Kein Vertrauen ist das Ende von allem

Dass Standard & Poor's Italien herabstuft, hält Berlusconi für „politisch motiviert“. Selten hat der schlüpfrige Alte, der sein Land in den Ruin treibt, so recht gehabt.

Jetzt also Italien. Ein per Ratingdekret von Standard & Poor's deklassierter Eurostaat. Mit einem Lang- und Endzeitpremier namens Berlusconi, dem dazu nur Schimpftiraden einfallen. Ein greiser, optisch manipulierter Lüstling, den die Paranoia so plagt wie seine Triebe, der sich von „realitätsfernen“, „politisch motivierten“ Analysten nun ähnlich verfolgt fühlt wie vom Furor der Staatsanwälte. Mit der Rückstufung Italiens fällt erneut ein Baustein aus dem Gebäude Eurozone. Ihm droht der Einsturz, weil es statisch falsch berechnet wurde. Der Euro in Not, die Schuldenkrise, die Szenarien des Untergangs: Wir gestehen, wir wollen es nicht mehr schreiben, und es beschleicht uns das dunkle Gefühl, dass unsere Leser es auch bald nicht mehr lesen wollen.

Das freilich wäre eine fatale Flucht in den Fatalismus. Die Prügel der Ratingagenturen sind keine biblische Plage, ihre Einschätzungen keine willkürlichen Verdikte. Und man muss auch kein Ökonom sein, um die auf zwei Seiten schlicht formulierten Analysen zu verstehen. Denn es geht dort weniger um Zahlen als um Gefühle, genauer um eine ganz bestimmte Emotion: Vertrauen.

Das zeigt ein Seitenblick auf die Euro-Problemstaaten, um die es in der letzten Zeit angenehm still geworden ist: Irland, Spanien und Portugal. Gewiss: Ihren Staatsfinanzen geht es weiterhin ziemlich schlecht, und wir möchten keine zehn Schuldscheine darauf verwetten, dass sie nicht wieder einmal auf dem Cover landen. Aber sie haben vertrauenswürdige Regierungen. Sie haben Politiker, die Reformen ihrer zu teuren Apparate und ihrer wachstumshemmenden Gesetze verhandeln, beschließen und umsetzen. Es geht nur langsam voran, aber es geht in die richtige Richtung. Das nimmt den Anlegern die Panik und gibt den Unternehmern den Mut zum Investieren zurück. Vertrauen ist der Anfang von allem.

Leider stimmt auch der Umkehrschluss: Kein Vertrauen ist das Ende von allem. Das ist die Malaise des Bel Paese – und die Griechenlands. In beiden Ländern hat sich ein gesellschaftliches Myzel aus giftigen Pilzen gebildet. In seiner Mitte ein ineffizienter, hypertropher, korrupter Staatsapparat. Rundherum Gewerkschaften, Berufsverbände, große Unternehmen mit monopolartigem Status, die sich parasitär vom Staat ernähren und jede Reform im Keim ersticken.

Was in diesen ungesunden Biotopen fehlt, ist die Sauerstoffzufuhr von außen: Nur 16 Prozent des BIPs, schreibt S&P, macht der Bestand an Direktinvestitionen in Italien aus – in Frankreich und Spanien ist es mehr als doppelt so viel. Also mangelt es an Wettbewerb. Wie es den Bürgern an Bürgersinn fehlt, was man ihnen nur bedingt vorwerfen kann: Wenn eine politische Elite jahrzehntelang Misswirtschaft sät, muss sie eine miese Steuermoral ernten.

Freilich ist Italien, die achtgrößte Industrienation und der drittgrößte Anleiheschuldner der Welt, ein ganz anderes Kaliber als Griechenland. Lange schien es, als könnte sich sein gut vernetzter Mittelstand, sein vitales Unternehmertum gegen den Morast des Berlusconismus behaupten. Doch der Waffe der Lira-Abwertungen beraubt, fiel Italien bei der Produktivität immer weiter zurück. Die Folge: Das Wachstum stagniert. Einer, der sich damit nicht abfinden will, ist Fiat-Chef Marchionne: Von seinem operativen Gewinn von zwei Milliarden, klagt er, werde kein einziger Euro in den italienischen Werken verdient.

Was Marchionne sagt, ist bitter, aber es ist die Wahrheit. Was Berlusconi an Maßnahmen versprochen hatte, klang gut, war aber gelogen. Er hat das Vertrauen der Bond-Investoren (die zu einem großen Teil Italiener sind) missbraucht. Erst verschob er das Sparprogramm zum größten Teil in die nächste Legislaturperiode, dann schnürte er das beschlossene Paket ohne Not wieder auf.

Die Rechnung für seine Taschenspielertricks bekommt er nun von den Ratingagenturen präsentiert. In diesem Sinn ist ihr Urteil tatsächlich „politisch motiviert“: Berlusconi muss weg, das ist zwischen allen Zeilen zu lesen. Am Ende geht es nämlich auch in der angeblich so komplexen Schuldenkrise nur um Menschen und ihre Moral – darum, dass sie halten, was sie versprechen. Und dass sie nicht Versprechen geben, die sie niemals halten können. Seite 1

 

E-Mails an: karl.gaulhofer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2011)

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