19.05.2013 21:22 Merkliste 0

Vom Regen in die Euro-Traufe

FRANZ SCHELLHORN (Die Presse)

Portugal legt die Schwachstellen des Euro-Rettungsschirms schonungslos offen. Höchste Zeit zu reagieren, bevor die ganze Währungsunion unter Wasser steht.

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Für „total ausgeschlossen“ hält es die spanische Regierung, dass sie alsbald den Gang nach Brüssel antreten wird, um die Europartner um finanzielle Hilfe anzuflehen. Das ist fein. Blöd nur, dass das außerhalb von Madrid niemand mehr glaubt. Weil es auch schon „total auszuschließen“ war, dass Athen von anderen Schuldnerstaaten gerettet werden muss. Und noch „totaler“ auszuschließen war, dass mit Irland ein früherer EU-Musterknabe unter den Rettungsschirm flüchten werde.

Deshalb wäre es wohl ratsam, sich etwas näher mit weiteren Dingen zu beschäftigen, die der europäischen Bevölkerung als „total sicher“ verkauft werden. Zum Beispiel mit dem Euro-Rettungsschirm selbst, der gerne als tadellos funktionierende Einrichtung vorgestellt wird, die alles Unheil fernzuhalten imstande ist. Dazu eignet sich der gute Schirm nämlich „total sicher“ nicht: Er bietet zwar kurzfristig Schutz vor dem nicht schwächer werden wollenden Platzregen, löst aber kein einziges der zahlreichen strukturellen Probleme, aufgrund derer die Staaten überhaupt erst den Unterstand aufsuchen mussten.

Vielmehr verhält es sich so, dass die freundliche Einladung, unter den aufgespannten Schirm zu schlüpfen, der sicherste Anreiz dafür ist, die Lösung hausgemachter Problemfelder nicht weiterzuverfolgen. Wozu auch? Jeder Politiker wäre ein ziemlicher Depp, würde er sein Land mit einem Blut-und-Tränen-Programm zu begeistern versuchen, wo doch ein adretter Blankoscheck aus Brüssel auf dem Tisch liegt, der nur noch eingelöst werden muss.

Portugal ist der beste Beweis, dass dieses „Anreizsystem“ funktioniert: Als der Euro-Rettungsschirm vor zwei Wochen als Dauereinrichtung installiert wurde (was EU-Politiker freilich lange Zeit „total ausgeschlossen“ haben), legte Portugal seine Reformpläne schlagartig auf Eis. Als klar war, dass das kleine Land am stürmischen Atlantik von seinen Europartnern beschützt werden wird, blockierte die konservative Opposition die Sparbemühungen der sozialistischen Regierung, um bei den bevorstehenden Wahlen zu punkten. Nun muss man kein Wahrsager sein, um zu behaupten, dass weitere Regierungen der Versuchung, andere für die eigenen Probleme bezahlen zu lassen, erliegen werden.

Mit dem schwer überschuldeten Belgien steht ein weiterer aussichtsreicher Kandidat für eine Rettungsaktion ja auch schon fest. Und vielleicht noch Spanien oder gar Italien? Durchaus möglich, auch wenn das derzeit allerorts verneint wird. Allein steigende Zinsen könnten die Budgets von Belgien und Italien überfordern, während in Spanien vor allem hoch verschuldete Privathaushalte zittern. Acht von zehn Spaniern wohnen in den eigenen vier Wänden, sehr oft finanziert mit fremdem Geld.

Auf der Strecke bleiben jene Staaten, die für die ganze Sause bezahlen und mit Garantien haften. Unglücklicherweise leiden die derzeit so großzügigen Länder selbst nicht unter unkontrollierbaren Budgetüberschüssen. Wir sprechen hier von Staaten wie Österreich, die jedes Jahr neue Kredite aufnehmen müssen, um die Zinsen für den eigenen Schuldenberg bezahlen zu können.


Der Ausweg aus diesem Teufelskreis liegt in einer Korrektur der falschen Anreize: Anstelle von unbefristeten Blankoschecks und staatlichen „Bail-outs“ braucht es mehr Eigenverantwortung. Gläubiger, die unseriösen Staaten Geld geliehen haben, müssen das Risiko selbst tragen, indem sie auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten. Das wäre zwar für europäische Großbanken und deren Kunden eine schmerzhafte, weil kostspielige Angelegenheit. Aber letzten Endes der sicherste Weg, den drohenden und noch teureren Flächenbrand in der Eurozone einzudämmen. Und der einzige Anreiz für die Schuldnerstaaten, ihre Budgets zu sanieren, wollen sie auf den Märkten noch Geld geliehen bekommen.

Schließlich kann niemand ernsthaft wollen, dass jene 31 Ökonomen recht behalten, die unlängst in einem offenen Brief den deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble vor einer dauerhaften Überlastung der „noch“ gesunden Geberländer warnten. Auch wenn Herr Schäuble ein derartiges Schreckensszenario freilich für „total ausgeschlossen“ halten wird. Seite 17

 

E-Mails an: franz.schellhorn@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.04.2011)

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25 Kommentare
 
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österreich-, europa- oder gar weltmeister schellhorn???

würde schellhorn für jede negativ-prognose, die dann ja doch nicht eintrifft, einen euro bekommen, er wäre vermutlich ein wirklich wohlhabender mann!
zumindest in ö ist er (finde ich) unerreicht mit seinem negativismus.

eine ehrlich gemeinte frage: WIE schaffen sie es, diesen negativismus abzuschalten, wenn sie ihre arbeit beendet haben und nach hause gehen?
denn ich kann mir beim besten willen nicht vorstellen, ohne abschalten auch das privatleben so zu sehen und zu gestalten: sie hätten dann mit 100%iger sicherheit ein extrem einsames privatleben, denn es gibt NICHTS schlimmeres als jemanden, der dauernd nur klagt und schimpft und jammert....

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Leider haben Sie Recht!

Man kann einem Marktteilnehmer nicht vorwerfen, dass er sich rational verhält: die Banken kassieren hohe Zinsen mit Krediten an Problemländer und erhalten gleichzeitig die Garantie für ihr Kapital durch den Rettungsschirm. Wer solche absurden Spielregeln entwirft, nämlich die dafür verantwortlichen EU-Politiker, trägt auch die Verantwortung für die daraus folgende Ent-Solidarisierung und moralische Zerstörung der europäischen Idee.

Re: Leider haben Sie Recht!

bitte nehmen sie doch die zeilen schellhorns nicht für bare münze! s. hat eine ideologie und biegt sich die argumente dafür zurecht... nicht mehr.

es ist doch schwachsinn zu glauben, das leben unter dem schutzschirm wäre toll. fragen sie mal einen griechen, wie der die einhergehenden sparmaßnahmen findet und welch schlimme auswirkungen diese auf seinen alltag haben.

auch seine portugal-analyse ist völlig falsch: warum hat sich portugal so lange gewehrt unter den schirm zu kommen?
weil sie um die folgen wussten - sparpaket in xl-ausführung.


Gast: herr karli
08.04.2011 14:34
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Teufel nochmal ...

"blockierte die konservative Opposition die Sparbemühungen der sozialistischen Regierung"

Diesen Satz in der Presse (!!) lesen zu duerfen ...
Die EU ist wohl wirklich des Teufels und bringt offensichtlich die gottgewollte Ordnung in der Welt durcheinander ;-)

Einfach, klar und stringent auf den Punkt gebracht! DANKE!


Gast: bhayes
08.04.2011 10:33
2 0

Jetzt fängt die Katastrophe erst richtig an, denn es werden noch

weitere 10 Länder die Top-Gelegenheit nutzen, sich an den EFSF/ESM-Kredittropf zu hängen.
Die können sich dann jederzeit neue Kredite gegenseitig genehmigen, alles zu Lasten Österreichs, Finnlands, Deutschlands. etc.
Sie werden dann auch nicht den geringsten Anreiz haben, jemals etwas an dieser Situation zu ändern.
Das wird die Zahler-Länder hunderte Milliarden kosten, teilweise direkt und teilweise durch Kaufkraftverlust.
Diese wahnsinnige Ausbeutung muss sofort gestoppt werden, schließen Sie sich den entsprechenden Initiativen an, z.B. "Nein zur Transferunion – Für stabiles Geld".
Am 9.4. 11 Uhr ist eine Demo vor dem Bundeskanzleramt in Berlin gegen die Schulden- und Transferunion angesetzt, kommen Sie auch dorthin und zeigen den Politikern die rote Karte!

Gast: unbeteiligter
08.04.2011 08:54
8 1

Die Presse scheint wieder einmal .......

dazu beruten, den Leuten die Wahrheit zu sagen- bravo ! die anderen angeblichen Qualitätsblätter beten die Eu an bis zu zum Ende , das nach dem Sommer (man will sich ja nicht den Tourismus verderben) mit der Pleite Spanien kommen wird.

bitte Herr Fleischhacker legen Sie offen, wer die Meinungen der Anderen kauft !

Gast: iokukawa
08.04.2011 08:18
2 0

das wissen wir doch schon seit mehr als 2 jahren

seit ein paar wahnsinnige die bizarre idee hatten, staatsbürger in bankbürger umzufunktionieren.
gegen deren willen, versteht sich.

die kriminelle energie dieses schachzugs ist nicht ohne.
immerhin kassieren die banken den risikoaufschlag für risiken, die sie nicht mehr tragen.
dieses risiko tragen jetzt gänzlich unbeteiligte.
ohne dafür bezahlt zu werden, versteht sich.

ist vielleicht eh besser, weil die banker ganz offensichtlich nicht in der lage sind, finanzprodukte und risiken korrekt einzuschätzen.

wenn da nicht dieses unsaubere detail mit dem risikoaufschlag wär.
der muß jetzt auf unser konto fließen, das steht außer zweifel.

man könnte dann natürlich darüber sinnieren: wozu behalten wir eigentlich diese unfähigen banker?
sind für nichts nutz, offensichtlich.
wir haben ja jetzt deren funktion übernommen.
unbezahlt, versteht sich.

das ist ein weiteres unsauberes detail. die gehälter und boni der banker sind nämlich jetzt, wo wir für deren pfusch und betrügereien haften, sogar höher denn je.

daraus kann man nur einen schluß ziehen: unsere politiker und beamten sind die größten vollkoffer ever.
wozu behalten wir die eigentlich?
die bringen uns in den ruin.
ist das der auftrag für den wir sie bezahlen?

0 4

wenn man nur eine seite der bilanz ließt,

kann man sie nicht verstehen, herr schellhorn.

auch qualtitätsjournalisten sollte mittlerweile aufgefallen sein, dass das mit dem blankocheck so nicht funktioniert, sondern von der EU und dem IMF nur unter harten auflagen fließt - und die werden für Portugal strenger sein, als das zuletzt geplatze sparpaket.

man kann daher dem verfahren vorwerfen, dass es damit der nationalen politik ermöglicht, die verantwortung an die EU und dem IMF abzuschieben, aber nicht, dass es gratis geld gibt, das ist unsinn oder bewußte maniulation.

Antworten Gast: Vogel Strauss
08.04.2011 17:02
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Re: wenn man nur eine seite der bilanz ließt,

Wieviel zahlt Dir die EU für so ein Posting??

Antworten Gast: Ottoman
08.04.2011 09:38
4 1

Re: wenn man nur eine seite der bilanz ließt,

Und wer kontrolliert die Einhaltung dieser strengen Auflagen? Vor allem: Welche Möglichkeiten gibt es, gegen die Nicht-Einhaltung der strengen Auflagen vorzugehen? Antwort: Keine. Genau das ist eines der zentralen Probleme. Daran scheiterte ja auch schon der Stabilitätspakt.

0 0

Re: Re: wenn man nur eine seite der bilanz ließt,

ließ einfach eine bessere zeitung zum thema:
http://derstandard.at/1301874139125/ECOFIN-in-Goedoelloe-Portugal-steht-vor-harten-Reformen

Bei diesem "Anreizsystem" ist man ja quasi der

Verlierer, wenn man versucht ehrlich was zu machen und zu sparen.
Angesichts dieser Zustaende in der EU koennte man den Politikern fast empfehlen, auf Teufel komm raus Strassen zu bauen (weil die bleiben, auch nach einem Staatsbankrott)

Antworten Gast: Vogel Strauss
08.04.2011 17:01
0 0

Re: Bei diesem

Es wird halt versucht, den Sozialstaat auf ganz Europa umzulegen ... ein großes soziales Experiment sozusagen. Bin schon gespannt, was rauskommt

Bald wird keiner mehr dasein

der den Schirm hält, alle wollen nur unterstehen. Nur die "blöden Deutschen und Österreicher" könnten die letzten Einzahler sein. Leute es wird Zeit, auch unter den Schirm zu schlüpfen.

Re: Bald wird keiner mehr dasein

Dann wird's aber keinen Schirm mehr geben!

Re: Bald wird keiner mehr dasein

Ein bisschen germanozentrisch? Holländer, Finnen, Slowaken, Slowenen, Luxemburg stehen alle besser da als Österreich und Deutschland und machen auch mit.

Antworten Antworten Gast: Hubertus
08.04.2011 13:31
0 0

Re: Re: Bald wird keiner mehr dasein

Die Slowaken stehen besser da als Österreich? Komisch ist, daß so viele nach Österreich arbeiten kommen. Österreicher, die nach der Slowakei auspendeln sind mir eigentlich keine bekannt.

Antworten Antworten Antworten Gast: haha.
08.04.2011 15:47
1 0

Re: Re: Re: Bald wird keiner mehr dasein

Mir schon - uns zwar jede Menge !
Der Lohnsteuer wegen !!

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Hubertus
10.04.2011 23:50
0 0

Re: Re: Re: Re: Bald wird keiner mehr dasein

Ich habe gar nicht gewußt, daß die Slowakei für Österreicher solche tollen Arbeitsmöglichkeiten bietet? Wieso ist dann österreich ein EU-Nettozahler und die slowakei nicht? Wieso sind in Österreich die pensionen soviel höher? Wieso die Gehälter soviel höher?

Re: Re: Re: Re: Re: Bald wird keiner mehr dasein

Das ist eine regionale Frage. Mit der Wirtschaftskraft des Großraums Bratislava kommen die NÖ und burgenländischen ländlichen Grenzregionen längst nicht mehr mit. Die Slowaken kaufen sich auch immobilienmäßig in Österreich ein, (z.B. Kittsee), weil die Gründe dort billiger sind.

In der Ostslowakei sieht's ein bisschen anders aus.

Jedenfalls, noch mal 20 Jahre wie die letzten, und die Ostländer zeigen uns ökonomisch die lange Nase, wetten?

Gast: Vogel Strauss
07.04.2011 21:02
0 0

Bald werden der Herr Juncker ...

... und seine Landsleute die einzigen sein, die noch genug Kohle haben, um die in ihrem Land stationierten Fazilitäten und Rettungsschirme zu bedienen - geschieht ihnen recht!

Gast: biserl
07.04.2011 20:22
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Nur welcher Politiker

Nur welcher Politiker wird den Kopf aus dem Sand ziehen wollen, wenn es viel bequemer ist den Kopf in den Sand zu stecken, seine Privilegien zu geniessen, und auslöffeln darfs der Nachfolger?

Keiner unser Politiker denkt über den nächsten Wahltermin hinaus, wozu auch, wenn er nicht gewählt wird, braucht er sich nicht um die Politik danach kümmern.

Daraus kommt der endlose Zyklus von Wahlversprechen und Zuckerl vor der Wahl, und gebrochenen Wahlversprechen (wobei das manchmal bereits damit verteidigt wird das kein normal denkender Mensch das hätte glauben können) nach der Wahl. Dann gibts mit etwas Glück 1-2 Jahre Politik light (ja nicht die Kerngruppen des eigenen Klientels irritieren, cool, eine SPÖ/ÖVP Regierung hat >90% der Bevölkerung als Klientel) oder 1-2 Jahre Kasperltheater (siehe Gusi-Regierung), und dann beginnt wieder der Zyklus.

Persönlich seh ich aber wenige Optionen für eine Besserung im System "Demokratie", da in den allermeisten Fällen immer der gewinnt der die angenehmsten Versprechen bzw. kurzfristig die angenehmste Politik treibt => die Wählerschaft als ganzes ist kaum in der Lage Härte an sich selber durchzusetzen.

Man jammert gerne das Politiker kaum Gesetze beschliessen die Politikern schaden. Aber in Wirklichkeit ist es so, daß Wähler kaum jemals Politiker, die ehrlich sind und die desaströse Lage offen zugeben, wählen.


Gast: SMMHJH
07.04.2011 20:20
4 0

Auch als Laie ...

kann ich diesen Kommentar voll nachvollziehen und verstehen. Da kann man nur hoffen, dass die Entscheidungsträger schon bald den Mut und die Aufrichtigkeit haben, die schmerzhaften aber notwendigen Änderungen durchzuführen.

Ausgezeichneter

Kommentar Herr Schellhorn!

 
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