25.05.2012 22:38 | Meine Presse Merkliste 0

Die Schreckenslogik des Subventionsstaates

MICHAEL PRÜLLER (Die Presse)

Auch in der Politik ist unser System leistungsfeindlich – es führt zwangsläufig zu Regierungen wie dieser.

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Die großen Themen der heutigen Zeitung gehören irgendwie zusammen: die österreichische Subventionsüppigkeit, die unglaublichen Verluste der Hypo Alpe Adria und die Aufregung um die „türkischen“ Milchpackerln. Zusammengenommen sind die drei Meldungen Symptom unseres politischen Stillstands. Aber sie sind auch Diagnose: Sie verweisen auf die Hauptverursacher dieses Stillstandes. Und sie zeigen uns, warum kaum Hoffnung auf eine erfolgreiche Therapie besteht.

Parteimacht besteht ja vor allem darin, anderen Menschen einen Job, einen Auftrag oder Geld verschaffen zu können. Je mehr eine Partei über solche Gelegenheiten verfügt, desto mehr Macht hat sie. Es ist für den Machterhalt der ÖVP oder SPÖ nicht notwendig, etwa den Bundeskanzler zu stellen, solange der Rest stimmt. Selbst wenn es wirklich einmal passieren sollte, dass man aus der Koalition fliegt, ist das so lange nicht schlimm, als man genug Entscheidungsmacht in Ländern, Gemeinden, Sozialpartnerschaftsinstitutionen, im ORF und Ähnlichem behält, um weiter Jobs, Aufträge und Geld verteilen zu können.

SPÖ und ÖVP praktizieren dieses System seit 55 Jahren so, dass sie tunlichst darauf bedacht sind, die Machtbasis des anderen trotz oberflächlichen Konkurrenzgehabens insgesamt intakt zu lassen. Eine Versicherung auf Gegenseitigkeit: In so einem System bleibt die Macht über eine Regierungsabsenz hinaus erhalten. Selbst wenn einmal ein Minister blau sein sollte, sind die Spitzenbeamten, über die das meiste Geld und die meisten Angebote und die sichersten Jobs laufen, weiter rot und schwarz. Und sogar ein Bundeskanzler Strache müsste mit ÖVP oder SPÖ koalieren, die auf einer Perpetuierung des Systems bestehen würden.

Hat man also erst einmal ein solches System etabliert, dann ist man für sehr lange Zeit im Sattel. SPÖVP sind das immer noch, obwohl sich die einst fast hundertprozentige Zustimmung der Wähler fast schon halbiert hat: Bis auf Kärnten, Klagenfurt und einst Graz blieben stets alle wichtigen Machtpositionen rot oder schwarz. Alle. Bis heute.

In dieser geschützten Werkstätte ist der Wettbewerbsdruck zu schwach, um die Parteien zu Höchstleistungen zu zwingen. Dass die Schnellen die Langsamen fressen und die Smarten die Öden, gilt vielleicht im Showbusiness oder auf dem Handymarkt. In der österreichischen Politik ist dieses Prinzip außer Kraft gesetzt, und darum kommt auch nichts mehr vom Fleck.

Das Betriebsmittel Nummer eins dieses Systems der Dauermacht ist die Subvention. Klar, dass Subventionen in Österreich einen größeren Teil des BIPs ausmachen als sonst wo in Europa. Klar, dass da auch trotz Regierungsstillstandes alles weitergeht wie geschmiert. Klar, dass sich Länder und Gemeinden ganz öffentlich dem Ansinnen einer besseren Förderungskoordination verschließen – und damit auch durchkommen. Der Subventionswahnsinn ist beredtes Symptom des österreichischen Patienten.

Am kränksten ist er in den Ländern. Wenn Landeshauptleute im Land gelobt werden – das werden sie oft –, dann fast immer dafür, dass sie rasch und unkompliziert Geld aufgetrieben haben: für die Sommerbühne, das Schulprojekt, den Industriepark. Und dann noch die Aufträge für Straßenbau, Brückenbau, Tunnelbau, Festspielhausbau, Festspielhausbuffet und Landesgartenschau! Geldverteilen bringt Anerkennung, Selbstbewusstsein – und sehr viel Macht.

Weil die Landeshauptleute nicht nur die Bürgermeister, Unternehmer, Sommerintendanten und generell die Landesbürger einkaufen, sondern auch die Finanzen ihrer Mutterparteien und deren Wahlhelfertruppen kontrollieren, haben sie freie Hand. Landeshauptleute sind als die großen Geld-, Job- und Aufträgeverteiler Österreichs selbst dann unangreifbar mächtig, wenn sie nicht zu SPÖ oder ÖVP gehören. Siehe das Kärntner Narrenspiel Hypo Alpe Adria.

Und die Therapie? Was für eine Therapie? Haben doch die das Sagen, die von der Krankheit am meisten profitieren.


Es ist ja nun nicht so, dass wir mangels Problemen keinen Bedarf für eine Regierung der Spitzenklasse hätten. Die Herausforderung durch die wachsende Zahl und das damit wachsende kulturelle Selbstbewusstsein der Einwanderer – Stichwort „türkische Milch“ – ist nur eine der brennenden Materien, die man längst aktiv hätte angehen müssen. Wir aber gehen in diese Herausforderungen mit einer Regierung, die, urlaubsgestärkt und -erholt, die Herbstarbeit mit Kinkerlitzchen und unbedarfter Budgetpanscherei beginnt. In einem politischen Rahmen, der einst perfekt für Besatzungszeit und Kalten Krieg gepasst hat, der aber heute nichts anderes mehr hervorbringen kann als solche Regierungen.

Der sündteure „Förderalismus“ Seiten 1, 2


michael.prueller@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2010)

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21 Kommentare
MiFi
29.08.2010 08:21
0 0

Ausgezeichnete Analyse der Lage

Die Root Cause ist erkannt - aber wie beheben?
Mir fallen spontan nur 2 Lösungen ein:
- Revolution (bürgerlich, behaftet mit den üblichen Kollateralschäden, geht aber schnell)
- Einführung des Zensuswahlrechts (dauert länger, wahrscheinlich geringere Kollateralschäden)

krawuzl
28.08.2010 21:37
0 0

System Österreich

Natürlich hat Herr Prüller recht. Aber könnte es sein, dass dies alles eine "österreichische Krankheit" ist, von der zuviele profitieren und die somit als normal empfunden wird und darum auch vollkommen resistent gegen allen Änderungsversuche ist. Oder wie es ein Bekannter von mir, der aus einer ländlichen Region kommt einmal sehr deftig aber vielleicht umso richtiger formuliert hat: Eine Sau, die zum Futtertrog kommt, die frisst.

Gast: (parteiloser) Gast
28.08.2010 14:50
3 0

Noch einmal Bravo für die Presse (und Prüller)

Die Presse scheint mir derzeit das einzige Medium, welches das schlimmste und widerwärtigste Übel dieses Landes aufzeigt - und vielleicht ist ständiges und unermüdliches Aufmerksammachen auf die Pest namens ´Subventionen´ eine Möglichkeit, irgendwann einmal doch einen Bewußtseinswandel herbeizuführen, einen Druck aufzubauen, der dazu führt, daß diese absolut verantwortungslosen Subventionspolitiker abgewählt werden. (Dass sich die derzeitige Riege besinnt scheint hoffnungslos.) Freilich werden viele zu Recht fragen, wer denn eine Alternative wäre. Ich weiß darauf nur eine ´Antwort´: träumen wird man ja noch dürfen - und die Hoffnung stirbt zuletzt. Bitte, liebe Presse: nicht nachlassen, weitermachen, nicht aufgeben. Die eitlen, gewissenlosen Gauner rechnen ja damit, daß sich mit der Zeit eh wieder alles beruhigt. Machen wir ihnen eine Strich durch die Rechnung!

Gast: Realist mit Vorschau
28.08.2010 14:20
2 0

Die Bäume wachsen nicht in den Himmel

... heißt ein wahres Sprichwort. Das österr. System ist natürlich reformunfähig, aber es muss dennoch den Gesetzen der Realität folgen.

Daher nur Mut Freunde! Wenn´s Geld aus ist, dann spült die Musi nimma! Und s´Geld ist nicht nur schon seit längerem aus, sondern auch die Kredite sind bald vollkommen ausgeschöpft. (Zurückzahlen, ha ha ha!)

Griechenland ist nur der erste Staat, der diese harte Realität erleben muss. Bald wird es weitere geben und Österreich ist nicht gefeit!

Gast: hepanho
28.08.2010 12:14
1 0

Tom93 - Re: platituden von prüller

Von welcher Partei werden Sie für diesen Unsinn bezahlt, den Sie da von sich geben?

Gast: Gast 3
28.08.2010 11:49
0 0

Frage:

Wer wird in Zukunft die Subventionen subventionieren, werden sie weiter "von unten her kommen", sprich vom Mittelstand?
Doch die "Subventionitis"dürfte in Österreich noch wesentlich "heilmittelresistenter " sein, als dieses
neue Bakterium.Eigentlich ist dieses Geschreibsel auch schon subventioniert, nämlich indirekt durch die Presseförderung. Unsere Konvention heißt eben Subvention.

17und4
28.08.2010 09:27
3 0

und dann wundert man sich, und Kommentiert das falsch,

wenn die Bürger, die ab einem gewissen Alter das alles Wissen, nicht mehr zur Wahl gehen.

Es ändert sich ja ohnehin nichts.

Es gehörte einmal ein Aufstand der Steuerwilligen, denen der Staat, wie oben beschrieben, alles bis fast zum Existenzminimum wegnimmt, um dieses System zu betreiben.

Gast: aehhh
28.08.2010 03:40
2 0

sowas nennt man MAFIA

oder?

herr staatsanwalt - da wartet viel arbeit auf sie !!!!

unter dem titel veruntreuung koennt ma da so ziemlich jeden einbuchten

freunderlschaft klnut da viel harmloser - gell !

harryqu
27.08.2010 22:40
5 0

dem ist nicht viel hinzuzufuegen...

die darstellung ist absolut treffend. dennoch scheint es geradezu beaengstigend, sich mit dem status quo abzufinden oder auch nur abfinden zu wollen!

die regierung ist eine katastrophe, ok! das wurde in den letzten monaten hinlaenglich bewiesen, aber leider kann sich das land (und seine bewohner) nichts darum kaufen, dass die regierungsbaenke mit schwachmatikern besetzt ist und die "opposition" diesen namen auch nicht verdient.

daher waere es an der zeit, anstatt den zustand zum 50000-sten mal zu beschreiben, nach loesungen zu suchen, wie man sich der mensch-gewordenen inkompetenz (vulgo "regierung") entledigen kann... eigentlich fiele diese aufgabe ja dem waehler zu - ich fuerchte nur, dass man auch hier die erwartungen (unter anderem wegen mangelnder alternativen) nicht allzu hoch ansetzen sollte!

Gast: Nichtwähler
27.08.2010 20:56
6 2

brillante Analyse

Diese brillante Analyse zeigt knapp und für jedermann verständlich das Übel auf. Unser Staat ist ein Beuteobjekt von Parteigängern, Kammern, Beamten etc. Wie es scheint, ist gegen die Gefräßigkeit dieser Bonzen kein Kraut gewachen.

Antworten Bimi
28.08.2010 21:05
0 0

Re: brillante Analyse

Sehen Sie sich doch einmal http://REvolution21AT.bimashofer.eu Eine interessante Bürgerbewegung für das 21. Jahrhundert an.

Tom93
27.08.2010 19:23
2 7

platituden von prüller

wahnsinn! parteien wollen macht und benutzen sie um mehr macht zu bekommen! fürwahr ein tiefschürfende einsicht! warum dieser normale zustand der therapie bedarf erschließt sich mir nicht ganz. wieso sollen gewählte politiker nicht macht haben geld zu verteilen? wer soll sonst über die verwendung von steuergeldern entscheiden, wenn nicht vom volk dazu legitimierte parteien? der alleinseligmachende philosophenkönig, der mit übermenschlicher intelligenz ausgestattete diktator? schon probiert, die folgen sollten sogar einem prüller bekannt sein.

kurz gesagt: was soll dieses alberne gejammer über politiker, die macht ausüben? wie sonst soll man staatliche ressourcen verteilen und verwalten? vorschläge?

Antworten MiFi
29.08.2010 08:32
1 0

Guter Mann,

Ihr zentraler Denkfehler und die Wurzel des Übels ist in einem Satz zusammengefasst - "... wer soll sonst über die verwendung von steuergeldern entscheiden, wenn nicht vom volk dazu legitimierte parteien? ..."

- das Volk muss wieder Politiker und nicht mehr Parteien legitimiert - das wäre ein Anfang (kombiniert mit Einführung des Zensuswahlrechts)

Antworten Metz
28.08.2010 14:36
0 0

Re: platituden von prüller

Demokratische Wahlen sind dazu da, „die Macht“ bestimmten Parteien eine befristete Zeit zu überlassen. In diesem Zeitraum sollen und müssen die Parteien auch die Macht ausüben, das ist ihr Job!
Falls allerdings Strukturen geschaffen werden, welche „die Macht“ sichern, auch wenn das Volk bei der Wahl anders entscheiden hat, dann geht es eindeutig in Richtung Diktatur. Das Ergebnis der Wahl wird in diesem Fall ja irrelevant! Wenn eine Diktatur gewünscht ist, dann ist die Richtung OK. Andernfalls (falls man doch noch an einer Demokratie hängen sollte) muss man Änderungen vornehmen – und da ist auch gleichzeitig das Problem! Demokratie bedeutet immer (Selbst)Verantwortung, Toleranz und Veränderung – all das scheint meiner bescheidenen Meinung nach nur eine kleine Minderheit zu wünschen. Die Mehrheit empfindet diese Tugenden eher als mühsam.

Antworten periskop
28.08.2010 10:51
3 0

Re: platituden von prüller

Es stimmt schon, dass nur die Regierenden - und damit die Mehrheitsparteien - zur Verteilung der Steuergelder berufen sind, aber sie sollten es eigentlich zum Wohle des Staates und der Allgemeinheit machen und nicht in erster Linie die Parteifreunde an die prallen Futtertröge heranbringen!

Dass diese Futtertröge die Hauptsache für die österreichische Politik sind, konnte man sehr gut daran sehen, wie die Blauen die Zeit, in der sie in der Regierung waren, genutzt haben. Heute werden sie dafür gescholten, dabei haben sie nichts anderes gemacht, als die anderen Regierungsparteien auch, sie wussten nur, dass sie weniger Zeit haben als die anderen, weshalb sie da besonders aktiv sein mussten.

Wie wichtig den Parteien die eigentliche Regierungsarbeit gegenüber der Geldzuschanzung ist, sieht man sehr gut an unserer derzeitigen Regierung, die in wichtigen Fragen untätig bis zum Verfassungsbruch ist (Budget!), aber bei der Postenvergabe an Parteifreunde viel Fleiß an den Tag legt. Das zeigt sehr schön der in der Printausgabe neben diesem Leitartikel stehende Beitrag von Josef Urschitz: "Herr Eder, bitte vor den Vorhang".

So ist es eben in Österreich, eine Änderung ist unwahrscheinlicher, als ein Haupttreffer in der Lotterie! Das führt dazu, dass die Wähler das Gefühl haben, das Wohl der Allgemeinheit ist sowieso allen Parteien nicht so wichtig, und deshalb gar nicht erst zur Wahl gehen!

Antworten Antworten Gast: saunaecho
28.08.2010 18:37
0 0

Wer will derzeit Revolution ?

Wenn es stimmt, dass wir real von einer Oligarchie (rot-schwarzer Bürokraten) regiert werden, die auch die demokratischen Institutionen beherschen, dann können wir die Besatzer nur eine Revolution loswerdern. Weil der Leidensdruck noch nicht gross genug ist ist die Zeit noch nicht reif.

Antworten Gast: protagoras als gast
28.08.2010 10:51
1 0

Re: platituden von prüller

@tom: es sollen die leute über das geld entscheiden, denen es gehört. d.h. wenn steuergeld ganz offenbar missbraucht wird, ist zuviel vorhanden. es müssen die steuern daher radikal gekürzt werden.

mit einer steuerquote von 5-10% ließe sich ein solcher missbrauch nicht betreiben.

wenn sie selbst erkennen, dass der artikel inhaltlich richtig ist, müssten sie mir zustimmen. außer, natürlich, sie sind bloß der troll für den sie alle hier halten.

Antworten Gast: BKM
28.08.2010 10:32
2 0

Re: platituden von prüller

Wie wärs mit diesen: Vernunft, Ökonomie und Rückgrat? Kommt in den einschlägigen Parteiprogrammen und bekanntlich auch in Ihrem Denken nicht vor, ich weiß.

Antworten Hugo99
28.08.2010 09:33
0 1

Re: platituden von prüller

Unser Profilierungskasperl hat wieder einmal gegen den Wind gepinkelt

Antworten Gast: andi bauer
27.08.2010 23:27
2 0

Re: platituden von prüller

ist das ihr ernst? sie verteidigen das derzeitig korrupte system, welches steuergeld an parteigünstlinge verteilt und den Steuerzahler ausplündert. unglaublich, wer subventioniert Sie?

Antworten Gast: little_brother_is_watching_you_too!
27.08.2010 19:53
4 0

Re: platituden von prüller

ahh tom93 hat sich gerade als landeshauptmann geoutet:-)

ich denke, und da bin ich sicher nicht der einzige, in diesem artikel geht es darum, ein system anzuprangern, dass dieses land finanziell ausbluten lässt. wenn wir doch nur einen fähigen bundespresidenten hätten...

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