Achtung vor den "Alternativlosen"

CHRISTIAN ULTSCH (Die Presse)

Es gebe keine Alternative zur Griechenland-Hilfe, sagten EU-Politiker monatelang. Jetzt ist doch von Umschuldung die Rede. Viele Banken haben inzwischen ihre griechischen Anleihen abgebaut. Na dann.

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Vielleicht klappt es ja beim zehnten Anlauf. Neun Mal schon haben Europas Staatenlenker Gipfeltreffen abgehalten, um der Schuldenkrise in Griechenland Herr zu werden. Sie ist ihnen immer wieder entglitten. Am Donnerstag sollen sich die 17 Regierungschefs der Eurozone auf Einladung des permanent unscheinbaren EU-Ratspräsidenten Herman Van Rompuy wieder treffen.

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Eigentlich wollte der belgische Zeremonienmeister schon am Wochenende nach Brüssel bitten, aber das mochte die deutsche Kanzlerin nicht. Angela Merkel tourte gerade durch Afrika und wollte durch einen Rückflug keine Panik verbreiten. Außerdem erlaubte sie sich anzumerken, dass es nicht unklug wäre, das nächste Hilfspaket für Griechenland beieinander zu haben, bevor man es auf den Postweg schickt.

Das mangelhafte Krisenmanagement der EU ist zuletzt ausreichend beklagt worden, auch die Führungsschwäche. Vor allem Merkel, der manche ursprünglich noch die größte Weitsicht und Durchsetzungskraft zugetraut hätten, verlor in den Zeiten der Krise die Reste ihres diesbezüglichen Nimbus. Erst zauderte sie, auch wegen bevorstehender Landtagswahlen, dann gab sie doch stets nach. Noch im März 2010 ließ sie verkünden, es gebe keine deutschen Mittel für Athen. Zwei Monate später schnürten EU und IWF ein Überlebenspaket im Umfang von 110 Milliarden Euro. Eine „einmalige Aktion“, hieß es damals. Jetzt wird an der zweiten gigantischen Finanzhilfe gebastelt. Bezahlt werden damit aber nur neue Schulden und steigende Zinsen. Ein Ende der Krise ist auch danach nicht in Sicht, außer es erfolgt eine Umschuldung.

In ihren Irrläufen seit Beginn des griechischen Dramas brach die EU ein Tabu nach dem anderen. Erst verstieß sie mit ihrer Finanzhilfe für Griechenland gegen die „No-Bail-out-Klausel“ in den EU-Verträgen, dann kaufte die Europäische Zentralbank griechische Staatsanleihen. Die naheliegendste Option für Staaten, die vor der Pleite stehen, nämlich ein Schuldenerlass oder eine Umschuldung, erwog jedoch monatelang kein führender EU-Politiker öffentlich. Merkel & Co. verhängten ein rhetorisches Denkverbot. Die Griechenland-Hilfe sei „alternativlos“, wiederholten sie unentwegt. Ihr Mantra lautete: Ein Schuldenschnitt wäre Europas „Lehman-Moment“, nicht nur Banken, ganze Staaten könnten wie Dominosteine fallen. Alle fürchteten sich, nur die Spekulanten freuten sich auf die Geschäfte unterm EU-Schutzschirm für Griechenland.

Mittlerweile haben die Banken ihr Engagement in Griechenland systematisch zurückgefahren und plädieren teils auch selbst für eine Umschuldung. Bluten müssen jetzt nicht nur sie, sondern auch die Steuerzahler. Das nennt man die Sozialisierung von Verlusten. Ausgestanden wird das Fiasko ja auch nach dem zehnten EU-Gipfel nicht sein. Eine kleine Zwischenlektion lässt sich aber schon festhalten: Wenn eine Vorgangsweise als „alternativlos“ dargestellt wird, sollte man immer ganz genau hinsehen, von wem die Analyse stammt.

christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.07.2011)

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11 Kommentare
Gast: BAZI
17.07.2011 17:48
0

auch Derivate ?

Mich würde ja einmal interessieren, ob um die "normalen" Staatsanleihen der kritischen Länder von den Banken auch noch zusätzliche "strukturierte Produkte" (Derivate) drumherum gebastelt wurden, die möglicherweise noch zusätzliche höhere Ausfallrisiken (Hebelwirkung) darstellen könnten. Kennt sich da jemand in der Sache genauer aus ?

Antworten Gast: radius
17.07.2011 22:38
0

Angeblich hat die verstaatlichte griech. Postbank an eine

private Firma ihre CDS zur Absicherung der Staatsanleihen um 1,5 Mrd. verkauft, die bei Bankrott einer privaten Firma in der Schweiz 27 Mrd. bringen soll. Diese private Firma gehört dem griech. Milliardär Margellos und dem Ex-Präsidenten von Costa Rica Figueres und einer ehemaligen IWF-Ökonomin, Griechin.

Re: Angeblich hat die verstaatlichte griech. Postbank an eine

Kann das " angeblich" von der
Presse genauer recherchiert werden? Genau dieses Thema (wer profitiert, wer zahlt?) wird unter "die faulen Griechen lebten in Saus und Braus" dauervernebelt.

Gast: Gast 2011
17.07.2011 17:37
0

Wohlfahrtsgesellschaft muß abgebaut werden

erst wenn alle gleich wenig haben werden die "Alternativlosen" ihre Arbeit der Umverteilung beenden können. Feig und überheblich sind Politiker, die dem Volk das verschweigen und frech behaupten, daß am Euro-Rettungsschirm kein Weg vorbei führt.

Gast: ASVG-Sklave
17.07.2011 10:40
0

400.000 Phantombeamte, 18 Monatsgehälter


Sehen, hören und verstehen:

http://aktien-boersen.blogspot.com/2011/07/prof-dr-hamer-die-entwicklung-der.html


Gast: Wutbürger
17.07.2011 08:59
0

Unehrlichkeit

"Wenn eine Vorgangsweise als „alternativlos“ dargestellt wird, sollte man immer ganz genau hinsehen, von wem die Analyse stammt"...Dieser letzte Satz trifft ins Schwarze ! Diesbezüglich wurde schon eine ganze Weile gemogelt und schließlich wird es auf eine "Sozialisierung von Verlusten" auf Kosten aller Steuerzahler hinauslaufen !

"Mittlerweile haben die Banken ihr Engagement in Griechenland systematisch zurückgefahren"


Hängen aber noch ganz schön in den Seilen:

194,1 Milliarden Euro potenzielle Giftanleihen

Der EBA-Stressstest legt offen, wie viele Staatsanleihen Griechenlands, Irlands und Portugals in Europas Bankensystem stecken. Rund zwei Drittel der Papiere gehören jeweils den Geldinstituten der Problemstaaten. Deutsche Banken sind größter Auslandsschuldner Griechenlands. [...]

http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/2011/07/15/1941-milliarden-euro-potenzielle-giftanleihen/

Antworten Gast: radius
16.07.2011 22:23
0

Die Franzosen haben die Deutschen ordentlich gelegt.

Die Franzosen hielten doch weit mehr Anleihen als die Deutschen im Mai 2010.
Trichet sei DAnk, der hat sie den Franzosen abgenommen, nun dürfen wir alle für die EZB mithaften. Fein gemacht.

Gast: ajoux
16.07.2011 19:17
0

darum geht es doch,

den steuerzahlern die verluste zuzuschanzen, vor allem den armen.

dafür ist jedes mittel recht.

alternativlos.

"Arm" und "Steuerzahler" sind ein Widerspruch

Die "Armen" und die Banken sind sich einig in der Frage der Ausbeutung der Steuerzahler.

Antworten Antworten Gast: ajoux
17.07.2011 17:10
0

Re:

sogar der ärmste ist steuerzahler, sofern er selber für kost, logis, mobilität, sachgüter, dienstleistungen usw. bezahlt.

für die politische lenkung und schaffung der rahmenbedingungen werden weder arme noch banker bezahlt sondern politiker, und die sind daher auch dafür verantwortlich zu machen.

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