23.05.2013 16:26 Merkliste 0

Warum Kim Jong-il der Welt sein Spiel aufzwingen kann

CHRISTIAN ULTSCH (Die Presse)

Das größte Glück des nordkoreanischen Herrschers ist, dass es keine einfache Lösung für das Problem gibt, das er und sein Regime seit Jahren darstellen.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Mehr zum Thema:

Nicht nur die koreanische Halbinsel, ganz Ostasien blickte am Dienstag in den Abgrund. Mehr als 100 Granaten feuerte die nordkoreanische Artillerie auf die südkoreanische Fischerinsel Yeonpyeong ab. Dutzende Häuser gingen in Rauch auf, zwei südkoreanische Soldaten starben. Es haben schon weniger dramatische Zwischenfälle gereicht, um Kriege auszulösen.

Noch ist nicht geklärt, warum es zu dem Granatenbeschuss kam. Es steht Wort gegen Wort. Das kommunistische Regime in Pjöngjang behauptet, der Süden habe das Feuer eröffnet. Das streitet die Gegenseite vehement ab. Der südkoreanische Präsident Lee Myung-bak drohte mit einem enormen Gegenschlag, falls Nordkorea noch einmal angreife. Die internationale Gemeinschaft hatte alle Hände voll zu tun, die Auseinandersetzung einzudämmen.

Einiges spricht dafür, dass Nordkoreas „Geliebter Führer“, Kim Jong-il, wieder einmal sein bevorzugtes außenpolitisches Instrument einsetzt: die Provokation. Das Muster wiederholt sich seit Jahren: Immer wenn der Diktator Zugeständnisse will, also Geld, Reaktoren oder den Beginn neuer Verhandlungen, immer wenn er sich schlecht behandelt fühlt, inszeniert er eine Krise. Mal testet er eine Langstreckenraketen, mal eine Atombombe, mal lässt er ein Kriegsschiff versenken, mal Granaten abfeuern.

Mit dieser Methode hatte Kim meistens Erfolg, deshalb wendet er sie auch so gerne an. Seit mehr als 20 Jahren versuchen die USA und andere Mächte, dem nordkoreanischen Regime die Atombombe abzuverhandeln. Es gab alle möglichen Gespräche, Anreize und Abkommen. Doch immer wieder brach Nordkorea die Vereinbarungen, worauf nach Abkühl- und Sanktionsphasen stets neue Verhandlungen begannen.

Mittlerweile müsste klar sein, dass Kim Jong-il sein Atom- und Raketenprogramm nie aufgeben wird. Denn es ist das einzige Pfund, mit dem er wuchern kann. Wer säße mit ihm am Verhandlungstisch, wenn er seine Nachbarn nicht glaubhaft in Angst und Schrecken versetzen könnte? Nordkorea ist eines der hochgerüstetsten Länder der Welt. Deutlich mehr als die Hälfte des staatlichen Budgets steckt der Diktator ins Militär. Denn darin sieht er seine wichtigste Stütze. Und der Erhalt der Macht für sich und seine Familie ist sein oberstes Prinzip.

Dafür nimmt er bekanntermaßen auch Hungersnöte in Kauf. Wirtschaftsreformen nach dem Vorbild Chinas scheut er, denn sie könnten sein Regime destabilisieren, ebenso wie eine Entmilitarisierung und eine dauerhafte Aussöhnung mit Südkorea. Dieses Verhalten ist natürlich zutiefst unmoralisch, doch es funktioniert: 21Jahre nach dem Ende der Sowjetunion existiert die „Demokratische Volksrepublik Korea“ noch immer. Am Leben erhalten wird sie von ihrem wichtigsten Verbündeten: von China. Die Führung in Peking hat nach wie vor ein Interesse an einem Pufferstaat zwischen sich und dem amerikanischen Alliierten Südkorea. Und es fürchtet vor allem auch (ebenso wie übrigens Südkorea) den Flüchtlingsstrom nach einem unkontrollierten Zerfall des stalinistischen Regimes.


Das Glück Kim Jong-ils ist, dass es keine einfache Lösung für das Problem gibt, das er darstellt. Die militärische Option fällt flach: Nordkorea würde beim ersten Anzeichen einer Invasion Seoul, die nur wenige Kilometer entfernte Hauptstadt Südkoreas, in Schutt und Asche legen. Darüber hinaus könnten in solch einem Fall, wie schon während des Korea-Krieges (1950–1953), China und die USA direkt aneinandergeraten; und das will niemand. Hochriskant wäre es auch, den Diktator mit einer gezielten Kugel aus dem Weg zu räumen: Denn keiner kann wissen, ob die Verhältnisse nach ihm nicht noch unberechenbarer werden. Sanktionen? Ihre Wirkung war bisher begrenzt. Den größten Einfluss hätte China, das aber, wie gesagt, kein ausgeprägtes Interesse an einem Regimewechsel hat.

Bleibt also nur die Möglichkeit, Kims Spiel mitzuspielen, durch eine Eindämmungspolitik Schlimmeres zu vermeiden und weiter auf einen schleichenden Wandel durch Öffnung zu hoffen. Das ist unbefriedigend, aber leider ohne Alternative.

 

E-Mails an: christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2010)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr zum Thema:

Mehr aus dem Web

21 Kommentare
Gast: Grieg, Liszt und Händel
24.11.2010 09:03
0 1

Jetzt wissen wir es:

Ein paar Granaten und ganz Ostasien blickt in den Abgrund. Zumindest wenn es nach Herrn Ultsch geht.
In einem viel g`scheiteren Artikel in einem deutschen Blatt hab ich vor Monate gelesen, dass es nach einem bewaffneten Konflikt nur zwei Verlierer geben kann: Nordkorea und China.
China deshalb, weil es Millionen Flüchtlinge aus Nordkorea aufnehmen müsste und die Amerikaner dann direkt vor ihrer Grenze hätte und Nordkorea, das dann unter südkoreanischer Führung stünde.

Weder China noch Nordkorea wollen das. Soviel Hirn ist ihnen zuzutrauen.
Fragt sich nur, warum gerade Nordkorea immer der böse Bube ist und provoziert. Oder spielt da jemand falsch??


Re: Jetzt wissen wir es:

ohne jetzt auf weitere aspekte einzugehen.
bezweifeln Sie die aussage, dass südkoreas hauptstadt im falle des krieges kaputtgeschossen würde?

Wenn ja: wieso bezweifeln sie das?

Wenn nein: wie kommen Sie dazu, zu behaupten, dass nur Nordkorea und China Verlierer wären?

1 0

Re: Jetzt wissen wir es:

Soviel Hirn ist China und Nordkorea also zuzutrauen.

Und den USA und Südkorea nicht?

Das Letzte was sich die USA im Augenblick leisten können, ist ein weiterer Krieg. Vor allem gegen ein Land wo erstens nichts zu holen ist und das zweitens ein Vasall von China ist. Den südkoreanischen Politikern ist außerdem weit mehr Hirn zuzutrauen, wie der durchgeknallten Kim-Sippe, die ihr abgewirtschaftetes Land alleine nur durch Erpressung und chinesische Unterstützung vor dem Zerfall bewahren.


0 2

Re: Jetzt wissen wir es:

es ist genau umgekehrt wie von Ihnen aus deutschen Gazetten für uns vorgelesen.

SKorea fürchtet die Öffnung der Grenzen und den entstehenden Flüchtlingsstrom der den blitzartigen Ruin des Landes zur Folge hätte weit mehr als das riesige (in der unmittelbaren Gegend bettelarme) China das befürchten muss.
Zum Glück wollen die Amis ihren unsinkbaren Flugzeugträger SK nicht hergeben.
Also sind alle am Status quo interessiert so lange man den Präsident von NK (dessen Freund ich nicht bin - ganz im Gegenteil) als irren & geisteskranken (der er sicher nicht ist) Schuldigen an dem Konflikt anpatzen kann.

Re: Re: Jetzt wissen wir es:

"SKorea fürchtet die Öffnung der Grenzen und den entstehenden Flüchtlingsstrom der den blitzartigen Ruin des Landes zur Folge hätte"

das stimmt sogar...der SK praesident meinte in einem interview, dass er kein interesse daran hat, dass die grenze aufgeht weil das nur probleme bringt - siehe deutschland. wobei ihm klar ist, dass die DDR noch besser war als NK.

nicht umsonst hat SK eine schutzmauer nach DDR-BRD vorbild gebaut, von deren existenz kaum jemand weiss im westen weil diese mauer extra so gebaut wurde, dass sie nur von nordkorea aus zu sehen ist...

0 1

Die Grenze ist auch von SK gut zu sehen

und wird ausschließlich von US Militär verwaltet. Das ist de faco US streng abgeschirmte Amerikanische Militärzone/ Sperrgebiet.
Nur Amis haben zu Panmungjohnn Zutritt Mich hat die US Militärpolizei in der DMZ samt meinem Interpreter (NK Sicherheitsdienst) verhaftet und 24 Stunden festgehalten. Meinen Interpreter hab ich nie wieder gesehen.
Koreaner haben (nicht nur) in der DMZ nichts zu sagen.

0 1

Re: Die Grenze ist auch von SK gut zu sehen

Sorry
Soll heissen "SK Sicherheitsdienst"

Vielleicht weiss


Gast: tg
24.11.2010 00:37
2 0

Das ist ein Stellvertreterkrieg...

...wie es im kalten Krieg gang und gäbe war:

NK(China) gegen SK(USA)

Lösen lässt sich der Konflikt ganz einfach wenn einer der beiden echten Kontrahenten (China oder die USA) aufgibt. Die USA wenn sie sich aus SK zurückziehen würden (bzw. aus anderen Staaten wie Japan oder Taiwan). China wenn es NK nicht mehr unterstützen würde.

Nun ist es so dass die USA jedes Jahr etwas Macht einbüßen (wirtschaftlich schauts sowieso schon ganz schlecht aus, aber die militärische Macht ist derzeit noch sehr groß).
Es wird also entweder dazu kommen dass das US-Empire zerfällt so wie die Sowetunion zerfallen ist, und dass sich die USA aus Asien zurückziehen. Oder es kommt vorher zum großen Krieg.

Eher sehr unwahrscheinlich: Dass sich China zurückziehen wird. Denn China gewinnt enorm an Macht in allen Bereichen - warum sollte es auf seine Einflussphäre verzichten und den US Einfluss ganz in der Nähe dulden?

Re: Das ist ein Stellvertreterkrieg...

hinter der USA steht fast deren ganze Bevölkerung - bei China wird das nur ein geringer Prozentsatz sein.

1 9

Es gibt eine Lösung - aber die will die US administration nicht

Die Lösung heißt direkte Verhandlungen zwischen den beiden Waffenstillstandsparteien.

Das heißt den USA und NK.

Das wird von der überschaubar cleveren US Administration seit Jahrzehnten verweigert weil sie am Erhalt des Status quo (Korea ist ein unsinkbarer Flugzeugträger vor der chinesischen Küste - ähnliches wie es für die Piratenbucht im östlichen Mittelmeer gilt).

Das ist die essenzielle und nicht unbillige Forderung von Kim Jong Il.
Der nebstbei weit intelligenter und sprachgewandter ist als es Bush je war. Und heute noch freundschaftlichen eMail verkehr mit Madeleine Albright (Original Quote: "I like him, I think I can do business with him")

Man soll nicht automatisch alles glauben, was unsere Medien uns aus vierter Hand unter die Jacke puffen -

und an die automatisierten Rotestricherverteiler:
Ja ich habe mehrere Jahre in und mit (de facto US besetztes Gebiet) Korea gearbeitet, in Panmunjeom, offiziell auch Joint Security Area genannt, die "strictly for US military personal only" Aussichtsplattform besucht. Ich weiß daher zum Unterschied der Mehrheit hier incl. dem Autor der Meldung aus eigener Anschauung wovon ich schreibe

Re: Es gibt eine Lösung - aber die will die US administration nicht

1) die beiden waffenstillstandsparteien sind SK und NK.

2) niemand in den USA ist an der erhaltung des status quo interessiert - im gegensatz zu china.

3) kim jong il ist definitiv duemmer und mieser als bush sowie jeder andere praesident der usa.

4) SK ist von niemandem besetzt, weder de jure noch de facto.

5) du hast niemals oesterreich verlassen, sonst wuerdest du nicht so einen topfen zusammenschreiben dauernd...

6) du kannst ja nichtmal englisch "strictly for US military personal only"
oder haben die dort etwa fehlerhafte schilder??


0 7

Re: Re: Es gibt eine Lösung - aber die will die US administration nicht

Auf die einzelnen peinlich uninformierten kindischen Punkte eines offensichtlich völlig Unwissenden und in diesem Thema völlig Unbedarften einzugehen würde zu lange dauern - und, mangels Einsichtsvermögen in die eigene Unpässlichkeit, eh nichts bringen.

Wer nie in Korea gelebt hat oder dort zumindest dort vor Ort geschäftlich tätig war und seine Informationen nur der Presse oder dem Internet entnimmt hat in diesem speziellen Forum wo es um ernste Angelegenheiten geht, die uns alle einmal massiv betreffen können/werden, einfach nichts verloren und ist hier als Diskutant logischerweise nicht satisfaktionsfähig.

Re: Re: Re: Es gibt eine Lösung - aber die will die US administration nicht

Wenn Sie in diesem Forum ernsthaft diskutieren wollen ist ihnen sowieso nicht mehr zu helfen.

Außerdem schreiben sie tatsächlich besagten Topfen.

0 1

an den Topfenexperten

krieg ist frieden,
freiheit ist sklaverei,
unwissenheit (und tiefes topfenwissen)
ist stärke!

Ich hab in korea gelebt und beziehe daraus den anspruch etwas mehr über die verhältnisse vor ort zu wissen als internetaffine bemühte, aber in der sache völlig hilflose Schüler

Antworten Antworten Antworten Gast: Martin_S
23.11.2010 23:41
0 0

Re: Re: Re: Es gibt eine Lösung - aber die will die US administration nicht

Wie lange warst Du in N-Korea? Wie lange in S-Korea? Wo warst Du dort?

Gast: Greimer
23.11.2010 19:47
0 0

Die Ewige Angst vor Nordkorea

Irgenwann wird Suedkorea doch das Risiko eingehen muessen, dass Nordkorea versucht Seoul anzugreifen.

Denn besser wird das alles nicht - und die besten Chancen haette man mE doch mit einem Erstschlag gegen die Grenzsoldaten Nordkoreas.

Diese werden sicher nicht ewig fuer deren geliebten Fuehrer kaempfen. Ich meine, sobald sie bemerken dass der Juche Spass vorbei ist, werden sie doch eher dazu geneigt sein ueberzulaufen.

Denn viel laenger kann man dem Wahnsinn in Nordkorea nicht zusehen.

0 0

Re: Die Ewige Angst vor Nordkorea

lol also in einem Wort: Atombombe....

Gast: Grummelbart2
23.11.2010 19:24
2 0

Alternativen...

...gibts zuhauf; die sind aber nicht befriedigend.

Operation "Glaswüste Pjöngjang" ist da nur eine Option ("do unto others, before they do unto thou" fällt mir da ein...), wobei das nordkoreanische Volk natürlich nix dafür kann.

Und im Übrigen: Einen Einmarsch in Nordkorea will niemand. Militärische Herausforderung mal unbetrachtet lassend - ein derart heruntergewirtschaftetes Land aufzubauen bzw. in die Gegenwart (und Kim Jong aus den Köpfen) zu holen dauert, und kostet. Wer will das schon zahlen?

Re: Alternativen...

das volk kann nix dafuer, ist aber immer das erste was ins gras beisst. wobei das keine wirkliche veraenderung fuer das volk ist, da es sich sowieso von baumrinde und gras ernaehren muss dank der weitsicht des geliebten fuehrers....

1 0

Re: Re: Alternativen...

Eigentlich ist Rußland schuld am derzeitigen Zustand. Also muss Rußland auch an der Lösung des Problems mitarbeiten, wie auch immer diese aussehen mag.

Mehr Kommentare:

Top-News