25.05.2012 22:35 | Meine Presse Merkliste 0

Irak 2010: Sieben schwere Jahre

THOMAS SEIFERT (Die Presse)

Die USA wollten einen schnellen und billigen Krieg, geworden ist es ein langer, teurer. Eine Bilanz.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Als der Konvoi der 4tzStryker Brigade der zweiten Infanteriedivision gestern Früh die irakisch-kuwaitische Grenze überquerte, war die Freude der Soldaten groß: Es geht nach Hause.

US-Präsident Barack Obama hat sein Wahlkampfversprechen eingelöst: Er würde den Krieg im Irak beenden, und genau das hat er nun getan. Für die amerikanischen Truppen ist der Krieg im Irak vorbei.

Doch der Abzug der Kampftruppen ist nicht das Ende des amerikanischen Engagements in der Region. 50.000 US-Soldaten werden bis Ende 2011 im Irak bleiben, und die Vereinigten Staaten werden weiterhin jener Staat sein, der den größten Einfluss im Land ausübt.

Der 600-Millionen-Dollar-US-Botschaftskomplex ist die größte diplomatische Anlage der Welt: 619 beschusssichere Wohnungen, eine eigene Wasser- und Stromversorgung, Restaurants und Geschäfte. Eine Botschaft, so groß wie der Vatikan.

Am 20. März 2003 ist Präsident George W. Bush mit dem Ziel angetreten, „den Irak zu entwaffnen, die Bevölkerung zu befreien und die Welt vor einer großen Gefahr zu schützen“. „Ob dieses Ziel mehr als sieben Jahre später erreicht worden ist, ist viel weniger klar“, schreibt die US-Armeezeitung „Stars & Stripes“. Doch wie fällt eine Bilanz des Irak-Kriegs sieben Jahre danach aus?

Verteidigungsminister Donald Rumsfeld wollte einen billigen, schnellen Krieg, doch es sollte ein langer und teurer werden. 4416 US-Soldaten wurden getötet, 113.166 Iraker verloren ihr Leben, die Gesamtkosten des Krieges für die USA betragen rund drei Billionen Dollar – das ist eine Drei mit zwölf Nullen und entspricht dem siebenfachen jährlichen Bruttoinlandsprodukt von Österreich. Aber die politischen Kosten für die USA wiegen vermutlich noch schwerer: Der Angriffskrieg brachte das Land in die Rolle eines Aggressors, der das Völkerrecht missachtet. Die Bilder von den Häftlingsmisshandlungen im Gefängnis von Abu Ghraib durch amerikanische Soldaten, ein Video von der Exekution eines verwundeten Aufständischen während der Offensive in Fallujah – all das hat die Glaubwürdigkeit der Vereinigten Staaten in Sachen Menschenrechte schwer untergraben.

Was steht auf der Haben-Seite? Zweifellos das Ende der Saddam-Hussein-Diktatur. Unter der Regentschaft des Baath-Regimes hätte der Irak wohl keine Zukunft gehabt. Saddam war ein grausamer Diktator, der einmal gegen Kurden, ein anderes Mal gegen Schiiten in seinem eigenen Land vorging. Politischer Dissens war ohnehin lebensgefährlich. Doch warum die USA nicht versucht haben, Saddam Hussein ohne Krieg aus Bagdad zu vertreiben, wird man nie erfahren.

Das Ende Saddams brachte auch das Ende der UN-Sanktionen. Heute gibt es in Bagdad alles zu kaufen, und wer über Geld verfügt, lebt heute im Irak besser als in anderen Entwicklungsländern. Freilich: Gute Einkunftsmöglichkeiten sind rar und viele Menschen leben in bitterer Armut.

Die Sicherheitslage hat sich nach Jahren bürgerkriegsähnlicher Zustände ein wenig entspannt, die Menschen wagen sich am Abend wieder auf die Straße. Und auch wenn es erst vor wenigen Tagen einen furchtbaren Anschlag mit 60 Toten gegeben hat, beklagen sich die Bagdader nicht, sondern erinnern sich daran, dass Anschläge dieser Größenordnung vor nicht allzu langer Zeit auf der Tagesordnung standen.

Dass die Bilanz nicht positiv ausfällt, ist zweifellos die Schuld der Regierung von George W. Bush. „Nation-Building“, also der Aufbau staatlicher Strukturen, war für die republikanischen Hardliner ein Unwort, zum politischen Unwillen gesellte sich kolossale Inkompetenz der handelnden Figuren.

Wertvolle Jahre wurden vertan. Erst in der letzten Zeit seiner Präsidentschaft, ab 2007, gelang es Bush, das Ruder herumzureißen und die mittlerweile außer Kontrolle geratene Situation in den Griff zu bekommen. Heute ist die Lage im Land zwar ernst, aber nicht hoffnungslos. Der Irak verfügt über gewaltige Ölreichtümer und hat großes Potenzial. Doch die politische Klasse des Landes ist mehr damit beschäftigt, die eigenen Pfründe zu sichern, als gemeinsam für die Wohlfahrt der Bürger zu arbeiten. Seit den Wahlen im März ist die irakische Politik lahmgelegt, die Regierungsbildung bis heute nicht erfolgt.

Die Nachbarländer profitieren von einem schwachen Irak: Manche sind daran interessiert, dass das auch so bleibt, und setzen alles daran, dass das Land nicht zur Ruhe kommt. Den Irakern bleibt die berechtigte Hoffnung, dass die nächsten sieben Jahre bessere als die vergangenen sein werden.

Der Abzug der Kampftruppen Seite 1
Die Kosten des Krieges Seite 2


thomas.seifert@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.08.2010)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

8 Kommentare
Gast: Luzifer
22.08.2010 00:16
0 0

Interessant die FS-Story, wie sich die USA im Irak

"eingekauft" haben. Zunächst wurden die irakische Verwaltung mit Dollars "vorfinanziert", indem man mit den Geldbündeln in Millionen-Höhe nur so herumgeschmissen hat. Dann wurde aber dem Staat "die Rechnung" für das vorgeschlossene Geld präsentiert, sodaß der Irak alle seine Reichtümer, insbes. die Ölquellen verpfänden mußte. Nicht schwer zu erraten, wer jetzt die Förderrechte hat.

Anzunehmen, daß der Irak auch den teuren Krieg für seine "Befreiung" durch die ungebetenen Befreier bezahlen mußte. Also so schlecht war das "Geschäft" mit dem Krieg sicher nicht!

Arethas
21.08.2010 01:37
0 0

???

"...all das hat die Glaubwürdigkeit der Vereinigten Staaten in Sachen Menschenrechte schwer untergraben."

Die Glaubwürdigkeit der USA in Sachen Menschenrechte?

Lachen ist gesund, also Dank an Herrn Seifert.

Gast: Meine Kommentare werden nicht gepostet
20.08.2010 10:55
1 1

Bush und die jüdische Waffenlobby

Für den Irak-Krieg gab es mehrere Gründe, die jetzt nicht mehr aktuell sind so beenden wir den Krieg und hinterlassen einen größeren Scherbenhaufen wie vorher.
1) Bush wollte Papi zeigen, wie man Kriege gewinnt.
2) Die Idee dazu kam ihm nicht von alleine, Cheeney hat Millionen wenn nicht Milliarden verdient. Neben ihm gab es sicherlich noch viele Kriegsgewinnler.
3) Endlich konnten die alten Waffen ausgemustert werden und die neuen ausprobiert werden.
4) Bush wollte billiges Erdöl, denn der Verbrauch von Erdöl in Amerika ist sehr hoch.
5) Und nicht zu vergessen, die Juden die sich vor Hussein gefürchtet haben, wie heute vor den Iranern. Nachdem die Juden in allen wichtigen amerikanischen Positionen sitzen, ein weiterer Grund für einen Kriegsbeginn.
Eine Schweinerei ist nur, jetzt alles zerstört zurückzulassen und keine Wiedergutmachung zu bezahlen. Ö. mußte nach dem 2. Weltkrieg viele Jahre diese bezahlen.

Antworten Gast: Luzifer
22.08.2010 00:07
0 0

Re: Einfach zum Nachdenken ...

der Zeitungstycoon Rupert Murdoch, dem wichtige Zeitungen in Australien, USA und GB gehören, unterstützt traditionell die Konservativen. Nur bei Labourführer Tony Blair machte er eine Ausnahmen. Tony Blair war der Spießgeselle von Bush jun. im Irak-Krieg. Zu erwähnen wäre noch, daß Murdoch ursprünglich Mordechai geheißen hat.... Seltsame Zufälle?

Gast: Luzifer
19.08.2010 23:34
1 0

Der Irak-Feldzug war eine Demonstration der Macht und Stärke der USA im Nahen Osten

und diente nicht zuletzt auch der langjährigen Sicherung der Ressourcen (Erdöl!!) in dieser Region. Wer da nach einer "moralische Rechtfertigung" fragt, ist naiv. So wie einstmals Karthago der Entwicklung Roms zur Weltmacht im Wege stand, so wollten auch die USA im Nahen Osten demonstrieren, wer dort das Sagen hat. Der Untergang der Sowjetmacht gab dazu die Chance. Die eigenen Verluste von rd. 4.000 Mann war ein wohlfeiler Preis, der Tod von rd. 150.000 Irakern zählt wenig und läßt sich leicht dem Kriegsgegner "unterjubeln": schließlich hat ihnen ja niemand "angeschafft", sich zu wehren ....

1 1

Es gibt nur eines, was dümmer und schädlicher ist als der Sturz Husseins unter Bush dem Zweiten


Es gibt nur eines, was dümmer und schädlicher ist als der Sturz Husseins unter Bush dem Zweiten

Das ist der Abzug der Soldaten unter Obama dem Letzten.

Antworten Gast: Parteiloser
19.08.2010 19:55
0 0

Re: Es gibt nur eines, was dümmer und schädlicher ist als der Sturz Husseins unter Bush dem Zweiten



Hast Du ein Problem, wenn die Sunniten, Schiiten und Kurden sich das untereinander ausmachen?

Wenn Dein Nachbar 2 Tage lang nicht die Wohnung aufräumt schreist dann auch schon nach dem "Amt"?

Kann es sein, dass die einen starken Drang hast alles beherrschen zu müssen?

Antworten Antworten Gast: ralph giordano bruno
20.08.2010 00:40
1 0

Re: Re: Es gibt nur eines, was dümmer und schädlicher ist als der Sturz Husseins unter Bush dem Zweiten

sehe ich genauso:
alles raus, was westen ist,
keine entwicklungshilfe mehr - und sehen was übrig bleibt (vor lauer stammesfehden).
da kann es keinen friedem geben.

Mehr Kommentare:

Top-News