19.06.2013 18:07 Merkliste 0

Warum die halbe Welt mit 33 Kumpeln aus Chile mitfiebert

CHRISTIAN ULTSCH (Die Presse)

Hinter dem Medien-Hype um das "Wunder von San José"; steckt eine Geschichte des Hoffens und der Erlösung, die in ihrer archaischen Metaphorik unschlagbar ist.

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Hat die Welt keine anderen Sorgen? Warum zieht die Rettung von 33 Bergarbeitern aus einer gottverlassenen Mine den halben Globus in Bann? Warum campieren 1700 Journalisten tage- und wochenlang vor einem Bohrloch in der Atacamawüste? Warum rücken allein aus Japan 30 TV-Teams nach Chile aus, warum strahlt der ORF mitten in der Nacht eine Sondersendung aus? Warum widmet „Die Presse“ dem Thema drei Seiten?

Es mag eine Prise Medien-Hype dabei sein, diese eigentümliche Sogwirkung, der sich kaum jemand entziehen kann, sobald ein Ereignis eine bestimmte Größe erreicht hat. Letztlich aber kann nur eine außergewöhnliche Geschichte eine derartige Faszination auslösen. Und dies ist eine außergewöhnliche Geschichte. Ihre geradezu archaische Kraft bezieht sie aus ihrer Einfachheit, ihrer Dramatik aus Bangen, Hoffen und Erlösung. Großes Gefühlskino eben. Die Metaphorik ist unschlagbar: 33 Männer, die in mehr als 600 Meter Tiefe begraben waren, feiern nach 69 Tagen ihre Wiederauferstehung. Sie kommen ans Licht wie Lazarus, steigen auf wie „Phönix“, der mythische Namensgeber der Rettungskapsel.

Nicht von ungefähr lauteten die ersten Titel der Story fast unisono: „Das Wunder von San José“. Doch zu danken ist es nicht nur Gott, dem einer der ersten Geretteten, der Redseligste von allen, die Reverenz erwiesen hat, sondern auch der Technik. Die Rettung wird auch zum Wunder der Technik stilisiert. Ein „Superbohrer“ war nötig, um einen derart tiefen Rettungsschacht zu graben. Ganz Chile ist stolz auf diese Leistung. Der angereiste Präsident des Landes, Sebastián Piñera, der das Spektakel und die damit verbundene Aufbruchsstimmung ausgiebig für seine politischen Zwecke nützt, leitet daraus einen Auftrag ab: Chile werde künftig alle Probleme mit einer derartigen Präzision lösen. Die patriotische Aufwallung ist erstaunlich. „Chile“ steht in breiten Lettern auf der Rettungskapsel, die Kumpel sangen schon unter Tag aus staubtrockenen Kehlen die Nationalhymne und rührten damit nicht nur die eigenen Landsleute. 33 Menschen, eingeschlossen unter der Erde: Das Gruppenverhalten unserer Spezies kann da wie in einer Versuchsanordnung studiert werden. Einer teilt die Essensrationen ein, der andere organisiert Licht, andere halten die Stimmung hoch. Gemeinsam schaffen sie es. Auch das macht die Anziehungskraft dieser Geschichte aus. Kaum hatten die Bergleute ihr erstes Lebenszeichen gegeben, gelangte über einen schmalen Versorgungsschacht auch schon eine Kamera zu ihnen. Die mediale Inszenierung folgte phasenweise der Logik einer TV-Reality-Show. Es war wie „Big Brother“ in 600 Meter Tiefe, nur ohne Zynismus. Die Rivalitäten, die Beckmessereien, die es vermutlich auch gegeben hat, blieben ausgeblendet. Die Menschen da unten zeigten sich von ihrer besten Seite. Sie hielten zusammen, sie hielten durch.


Es waren unheimliche, düstere Bilder, die aus der Grube kamen, wie aus einem Schattenreich. Umso mehr ans Herz ging die bemüht fröhliche Stimmung, die die Kumpel mit ihren Nachrichten verbreiten wollten. Diese Disziplin, dieser unbändige Wille zur Hoffnung hatten etwas Heroisches.

Nein, billiger Voyeurismus war es nicht, der Zuschauer aus aller Welt vor die Fernsehschirme trieb. Sie wollten nicht das Scheitern der Rettungsaktion sehen. Sie wollten sich nicht am Unglück anderer weiden. Sie wollten sich mit den Bergleuten und deren Angehörigen freuen. Und viele werden auch vor Freude mit dem kleinen Buben mitgeweint haben, der nach 69 Tagen endlich wieder seinen Vater umarmen durfte. Die meisten lieben diese reinigenden Momente kollektiver Gefühlsentladung, deshalb gehen sie gern in Stadien, besuchen Konzerte oder nehmen teil an globalen Medienevents wie eben jetzt in Chile. Für solche Augenblicke mitfühlender Entgrenzung sollte sich niemand schämen.

Natürlich gibt es auf der Welt „wichtigere“ und folgenreichere Entwicklungen als die Rettung von 33 chilenischen Bergleuten in der Wüste von Atacama. Doch Menschen brauchen nicht nur Informationen, sondern hin und wieder auch Geschichten voller Pathos, die sie darin bestätigen, welche Kraft die Liebe und die Hoffnung verleihen können.

 

E-Mails an: christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2010)

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11 Kommentare
Gast: chilena
14.10.2010 20:22
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geschaffen am 8. Tag

...vielleicht auch das mehr oder weniger schlechte Gewissen derer, die in der letzten Zeit am Goldpreis durch nix tun verdient haben.
Wäre ja ein gewisses Zeichen von Größe, wenn zumindest die Kosten der Bergung von derartigen Gewinnern beglichen werden würden,
vom menschlichen abgesehen...

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"Hat die Welt keine anderen Sorgen?"

Frage: "Hat die Welt keine anderen Sorgen?"

Antwort: Natürlich hat die Welt andere Sorgen, ich mit eingeschlossen.

Aber: Die Zeitungen sind voll mit schlechten Meldungen - Kriege, Naturkatastrophen, Morde, Überfälle, ...

Und jetzt komt einmal eine schöne - eine wunderschöne - Nachricht, und das freut mich einfach.

Es war auch eine internationale Aufgabe!

Ja, es war eine an Dramatik kaum noch zu überbietende Geschichte. Zuerst die totale Hoffnungslosigkeit und Resignation: Erst am Tag 17 nach dem Stolleneinbruch drangen Lebenszeichen der Verschütteten nach oben durch! Doch dann lief die Rettungsaktion an und zog immer weitere Kreise. Internationale Experten trafen vor Ort ein und stellten ihre umfangreiche Erfahrung zur Verfügung. Und Chile nahm diese Unterstützung gerne an; was heutzutage bei ähnlichen Katastrophen keineswegs selbstverständlich ist; so bleiben etwa auch die Ungarn bei der Bewältigung ihres Giftschlamm-Desasters lieber "unter sich".

Und dieser konzertiert eingesetzte Ideen-Pool brachte es letztlich mit sich, daß die erfolgreiche Rettung sogar zwei Monate schneller abgeschlossen wurde, als ursprünglich prognostiziert. In einer Zeit täglicher Kriege, Attentate, Klimakakapriolen, Überschwemmungen, Hungersnöte und Massenarbeitslosigkeit infolge wirtschaftlichem Niedergang sind solche Meldungen wie "das Wunder in der Atacama-Wüste" Labsal für unsere frustrierten Seelen. Vor allem deshalb. weil hier "unter Tage" bewiesen wurde: Der Mensch ist noch immer primär ein "soziales Wesen" und nicht der rücksichtslose Einzelkämpfer, als den ihn "moderne" Ökonomen gerne sehen. Denn ausschließlich als solche hätten wir wohl kaum bis heute überlebt...


Antworten Gast: lehre aus der wüste
14.10.2010 15:59
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Re: Es war auch eine internationale Aufgabe!

Ich finde den Namen eines Helden der Rettungsaktion nicht hervorgehoben. Der Amerikaner Jeff Hart hat die Bohrmaschine, die auf 40 Tiefladern, nehme ich an, herangeschafft wurde, mit Können und Gefühl punktgenau gesteuert. Als er von den Angehörigen für seine Leistung geherzt und bejubelt wurde, soll er ein knappes "Wir haben unseren Teil getan" von sich gegeben haben und vermutlich an seine Arbeit in Afghanistan zurückgekehrt sein, wo er nach Brunnen bohrt.
Das erinnert an den Welt-Feuerwehrmann Red Adair mit seinen Interventionen bei Ölquellen-Bränden. Schade, daß die Mehrheit dieser außergewöhnlichen Menschen im destruktiven Gewerbe unterwegs zu sein scheint.

Gast: Gast
14.10.2010 09:42
1 0

Guter Artikel

Ausgezeichnete Analyse, nur weiter so!

Gast: AlterKämpfer
14.10.2010 04:18
0 2

Medien-Hype

Hat die Welt keine anderen Sorgen? Warum zieht die Rettung von 33 Bergarbeitern aus einer gottverlassenen Mine den halben Globus in Bann? Warum campieren 1700 Journalisten tage- und wochenlang vor einem Bohrloch in der Atacamawüste? Warum rücken allein aus Japan 30 TV-Teams nach Chile aus, warum strahlt der ORF mitten in der Nacht eine Sondersendung aus? Warum widmet „Die Presse“ dem Thema drei Seiten?

Das frag ich mich auch!

Re: Medien-Hype

ja - manchmal hat die welt für kurze zeit "keine anderen sorgen", und das auch ist gut so!

Antworten Gast: Gast
14.10.2010 10:22
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Re: Medien-Hype

Weil es einmal ein positiver Bericht in den Nachrichten ist. Weil eine Katastrophe ein gutes Ende gefunden hat. Weil 33 Leute unter ärgsten Bedingungen Zusammenhalt zeigten, wie er vielerorts nötig wäre. Zusammenhalt und einen starken Willen, nicht aufzugeben. Weil das vielen Mut und Hoffnung gibt.
Kann man nicht einmal auch Positives in den Zeitungen lesen, ohne dass ewige Grantler rumnörgeln müssen?

Gast: GAST
13.10.2010 23:21
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YES WE CAN

wenn man sich die "welt" seit einem tag so anschaut (jeder fiebert mit), könnte man fast glauben, nach dieser erfolgreichen rettung geht es wieder so richtig aufwärts mit der wirtschaft.

vielleicht täuscht es ja auch nur, aber diese 33 kumpel haben eine derartige weltweite aufbruchsstimmng erzeugt, die alle politiker zusammen auf dieser welt niemals hätten schaffen können.


Gast: lehre aus der wüste
13.10.2010 21:04
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weniger archaisch - etern

"Die Menschen da unten zeigten sich von ihrer besten Seite. Sie hielten zusammen, sie hielten durch.". Eine Verhaltensbotschaft an die Menschheit auf dieser Erdkugel. Aus einem unterirdischen Luftloch in ein kosmisches zurückgeführt, in welchem das Überleben nur nach den gleichen Regeln funktionieren kann.
Ich köpfe eine Flasche Wein, nachdem der 33-ste wohlbehalten auf der Erde gelandet sein wird.

eine großartige Leistung, die Mut macht

ich habe heute einfach ein gutes Gefühl, nachdem die ersten Bergleute gerettet wurden. Wie in der ZIB2 dargestellt, war die ganze Rettungsaktion perfekt geplant und umgesetzt. Endlich einmal etwas richtig Positives !

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