Griechenland braucht nur eines: Hilfe zur Selbsthilfe

FRANZ SCHELLHORN (Die Presse)

Ein Schuldennachlass für Athen ist verlockend, löste dieser doch die drängendsten Probleme des Landes. Dennoch ist dieser Schritt die schlechteste aller Optionen.

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Österreichs Bundeskanzler will im Zusammenhang mit Griechenland keinesfalls von einer Krise sprechen. Herr Faymann sieht vielmehr „Aufgaben“, die Europa zu bewältigen habe. Nun ja, wenn ein vergleichsweise kleines Land drauf und dran ist, die europäische Währungsunion in die Luft zu jagen, dann ist das wohl zweifellos eine „Aufgabe“, die zu lösen kein Fehler wäre. Fragt sich bloß, wie. Soll Griechenland die Währungsunion verlassen? Oder ist eine „Umschuldung“ zu favorisieren, die nach früheren Aussagen europäischer Spitzenpolitiker bestenfalls ein Hirngespinst verwirrter Eurogegner sei?

Um zu erkennen, welcher Ausweg für alle Beteiligten der beste ist, wäre es wohl hilfreich, einmal die nötigen Anforderungen zur Lösung der griechischen „Aufgabe“ zu beleuchten.

Was also braucht Griechenland? Vor allem einmal mehr Geld. Jene 110 Milliarden Euro, die von den Europartnern zur Verfügung gestellt werden, reichen Athen nämlich nicht, um seine Verpflichtungen zu erfüllen. Weiters ist Griechenland dazu verdammt, seinen Schuldenberg unter Kontrolle zu bringen. Das geht freilich nicht, ohne den jährlich anfallenden Defiziten ein Ende zu setzen, was wiederum den tiefgreifenden Umbau des Wirtschaftssystems voraussetzt. Nicht nur deshalb, weil der reiche (korrekt wäre: der weniger stark im Schuldensumpf steckende) „Norden“ sonst mit der Herstellung von Rettungsschirmen nicht mehr nachkäme. Sondern, weil das Land eine Perspektive braucht, um seine Probleme auch tatsächlich lösen zu können.

Entscheidend dafür ist, dass die Wettbewerbsfähigkeit des Landes erhöht wird – vor allem nach innen. Die Löhne im öffentlichen Sektor sind laut der European Economic Advisory Group in den vergangenen 15 Jahren um 160 Prozent erhöht worden, jene in den Staatsbetrieben um flotte 220 Prozent. Diese Lohnsteigerungen, die von den Arbeitseinkommen „normaler“ Griechen zu bezahlen sind, müssen – sorry to say – korrigiert werden.

Zudem hält sich das Land einen Dienstleistungssektor, der den alten Sowjets helle Freude machen würde. Symptomatisch ist der Transportsektor. Seit 1970 hat der Staat keine Lizenzen mehr vergeben, der Bereich wurde zur wettbewerbsfreien Zone erklärt. Deshalb kostet eine Lastwagenfuhre von Athen an die 600 Kilometer entfernte Landesgrenze zu Mazedonien mehr als der Transport derselben Ladung per Schiff von Piräus nach Fernost. Ähnlich geschützt sind andere Berufsgruppen, wie Taxifahrer, Anwälte, Architekten, Ingenieure oder Apotheker. Letztere freuen sich über eine staatlich gesicherte Gewinnspanne von 35Prozent.

Die Liberalisierung der wettbewerbsfreien Zonen ist nicht nur der Schlüssel für neue Wachstumsimpulse, sondern auch das stärkste Argument gegen einen vorzeitigen Schuldenschnitt. Das ist nämlich genau das, was sich jene griechischen Gewerkschaften sehnlichst wünschen, die das Volk tagtäglich gegen die Notwendigkeit einer ökonomischen Kehrtwende aufhetzen. Wozu unangenehme Reformen in Kauf nehmen und großflächig privatisieren, wenn die Geldgeber ohnehin die Schulden streichen? Dieser Weg ist bestenfalls dann zu diskutieren, wenn alle staatlichen Häfen, Telekombetreiber, Energieversorger sowie Banken privatisiert und die wettbewerbsfreien Zonen liberalisiert wurden.


Bis dahin hätten wir noch den Austritt der Griechen aus der Währungsunion als mögliche Lösung. Unglücklicherweise ist das die für alle Beteiligten teuerste Variante („harte“ Euroschulden müssten mit „weichen“ Drachmen zurückgezahlt werden – viel Spaß). Womit noch zwei Möglichkeiten bleiben: die Umwandlung griechischer Staatsschulden in Euroanleihen sowie die Verlängerung der Rückzahlungsfristen für griechische Staatsschulden.

Gegen die Eurobonds spricht, dass sie den Reformdruck entschärften, ein schlechtes Vorbild für größere Problemländer sind und Staaten wie Österreich für die Schulden der Griechen haften würden. Längere Rückzahlungsfristen samt niedriger Zinsen, Liberalisierungen und Privatisierungen sind deshalb die erste Option. Wer bei einer derart schmalen Auswahl an Auswegen keine Krise bekommt, hat freilich beste Karten für das Amt des nächsten Bundeskanzlers der Republik Österreich. Seite 1

 

E-Mails an: franz.schellhorn@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.05.2011)

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18 Kommentare
Gast: Sparefroh
13.05.2011 14:42
0

Wasserrechnung

Jänner 2011 wollte ich meine, bereits überfällige Wasserrechnung bezahlen, nicht möglich, Grund: EDV System funktioniert nicht. Überweisungen per Bank, nicht möglich.....
.
Ich machte der Dame bei der Kassa, darauf aufmerksam das ich erst ab Mai auf der Insel bin, sie meinte das ist überhaupt kein Problem.

Anfang Mai wollte ich meine Verpflichtung nachkommen......das Büro,wo ich bisher meine Wasserrechnungen bezahlte, und die nette Dame....gab es nicht mehr.
Nachforschungen ergaben, Wasserrechnung bezahlen ist jetzt nur mehr in der Hauptstadt möglich, also auf in die 10km entfernte Stadt. Dort ging ich zielbewusst zur Kassa, in der Freude das ich meine Schuld endlich bezahlen kann, NEIN, sagte sie ich muss zuerst in anderes Büro, also auf zur 2. Dame (mein Geld behielt ich gleich in der Hand) diese Dame drückte mir ein Papier in die Hand mit der Bitte, zur 3. Dame zu gehen (die war auch sehr nett obwohl ich sie bei der Zeitungslektüre störte, hat sie mich freundlich "empfangen") - mein Geld noch immer in der Hand, sie gab mir abermals ein Papier und ich musste zur nächsten Dame......welch Wunder es war meine 1. Dame. Dann endlich wurde ich meine 11.- los.

Auf meine dortige Frage ob es den nicht möglich ist, dass ganze per Banküberweisung zu machen: Ein forsches "Nein".

Resümee: Wo früher 1 Lady war zuständig war, sind jetzt 3 beschäftigt.....! Vorteil der ganzen Sache, ich lernte drei hübsche Frauen kennen :-)- ich freu mich schon auf die nächste Rechnung!

Wenn ich mir die Kommentare und Berichte von reichen Laendern anschau, denkt eigentlich niemand an Griechenland!

Alle Berichte und Kommentare sind daruf gerichtet die Forderungen der Reichen von Griechenland zu garantieren! Es ist den Reichen im Grunde egal, was mit Griechenland passiert. Es ist genau die Angst "harte Euroschulden müssten mit weichen Drachmen zurückgezahlt werden".
Das müsste eigentlich den Griechen zu bedenken geben: Warum sind sie in diesem Klub?

Antworten Gast: Gast: Gast
11.05.2011 17:04
0

Re: Wenn ich mir die Kommentare und Berichte von reichen Laendern anschau, denkt eigentlich niemand an Griechenland!

Hat Griechenland an die zahlenden Länder gedacht, als es sich massiv verschuldete?

Re: Re: Wenn ich mir die Kommentare und Berichte von reichen Laendern anschau, denkt eigentlich niemand an Griechenland!

woran haben wir gedacht, als die griechen ihre statistiken fälschten zwecks euro-beitritt? (hinweis: die schummeleien waren den agierenden personen wohlbekannt. doch u.a. auch ö sagte dazu nichts, weil es selbst kräftig schummelte!)

woran haben wir gedacht, als wir, freudig erregt auf die zinseinnahmen schielend, den griechen milliarde um milliarde an staatsanleihen abkauften ?(mit 'wir' meine ich: unsere banken, unsere versicherungen, (auch ihre) abfertigungskasse usw.)

woran haben wir gedacht, als wir uns freuten, mit den griechen viele exportgeschäfte abzuschließen und uns über die dafür hier anfallenden steuern und die beschäftigung freuten?

antwort auf alle fragen:
wir haben an unsere eigene geldbörse gedacht!
dass das eine sehr kurzfristige sicht der dinge war....tja, so ist scheinbar der mensch.
dass wir für unsere eigenen fehler aber alle schuld bei den griechen suchen....tja, auch so ist der mensch!

Die verdeckte Bankenrettung

Ob der Herr Schellhorn weiss was griechische Beamte verdienen? Ihre Vorschlaege sind eigentlich sinnlos denn das Hauptproblem in Griechenland sind nach wie vor Korruption, Inkompetenz und Buerokratie. Das gilt auch fuer die Privatwirtschaft.

Was die griechischen Schulden betrifft so waere das ganz einfach zu loesen. Man laesst zullererst jene bluten die damit am meisten Geld verdient haben. Aber zurzeit werden halt wieder einmal Banken gerettet und Griechenland der schwarze Peter zugeschoben.

Und Herr Schellhorn, teilen sie uns doch bitte mit wieviel griechisches Vermoegen auf oesterreichischen und schweizer Privatbanken deponiert ist! Das wuerde mich schon sehr brennend interessieren!

Karl


Re: Die verdeckte Bankenrettung

Gerne! Die griechischen Banken haben große Aktienpakete in Bulgarien, Rumänien, Mazedonien, Albanien und Serbien! Also sollen die einmal diese Pakete gegen Schuldverschreibungen der griechischen Regierung dieser "verkaufen" und die griechische Regierung soll dann diese Aktienpakete auf den internationalen Märkten "privatisieren" und so wenigsten einmal ein wenig ihre Schulden an die EU-Zahler bezahlen.
Nur: Natürlich keine Spur davon.
Da streikt man halt im Land der Lügen - gegen die EU-Nettozahler damit die eigene Sauwirtschaft kommod auf Kosten UNSERER Steuerzahler weiter gehen kann...

Gast: pig
11.05.2011 13:52
0

Wettbewerbsfähigkeit

Liberalisierung der Dienstleistungen wäre selbstverständlich das Gebot der Stunde.
Aber daneben gäbe es als einzige Selbsthilfe die Löhne um 50% zu senken. Von 1000 Euro auf 500 Euro. Oder so ähnlich, plus Bürgerkrieg.

Austritt, als Schellhorns teuerste Lösung würde ich bezweifeln.
Ob Griechenland ihre Euroschulden mit Euro"nicht", oder mit weicher Drachme aber schon "gar nicht" zahlen kann, kommt auf das Gleiche heraus.
Mit weicher Drachme werden aber all ihre Löhne, Privilegien und sonstiger Schlendrian mit abgewertet und das alles ohne Revolution. Gleichzeitig können sie nur so (außer drastische Lohnsenkung) ihre Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen.




Gast: isnogud
11.05.2011 13:46
0

Austritt

Wie kommen Sie, geehrter Herr Schellhorn, auf die Idee, dass bei einem Austritt Griechenlands aus dem Euroraum die Euro Schulden zu Drachmen-Schulden würden? Selbstverständlich bleiben die Verbindlichkeiten in Euro denominiert, es handelt sich dabei ja um Anleihen. Wenn die Drachme abwertet, müsste Griechneland eben mehr Drachmen für die Rückzahlung aufwenden, was letztlich vermutlich wieder in einem Staatsbankrott resultieren würde.

Gast: uburoi
11.05.2011 13:45
0

die werden einen dreck tun.

denn griechenland zu "retten" würde auch bedeuten, das thema finanz ist nur eine plumpe (papier ist geduldiger als charakteren) pumpe luftnummer der n_sozialen und diversen rassistenbanden.
aber "zum glück" haben sich die deppen selber bei die (ihre) eier und keiner gibt was zu.
sagenhaft!

Gast: Reflector
11.05.2011 09:26
1

Prinzipiell gute Vorschläge ...

... das Problem liegt aber darin, dass die Umsetzung und Wirkungsentfaltung im günstigsten Fall maximal mittelfristig zu erzielen sind, also kurzfristig leider nichts bringen.

Die langjährige Negierung dieser überfälligen Reformen rächt sich nun. Ist in Ö leider auch nicht anders, Reformen wie z.B. die Verwaltungsreform wurden schon jahrelang auf die lange Bank geschoben.

Damit bleiben im akuten Bedarfsfall wie nun in GR nur kurzfristige Massnahmen, die wie es sich anhand des GR Falles zeigt, allesamt nicht besonders angenehm sind.

Und das Militär ?

Warum wird das nie erwähnt ? Die GR Armee ist eine der größten in ganz Europa. Dort könnte man riesige Summen sparen.

Ach ja ... die kaufen ja Schiffe und UBoote in Deutschland ein ...

Alles klar ... ?

Re: Und das Militär ?

vollste zustimmung !!

die sind so hoch gerüstet, da könnte gewaltige summen einsparen !

die griechen müssen ja einen irren komplex haben um sich so ein militär zu leisten !
und wir europäer finanzieren das auch noch....sic !

Antworten Antworten Gast: tzikizakis
11.05.2011 13:27
0

Re: Re: Und das Militär ?

aber es ist doch klar, dass sich ein Nato-Mitglied gegen den Angriff eines anderen Nato-Mitglieds schützen muss. Dafür haften wir doch gerne, oder?

Gast: mysterium
10.05.2011 20:21
9

Ich denke, erster Schritt wäre die Absetzung der jetzigen Nomenklatura

und Einsetzung eines Kommissars, Generalpfandrecht auf griech. Vermögen und die von Schellhorn vorgeschlagenen Liberalisierungen und Privatisierungen vorantreiben.

Weiterhin abgesetzt gehören Juncker, Largarde und Barroso und Cohn-Bendit, der gewerkschaftliche Hetzer in Griechenland.
Neue Führungsmannschaft + am besten deutscher Kommissar wie wäre es mit Prof. Sinn.

Antworten Gast: Vogel Strauss
11.05.2011 07:36
1

Re: Ich denke, erster Schritt wäre die Absetzung der jetzigen Nomenklatura

Die Sehnsucht nach dem 'starken allwissenden unfehlbaren Mann' ist zwar verständlich (v.a. wenn man unsere Politelite so anschaut), aber irgendwie nicht realistisch - die eierlegende Wollmilchsau gibt es auch hier nicht. Wir werden uns also weiterhin mit menschelnden Führungskräften herumschlagen müssen ...

Antworten Antworten Gast: mysterium
11.05.2011 09:02
0

Es geht nicht um allwissend, sondern darum, dass

sich griech. Politiker im eigenen Land nicht durchsetzen können, daher Kommissar mit Generalpfandrecht. Das hat Österreich auch durchhalten müssen.

Gast: Onkel Hans
10.05.2011 20:21
2

Geile Entwicklung!


Dabei sein ist alles, sagen unsere "Eliten": WK I - WK II - EU/EURO.

Arme Schweizer, hatten keinen Spass!

Guter Kommentar!


Und kein Lobbyist irgend einer Seite.

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