11.02.2012 22:48 | Meine Presse Merkliste0

Mehr Geld allein löst die Uni-Misere nicht

CHRISTOPH SCHWARZ (Die Presse)

Die Unis brauchen ein neues Finanzierungsmodell. Für Rektoren und Regierung könnte das schmerzhaft werden.

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Eiligst einberufene Pressekonferenzen, polemische Aussendungen und Hiobsbotschaften vom Niedergang des Bildungswesens: Zum Ausklang des Uni-Semesters beweisen die Rektoren einmal mehr taktisches Gespür. Seit die Wissenschaftsministerin angekündigt hat, die Budgets der Hochschulen ab 2013 bestenfalls „einzufrieren“, sind die Uni-Chefs in Höchstform. Aber so unbequem die Studien- und Budgetsituation an den heimischen Hochschulen auch ist – die Rektoren selbst machen es sich darin ziemlich bequem: Die unverständliche Blockadepolitik, mit der SPÖ und ÖVP den Bildungssektor konsequent vor echten Änderungen bewahren, ermöglicht es ihnen, sich zurückzulehnen, unter Beifall über ihre Unterfinanzierung zu sudern und nebenbei die Probleme auf die Studenten abzuwälzen.

Denn die von Ministerin Karl eingeforderte Kreativität in Finanzierungsfragen (die sie selbst freilich, siehe die zynische Aufforderung, man solle nicht länger auf staatliche Mittel hoffen, sondern die Privatwirtschaft anzapfen, vermissen lässt), täuschen die Rektoren nur vor. Davon zeugen nicht zuletzt die Spar-Tipps von Rektorenchef Hans Sünkel, die er der Regierung jetzt erteilt hat: Abseits der vernünftigen Idee, den Unis tatsächlich Eigentum an ihren Gebäuden zu verschaffen – und sie nicht zu zwingen, mit Mieten an die staatseigene Bundesimmobiliengesellschaft im Jahr 200 Millionen Euro aus ihren Budgets an den Finanzminister zurückzuüberweisen –, klingen die Vorschläge eher nach politischer Polemik denn nach einem Konzept für einen leistungsfähigen Hochschulsektor.

Eine Auswahl an Ideen? Österreich solle doch den „völlig sinnlosen“ Grenzeinsatz beenden und das Geld direkt an die Unis umleiten. Auch lange Asylverfahren – und ja, diese dauern in Österreich tatsächlich zu lang – seien nicht mehr nötig, sagt Sünkel. Das Geld für den Verwaltungsaufwand sei besser an den Unis aufgehoben. Gleich verhalte es sich mit den Einnahmen aus dem Glücksspiel. Selbst den Rechnungshof, der unlängst an seiner Uni, der TU Graz, die Effizienz von Frauenprogrammen prüfte, wolle er nicht mehr im Haus haben. Und wieder bliebe mehr Geld für die Unis. Andere Rektoren sind ähnlich „kreativ“: Die Uni Klagenfurt wird den Zugang zum Psychologiestudium für zwei Jahre sperren, die WU Wien verschärft die Studieneingangsphase. Studenten, die sich beklagen, kann man ja an die Wissenschaftsministerin verweisen, die zwar einem „Zukunftsressort“ vorsteht, aber nicht die Kraft hatte, sich (anders als ihre deutsche Kollegin, die trotz Sparpaket in den nächsten vier Jahren zwölf Milliarden Euro für Bildung erhält) gegen Kürzungen zu stemmen.


Was Österreich tatsächlich braucht, ist eine umfassende Reform der Hochschulfinanzierung. Bis heute gibt es an den Unis keine Budgetwahrheit. Was zwar in einem Land, in dem sich nicht einmal die Regierung traut, einen Staatshaushalt vorzulegen, auf den ersten Blick nicht verwundert, deshalb aber nicht weniger problematisch ist. Weder Unis noch Ministerin wissen wirklich, wie viel ein Studienplatz in den einzelnen Fachrichtungen kostet, geschweige denn, wie viele Plätze derzeit ausfinanziert werden können oder der Staat überhaupt finanzieren will. Jetzt einfach weiter Geld ins System zu pumpen, löst die strukturellen Probleme also nicht.

Eine Lösung böte ein Modell zur Studienplatzfinanzierung, ähnlich jenem, wie es die Fachhochschulen haben. Die Finanzierungsströme für Forschung (hier muss der Staat mutige Grundlagenforschung ermöglichen, an der die Wirtschaft kein Interesse hat) und Lehre würden getrennt, die Unis erhielten pro Studenten einen Fixbetrag. Über ein derartiges Konzept wird schon lange geredet, Karl will ein Modell erarbeiten.

Die Gefahr, dass daraus nichts wird, ist groß. Denn ein transparentes Budget kann für beide Seiten schmerzhaft sein. Die Regierung hätte schwarz auf weiß, dass die Zahl an Absolventen, die wir brauchen, mit derzeitigen Mitteln nicht zu erreichen ist. Sie müsste zugeben, dass der Sektor unterfinanziert ist und Zugangsbeschränkungen nur bei gleichzeitigem Ausbau der Plätze sinnvoll sind. Auch die Euphorie der Unis, die das Konzept befürworten, könnte rasch verfliegen. Sie könnten endlich angehalten werden, Strukturen umzubauen und das Geld, das sie erhalten, tatsächlich zweckgebunden für eine bessere Lehre einzusetzen.

Unpopulär ist das Thema Studienplatzfinanzierung auch deshalb, weil es so komplex ist. Wählerstimmen lassen sich damit wohl nicht gewinnen. Einfache Lösungen, und das muss auch die Politik begreifen, wird es aber nicht geben.


christoph.schwarz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.07.2010)

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11 Kommentare
Gast: Luzifer
11.07.2010 16:43
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"In den Wind gesprochen ..."

Österreich brauch zunächst einmal PANUNGSSICHERHEIT für Studenten und Professoren!

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Die Politik weiß genau, dass es keine einfachen Lösungen gibt.

Es ist wie beim Arzt. Viele Menschen wollen nicht auf gesündere Ernährung und Bewegung umsteigen, sondern verlangen nach Medikamenten. Weil es eben bequemer ist bzw. scheint. Und WählerInnen sind zumeist genau so. Daher wird sich PolitikerIn hüten, Bewegung zu verordnen, sondern greift zur (Finanz-) Spritze. Das schaut immer mal gut aus.

slccrsl02
08.07.2010 17:26
0 0

Forderung

Was erlauben Schwarz!!!
Ich fordere die sofortige Entlassung!!
Fleischhacker, agieren Sie!!

Gast: Niederösterreicher
08.07.2010 11:20
0 0

Statt ständigem Geschwafel über die Notwendigkeit,

die Akademikerquote in Österreich zu erhöhen, sollte man endlich den "Turbokapitalismus" im österreichischen Bildungswesen beseitigen, den tatsächlichen Bedarf an Akademikern in den nächsten Jahren und - zehnten berechnen und den Hochschulzugang entsprechend regeln. Sollte sich die Linke aber nicht von der "freien Marktwirtschaft" beim Hochschulzugang abbringen lassen, dann sollte das finanzielle Fiasko des derzeitigen Systems nicht dem ohnehin schon überlasteten STeuerzahler bzw. jener Minderheit, die überhaupt noch Steuern zahlt, aufgebürdet werden. Denkbar wäre, daß jeder Student einen ausreichenden Kredit zur Finanzierung seines Studiums bekommt, den er dann im Laufe von etwa 20 Jahren wieder abzustottern hat. Damit könnte man dem Mißbrauch von Steuergeldern für Leute, die gar nicht ernsthaft studieren oder ein Studium beginnen, obwohl sie auf Grund der bisherigen Zeugnisse genau wissen, daß sie es nicht schaffen, Einhalt gebieten.

Wohin die links dominierte Bildungspolitik führt, läßt sich zB. bei den Juristen klar ausmachen: Das massive Überangebot führt dazu, daß junge Juristen nur schwer einen Posten finden. Überall wird "Praxis" verlangt. Die schaut dann meist so aus, daß Rechtsanwälte und Ministerien "Voluntäre" max. 1 Jahr lang ohne Bezahlung (!!!) beschäftigen. Es sind die üblichen Arbeitzeien einzuhalten, ein Hochschulstudium ist während dieser Zeit untersagt. Und aus der erhofften fixen Anstellung wird meistens nichts.


Antworten facts
08.07.2010 20:38
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Re: Statt ständigem Geschwafel über die Notwendigkeit,

Sie glauben wohl, dass Österreich immer noch ein Arbeiter und Bauernstaat ist, oder was?

Kommens mal in die Gegenwart! Das, was uns in Zukunft rausreissen wird, ist WISSEN.

Und eine von der Wissenschaftsministerin peinlich unter Verschluss gehaltene Studie (die jetzt aber Studentenvertretern zugespielt wurde, wie man am Standard nachlesen kann), zeigt auf, dass deutsche und schweizer UNIs wesentlich mehr Geld pro Student zur Verfügung haben!

Antworten Antworten Gast: Luzifer
10.07.2010 12:19
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Re: Re: Statt ständigem Geschwafel über die Notwendigkeit,

Mittlerweile hat sich die geheimnisvolle "Studie" als fast 10 Jahre veraltet herausgestellt. Die Leser der von Ihnen geschätzten Zeitung wurde offensichtlich hinters Licht geführt.

Und was die Technische Universität München oder die Technische Hochschule Zürich anlangt: die sind im Ranking Spitze! Nur läßt sich die Qualität der Lehrenden und Lernenden einer Hochschule mit Geld allein nicht kaufen! Und schon gar nicht mit der österr. "Wurstigkeit"!

Antworten Antworten Gast: Niederösterreicher
09.07.2010 11:43
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Re: Re: Statt ständigem Geschwafel über die Notwendigkeit,

Gerade weil wir einen effizient und sparsam verwalteten Staat brauchen, sollte ein Mindestmaß an Planung und Regulierung zwecks Zurückstutzen eines neokapitalistischen Wildwuchses vorhanden sein. Es ist gewissenlos (und überdies eine Ressourcen-Verschwendung), den "freiem Zugang zur Bildung" zu propagieren und dabei in Kauf zu nehmen, daß junge Leute am Ende eines viele Jahr dauernden anstrengenden Studiums keinen Posten finden. Sollen die Leute denn mit 26 od. 27 Jahren auf einen anderen Beruf, etwa als Tankwart "umsatteln"?

quixote
07.07.2010 19:50
2 0

Genau!

Mehr Geld löst höchstens die Banken-Krise, wendet den griechischen Staatsbankrott ab oder motiviert jemanden wie Josef Ackermann seinem Salär entsprechend 900.000 Stunden im Jahr zu arbeiten. Wenn es um öffentliche Ausgaben geht, wäre mehr Geld völlig falsch. Da helfen nur scharfe Einschnitte!

Antworten freeman
08.07.2010 16:31
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Geld löst gar nichts.

Die Bankenkrise wurde nicht gelöst, sondern bestenfalls verzögert.

Scharfe Einschnitte bei anonymen Ausgaben sind fast überall ein Weg zu mehr Effizienz - weil sie zwingen, über die Wirtschaftlichkeit des eigenen Tuns nachzudenken - mehr Geld hingegen ist fast immer ein "moral hazard".



Antworten Antworten quixote
08.07.2010 18:48
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Re: Geld löst gar nichts.

Da mögen Sie nicht ganz unrecht haben, dass die Anpassung an knappe Mittel auch was Gutes haben kann. Im Übrigen bin ich eigentlich Verteilungsdebatten leid, aber wenn´s zu skurril wird, muss man auch einmal was sagen!

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