Endlich kein Wachstum mehr: Bald sind wir alle zufrieden

30.09.2011 | 18:23 |  MICHAEL FLEISCHHACKER (Die Presse)

Die neoliberale Wachstumsideologie hat uns an den Abgrund geführt. Die antiliberale Zufriedenheitsideologie bringt uns einen Schritt weiter.

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Der Aufschwung macht Pause. Die beiden Wirtschaftsforschungsinstitute Wifo und IHS haben ihre Wachstumsprognosen für 2011 und 2012 um die Hälfte reduziert. Wenn man jenen Ökonomen glauben darf, die in der gegenwärtigen Krise „das endgültige Scheitern der neoliberalen Wachstumsideologie“ sehen, ist das ein Fortschritt: Wachstum, sagen sie, ist nicht gut. Weil Wachstum Ressourcenverzehr und Umweltverschmutzung bedeutet.

Deshalb, sagen diese Ökonomen, sei es hoch an der Zeit, neue Berechnungsmethoden für das Bruttoinlandsprodukt (BIP, englisch GDP für „Gross Domestic Product“) zu finden. Beim „Philosophicum“ in Lech stellte der deutsche Ökonom Karl-Heinz Ruckriegel ein Modell vor, in dem das BIP nicht mehr nur in Zahlen gemessen wird, sondern mithilfe von „Zufriedenheitsindikatoren“.

Vorbild für diese Form von „Glücksökonomie“ ist das Königreich Bhutan. Dort wurde das Gross Domestic Product durch ein Gross Happiness Product ersetzt, das Nationale Glücksprodukt. Nur so, sagen die Bewunderer dieses Modells, könne man den eigentlichen Sinn des menschlichen Wirtschaftens erfassen: Glück und Zufriedenheit der Menschen, nicht Wachstum als Selbstzweck, wie das von den Politikern, die der neoliberalen Wachstumsideologie hinterhergerannt sind, während der vergangenen Jahrzehnte immer gepredigt worden sei.

Niemand wird bezweifeln, dass man den Fortschritt einer Gesellschaft eher am Bildungsniveau, an der Gesundheitsversorgung und an den Möglichkeiten der Teilnahme an den ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Prozessen ablesen kann als an nackten Zahlen. Dennoch stellen sich angesichts der wachsenden Begeisterung für die Glücks- und Zufriedenheitsökonomie zwei Fragen. Erstens: Ist es wirklich zukunftsweisend, wenn ein König wie in Bhutan oder ein Parlament wie in unseren Bereichen festlegt, was Glück und Zufriedenheit sind? Zweitens: Stimmt es, dass die Politik in unseren Breiten Wachstum als Selbstzweck propagiert?

Nun, Glück und Zufriedenheit sind zwar wirklich das, worum es im Leben geht. Dass aber ausgerechnet Denker, die sich gegen das Einsperren des Lebens in den Zahlenkäfig wehren, Glück und Zufriedenheit mathematisch-statistisch erfassen wollen, mutet ein wenig seltsam an. Dass während der vergangenen Dekade Wachstum als Selbstzweck verkündet worden wäre, stimmt jedenfalls definitiv nicht. Im Gegenteil: Die Notwendigkeit von Wachstum wurde und wird immer sehr direkt mit inhaltlichen Fragen verknüpft. Es gehört zu den anerkannten Axiomen der Volkswirtschaftslehre, dass erst ab einem Wachstum von über zwei Prozent die Arbeitslosenzahlen sinken, und man weiß, dass die Ausgabendynamik der sozialen Sicherungssysteme ohne Wirtschaftswachstum kaum zu beherrschen ist.


Wer auf Wachstum verzichten will, weil er die Endlichkeit der natürlichen Ressourcen im Auge hat, muss wissen, dass auch die Alternativen endlich sind. Jedes Prozent weniger Wachstum bedeutet weniger Staatseinnahmen. Soll an den Ausgaben des Staates für die sozialen Sicherungssysteme nichts geändert werden, bedeutet das Steuererhöhungen. Klarerweise müssen diese Ressourcen nach herrschender Meinung von den sogenannten „Reichen“ kommen. Selbst wenn es dafür einen breiten Konsens gäbe, würde das nichts daran ändern, dass diese Ressourcen auf ähnliche Weise endlich sind wie Erdöl und Bodenschätze.

Das wichtigste Argument der Glücksökonomen lautet, dass die Zufriedenheit in den westlichen Gesellschaften während der vergangenen Jahre des Wachstums nicht größer geworden sei. Außerdem zeige sich am skandinavischen Beispiel, dass höhere Steuern die Menschen nicht unzufriedener machten. Das würde bedeuten, dass die Aussicht auf eine Kombination aus weniger Wachstum und höheren Steuern, die von den jüngsten Prognosen und vom politischen Mainstream nahegelegt wird, eine Art Glücks- und Zufriedenheitsexplosion erwarten lässt.

Die neoliberale Wachstumsideologie, heißt es, habe uns an den Abgrund geführt. Man kann davon ausgehen, dass uns die antiliberale Zufriedenheitsideologie einen Schritt weiterbringt.

 

E-Mails an: michael.fleischhacker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.10.2011)

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