25.05.2012 22:32 | Meine Presse Merkliste 0

London: An der Kreuzung wartet Tony Thatcher

CHRISTIAN ULTSCH (Die Presse)

David Cameron inszeniert sich als Erbe von Tony Blair und Maggie Thatcher. Das müsste für den Sieg reichen.

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Gordon Brown überraschte. Er bewies Sinn für Humor. „Wahrscheinlich ist es das schlechtestgehütete Geheimnis der vergangenen Jahre“, hob der britische Premier an, als er verkündete, was bekannt war: Großbritannien wählt am 6.Mai.

Oppositionsführer David Cameron war jedenfalls bestens vorbereitet auf die Auflösung des Parlaments, die der politisch denkende und leidende Teil des Inselvolkes seit Monaten herbeisehnt. Dem Vorsitzenden der Konservativen gelang es schon am Tag eins des offiziellen Wahlkampfs, Brown die Show zu stehlen. Cameron versammelte seine Anhänger vor dem Big Ben, zeigte aufs Parlament und sagte: „Das ist die wichtigste Wahl seit einer Generation, und sie läuft auf Folgendes heraus: Ihr müsst Gordon Brown nicht noch einmal fünf Jahre ertragen.“ Das war natürlich nicht ganz korrekt, weil der Labour-Chef erst 2007 Tony Blair als Premier beerben durfte und davor als zunehmend übellauniger Finanzminister in den Startlöchern gesessen war. Aber es war ein dynamischer Auftritt.

Der regierende Schotte bevorzugte ein statisches Gruppenbild. Er eröffnete den Wahlkampf vor seiner Wohnung, dem Sitz des Premiers in Downing Street 10, und umgab sich dabei mit seiner Regierungsmannschaft. Damit wollte er erstens den (falschen) Eindruck vermitteln, dass seine Labour-Partei geschlossen sei, obwohl sie sich ihrem Kapitän gegenüber zuletzt ähnlich loyal verhalten hat wie die Besatzung der Bounty. Zweitens versuchte er, das Kinn kühn gen Himmel gestreckt, sich als staatstragend zu inszenieren. Seine Hauptbotschaft: Großbritannien ist auf dem Weg der wirtschaftlichen Besserung; wenn Camerons Amateurtruppe an die Macht kommt, geht es wieder zurück in die Intensivstation. Drittens ist es für jemanden, der nicht ganz an die Ausstrahlung von George Clooney herankommt, immer ganz gut, sich mit einem Team zu präsentieren.

Am bemerkenswertesten ist jedoch, dass Gordon Brown am ersten Tag des Wahlkampfs nicht schon völlig chancenlos ist. Das hätte vor einiger Zeit noch niemand für möglich gehalten, angesichts der allgemeinen Labour-Müdigkeit, die sich nach 13 Jahren an der Macht, einem verunglückten Irak-Krieg und einem saftigen Spesenskandal wie Mehltau übers Land gelegt hat; angesichts eines sauertöpfischen Spitzenkandidaten, der im Monatsrhythmus Palastrevolten niederschlagen musste, und angesichts einer konservativen Opposition, die sich weichgespült hat und in die wählbare Mitte der Gesellschaft gedriftet ist.

Doch Brown hat sich zurückgekämpft, oder die Tories haben an Schwung verloren – je nach Blickwinkel. Der 17-Prozentpunkte-Vorsprung Camerons ist in den vergangenen Monaten ziemlich geschrumpft. Der „Guardian“ sieht die Konservativen nur noch um vier Prozentpunkte voran, die „Sun“ immerhin noch um zehn. Was auch wieder beweist, dass sich manche Meinungsforscher gern an den Wünschen ihrer Auftraggeber orientieren.


Die Nachrufe auf Brown waren schon vor zwei Jahren aufgesetzt, geschrieben und in Stein gemeißelt. Doch dann kam die Wirtschaftskrise und brachte den Pastorensohn wieder ins Spiel. Dem Schattenfinanzminister der Tories, George Osborne, hängt bis heute nach, dass er sich gegen die gigantischen Stimuluspakete wandte, die das Wirtschaftssystem vor dem Zusammenbruch bewahrt haben. Cameron und Freunde sind außer Tritt geraten. Sie lassen auch die Klarheit vermissen, mit der sie auf ihrem Parteitag im Oktober noch beeindruckt haben. Damals kündigte Cameron klipp und klar an, er werde als Premier schmerzvolle Einschnitte bei den Staatsausgaben vornehmen. Mittlerweile ist der 43-Jährige vorsichtiger, seine Aussagen verwaschener geworden. Zu viel Ehrlichkeit kommt beim Wähler dann doch nicht so gut an.

Großbritannien steht vor einer spannenden Wahl zwischen einem Weiter-so und einer Zurück-zu-Staats-und-Europa-Skepsis, zwischen einer ideologisch entkernten Sozialdemokratie und einem Liberalismus mit sozialem und umweltfreundlichem Antlitz. Es geht um das Erbe von Tony Blair und Maggie Thatcher, das Cameron vorgibt, in sich zu vereinen. Es geht um die Chance auf einen Regierungswechsel nach 13 Jahren. Und deshalb hat Cameron die besseren Aussichten. Doch frei ist der Weg nach Downing Street 10 noch nicht. Und regieren werden die Tories möglicherweise nur mithilfe der in Umfragen sensationell starken Liberaldemokraten können. Sollte es so weit kommen, dann könnten Nick Cleggs Freisinnige einen hohen Preis verlangen: die Einführung des Verhältniswahlrechts. Das wäre dann allerdings einmal etwas anderes.


christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2010)

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4 Kommentare
galli leo
07.04.2010 12:02
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"Es geht um das Erbe von Tony Blair und Maggie Thatcher, das Cameron vorgibt, in sich zu vereinen"

sowohl thatcher als auch blair haben schon die einiges an positivem bewirkt.
unter dem strich scheinen aber die eher problematischen entscheidungen in der mehrheit zu sein.
eine kombination dieser beiden KANN somit gut sein. die wahrscheinlichkeit, dass dabei pest mit cholera kombiniert wird, ist aber größer.

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ach GB

von solchen polit. Zuständen können SPÖ & ÖVP nur träumen. da ist garantiert, dass die Wahlen nur den einzigen noch positiv verbleibenen Zweck haben, dass institutionalisierte Korruption nicht ausufert indem alle Jahrzehnte und manchmal a bisserl mehr die eine Aparatschikriege gegen eine andere ausgetauscht wird.
Wegen des debilen Wahlsystems dort haben polit. Neuerungsbewegungen null Chancen.
Noch einmal in den 70igern und 80igern hatten Sezessionisten der Labour, die Socialdemocrats fast so viele Stimmen wie diese, bekamen aber KEINEN (!!!!) einzigen Sitz im Unterhaus!

thomas.s.
06.04.2010 22:04
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"Großbritannien

steht vor einer spannenden Wahl zwischen einem Weiter-so und einer Zurück-zu-Staats-und-Europa-Skepsis, zwischen einer ideologisch entkernten Sozialdemokratie und einem Liberalismus mit sozialem und umweltfreundlichem Antlitz."

Herr Ultsch, offenbar schreiben nicht nur Sun und Guardian was ihnen oder ihren Auftraggebern ideolgisch näher scheint.

Sie tun Herrn Cameron unrecht , wenn Sie Ihn als Liberalen bezeichnen. Er ist vornehmlich Pragmatiker und lebt ohne großes Dogma und ohne große Theorie.

Gast: Alter.Kämpfer
06.04.2010 21:32
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Niveau

Bravo, Herr Ultsch! Dieser Kommentar ist einer Qualitätszeitung würdig! Wollen wir wegen Sonntag nicht nachtragend sein.
Das Spannende an Wahlen ist eben, daß sich das Ergebnis nicht mit Sicherheit voraussagen läßt. Sonst wäre es ja auch vernünftig weil billiger, die Ergebnisse von Prognosen zu nehmen und sich die Urnengänge zu sparen.
UK ist reif für Change, das sehen wohl die meisten so! Das müßte für den Sieg reichen!


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