25.05.2012 22:40 | Meine Presse Merkliste 0

Bin Ladens Vermächtnis ist der drohende Überwachungsstaat

ANDREAS WETZ (Die Presse)

Die lange Suche nach dem Terrorpaten zeigt, dass echte Verschwörer staatlicher Generalüberwachung leichter entgehen als unbescholtene Bürger und Tierschützer.

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Leitartikel

Als sogenannter Datenschützer lief man in den vergangenen Jahren Gefahr, als niedliche Variante des besorgten Bürgers wahrgenommen zu werden. Wer vor behördlichem Generalverdacht, Datensammelwut und Spitzelstaat warnte, geriet schnell ins Visier jener, die diese Entwicklung vorantrieben und Widerstand nicht dulden.

Datenschutz ist Täterschutz. So lautet der präzise formulierte Schlachtruf derer, die ihren Schäfchen lieber einmal zu oft als einmal zu wenig mittels Telefon-, Internet- oder Videoüberwachung auf die Finger schauen. Die Welle von Sondergesetzen und Ausnahmegenehmigungen zur Durchleuchtung der eigenen Bürger setzte unmittelbar nach den Terroranschlägen vom 11.September 2001 ein. Ausgehend von Washington schwappte sie über den gesamten Erdball, überrollte Brüssel mitsamt dem Rest der sogenannten zivilisierten Welt und kam – spät, aber doch – vergangene Woche in Form der Vorratsdatenspeicherung in Wien an.

Dabei zeigt nun ausgerechnet die Ausforschung und Tötung jenes Mannes, der als Drahtzieher von 9/11 zur Argumentation nahezu aller staatlichen Begehrlichkeiten herhalten musste, dass die Idee von der totalen Kontrolle des Bösen durch Überwachung ein Irrlicht ist. Es sind nicht die Terroristen und Schwerstkriminellen dieser Welt, die sich im digitalen Netz der Hightech-Polizei verstricken. Es sind ganz normale Bürger, denen es einfach zu viel Aufwand ist, ihre alltägliche Kommunikation konspirativ zu organisieren.

Osama bin Laden und seinesgleichen wissen das. Wie nun bekannt wurde, handelte der Terrorpate auch danach und vermied es penibel, digitale Spuren zu hinterlassen. Ob er verärgert war, deshalb kein Profil auf Facebook unterhalten zu können, ist nicht überliefert. Sinnvoll war die Verweigerung moderner Kommunikation allemal. Seine Villa im pakistanischen Abbottabad, in der er mehrere Jahre lang gelebt hat, soll weder über einen Telefon- noch über einen Internetanschluss verfügt haben. Der al-Qaida-Chef nutzte seinen PC so, wie man es im Rest der Welt zuletzt im vergangenen Jahrtausend tat: offline.

Die Geschichte gab ihm recht. Viele lange Jahre suchten die USA mit ihren weltweit operierenden Geheimdiensten und Überwachungsnetzen ohne Erfolg. Letztendlich entscheidend war die Methode der guten, alten Observation eines Boten, mit dessen Hilfe der Terrorchef mit der Welt Kontakt hielt. Und die Folter jener Gefangenen, die im Dezember 2001 in das Militärgefängnis Guantánamo verschleppt wurden und den Namen von bin Ladens sprichwörtlichem Laufburschen angeblich verrieten: Scheich Abu Ahmed, genannt der „Kuwaiter“.

Es stimmt schon: Es war eine abgehörte Telefonleitung, in die sich Abu Ahmed eines Tages und unvorsichtigerweise einklinkte. Die CIA brauchte ihn nur noch aufzuspüren und ihm bis zu bin Ladens Haus zu folgen. Geschehen ist das, weil der „Kuwaiter“ einen seiner seltenen Fehler machte, und nicht, weil gesetzlich verordnetes Mitlauschen automatisch zum Erfolg führt. Auch der erst am Montag spektakulär beendete Prozess gegen die (nicht rechtskräftig) freigesprochenen Tierschützer hat eindrucksvoll gezeigt: Hier setzte der Staat auf Basis eines vagen Verdachts alle zur Verfügung stehenden Überwachungsmethoden ein.

Die Gefahr, als gutgläubiger Bürger ins Visier der Behörden zu geraten, ist größer. Während die eigentlichen Zielpersonen auf Anonymisierungsdienste, Verschlüsselungsverfahren oder – wie bin Laden – Technikabstinenz setzen, dürfen Staatsanwaltschaft und Polizei künftig ziemlich unkompliziert erfahren, wer wann und von wo aus mit wem via E-Mail oder Telefon Kontakt hatte.

Niemand, der an der Verfolgung von Terroristen und Schwerstkriminellen interessiert ist, wird dem Staat ausreden wollen, auf technische Ermittlungsmethoden zurückzugreifen. Die aktuellen Ereignisse zeigen aber, dass hysterische Sicherheitsgesetzgebung auch über das Ziel schießen kann. Wer über genug kriminelle Energie verfügt, kann sich dem behördlichen Auge mit etwas Aufwand entziehen. Dem technisch unbedarften Bürger ist das nicht möglich. Das ist ein Teil des Erbes von Osama bin Laden.

 

E-Mails an: andreas.wetz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2011)

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23 Kommentare
Gast: Bin Deutscher
12.05.2011 09:45
0 0

VDS BRD vs A

Habe leider keinen Gestzestext gefunden; aber ist es in Öserreich auch so, dass Abgeordnete von der VDS ausgeschlossen sind?????
DAS ist auch eine der GRÖSSTEN Sauereien was die VDS angeht.

Gast: Hans Berger
06.05.2011 09:59
0 0

Weg mit der Vorratsdatenspeicherung in Österreich!!

Die Vorratsdatenspeicherung ist die Totalüberwachung elektronischer Kommunikationsdaten u. bedeutet die Aufzeichnung, welche Menschen wann, mit wem, von wo aus, wie lange u. in welcher Form kommuniziert haben – egal, ob sie sich jemals etwas zuschulden kommen lassen haben, u. ohne Vorliegen eines Verdachtes.

Mit Hilfe der über die gesamte Bevölkerung gespeicherten Daten können Bewegungsprofile erstellt, geschäftliche Kontakte rekonstruiert und private Beziehungen identifiziert werden. Auch Rückschlüsse auf den Inhalt der Kommunikation, auf persönliche Interessen und die Lebenssituation – Krankheit u. Beziehungsprobleme ebenso wie etwaige finanzielle Schwierigkeiten – der Kommunizierenden werden möglich.

www.akvorrat.at

Gast: 12345
05.05.2011 18:23
0 0

Wir müssen aus der EU austreten!

Oder wollen Sie einen Überwachungsstaat?
Hier ist die Unterstützungserklärung
http://www.webinformation.at/material/Austritt%20Seite1.pdf

Gast: Karl Schlosser
05.05.2011 16:25
0 2

Datenmissbrauch ist das Problem !

"Schlimm" ist doch nur, wenn wenn private "peinliche" Informationen widerrechtlich weitergegeben oder gar veröffentlicht werden. Was "geheim" bleibt tut doch niemand weh ! Abgesehen davon, dass die Masse der Bürger gar nicht betroffen ist.
Es gibt ja derzeit schon Berge an gespeicherter privater Information - angefangen bei den Steuererklärungen -

Antworten montan
05.05.2011 19:21
1 0

Re: Datenmissbrauch ist das Problem !

Aufpassen !
Was heute Unrecht ist, wird morgen zu Recht. Was wir heute als Datenmissbrauch empfinden, geniert die Wichtigtuer nicht; eine kleine Gesetzesänderung, flankiert von Meldungen in Medien, wie nützlich das alles ist, und schon wird Missbrauch zu einer Maßnahme, die die "Transparenz" erhöht.
Die Steuererklärungen zB, wieso sollen die privat bleiben, wenn Firmen ihre Entlohnungen offenlegen müssen?, da ist es wohl nur ein kleiner Schritt hin, das zu ändern.
Und dass "die Masse der Bürger nicht betroffen ist", stimmt leider in dem Sinn, dass die Masse der Bürger keine Zeit, keine Energie und keine Not hat, ihre Freiheiten zu verteidigen.
Was geheim bleibt, tut schon weh!, denn vieles bleibt, wenn es so weitergeht, nicht mehr geheim.

Unterschrift: ein ganz ganz
Böser, der viel zu verbergen hat

Gast: Novalis
05.05.2011 13:04
1 1

Das ist ein Teil des Erbes von Osama bin Laden.

Das ist nicht Teil des Erbes von Osama bin Laden - sondern genau dafür wurde die "Terrorgefahr" inszeniert und instrumentalisiert :

Unter dem Vorwand der Terrorgefahr wurden Bürgerrechte eingeschränkt, Behördenrechte extrem ausgeweitet und der Überwachungsstaat eingeführt.

galli leo
05.05.2011 11:58
0 1

man darf aber auf eines nicht vergessen:

die jetzt überwachten und abgehörten bürger haben seinerzeit, als die große terrorhysterie herrschte, zu all den mittlerweile beschlossenen überwachungsgesetzen freudig JA gerufen.

Antworten Gast: Novalis
05.05.2011 12:59
1 0

Re: bürger haben seinerzeit, als die große terrorhysterie herrschte, zu all den mittlerweile beschlossenen überwachungsgesetzen freudig JA gerufen.

1. Es hat keine Terrorhysterie "geherrscht" - sondern die wurde permanent verbreitet.

2. Bei uns hat auch niemand JA gerufen. Wir wurden nicht einmal gefragt. Die Überwachungsgesetze wurden großteils in Nacht-und-Nebel-Aktionen durchgepeitscht - und diesbezügliche Warnungen von der Regierung völlig ignoriert.

Gast: Gast: Leser
05.05.2011 11:57
2 0

Richtig

Volle, uneingeschränkte Zustimmung.

Gast: faston
05.05.2011 11:54
1 0

danke

danke für diesen leitartikel!

Das ganze könnten wir uns sparen

wenn nicht jeder immer Angst hätte…

Gast: meson
05.05.2011 11:33
0 0

es ist halt für einige Wenige

ein sehr großes Geschäft!

Gast: Reflector
05.05.2011 10:38
2 0

Dämmert es?

Nana, das ist doch Wiedergabe von Verschwörungstheorien!

Die guten, guten staatlichen Stellen wollen doch nur unser Bestes also unsere Arbeitsleistung und unser Leben.

Diese simple Taktik, dass man die Terrorgefahr als Vorwand nimmt um den im Interent zu entgleitenden Bürger wieder mehr kontrollieren zu können, ist doch schon lange offensichtlich.

Und jetzt schreibt auch mal die Presse darüber.

Naja, ein bisserl spät , hoffentlich nicht zu spät ...

Rechtsauslegung ...

Wer seine Daten verschlüsselt hat etwas zu verbergen.
Wer kein Handy besitzt hat etwas zu verschleiern.
Wer keine emails versendet ist verdächtig.
Wer nicht bei Facebook ist, will anonym bleiben (= hochgradig verdächtig)

So schaut die digitale Welt aus ...

montan
05.05.2011 00:44
4 0

Neue Freie Presse.

Bereits viel viel früher hättet ihr sollen euch zur Speerspitze gegen die Vorratsdatenspeicherung machen sollen (das eigentlich Skandalöse ist, dass es keinen richterlichen Beshlusses bedarf, die Internetverbindungen von Privatpersonen zu kontrollieren. Klar, manchmal müssen die Ermittler schnell handeln. Aber nicht einmal eine hintennach-Kontrolle ist vorgesehen !, nur eine leicht zu überspringende Hürde namens Vieraugen-Prinzip).

Was droht noch, vom Staats- Moloch ?

Einige Vorschläge: Verbot von Bargeld, Inventarisierung des Privatvermögens, Elektronische Gesundheitsakte, allgemein zugängliche Strafregisterbescheinigungen, Publikation der Schulzeugnisse im Internet, Evaluation der Haushalte nach der EU-ISO-Saubermann-Norm, gesetzlich angeordnete Chip-Implantation zur Überwachung von Aufenthalt und Gesundheit (alles natürlich nur der Sicherheit dienlich !), Fingerabdrücke,....

Und wem nützt das ? Zunächst den Wichtigtuern; die Wichtigtuer sind aber nur nützliche Idioten für Menschen, die die Welt beherrschen.

Wehrt euch !

Antworten Gast: netter gast
05.05.2011 09:15
1 0

Re: Neue Freie Presse.

Der angeblich nicht mehr finanzierbare Sozialstaat wird
von einer Gemeinschaft , die für alle sorgen soll ,
zu einem Kontroll- und Regulierungssystem mit Staatsgewalt
im Interesse einer
"internationalen Elite" umgebaut

Gast: Grotius
05.05.2011 00:02
0 0

Ausgezeichneter Artikel!


Lupus67
04.05.2011 21:48
1 0

der weg

zur totalen überwachen beendet die freiheit westlicher demokratien und führt letzendlich zu zuständen wie in der ex-ddr oder udssr....jeder misstraut jedem anderen, spitzelwesen usw.....schön freiheit, mit dem versuch risiko zu minimieren.....und ein gutes geschäft für die, welche mit dem schlagwort "sicherheit" handeln.

Antworten galli leo
05.05.2011 12:06
0 0

Re: der weg

somit ein, im historischen maßstab betrachtet, sieg osamas auf der ganzen linie.
denn genau was sie beschreiben war seine intention. seine militärische/terroristische gefährlichkeit wurde ihm im rahmen der terrorhysterie angedichtet.

Gast: netter gast
04.05.2011 21:07
3 2

PR Figur

Bin Laden ist eine PR Figur .
Außer im Kampf gegen die russischen Besatzungstruppen in Afghanistan und eventuell noch Bin Ladens Einsatz
für die UCK im Krieg gegen Serbien
hat dieser Mann real nie jemand interessiert .

Ohne irgendeinen Beweis ,
in einer beinahe orgeastischen Inszenierung
zu 9.11 zum Bösen der Welt hochstilisiert ,
dient er heute in Verschwörungstheotrien
als Anlass für Krieg , Einschränkung der Menschenrechte und der Erhöhung der Wahlchancen eines Nobelpreisträgers .

nova89
04.05.2011 20:55
3 0

Das ist nicht das Erbe von Osama, s.g. Herr Wetz

Es stimmt schon was Sie über die Effizienz und Notwendigkeit eines solchen Überwachungsapperates sagen, allerdings ist nicht Osama daran Schuld, dass diese so empfindlich in die Privatsphäre des Durchschnittsbürgers eingreift, sondern eben jene, die diesen Überwachungsapperat aufbauen. Ja, Bin Laden ist der Vorwand, allerdings nicht nicht der Grund für den Überwachungsstaat.

0 1

Re: Das ist nicht das Erbe von Osama, s.g. Herr Wetz

Für die Legitimierung ständig weiter ausgebauter kreativer staatlicher Kontroll- und Übewachungstechniken diente Bin Laden als lebendes Terror-Symbol ebenso wie in den 70er Jahren die RAF als Begründung für die staatliche Aufrüstung auf eben diesen Geschäftsfeldern in der BRD. Nur in der kranken Fantasie der Baader-Meinhoff-Leute war die BRD "faschistisch". Erst ihre Bluttaten "weckten" das bis dahin schlafende System. Insofern müssen also Obamas Umfragewerte einen neuen Tiefstsand erreicht haben, daß er jetzt seinen "letzten Trumpf" ausspielte. Aber so richtig wohl scheint sich das Weiße Haus dennoch nicht zu fühlen...

Antworten Gast: Gastro
04.05.2011 22:15
1 0

Re: Das ist nicht das Erbe von Osama, s.g. Herr Wetz

Das zeigt auch die "Begeisterung", mit der die fraglichen Ressorts in Österreich auf diesen Zug aufspringen und sämtliche seriösen Bedenken (z. B. Verfassungsdienst) vom Tisch fegen.

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