Ode an den Schuldenhandel: Wie China Schiller widerlegt

KARL GAULHOFER (Die Presse)

Dass Peking bei Eurohilfen pokert, ist plump, aber legitim. Traurig wäre, wenn der Westen aus purer Verschwendungssucht im Kampf der Systeme unterliegt.

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Deutschland ist ein vergilbtes Manuskript aufgetaucht, das Friedrich Schiller in den Rang eines ökonomischen Visionärs erhebt. Mit zierlicher Feder hat er uns eine Urfassung seiner „Ode an die Freude“ vermacht, die neben viel romantischem Pathos auch einen radikalen Ausweg aus der Schuldenkrise anbietet: „Jeder Schuldschein sei vernichtet, ausgesöhnt die ganze Welt.“ Man stelle sich vor, diese Worte hätten es in Beethovens Neunte geschafft und dürften als Europahymne nicht nur gesummt, sondern auch gesungen werden: Dann würden die EU-Granden keine Strophe so begeistert schmettern wie diese.

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Denn immer bedrohlicher brodelt in der Eurozone das giftige Staatsschulden-Gebräu. Und jetzt haben auch noch die Chinesen Hilfe versprochen – das kann nichts Gutes bedeuten! Welche Demütigung, wenn Italien in Peking um Kauf seiner Staatspapiere betteln muss. Welcher Hohn, wenn Premier Wen vor 1700 Kapazundern des Weltwirtschaftsforums gönnerhaft verspricht, Europa eine „helfende Hand hinzustrecken“, aber Stützungskäufe davon abhängig macht, dass Brüssel Peking „wie ein Freund einen anderen Freund behandelt“. Erpressung! Ausverkauf! Das Abendland geht unter!

Gemach, gemach. Bewahren wir uns einen kühlen Kopf. Die Staatskapitalisten aus dem Reich der Mitte haben schon öfters blumig versprochen, Griechenland, Portugal und Irland zu unterstützen. Auch wenn genaue Zahlen fehlen: Gekauft haben sie sehr wenig. Warum sollten sie auch, es ist ja eine verdammt riskante Investition. Auch Chinesen setzen nicht gern ihr eigenes Vermögen aufs Spiel. Freilich schichtet der Staatsfonds von US-Treasuries auf Euroschuldscheine um. Das amerikanische Klumpenrisiko ist China nicht mehr geheuer, und es sieht auch nicht gern zu, wenn beim wichtigsten Handelspartner EU eine neue Rezession droht. Aber bei seinen Käufen setzt Peking zum größten Teil auf sichere deutsche Anleihen.

Doch selbst wenn Peking nun etwa in großem Stil italienische Schulden finanzieren sollte: Die Probleme wären damit nicht gelöst. Bond-Investitionen sind ja nicht wie Firmengründungen „fest gemauert in der Erden“, um bei Schiller zu bleiben. Peking kann, wenn es eng wird, die Papiere wieder auf den Markt werfen. Auch wenn es unter den Verlusten selbst zu leiden hätte.

Womit wir beim Erpressungspotenzial wären. Was meint Wen, wenn er fordert, die EU solle China „als Marktwirtschaft anerkennen“? Er will seinem Land, recht plump, Vorteile bei Handelsstreitigkeiten sichern. Dumping und Yuan-Manipulation wären dann nach den Regeln der Welthandelsorganisation weniger leicht einklagbar. Nur: 2016 hat sich China den ersehnten Status ohnehin ersessen. Und bis dahin wäre es nur töricht, dem „Freund“ vorauseilende Zugeständnisse zu machen. Denn die Akzeptanz bei der WTO ist das Letzte, worauf China verzichten kann: Sein Exportboom beruht zum größten Teil auf der Mitgliedschaft bei diesem Verein des freien, fairen Handels.

Spätestens hier muss es uns dämmern: Wie egoistisch und hinterlistig das Regime in Peking auch immer agieren mag – es ist durch Verträge gebunden, durch ökonomische Logik gezähmt, durch Welthandel und globalisierte Finanzmärkte fast schon entwaffnet. Es wäre eine böse Pointe der Geschichte, sollte Europas überlegenes, auf Demokratie und Menschenrechte gegründetes politisches System nun ins Hintertreffen geraten, nur weil verantwortungslose Politiker mit ihren Mitteln nicht haushalten können. Der Weltgeist reitet weiter in Richtung Westen, und die Globalisierung ist sein Pfad.

Dieses Primat der Ökonomie über die Politik mag vielen unsympathisch erscheinen. Aber es schafft nicht nur Wohlstand, sondern auch Frieden. Schiller lag also diametral daneben: International gehandelte Schuldscheine sind Garantien der Kooperation, wenn Gläubiger und Schuldner wissen, dass sie ohne einander nicht können. Wo Händler einziehen, marschieren keine Soldaten mehr – „ausgesöhnt die ganze Welt“. Der Dichterfürst klagte übrigens selbst, seine Ode sei „trotz eines gewissen Feuers der Empfindung ein schlechtes Gedicht“. Wir wollen dem Meister nicht widersprechen.

 

E-Mails an: karl.gaulhofer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2011)

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10 Kommentare

Schiller....

ist unausweichlich und wird schneller kommen als noch von vielen vermutet. Genau genommen steht er schon vor der Tür. Es bedarf nur noch des berühmten Tropfens, der das Fass zum überlaufen bringt.

Wenn die Menchen den "Schmäh" der jetzigen Geldschöpfung einmal verstanden haben, gehen die Uhren anders und der Spuk der "Wirtschaftskrise" ist Geschichte.

Die Chinesen haben ihn offensichtlich längst begriffen und müssen sich ja auf die Schenkel kopfen, wenn sie die jämmerlichen europäischen Politiker vor sich sehen.

Unfassbar daneben!

Der Primat der Ökonomie über die - demokratisch legitimierte - Politik bedeutet: Demokratie ist nicht mehr. Wenn nämlich demokratisch nicht legitimierte, den Menschen nicht verantwortliche Konzernherrn oder sonstige Wirtschaftsmenschen oder schlicht "die Märkte" das SChicksal der Menschen bestimmen, gesellschaftspolitische -, soziale -, ökologische oder auch ökonomische Standards festlegen, hat das mit Demokratie nichts mehr zu tun. Der "aufgeklärte Mensch" der sich vor Jahrhunderten aus seiner Gottunterworfenheit befreit hat ist wieder in der "Davorzeit" gelandet, als ein "den Märkten" Unterworfener. Nichts darf hinterfragt werden, alles ist zu akzeptieren. Ach ja und der "Friedensbringer" Ökonomie - Herr Gaulhofer hat ganz offenbar nie Geschichte gelernt, sonst wüsste er wieviele "Wirtschaftskriege" geführt wurden. Vor gar nicht solanger Zeit z.B Kolonialkriege, "Lebensraumbeschaffung im Osten" aber natürlich auch die Kriege heute im Nahbereich erdölreicher Regionen haben zumindest auch wirtschaftliche Aspekte. Die Kaufleute, Herr Gaulhofer, verdienen nämlich auch mit Kanonen und dem Wiederaufbau von Trümmern. Freier WEttbewerb d.h. "Jeder gegen jeden", "Der Schwache geht, unter der Starke siegt" "Wer das Geld hat macht die Regeln" - diese Haltungen sind einem friedlichen und respektvollen Zusammenleben von Menschen sicher nicht förderlich, sondern dienen gerade dem Gegenteil. Ein Leitartikel peinlich daneben!

Gast: schlÄchter
15.09.2011 11:09
0

sg herr redakteur gaulhofer!

"Der Weltgeist reitet weiter in Richtung Westen, und die Globalisierung ist sein Pfad.

Dieses Primat der Ökonomie über die Politik mag vielen unsympathisch erscheinen. Aber es schafft nicht nur Wohlstand, sondern auch Frieden."

francis fukuyama hat iohre these schon vor 20 jahren besser ausformuliert: nach dem zusammenbruch des ostblocks und im zuge george bishI ansage einer neuen weltordnung fabulierte er vom "ende der geschichte".
mittlerweilen hatte herr fukuyama wenigstenes die größe seineen irrtun einzugestehen.

angesichts der demographischen entwicklung, der unübersehbaren emanzipation nichtwestl. gesellschaften und deren selbstbewußtsein eben nur für sie kompatible westl. ideen zu übernehmen ist ihre these wirklich mehr als gewagt.
vielmehr erscheint es so, dass der westen nur noch in technologischen ideen als vorbild gesehen wird (zum glück noch waffentechnisch klar no. 1), moralisch, staatspolitisch und jetzt wirtschaftlich schafft sich der westen selbst zuiemlich zielstrevbig selbst ab.

selbsttüberschätzung/hybris-wie auch aus ihreer these (siehr zitat) ableitbar spricht fpür sich selbst.

m enttäuschten g
s.

dass Brüssel Peking „wie ein Freund einen anderen Freund behandelt“

moment, bis zum freund ist es ein langer weg vom

*lügner: chinesische investments in euro sind kein altruistischer freundesdienst sondern beinhart kalkuliert.

*dieb und betrüger: siehe chinesische patentverletzungen, knowhow-diebstahl in jointventures....

*'kleriker': china ist der weltliche vatikan. eine sehr kleine gruppe hat allmacht über den riesigen rest.

nein, mit solchen leuten, denen noch dazu in absehbarer zeit der eigene leibstuhl unter dem hintern explodieren wird, will ich nicht befreundet sein. und tschüss!

Gast: EinstellungslosesPlastillinrückgrat
14.09.2011 22:01
0

@Der Weltgeist reitet weiter in Richtung Westen, und die Globalisierung ist sein Pfad.

Wai geschrien (hätte mein Großvater gesagt)! Die Globalisierung ist nichts anderes als der weltweite alte Manchester-Liberalismus. Der führte zur Kapitalkonzentration in den Händen wenig(st)er (diesmal halt weltweit), Massenelend und politischem Extremismus. Ein weltweiter Extremismus der Gier und Ausbeutung.

Kann man alles nachlesen, da gab's mal so ein Buch das nannte sich 'Das Kapital' von einem gewissen Karl Marx.
Mittlerweile ist zumindest die Kirche schon drauf gekommen und schreibt auch ein "Kapital" (von einem Reinhard Marx). Nur SIE haben weder das eine noch das andere gelesen und Leute ihres Schlages kapieren es erst wenn die Revolution losbricht - dann ist es zu spät und das Leben ziemlich wenig wert.

Der Mensch ist zuerst ein Mensch, hat eine Menschenwürde und ist kein Ausbeutungsobjekt, auch dann nicht wenn man es mit "Globalisierung" schick verschleiert.

Gast: Jo Jo
14.09.2011 21:32
0

a Obergscheiterl der Herr .

Jetzt will uns schon wieder einer einreden, dass das "Primat der Ökonomie über die Politik" Wohlstand und Frieden bedeutet. Und bemüht pseudo-intelektuell auch noch den Schiller!
Ich schicke Ihnen was vom Herrn Schiller, Herr Gaulhofer, was besser passt:
"Verrat trennt alle Bande". Wallenstein.

Firmengründungen

Zitat aus dem Artikel: "Bondinvestitionen sind ja nicht, wie Firmengründungen, fest gemauert in der Erden".
Es könnte das wahre Ziel der Chinesen sein, Anteile an guten europäischen Unternehmen zu erwerben, die gemäß Fundamental-Analyse unterbewertet sind. Es gibt da so etwas wie Börsenregeln: Dem zufolge jemand, der Aktien erwirbt, nicht nur um mitzunaschen, sondern sehr viele Aktien erwirbt, um mitzubestimmen, diese seine Absicht offen legen muss.
Als Paranoiker meine ich, dass solche Regeln doch leicht umgangen werden können, wenn genügend Geld in die Hand genommen wird. Wenn Unternehmensteile in chinesischen Streubesitz kommen, und sich bei gewissen Aktionärsversammlungen dann plötzlich, scheinbar spontan, chinesische Mehrheiten finden, was dann? Sage keiner, das sei egal, wenn Patente und Arbeitsplätze in den Fernen Osten abwandern.

Gast: Treppenwitz
14.09.2011 19:16
2

Das kommunistische China

erklaert den USA und Europa die Wirtschaft und fordert groessere Anstrengungen.

Wer haette das gedacht.

Re: Das kommunistische China

Ja, ja, die letzten, echten Linken sitzen eigentlich nur mehr in Europa.

Antworten Antworten Gast: ainh
15.09.2011 00:05
1

Re: Re: Das kommunistische China

Und die besten Kapitalisten sitzen eigentlich nur mehr in China.

Wurde doch Chinas politische Elite in den besten Universitäten der Welt (USA) ausgebildet.

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