24.05.2013 21:46 Merkliste 0

Retten, was noch zu retten ist

WOLFGANG BÖHM (Die Presse)

Warum konnte diese Schuldenkrise nicht abgefangen werden, bevor sie dieser Tage völlig eskaliert und beginnt, Land für Land mitzureißen?

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Der Hilferuf von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet war dramatisch. Er forderte die Politik auf, endlich rasch zu handeln. „Wir haben nicht mehr den Luxus der Zeit“, sagte bereits vergangene Woche EU-Währungskommissar Olli Rehn. Die Krise verlangt nach Antworten, die Nervosität steigt, doch die Politik schweigt.

Nach einem schon viel zu langen Zögern, nach exzessivem Abwägen nationaler Interessen ist ein Punkt erreicht, an dem es eigentlich keine Ausreden, keine Umgehungskonstruktionen oder taktische Verzögerungen mehr geben darf. Es geht darum zu retten, was noch zu retten ist. Die Krise beginnt ein Land nach dem anderen mitzureißen, das europäische Bankensystem zu beschädigen. Es wird längst offen ausgesprochen, dass sich Europa auf einen Schuldenschnitt mit Griechenland einstellen muss. Es geht nur noch darum, diesen teuren Kraftakt – er wird bei 60 Prozent Schuldennachlass 197 Milliarden Euro betragen – so gut wie möglich abzufedern. Es geht darum, rasch zu handeln, aber Politik und Effizienz sind mittlerweile ein Widerspruch in sich.

Gebe es eine verantwortungsvolle gemeinsame Politik der EU-Regierungen, hätte es schon im Frühjahr 2010 ein rasches Hilfspaket für Griechenland geben müssen – sozusagen eine letzte Chance vor der Pleite. Doch damals musste ganz Europa auf Landtagswahlen in Deutschland Rücksicht nehmen. Ein im Vergleich zu heute günstigerer Schuldenschnitt für Athen kam etwas später aus Rücksichtnahme auf französische Banken nicht zustande. Stattdessen wird ein Tabu nach dem anderen gebrochen: etwa der Ankauf von maroden Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank.

Wäre die Politik mittlerweile aufgewacht, hätte die Slowakei schon seit Wochen ohne Profilierungsneurosen eines Parlamentspräsidenten den Euro-Rettungsschirm ratifiziert. Es hätten die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy bei der Einigung über die künftige Nutzung dieses Rettungsschirms an einem Strang gezogen, der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi hätte sich, statt sich den Lüsten des Lebens hinzugeben, rechtzeitig um die Kürzung der Staatsausgaben bemüht. Aber wir erleben nicht allein eine Schulden- und eine Bankenkrise, wir erleben eine Krise der Politik. Sie ist es sogar in erster Linie, die ihre Seriosität und ihre Kreditwürdigkeit verloren hat.

Nur ein kleines Beispiel: Es gilt zwar als ausgemacht, dass der nächste EU-Gipfel die Entscheidung über den Schuldenschnitt für Griechenland bringen wird. Aber statt ihn wie geplant rasch und zügig am kommenden Montag und Dienstag in Brüssel abzuhandeln, musste der Gipfel auf das nächste Wochenende verschoben werden. Nicht nur, weil am Sonntag die Börsen geschlossen sind, sondern auch, weil sich die EU-Regierungen wieder einmal nicht rechtzeitig einigen konnten, woher die Banken nun ihr Geld bekommen sollen. Frankreich will gemeinsame europäische Stützungen für Banken, Deutschland will nationale Rettungsprogramme. In der Zwischenzeit schenkt die Politik den Spekulanten Zeit, sich zu bedienen.

Fast mochte man mit dem Chef der Eurogruppe, Jean-Claude Juncker, Mitleid haben, als er Montagabend im „ZiB“-Interview von den Problemen der Politik sprach, die wegen ihrer notwendigen demokratischen Legitimation nicht so schnell wie die Finanzmärkte agieren könne. Doch wo war diese Legitimation, als die Bail-out-Klausel des EU-Vertrags gebrochen wurde? Was hat das damit zu tun, dass die Politik schlicht ihre Verantwortung nicht übernommen hat? Gehört zur demokratischen Legitimation nicht auch, dass Regierungschefs dafür gewählt werden, im Interesse der Bevölkerung zu entscheiden und sich für diese Entscheidungen öffentlich zu rechtfertigen? Die Ausrede von den Finanzmärkten hat lediglich dazu geführt, dass die europäische Politik weniger demokratisch und noch weniger transparent wurde, als sie bisher schon war.

Das Problem der Politik sind nicht die längst berechenbaren Finanzmärkte. Ihr Problem ist vielmehr der fortgesetzte Rückzug in die Nichtentscheidung.

 

E-Mails an: wolfgang.boehm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2011)

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61 Kommentare
 
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Gast: M.Gatzke
18.10.2011 08:46
0 0

Sie ernten die Früchte ihrer Machenschaften.

Die Politiker werden von den Finanzmärkten zum Hampelmann degradiert.
zitat:
Das Problem der Politik sind nicht die längst berechenbaren Finanzmärkte. Ihr Problem ist vielmehr der fortgesetzte Rückzug in die Nichtentscheidung.
-----
SO IST ES! Sie hampeln herum, wie ein Affe im
Käfig.
Sie reden und reden, kriegen aber nichts gebacken.
Sie sind alle überfordert, weil sie zulange die Fakten ingoriert haben und auch das Vorgehen der Finanzakteure nicht verstehen..
Wegschauen- egal wo- war noch nie eine Lösung.


Nichts als korrupte Lügen!

Kuvertjournalismus!

Gast: freund?
12.10.2011 17:43
2 0

sehr schön, sie genie !



dann ist griechenland als faktor beruhigt, vorausgesetzt, man glaubt ihrer konstruktion. dann kommt spanien, portugal, italien, frankreich....
raus aus dem euro und der ÄÄUU, DAS ist die devise, wird nicht billig, ist aber ohne weiteres möglich.
und ist zumindest kein SICHERER weg in den ruin, wie der verbleib.

Was soll man sich von dieser Klüngelpartie aus Politik, Banken und Wirtschaft

anderes erwarten, als hoffnungsloses Dahinwurschteln.

Es fehlen nicht die Personen, sondern die Persönlichkeiten mit Strahlkraft und Visionen!

Gast: Condorcet
12.10.2011 17:11
3 0

Na also!

Lauter Faymanns und Spindeleggers.... wir sind nicht allein!

Gast: radius
12.10.2011 16:57
2 0

Wir werden von Säufern verwaltet.


1 0

Ganz einfach!

"Warum konnte diese Schuldenkrise nicht abgefangen werden, bevor sie dieser Tage völlig eskaliert und beginnt, Land für Land mitzureißen?"

Die EU ist nur ein Papiertiger! Sie kann zwar die laenge der Gurken und die Krümmung der Bananen genau bestimmen aber keine Krise bewaeltigen!

Jeder, der seinen Haushalt

in den Ruin wirtschaftet muss die Verantwortung dafür übernehmen. In Europa soll aber der Steuerzahler zwangsenteignet werden und die Bankrotteure wollen uns einreden, dass wir sie noch ungehemmter werken lassen sollen, damit wieder alles gut wird ... Es reicht - Trennen was nicht zusammengehört!

Gast: Zen Su Riert
12.10.2011 14:16
3 0

Politik und Verantwortung

Die Ukraine ist zwar ein schlechtes Beispiel, aber ein Beispiel allemal. Legt man die Maßstäbe des Verfahrens gegen Timoschenko bei westlichen Politikern an, so müssten Merkel, Sarkozy, Faymann etc. für sehr lange Zeit hinter Gitter. Und wär das schlecht? Warum soll man Politiker nicht für ihre (teileise klar rechtswidrigen) Handlungen zur Verantwortung ziehen. Dann würden sie vielleicht mehr darüber nachdenken, bevor sie das Geld der Steuerzahler verschleudern.

Gast: schlÄchter
12.10.2011 13:00
2 0

sg herr böhm!

guter komentar-

"Das Problem der Politik sind nicht die längst berechenbaren Finanzmärkte. Ihr Problem ist vielmehr der fortgesetzte Rückzug in die Nichtentscheidung."

dieser befund
triffts mmn wirklich.

mfg
s.

Gast: friedenade
12.10.2011 12:21
3 0

würden die familien, pensionisten, arbeitnehmer u.realwirtschaft so desaströs fuhrwerken, wie die casinobösenbanken, die reichen finanzeliten und politik, läge die moderne uns bekannte welt schon längst wieder in trümmern.

aber es gibt leider genug kräfte und machtsysteme die auf dieses chaos hinarbeiten.

Gast: DieFragendeFee
12.10.2011 11:08
1 0

welche Krise ?

In Ö mehr Autos verkauft als jemals zuvor.
Es werden angeblich massiv IT Fachkräfte gesucht.
Es werden ausländische Facharbeiter gesucht.
Es werden Ärzte gesucht.

Also WO ist die Krise ?

Fatal

Was von den letzten 2 Jahren übrig bleibt:

Die Politik hat der Finanzwirtschaft die Zeit gegeben, die Nationalstaaten noch ein zweitesmal auszuplündern.

Geld regiert die Welt!

Das hat weder Politik noch Wissenschaft ernst genommen. Aus dem Nichtverständnis von Geld wurden gerade von Seiten der Staaten jahrelang Schulden aufgehäuft -- und nie zurückbezahlt. Damit hat aber der Staat fleißig zur aberwitzigen Bildung von Geldvermögen beigetragen. Denn die Geldvermögen der einen sind die Schulden von anderen -- hier zuvörderst der Staaten. Sollen diese Schulden abgebaut werden, geht das nur und allein über einen Schuldenschnitt - únd damit auch einen Vermögensschnitt. Und dieser trifft nicht nur die oberen Zehntausend, sondern auch die, die private Altersvorsorge betreiben oder betrieben haben.
Ich weiß nicht, ob BrunoKreisky ´heute noch u seinem berühmten Zitat stehen würde!

das versäumins der politik,


Re: das versäumins der politik,

war nicht, zu langsam zu wenig geld in marode staaten zu schäffeln, sondern einzig und allein dafür zu sorgen, dass es geordnete insolvenzen für staaten, großbanken usw gibt.

Gast: Gastname*
12.10.2011 10:12
4 0

Die Krise verlangt nach Antworten, die Nervosität steigt, doch die Politik schweigt.

Schweigen ja, aber Faymann grinst und auch Spindelegger lächelt zart mit.

Re: Die Krise verlangt nach Antworten, die Nervosität steigt, doch die Politik schweigt.

ich such schon das inserat das ö nichts falsch gemacht hat!

nix für ungut,

aber wer allen ernstes glaubt, eine physikerin aus der ddr könnte eine europaweite finanzkrise meistern, dem ist nicht zu helfen.

Antworten Gast: jamster
12.10.2011 10:33
1 0

Warum hat die Finanzwirtchaft die Krise überhaupt enstehen lassen?

- und können Personen aus der Finanzwirtschaft die von Banken geschaffene Bankenkrise bzw. die bei Banken geschaffenen Schulden-Krise bewältigen?

Warum hat die Finanzwirtschaft die Krise überhaupt entstehen lassen?

Was haben Banken eigentlich für eine Kernkompetenz??

- ich verstehe es schlicht nicht.
Wie kann man als Bank zB nicht merken, wieviel Schulden Staaten haben - wenn man diesen Geld gibt?

Wie kann man als Bank nicht schauen, wohin man investiert (US Immo)?

Wie kann man als Bank nur 2% Eigenkapital haben???

Wie kann man als Bank sich überhaupt von der Allgemeinheit retten lassen? -
sorgt man nicht selbst vor??? -
das verstehe ich nicht.


Re: Warum hat die Finanzwirtchaft die Krise überhaupt enstehen lassen?

mich fragen Sie das alles?

3 0

Traurig

Das Durchwursteln ist nichts anderes als ein Zeichen der Schwäche - http://youtu.be/7297eJ0-Q5s - und nebenbei bemerkt: 40 Jahre lang hat sich die Politik durch exzessives Schuldenmachen ja auch einer bequemen Illusion bedient.

Antworten Gast: einTechniker
12.10.2011 10:27
1 0

Wie kann es sein, dass man Jahrzehnte in der Politik und im Bankwesen nicht gemerkt hat, wohin es geht???

Was ich mich frage:

Wie kann es sein, dass man Jahrzehnte in der Politik und im Bankwesen nicht gemerkt hat, wohin es geht???

Techniker setzen sich mit Problemstellungen in der Zeit (!!) auseinander und denken vor - warum nicht Politik und Bankwesen auch???

Banken haben bei den Staaten Jahrzehnte gut verdient- Politiker haben Schulden machen können.
Warum schaff(t)en Staaten eigentlich ihr Geld nicht selbst - sondern haben dieses immer fremd aufgenommen?

Jetzt auf einmal kommt man in den letzten Jahren drauf, dass man nicht immer so weiter machen kann?
Da haben die zwei Kernbereiche Politik und im Bankwesen aber sehr lange gebraucht!

0 0

Re: Wie kann es sein, dass man Jahrzehnte in der Politik und im Bankwesen nicht gemerkt hat, wohin es geht???

Ein Geld, das man sich selbst schafft ist nichts wert. Die Banken sind dazu da, das hart verdiente Geld der Bürger an die Staaten weiterzuleiten. Direkt auf das Geld der Bürger zuzugreifen würde massive Abwehrreaktionen der Betroffenen auslösen. Über die Banken lässt sich das viel eleganter lösen.

3 6

Es wird bald

eine Art Vereinigte Staaten von Europa geben mit einer demokratisch gewählten Regierung (mit uneingeschränkter Wirtschaftspolik- und Währungskompetenz) - und als 2. Ebene die bisherigen "Bundesregierungen" mit praktisch kaum mehr relevanten Kompetenzen - so wie heute die Landesverwaltungen/-regierungen.Diese kann man dann endlich einsparen incl. der überzähligen, sinlosen Landespolitiker - die heute über nichts anderes mehr entscheiden wie: kostet die Monatskarte der Öffis 50 Euro mehr oder weniger / welcher Baum wird gefällt und welcher nicht etc etc.

Re: Es wird bald

ich hoffe auf selbiges. aber bald? unrealistisch.

obwohl die sachliche rechtfertigung dafür niemand ernsthaft in frage stellen kann, reagiert der souverän mit unvernunft.

umfragen dazu belegen:
wenn nach der bedeutung und emotionalen einstellung des bürgers gefragt wird, dann setzt er an die oberste stelle SEIN bundesland.
mit großem abstand folgt der staat.
und weit abgeschlagen folgt die bedeutung der eu.

die realität und deren auswirkungen aufs tägliche leben zeigen diese wertigkeit genau umgekehrt.
doch der souverän will die realität nicht wahrhaben und bevorzugt ein leben in "wolkenkuckucksheim".

 
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