25.05.2012 22:50 | Meine Presse Merkliste 0

Das Jahr der Rücktritte

RAINER NOWAK (Die Presse)

Nach Pröll und Marek treten nun auch noch Grillitsch und Haberzettl ab. Abgesehen davon, dass uns noch ein paar Namen einfallen würden, ist das noch kein Beweis für politische Kultur.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Der Befund war richtig und häufig zu hören: Es gibt keine Rücktrittskultur in Österreich. Auch an dieser Stelle wurde die notwendige Konsequenz politischer Verantwortung eingefordert, die das von politischer Inkompetenz, Skandalen und Korruptionsvorwürfen geplagte Österreich selten erleben durfte.

Doch 2011 ist ein bisschen anders: Den Anfang machte Josef Pröll als ÖVP-Parteiobmann und Vizekanzler, seinen Generalsekretär Fritz Kaltenegger nahm er auch gleich mit. Christine Marek durfte als Wiener Rest-ÖVP-Chefin gehen. Bei den Wiener Grünen verzichtete die frühere Stadtplanungsexpertin und Aufdeckerin Sabine Gretner auf die rot-grüne Machtharmonie. In dieser Woche gab dann überraschend Fritz Grillitsch als ÖVP-Bauernchef auf. Und am Samstag platzte die Meldung, dass sich Wilhelm Haberzettl aus seiner einflussreichen Position als oberster Bahngewerkschafter zurückzieht.

Das ist erstaunlich und zum Teil ein gutes Zeichen. Was dabei jedoch oft stört, ist die Verbiegung der Realität. Josef Pröll ging trotz aller Erklärungen nicht nur wegen seiner angeschlagenen Gesundheit. Aber im Moment des schmerzlichen politischen Abschieds vergisst man einiges, etwa die einstigen großen Ankündigungen, die man allesamt nicht erfüllen konnte. Das ist nur menschlich.

Auch die Erklärung, Grillitsch könnte aufgrund seiner Einladung an den mittlerweile schon fast in Vergessenheit geratenen Integrationsprovokateur Thilo Sarrazin unter internen Druck gekommen sein, ist absurd. An anderer Stelle wurde die gegenteilige These aufgestellt: Grillitsch, der Mann mit dem kleinen Bauernhof, habe „Multikultiveranstaltungen“ besucht und Staatssekretär Kurz geschätzt. Sogar in der noch immer rustikal und nicht sehr modern geprägten ÖVP ist 2011 beides kein großes Problem mehr.

Dann war da noch die Variante mit möglichen Telekom-Zahlungen an ihn oder seine Organisation als Grund für das Aus. Der Telekom-Schmiergeld-Generalverdacht wird derzeit gegen jeden Politiker und Berater erhoben. Erstaunlich, wie viel Geld das arme Unternehmen ausgeben musste, um sich in den Parteizentralen beliebt zu machen. Wie waren andere Telefonanbieter eigentlich ohne Schutzgeld erfolgreich?

Laut aktuellem Stand der Recherchen – der ändert sich im nebligen Sumpf stündlich – sind diese Telekom-Überweisungen an die Bauern auf der nach oben offenen österreichischen Parteienfinanzierungsskandal-Skala weiter unten: Dass die Erntedankfeiern auf dem Wiener Heldenplatz von der Telekom ordentlich gesponsert wurden, sah dort jeder Besucher an den Werbemitteln. Das war vielleicht unternehmerisch blöd und mit unschöner Optik, aber solange kein Geld vom Veranstalter „Forum Land“ an den Bauernbund floss, ist es keine Parteienfinanzierung. Zum Vergleich: Dass etwa A1 die Beachvolleyball-Partys in Klagenfurt sponserte, war zwar gut für den dort stets thronenden Jörg Haider und seinen blau-orangen Hofstaat, ist aber völlig ok. Untersucht müssen die Bauernbund-Konten aber jedenfalls werden. Und zwar nicht vom Bauernbund.

Nein, Grillitsch musste gehen, weil er Parteifreunden auf die Zehen gestiegen war. Nicht nur in der ÖVP ist das gefährlicher, als Geld zu nehmen. Dass der steirische ÖVP-Klubchef Christopher Drechsler von Intrige spricht, ist putzig. Er muss es wissen.

Auch Haberzettls Abgang lässt mehrere Deutungen zu: Dass ÖBB-Boss Christian Kern vielleicht entschlossener ist als gedacht, gegen die Gewerkschaft notwendige Strukturmaßnahmen durchzuziehen, klingt zwar wie ein frommer Wunsch. Aber ohne Hoffnung lockt bald die Schweiz als Exil.

Politiker treten in Österreich dann zurück, wenn ihnen in der eigenen Partei die Macht ausgeht. Wenn sie schwere Fehler machen oder es berechtigte Zweifel an ihrer Kompetenz gibt, wie bei Norbert Darabos, nicht. Noch schlimmer: Wenn eine durch die erste Instanz als kriminell verurteilte Figur wie Uwe Scheuch nicht zurücktritt. Das zeigt, dass Österreich noch immer ein Defizit in politischer (Rücktritts-)Kultur hat.

rainer.nowak@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.11.2011)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

7 Kommentare
0 0

bei uns und anderswo

In Österreich wird man zurückgetreten!

Gast: peteB
13.11.2011 20:41
0 0

also man muß das schon mal festhalten

Pröll, der Neffe war der Faymann der ÖVP. Ein Mensch dem Leistung fremd war, schützt einen Krankheit vor um biliig in eine Versorgungsposten eines Konzerns zu steigen, den er zuvor mit Milliardenbeträgen des Steuerzahlers das Überleben ermöglicht hat. So eine Type sollte man zu persona non grata in Österreich erklären. Da war sogar der sprachliche Hanswurst Molterer besser, und da wird einem sogar ein Haberzettl sympathisch. Es ist traurig, daß die Presse die Politikvergangenheit (Stichwort: B-O) nicht mehr untersucht. Er ist ein gutes Argument die ÖVP nicht mehr zu wählen.

Gast: Pensionist1311
13.11.2011 16:57
0 0

Haberzettl ...

... geht rein wegen seines Alters in Pension. Der hat ja eh mit 56 Jahren um 10 Jahre länger "gearbeitet" als der Durchschnitts-ÖBBler ;-)

Antworten protagoras
14.11.2011 11:08
0 0

Re: Haberzettl ...

bleiben wir bei der wahrheit: es waren bloß 5 Jahre...

Gast: Luzifer
13.11.2011 13:44
1 1

Eigentlich hätte ich um die ÖVP keine Angst,

wenn sie sich endlich um die (wie sich täglich immer mehr als richtig herausstellt) ökonomische richtige Politik von Schüssel bekennen würde. Nicht der Schüssel-, sondern der Faymann-Kurs mit der geringen Reform- u. Spargesinnung führt uns in ein wirtschaftl. Desaster wie in Griechenland!

"Die Ratten verlassen das sinkende Schiff?" Da könnte schon was Wahres dran sein, vor allem in Bezug auf die Person "Haberzettel", der sich einen tollen und gut bezahlten Job bereits gefunden hat. Wie bereits Androsch, Klima, Vranitzky muß man eben das richtige "Gspür" haben, wie man rechtzeitig die in der Spitzenpolitik geschaffenen Verbindungen in bare Münze umsetzt.

Ach da fällt mit auch noch die ehemalige für die Wr.Stadtwerke zuständige Stadträtin ein, die jetzt für Siemens einen tollen Job im Vorstand macht ....

Gast: Dr. Otto Ludwig Ortner
13.11.2011 12:32
0 0

Die in erster Instanz kriminell verurteilte Figur Uwe Scheuch

Soweit erinnerlich, war Uwe Scheuch's Hauptdelikt die Verschaffung der ö. Staatbürgerschaft an russische Investoren, die Geld bringen. Das empörte Wutgeheul muß ich zurückweisen. Denn als ich 1962/63 Konzipient in der Kanzlei des Vertrauensanwaltes der ÖVP war, verhökerten wir laufend die ö. Staatsbürgerschaft an zahlende Klienten. Belastender war dann die österreichweit populäre Verteidigung des "Schlächters von Wilna" Franz Murer mit umjubeltem Freispruch in Graz (als Film von Simon Wiesenthal dokumentiert). Obwohl katholisch und ÖVP-nah erzogen, konnte ich da nicht mit und flog hinaus - beruflich wohl das Ende - wäre da nicht ein Exemplar der von den vorgenannten Kreisen fast vollkommen ausgerotteten jüdischen Volksgruppe aufgetreten, der Österreich sein ethisches und rechtliches Erbe verdankt, eine Jüdin. Sie sorgte für meine Ausbildung und ich nahm Zuflucht zur Thora, jesuanisch: Psalm 23 "Der Herr ist mein Hirte,/ nichts wird mir fehlen.
Er läßt mich lagern auf grünen Auen/ und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.
Er stillt mein Verlangen; / er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen.
Muß ich auch wandern in finstrer Schlucht,/ ich fürchte kein Unheil;
denn du bist bei mir , / dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.
Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde. Du salbst mein Haupt mit Öl, / du füllst mir reichlich den Becher. Lauter Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang, / und im Haus des Herrn darf ich wohnen für lange Zeit

starclimb
12.11.2011 20:20
2 1

Ich glaube sie verlassen einfach das sinkende Rot-Schwarze Schiff

All diese Personen wissen dass die Zeit des Rot-Schwarzen Steuergeldverteilens vorbei ist.

Es gibt kein Geld mehr. Und ohne dieses Geld halten die beiden Parteien ihre Strukturen nicht mehr aufrecht.

Die ÖVP wird überhaupt zur Kleinpartei schrumpfen (das liegt aber genauso an Pröll wie am Geld)

Und es ist daher besser sich rechtzeitig neue Betätigungsfelder zu suchen als gefeuert zu werden.

Das weiß Pröll, das weiß Grillitisch und für Haberzettel gilt ähnliches.

Mehr Kommentare:

Top-News