika eingehen zu wollen, sei eine Frage erlaubt: Haben wir heute Politiker, die diesem Ideal auch nur nahekommen? Eher nicht. In Österreich herrschen Pragmatiker der Macht, die Tagespolitik überschattet alles, die Ziele sind verschwommen. Ein Teil des Kabinetts wirkt überhaupt so, als wäre es nur zufällig in die Politik gestolpert, weil er/sie halt vom Parteichef gefragt worden ist. Steht außer Krisenbewältigung noch etwas anderes auf der Agenda? Man weiß es nur bei ganz wenigen Ministern. Natürlich ist das auch Folge der Großen Koalition, die die Parteikonturen verschwimmen lässt. Aber daran allein liegt es nicht.

Denn es gäbe durchaus Projekte, die sich die Regierung auch in dieser politisch mühsamen Konstellation und in wirtschaftlich so schwierigen Zeiten auf die Fahnen schreiben könnte. Dafür müsste sie nur die Schnittmenge zwischen zwei Programmen finden, die für SPÖ und ÖVP einst wichtig waren: Das ist einerseits die „solidarische Hochleistungsgesellschaft“ von Alfred Gusenbauer und andererseits die „ökosoziale Marktwirtschaft“, wie sie unter dem ehemaligen ÖVP-Obmann Josef Riegler propagiert worden ist.

So ist im Koalitionsprogramm zum Beispiel von „massiven Investitionen in Bildung, Wissenschaft und Forschung“ die Rede. Die Regierung hat hier sogar etwas weitergebracht, aber es geht im Waffengeklirr der Regierungsparteien unter: Es gibt nun ein kostenloses, letztes und verpflichtendes Kindergartenjahr. An Bildungsstandards wird gearbeitet, eine Zentralmatura steht in Aussicht. Aber statt bei den nächsten Schritten einen gangbaren Weg zwischen SPÖ-Zielen (Bildungschancen für Kinder aus nicht begütertem Haus erhöhen) und ÖVP-Wünschen (Leistungsniveau der Absolventen verbessern) zu finden, gibt es nur wechselseitiges Haxelstellen.

Schwierig, aber nicht unmöglich wäre auch eine Übereinstimmung in der Sozialpolitik. Laut Koalitionspakt sollen die sozialen Netze „dauerhaft auf gesunde Beine“ gestellt werden. Die SPÖ zeigt nun Herz für Arme mit Hilfe der ab Herbst geltenden Mindestsicherung, nahm aber ihren eigenen Sozialminister unter Beschuss, weil er dafür kein 13. und 14. „Gehalt“ durchsetzte. Die ÖVP hatte die nicht schlechte, aber unausgegorene Idee eines Sozialtransferkontos, verschleiert aber, dass sie eine Deckelung der Summe an Sozialleistungen aus Gemeinde, Land und Bund will. Doch als gemeinsames Ziel könnten sich die Koalitionsparteien eigentlich mehr Treffsicherheit von Sozialleistungen auf die Fahnen schreiben.

In Deutschland wird dieses Thema offener angegangen. FDP-Vorsitzender Guido Westerwelle, der von den deutschen Zeitungen dafür schwer geprügelt wird, hat trotzdem weiterhin den Mumm, politisch quasi „unkorrekte“ Dinge zu sagen wie: „Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein. An einem solchen Denken kann Deutschland scheitern.“ Wer hat hierzulande so klare Ziele und wagt es, sie gegen umfassenden politischen und medialen Widerstand zu äußern?

Allerdings schafft es auch die CDU-FDP-Koalition nicht, daraus eine gemeinsame und überzeugende Agenda zu basteln. Ein wirkliches Vorbild ist sie daher nicht. Angela Merkel schweigt zum Treiben ihres Koalitionspartners eher peinlich berührt.

„Herr Schrill gegen Frau Still“ titelte „Der Spiegel“ nicht unwitzig in seiner aktuellen Ausgabe. Manche mag das sogar beruhigen: Nicht nur Österreich, auch Deutschland ist von Hollywood weit entfernt.


martina.salomon@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2010)

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11 Kommentare
Gast: Dietmar Brach
06.03.2010 21:56
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Guido Westerwelle

sollte nicht als Beispiel für eine erfolgreiche Politik angeführt werden, seine Polemik hat ihm und der FDP letztlich mehr geschadet als genutzt.
Guido Westerwelle macht sich zum Sprecher einer sog. schweigenden Mehrheit. Diese Mehrheit schweigt vor allem deshalb, weil ihre Meinung auf Vorurteilen und scheinbar einfachen Lösungen beruht.
Deshalb ist es auch gut, dass diese Mehrheit schweigt. Dabei schweigt sie aber nicht wirklich. An Stammtischen und unter vorgehaltener Hand hetzt sie weiter gegen Arbeitslose, Ausländer, gegen Homosexuelle und gegen alles was nicht in ihre kleine enge deutsche Welt passt.
Man appelliert nicht nur an die niedrigsten Instinkte im Menschen, man versucht diese mit allen Mitteln zu fördern. Dies ist deshalb brandgefährlich, weil sich wirklich eine schweigende Mehrheit recht leicht durch Medien manipulieren lässt. Ähnlich wie bei Goethes Zauberlehrling ist aber auch für Guido Westerwelle und seine Unterstützer nicht absehbar, welche Folgen deren „Zaubertricks“ langfristig haben wird.
Grüße aus der Landeshauptstadt Hessen
Dietmar Brach, Wiesbaden

Tom93
24.02.2010 14:54
1 1

wieso müssen "ideologische grenzen" ständig "überwunden" werden?

was soll herauskommen, wenn eine partei das diametral entgegengestezte der anderen will, und die zwei dann koalieren? nichts , oder nichts gutes.

das man "böse ideologie" vergessen soll ist nichts als eine phrase. was bleibt dann übrig von den parteien, von der demokratie? wozu gäbe es denn parteien, wenn nicht dazu, unterschiedliche ansichten und vorstellungen, wie die gesellschaft , die wirtschaft, die politik aussehnen soll, zu vertreten und zu artikulieren?

frau salomons als unbedingt notwendig dargestellte "überwindung der ideologischen grenzen" führt nur zum niedergang der demokratie. von techokratismus und verwechselbarkeit haben wir eh genug, und es profitiert davon die extreme rechte. darauf kann ich gerne verzichten. wir brauchen klare konturen, klare aussagen, und den willen, diese auch energisch zu vertreten. daran mangelt es bei uns. wir brauchen nicht weniger ideologie, sondern mehr, im sinne von unterscheidbarkeit und klarheit.

Antworten Gast: gutes Gewissen
24.02.2010 18:07
0 1

Re: wieso müssen

Selten so einen vertrottelten Kommentar, als den von TOM93 gelesen. Offensichtlich hat er/sie Frau Salomons Artikel gelesen aber nicht begriffen! Frau Martina S. hat's auf den Punkt gebracht; wenn's Dodel/inen gibt, die's nicht schnallen, muss man sich eben mit diesen Kollateralschäden abfinden!

Antworten Antworten Tom93
24.02.2010 19:40
0 0

Re: Re: wieso müssen

brillant! wie haben mich überzeugend widerlegt! elegant, wie sie hier formulieren, meine hochachtung!

Antworten Antworten Antworten Gast: gutes Gewissen
24.02.2010 22:40
0 0

Hallo TOM93, get a life or a job!

Da schreibt TOM93:

"...brillant! wie haben mich überzeugend widerlegt!..."

Da kann ich nur antworten:

Ich wünschte mir, das Gleiche von deiner Antwort sagen zu können!

0 0

Staatsmänner sind gefragt, keine Parteifunktionäre

Es wäre wunderbar, wenn Politiker die Grundsätze eines Solon, Perikles oder anderer STAATSMÄNNER und STAATSPHILOSOPHEN Griechenland zumindest ansatzweise kennen würden. Etwa "Der Staat der Athener" aus der Philosophenschule des Aristoteles.
Die Umsetztung, inklusive Scherbengericht, allerdings wäre für Parteipolitiker schwierig, welchen nicht das Wohl des Staatsganzen am Herzen liegt, sondern die Erhaltung von Privilegien ihres Klientels.
Klientelismus ist ein System personeller, ungleicher Abhängigkeits-Beziehungen in politischen Apparaten, zwischen einflussreichen Personen und ihren Klienten auf der Grundlage von Leistung und Gegenleistung. Betrachtet man diese Form asymmetrischer Beziehung von Seiten der einflussreichen Person aus, spricht man auch von Patronage. Unsere Staatsform = Sozialpartnerschaft, NGO¿s, u.a. Freunde.

Der Begriff Staatsmann bezeichnet einen Mann des Staates, einen Politiker in hohen staatlichen Ämtern, in der Regel Staats- oder Regierungschefs, die nach Auffassung der öffentlichen Meinung etwas geleistet haben, das über alltägliche Politik hinaus geht. Für ehemalige Staats- und Regierungschefs hat sich in den letzten Jahren die englische Bezeichnung "elder statesmen" eingebürgert.
Nur wo sind in Österreich solche Idealtypen?
Man erinnere sich nur etwa an Fred Sinowatz, der den alleserklärenden, weltphilosophischen Politikergrundsatz prägte:
"Alles ist sehr komliziert" einerseits und
"Ohne die Partei sind wir nichts" andererseits.

Antworten Gast: Gehirnforscher
24.02.2010 18:10
0 0

Re: Staatsmänner sind gefragt, keine Parteifunktionäre

Stimmt, aber wo hernehmen und nicht stehlen?

Gast: Südafrikaner
24.02.2010 08:45
4 0

Um Mandela als "idealen" Politiker zu sehen muß man wohl Europäer oder besoffen sein.

Frau Salomon sie haben keine Ahnung also schreiben sie nicht über Dinge von denen sie keine Ahnung haben.

Antworten joquer
24.02.2010 13:18
0 0

Re: Um Mandela als

Ich denke es ist hier die Darstellung Mandelas gemeint und nicht Mandela selbst. Die nachhaltige Verfolgung eines Ziels kann man Herrn Mandela aber nicht absprechen, und genau das würde man sich auch bei unseren Politikern wünschen! So könnte man wenigstens entscheiden, ob die Ziele, die der Politiker verfolgt, unterstützenswert sind oder nicht.
Genau das ist aber natürlich die Angst unserer Parteidiener...

Arethas
23.02.2010 22:45
1 2

Dubioses Vorbild

Der Terrorist Rolihlahla Dalibhunga Mandela als Vorbild für unsere Politiker? Demnach sollten uns unsere Politiker zum bewaffneten Kampf gegen unsere Unterdrücker aufrufen?
Eine interessante, wenn auch etwas abwegige Vorstellung.
Aber halt, das könnte einem ÖVP-Politiker durchaus als nachahmenswert erscheinen:
"Ökonomische Macht in den Händen von Schwarzen ist ein Ziel, das wir in vollem Umfang vertreten."

Gast: little_brother_is_watching_you_too!
23.02.2010 20:36
1 0

weil unsere politiker alle ...

... parteiapparatschiks ohne schneid sind. die sind ja schon froh, wenn sie nicht vor ablauf der legislaturperiode von den eigenen leuten abgeschossen werden - lange bevor sie eine wahl verlieren können.
eine grosse koalition kann ja nur stillstand bedeuten - wenn beide partein am jeweils anderen ende des tisches sitzen. wie soll das auch gehen. haben wir eh die letzten jahrzehnte gesehen und trotzdem wird so ein monstrum immer wieder angelobt und vom presidenten abgesegnet. es ist doch alles ein witz - es gehören neue parteien her, welche, die noch nicht über derart verfilzte und aufgeblasene vorfeldorganisationen verfügen und somit jeden reformeifer im keim ersticken.
wenn man nicht mal an einem spö-nein bezüglich öbb-pragmatisierungsabbau vorbeikommt (obwohl diese zustände nur mehr verärgertes kopfschütteln bei der arbeitenden bevölkerung hervorrufen) dann kann man nur hoffen, unser bundesheer putscht bald, bevor überhaupt kein panzer mehr funktioniert.

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