25.05.2012 22:34 | Meine Presse Merkliste 0

Der große Coup in der Nationalbibliothek

NORBERT MAYER (Die Presse)

Google zahlt 30 Millionen Euro für die Digitalisierung des österreichischen Bücherschatzes. Ein Sieg für Online.

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Seit einigen Wochen fürchten sich Bürger, die sensibel für den Datenschutz sind: Google fährt unermüdlich durch alle Straßen und schaut in unsere Schlafzimmer. Wird man bald online sehen können, was der Nachbar so treibt oder gar besitzt? Jetzt sind diese mathematisch begabten Neureichen aus Mountain View, Kalifornien, mit ihrem universalen Sendungsbewusstsein auch noch in ein richtiges Heiligtum der Bibliophilen eingedrungen – mitten am Tag, in die Österreichische Nationalbibliothek. Von dort werden sie im Laufe der nächsten sechs Jahre 400.000 Bücher ausleihen, nach Bayern exportieren, in eine gefinkelte Maschine stecken und digital kopieren.

Ja, dürfen s' denn des? Aber ja, alles legal! ÖNB-Generaldirektorin Johanna Rachinger ist sogar sehr zufrieden. Dieser Coup in der Nationalbibliothek erspart ihr 30 Millionen Euro, bringt sie in die digitale Avantgarde und schafft den Lesern und Wissenschaftlern weltweit wesentlich erleichterte Lese- und Arbeitsbedingungen. Was früher in den besten Bibliotheken physisch mühsam zusammengeklaubt werden musste oder gar nicht zur Verfügung gestellt wurde, ist jetzt nur einen Mausklick entfernt. Das wird die Forschung beschleunigen, ein neues Licht auf den Bestand der besten Häuser werfen und die Lesesäle entlasten. Wer noch mithilfe von Zettelkästen ergründen musste, was Weltbewegendes über „Das Insekt bei Goethe“ geschrieben wurde, wer wissen wollte, ob Schopenhauer Hegel erwähnt hat und in welchem Kontext oder warum auch nicht, weiß: Es kommen goldene Zeiten für die Philologie.


Die von Google massiv geförderte Digitalisierung wird aber auch die Schattenseite von Copy&Paste stärken. Abschreiben und Raubdrucken ist ebenfalls nur einen Mausklick entfernt. Womit wir bei der Kosten-Nutzen-Rechnung sind. Warum macht Google das? Aus Menschenfreundlichkeit? Weil Mitgründer Larry Page vor einem von ihm gebauten Scanner die Idee kam, „alle Bücher der Welt“ dort einzulesen? Was hat das Milliardenunternehmen sonst noch davon?

Nun, vor allem ziemlich viele Informationen: über unsere Interessen, unsere Vorlieben, unsere Ausdauer beim Lesen, unsere Gewohnheiten. Jemand mit der IP-Adresse von Computer X borgt sich zehn Bücher über die Toskana aus, berechnet in Google Maps die Route von Meidling bis Lucca, googelt teure Weinbars – vielleicht sollten wir ihm ein Angebot über eine Kiste Chianti zusenden?

Das mag weit entfernt sein vom allgemeinen Nutzen der Digitalisierung einer öffentlichen Bibliothek, noch dazu, wenn es um längst abgelaufene Rechte geht, aber gerade bei der Verknüpfung von öffentlichem Gut und privaten Interessen muss man doch auch die Frage stellen, wem diese Daten, wem dieses Wissen letztendlich gehören wird. Google hatte aufsehenerregende Klagen wegen des Urheberrechts, man hat sich verglichen, die Verteilungskämpfe über Vergütungen werden aber sicher fortgesetzt. In den USA und Großbritannien verweigern weiterhin tausende Autoren die Einigung.


Die Verantwortlichen in der Nationalbibliothek sind aber vernünftig vorgegangen, lassen einstweilen nur Werke digitalisieren, die vor 1850 erschienen sind. Das Datum liegt weit genug vor dem derzeitigen Urheberrecht, das 70 Jahre nach dem Tod des Autors erlischt. Eine Klage, weil die Bibliothek Google ihre Depots zugänglich gemacht hat, ist also nicht zu erwarten. Deshalb befinden sich sowohl die weltweit renommierte österreichische Kulturinstitution als auch der Weltkonzern aus den USA in einer Win-win-Situation. Unverkrampft kann man in den nächsten Jahren üben, was die Vorzüge des Internets bringen – zumindest einen Sieg für Online.

Wer weiterhin skeptisch ist, was Google mit den Daten vorhat, kann sich mit einfachen Vorkehrungen am PC schützen. Die Gefahr, bei der Lektüre der Briefe von Prinz Eugen ausspioniert zu werden, ist geringer als jene, wenn man exzessiv googelt, um zu erfahren, was ein „Laufhaus“ sei, und ob es dazu auch Videos gibt. Wer aber unbehelligt von amerikanischen Wissensmissionaren revolutionäre Literatur aus dem wilden 18. oder dem skrupellosen 19. Jahrhundert lesen will, kann die Homepage von Google umgehen und dafür die Digitale Bibliothek der Österreichischen Nationalbibliothek benutzen. Dort wird man zwar anonym bedient und nicht so freundlich wie im Lesesaal in der Hofburg, aber alles bleibt diskret, und der Benutzer wird auch weder für Eselsohren noch für Markierungen im Text zur Rechenschaft gezogen.


norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2010)

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9 Kommentare
Gast: sdf
16.06.2010 18:16
0 0

kleine unbedeutende frage

wer hat dann die diesbezüglichen urheberrechte für die nächsten 100 jahre ?

Gast: Biblleser
16.06.2010 14:46
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Frage

Die Frage ist werden die digitalisierten Bücher
dann nur auf den google-Server vorhanden sein
oder liegen sie dann auch auf den Server der NB?
Falls Google in ein paar jahren die digitalisierten
bücher als Google-Eigentum erklärt und vlt. Gebühren verlangt.
wer weiß das?

Antworten freeman
16.06.2010 15:23
0 0

Beides.

Die Bücher werden sowohl über Google books als auch über die Server der NB zugänglich sein.

Antworten Antworten Gast: sdf
16.06.2010 18:26
0 0

und im konfliktfall ?

was ist wenn europa es wirklich einmal wagt selbständig zu werden und sich vom status der us-kolnoialverwaltung abzunabeln ?
wo stehen dann die server, deren verbindung man schnell kappen kann ?
wo sind vice versa die us-datenbestände ?

herschenken wird eine us-firma nur scheinbar etwas. wenn ja hat sie ihre guten, langfristigen pläne damit später geld zu machen, ihr geld wohl gemerkt, nicht unseres.

die usa sind nicht mehr die lieben netten von seinerzeit nach dem wkII, sondern sie haben sich verändert, oft zum schlechteren.

erinnert mich an die grenzgenialen sell-and-lease-back-verträge von seinerzeit. die waren auch so gefeiert. am anfang. dann nicht mehr.
ist hier auch gerichtsstand ein us-gericht ? bei dem man als nicht-us'ler prinzipiell verliert ?

ist der freie zugang für die nutzung für ewig garantiert ? auch für alle nachfolgefirmen die den datenbestand übernehmen ? auswerten ? verwerten ?

Gast: pensionär
16.06.2010 12:47
0 0

Abschreiben ...

... kann man nur bei sogenannten Wissenschaften ohne etwas dahinter und da nützt es den Diplomanden in den Orchideenstudien (oder Politikern, wie bekannt).
Dinge, die Hand und Fuß haben, ergeben nützliche Innovationen, die man be- und angreifen kann - und die sollen doch wohl verbreitet werden?!

ernestus
16.06.2010 10:11
1 0

uneingeschränkte Gratulation

Die segensreich umtriebige Generaldirektorin Dr. Rachinger ist ebenso für diesen grandiosen Vertrag mit Google zu beglückwünschen, wie die späteren Nutznießer der neuen Informationsquellen.

Ach, hätten wir an allen relevanten Stellen solch ein Management !

textor
16.06.2010 06:31
3 0

Super

Ich finde das toll, das sich die ÖNB und Google geeinigt haben.
Freue mich schon darauf wenn ich endlich wieder in den Beständen der Nationalbibliothek arbeiten kann. Etwas was mir seit ich gehbehindert bin leider verwehrt ist.
Daher weiß ich um so mehr zu schätzen, was Google hier anbietet. Ich konnte bereits zahlreiche Informationen aus Google-Quellen nutzen und bitte weiter so.

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Guter Artikel aber

Toscana und Chianti passt nicht ganz zusammen.
Das eine liegt weiter südlich und das andere wächst weiter nördlich.

1 0

bitte die Vertragsdetails

den ganzen Text

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