Krone, Schöpfung, Evolution

Michael Fleischhacker (Die Presse)

Der Kardinalerzbischof von Wien und die Staatsspitzen verabschiedeten sich am Samstag von Hans Dichand. Es zeigt sich, dass die Überlebenden das Problem sind, nicht der Tote.

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Christoph Schönborn und die Medien, das ist eine ganz eigene Geschichte. Es ist nicht leicht, ein Interview mit ihm zu bekommen, denn er hat wenig Zeit. Sowohl für die „Kronen Zeitung“ als auch für „Heute“ schreibt der Erzbischof von Wien Kolumnen, und der Tag hat eben auch für einen Kardinal nur 24 Stunden.

Nach dem Tod seines Arbeitgebers Hans Dichand hat Schönborn, der den Ruf eines theologischen Intellektuellen genießt, etliche Journalistenkollegen vor den Kopf gestoßen, indem er ostentativ die positive Rolle der „Kronen Zeitung“ als Hort der medialen Frömmigkeit würdigte. Dass er in jener Zeitung schreibt, die einen Teil ihres Gewinns als größte Vermittlungsplattform zwischen Prostituierten und ihren Kunden macht, stört den Kardinal seit jeher deutlich weniger als die höfliche Kritik, die er in manchen Medien für seine Thesen zum „Intelligent Design“ erfährt.

Vielleicht ist es ja tatsächlich die Schöpfungstheologie, die den Kardinal und die „Krone“ so eng aneinanderbindet. Für Schönborn ist der Homo sapiens nicht der vorläufige Endpunkt eines ohne göttliches Zutun ablaufenden evolutionären Prozesses, sondern die Krone der Schöpfung. Der Homo austriacushingegen entpuppt sich, und zwar ganz ohne intelligentes Design, immer deutlicher als Schöpfung der „Krone“.

Dieser Homo austriacusfand sich am Samstagnachmittag in großer Zahl im Stephansdom ein, um mit einem Gottesdienst Abschied von Hans Dichand zu nehmen. Besonders gut vertreten war der Phänotyp des Politikers, die markanteste Ausprägung des Homo austriacus:anpassungsfähig, mut-asketisch, wahrhaftigkeitsresistent. Hans Dichand hat ihn mit Macht erschaffen, durch Zuneigung großgezogen und durch Liebesentzug auf den rechten Weg zurückgeholt. Ein Vater, nicht nur seiner Redaktion.

Dass sie alle zu diesem Gottesdienst zusammengekommen sind, um sich in einem religiösen Rahmen von dem Mann zu verabschieden, der sie zu dem gemacht hat, was sie sind, soll man ihnen nicht zum Vorwurf machen, im Gegenteil: Es ist eine Form von Anstand, die man respektieren muss.

Der Anstand und das Bemühen um ein angemessenes Andenken gebieten es auch, Hans Dichand von der Alleinverantwortung für den deplorablen Zustand der politischen Kultur in Österreich freizusprechen: Nicht der Tote ist das Problem, es sind die Überlebenden. Jeder Journalist und Verleger würde wohl tun, was Hans Dichand getan hat: die Beeinflussung des politischen Geschehens gewinnbringend mit der Steuerung der öffentlichen Meinung zu verbinden. Kaum jemand konnte es so wie er. Weder berechtigte Kritik an den Methoden noch billiger Neid auf den Erfolg können daran etwas ändern.

Dennoch wäre es nun in Österreich an der Zeit für so etwas wie die Evolution einer reifen Öffentlichkeit. Vielleicht kann der Wiener Kardinal zumindest in diesem Bereich von seinem Schöpfungsglauben lassen. Es wäre ein frommes Werk.

michael.fleischhacker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2010)

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34 Kommentare
 
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Gast: Catilina
03.07.2010 15:59
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Hat schon Molterer verwendet - das Wortspiel

Krone der Schöpfung - Schöpfung der Krone. Der Zusammenhang, wie er es hier verwendet, ist trotzdem intelligentes Design von Fleischhacker !

Der Neid wegen der fehlenden Kontaktanzeigen?

Das mit Inseraten das Geld verdient wird, ist seit Gratiszeitungen bekannt.

Dabei ist es egal, wie die Druckerschwärze am Papier verteilt ist. Als Sexinserat oder Gebetsaufruf - das Papier fühlt sich nie beleidigt.

Nur die Herausgeber.

schönes wortspiel

krone der schöpfung vs. schöpfung der krone - habe sehr gelacht! gratulation!

bravo herr fleischhacker

am 21.aril schrieb herr jeanneè sehr abfällig über die mißbrauchsopfer. ich schrieb daher folgenden leserbrief an die kronenzeitung: herr jeannee`schrieb an die mißbrauchsopfer, daß die traumata ihrer seelen, die wunden ihres herzens (so sie nicht längst vernarbt und geschlossen sind) nun am schnöden mammon gesunden werden und etwas weiter - geld stinkt nicht. genau diesen grundsatz huldigt die kronenzeitung. sie und die kronen zeitung spielen den moralapostel und huldigen einer erzkonservativ-katholischen anschauung und verwenden in der gleichen ausgabe die ganze titelseite der sonntagsbeilage in der fastenzeit für eine werbung einer fleischfabrik mit einem üppigen farbbild von würsten, schinken und fleisch. der schnöde mammon läßt grüßen bzw. geld stinkt nicht. natürlich wurde dieser leserbrief n i c h t gebracht. auch im fall groer und krenn hat die krone gemauert und diskriminiert weiter die mißbrauchsopfer. es ist daher sehr abstoßend wenn kardinal schönborn kürzlich die kronenzeitung öffentlich als vorbidliche zeitung namentlich würdigt. von kirchlicher seite hätte zum artikel von herrn leanne`eine ablehnende stellungnahme kommen müssen.

Bitte um Antwort

Hat "Die Presse" jemals den Erzbischof von Wien eingeladen, eine Kolumne zu schreiben?

Oder bedarf es keiner kontraversiellen Meinung, wenn es sich um einen durchschnittlich intellektuelle Leser geht?

Antworten Gast: Carolus
30.06.2010 14:47
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Re: Bitte um Antwort

Eine Sonntagskolumne in der Presse würde sich der Kardinal wohl selber nicht zutrauen.
Im übrigen: Braucht er auch nicht. So wichtig ist das alles nicht. Seelsorge sollte nicht zum medialen Auftritt verkommen. Der es auch noch wert ist, im Gegenzug einen skrupellosen Manipulator und Wahrheitsverdreher wie D. zu decken und quasi seligzusprechen. Das ist degoutant, und verscheucht mehr Gläubige als diese Artikelchen je gewinnen können.

Gast: G. Ast
28.06.2010 09:35
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Im Vergleich zu Journalisten sind Prostituierte geradezu moralische Vorbilder.

Auch Die Presse, allerwertester Herr Chefredakteur, beteiligt sich an einer Kirchenhatz, die es seit einem dreiviertel Jahrhundert nicht mehr gegeben hat. 0,3% der Missbrauchsfälle sind durch kirchliche Mitarbeiter verschuldet und Die Presse -unter Ihrer Leitung!- tut so, als wäre Kindesmissbrauch nahezu ausschließlich ein Problem der Katholischen Kirche. Wenn der Kardinal sich dann in dieser Postille rar macht, dann zeugt das wenigstens von einer Spur von Rückgrat.

Gast: die hand
28.06.2010 06:56
0

im Irrgarten der Schöpfung

Der homo phäacus als Krone der Schöpfung der "Krone", wenn ich an die Tonnen von infantilen Preisausschreiben und Geschenkaktionen zurückdenke, die das Geschöpf "qualitäts"abhängig machen sollten, frage ich mich wer eigentlich wen schuf.
Der Herr Strudl erschuf einen Dibbuk, der sich seine Politiker erschuf, die "schuf"teten um den Strudl stromlinienförmig hinzukriegen. Oder ging es anders herum? Labyrinth, bist du ein schnurgerader Weg ...

Gast: Catilina
27.06.2010 21:19
1

Die Evangeliums-Inserate des Herrn Kardinals

in der Krone mögen ja noch hingehen.

Aber das "Staatsrequiem" für D im Dom erinnert fatal an mittelalterliche Huldigungen und Kniefälle vor Kriegsherren und Gewaltherrschern.
Einige Kirchenoberste haben immer noch nicht kapiert, wie sehr das feig-verlogene "Arrangement mit den Mächtigen" die Glaubwürdigkeit der Kirche untergräbt.
Es wird einem speiübel angesichts dieser unnötigen Verbeugungen und Speichelleckerei.

Gast: Gast 3
27.06.2010 20:34
0

Ungerechtfertigt...

Die Kritik an dem Herrn Kardinal ist ungerechtfertigt.Der Herr Kardinal kann über die "Krone" einen Millionen-Leserkreis mit seinen lesenswerten, tiefsinnigen Kommentaren zum Sonntagsevangelium erreichen, und vielleicht liest das doch der eine oder andere, der nicht in die Kirche geht, auch !Die Alternative wäre , wegen der Inserate von Prostituierten und "Hostessen" in der Krone nicht zu schreiben. Da würde es erst Kritik von wegen Scheinheiligkeit und so hageln, und ausserdem hat Jesus auch der Sünderin verziehen....

Re: Ungerechtfertigt...

Völlig richtig erkannt: Wenn jemand den Leuten etwas ihm wichtig Erscheinendes mitteilen möchte, dann tut er es nicht im "stillen Kämmerlein" einer auflagenschwachen Zeitung, welche von den Subventionen von Industriellenvereinigung und Wirtschaftskammer lebt, sondern im Blatt mit der größten Reichweite! Seinerzeit versorgte Bruno Kreisky gerade deshalb zuerst Krone und Kurier mit heißen Infos und nicht das SPÖ-Zentralorgan "Arbeiter-Zeitung"!

Antworten Antworten Gast: Catilina
30.06.2010 15:21
0

Aber der Preis!

Reichweiten nutzen, dagegen ist ja an sich nichts zu sagen.
Aber macht das erzbischöfliche Schweigen zu D.s Hetzkampagnen, vor allem aber die jetzige Speichelleckerei beim Requiem, nicht die ganzen tiefsinnigen Betrachtungen zur heuchlerischen Farce? Ich fand die Sonntagskolumnen des Kardinals manchmal nicht übel. Jetzt aber kommt mir nachträglich ein bisschen das Kotzen.


Re: Aber der Preis!

Welche "Hetzkampagnen" in der Krone meinen Sie? Vielleicht jene gegen das Kraftwerk in Hainburg? Solche "Hetzkampagnen" lasse ich mir immer gern gefallen...

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Catilina
03.07.2010 16:07
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Welche Hetzkampagnen?

Haben Sie je in die Krone reingeschaut?
Entweder Sie sind ein bisschen leichtgläubig, höflich ausgedrückt, oder Sie stehen auf der Lohnliste der Krone. Etwas anderes kann ich mir angesichts Ihrer Antwort nicht denken.

Re: Welche Hetzkampagnen?

Ich habe die "Krone" sogar seit vielen Jahren abonniert! Wenn Menschen davon berichten, daß sie Probleme mit integrationsunwilligen Zuwanderern haben, so muß man das respektieren, auch wenn diese Beobachtungen der offiziellen gutmenschlichen Kulturbereicher-Lesart widersprechen. Und je seriöser man sich mit einem gesellschaftspolitischen Problem auseinander setzt, desto eher bietet sich die Möglichkeit, eine für alle Involvierte akzeptable Lösung zu finden.!

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Catilina
03.07.2010 21:42
0

Re: Re: Welche Hetzkampagnen?

Dass Sie in etlichen Fragen mit der Krone-Linie übereinstimmten, ist zu respektieren. Aber ist es möglich, dass Ihnen die persönlichen Kampagnen gegen einzelne Personen völlig entgangen sind? Die quer durch alle Kolummnen dann wochenlang durchgehechelt wurden? Das hat mit Weltanschauung nichts mehr zu tun. Das war permanente versuchte Erpressung gegenüber allen, die nicht vor dem alten Herrn in die Knie gingen.

Re: Re: Re: Welche Hetzkampagnen?

Erpresst im eigentlichen Sinn ist seitens der "Krone" kaum jemand geworden. Wenn Politiker einen Kurs gefahren sind, der für viele Menschen Nachteile beinhaltete, so darf eine unabhängige Zeitung das doch wohl kritisieren! Und die EU-Hörigkeit unserer "Volksvertreter" ist doch ebenfalls so offensichtlich, daß ihre Erwähnung keine Sensation darstellt. Wenn sich manche Politiker unbedingt ein Eigentor schießen wollen, dan müssen sie die Folgen selber tragen...

Gratulation,Herr Fleischhacker!

Ein herrlicher Artikel! Endlich einmal wieder auf den Punkt gebracht- die Krone-wahrlich das Produkt eines intelligenten Designers! Vielleicht liest der Kardinal einfach nie die ganze Krone und die Kontaktanzeigen kennt er gar nicht.......

Gast: little_brother_is_watching_you_too!
27.06.2010 01:25
0

man kann von der krone...

... halten was man will, jedoch sei eines allen kritikern ins stammbuch geschrieben:

es war (bis dichands tod) die EINZIGE zeitung, die nicht völlig gleichgeschaltet war. trotz waz!
jetzt wo dichand tot ist, was gibt es schon am zeitungsmarkt, was zum bleistift noch eu-kritisch ist? und dass es da eine menge zu kritisieren gibt, wissen wir alle!
ab jetzt (und das war ob des hohen altes des herrn dichand absehbar) ist alles auf linie. absolut alles! wenn´s den dichand nicht mehr gibt, wird wohl keine andere zeitung (auch die, die sich qualitätszeitung nennen) sich noch bemüssigt fühlen, gewisse dinge anzusprechen, die anzusprechen dadurch nötig wurden, weil sie als krone-headlines die mehrheit der zeitungsleser erreichte. ab jetzt können wir die wahrheit gänzlich vergessen.

Re: man kann von der krone...

Sie verwechseln (in gewissen Bereichen berechtigte) Kritik mit Hetze.

Antworten Antworten Gast: little_brother_is_watching_you_too!
27.06.2010 13:37
0

Re: Re: man kann von der krone...

hetze? das ist das neue modewort wie´s mir scheint. man bezeichnet unliebsame kritik als hetze und schon SOLLTEN alle stad sein.

Re: man kann von der krone...

Es gibt an der EU genug zu kritisieren, etwa, dass ihr wichtige Kompetenzen fehlen und sie sich deshalb um Sachen kümmert, die besser regional zu regeln wären und noch mehr, dass der Zuständigkeitswirrwarr zwischen Kommission, Parlament, Rat, ständigem Ratspräsidenten und Hohem Vertreter der Außenpolitik immer unübersichtlicher wird, was dazu führt, dass die EU in der Welt nicht ernst genommen werden kann.
Aber damit hat sich die "Krone" nie beschäftigt, was sie der EU vorgeworfen hat, war immer haarsträubender Unsinn und hat stark zur Verdummung des Homo austriacus beigetragen!

Re: man kann von der krone...

Es gibt an der EU genug zu kritisieren, etwa, dass ihr wichtige Kompetenzen fehlen und sie sich deshalb um Sachen kümmert, die besser regional zu regeln wären und noch mehr, dass der Zuständigkeitswirrwarr zwischen Kommission, Parlament, Rat, ständigem Ratspräsidenten und Hohem Vertreter der Außenpolitik immer unübersichtlicher wird, was dazu führt, dass die EU in der Welt nicht ernst genommen werden kann.
Aber damit hat sich die "Krone" nie beschäftigt, was sie der EU vorgeworfen hat, war immer haarsträubender Unsinn und hat stark zur Verdummung des Homo austriacus beigetragen!

Re: man kann von der krone...

... und ich habe als 13/14jaehriger die Seite 5 GELIEBT!!! :-D

Gast: Catilina
26.06.2010 23:30
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ganz schön kantig, Herr Fleischhacker!

Aber direkt wohltuend nach dem scheinheiligen Zirkus um den alten Egomanen.
Auch der Herr Kardinal hat die übrigens besonders gelungenen ironischen Breitseiten Fleischhackers mehr als verdient.
Hat der Oberhirte sich ein einziges Mal für eines der unzähligen medial gemeuchelten Opfer der Krone eingesetzt? Ich kann mich nicht erinnern.
Hier hätte es gegolten, Flagge zu zeigen. Das wäre Zivilcourage im Sinn des Evangeliums, als Anwalt der Schwachen, die keine Stimme haben.
Nicht diesem Berufs-Wahrheitsverdreher und Hasardeur diensteifrig und laut die öffentliche Ehre zu erweisen! Das ist ein Schlag ins Gesicht der Gerechtigkeit. Was bedeutet es dann noch, den Wortlaut des Evangeliums zu verkünden können, wenn man so seinen Sinn ins Gegenteil verkehrt oder unkenntlich macht?
Die Kirche sollte nicht a..kriechen.
Fischer - ich hab nicht gewählt - aber hat der mehr Profil und Verantwortung gezeigt.

Re: ganz schön kantig, Herr Fleischhacker!

Ich kann sowohl Ihnen als auch Fleischhacker nur zustimmen.

Vor allem die von Ihnen angeprangerte mangelnde Zivilcourage Kardinal Schönborns, was das Mobbing der Krone gegen manche Politiker betrifft, ist sicher nicht nur Ihnen unangenehm aufgefallen.

Was Fischers Fernbleiben vom Trauergottesdienst betrifft, bin ich mir nicht sicher, wie man dies einstufen sollte. War dies ein Zeichen des Protestes (= mutig) oder wollte er sich einfach nur raushalten (= feig)?


 
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