25.05.2012 22:51 | Meine Presse Merkliste 0

Die Zeit für unangenehme Entscheidungen ist gekommen

JAKOB ZIRM (Die Presse)

Ohne Vertrauen der Geldgeber bleibt der Eurozone nur die Hyperinflation oder ihre Verkleinerung. Letzteres dürfte schmerzhafter, langfristig aber erfolgreicher sein.

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Es war der Tag, an dem die Krise „Kerneuropa“ erreichte. Am Dienstag fielen die Kurse europäischer Staatsanleihen drastisch – darunter erstmals auch jene von AAA-Ländern wie den Niederlanden, Finnland oder Österreich. Spätestens jetzt sollte klar sein, dass die Probleme in Europa wesentlich dramatischer sind, als es die Politik – zumindest offiziell – wahrhaben will.

Fallende Anleihenkurse (= steigende Renditen) bedeuten nämlich nicht, dass „die Finanzmärkte verrückt spielen“, wie oft zu hören ist. Es bedeutet, dass die Geldgeber weniger Vertrauen in die Kreditwürdigkeit der Länder haben. Etwa, weil diese sich verschulden, damit ihre Bürger weiter rund 25 Jahre lang „wohlverdiente“ Pensionen beziehen können. Daher wollen die Investoren höhere Zinsen, oder sie sind gar nicht mehr bereit, gewissen Ländern Geld zu leihen. Verständlich. Niemand würde einem Bekannten, der gerade dabei ist, in Privatkonkurs zu schlittern, ein paar tausend Euro borgen, damit dieser seinen Lebensstil halten kann.

Ohne Geldgeber, die den Euroländern frische Kredite geben, ist es für die Schuldnerstaaten unmöglich, ihr ökonomisches, soziales und auch politisches System aufrechtzuerhalten. Daher muss das Vertrauen der gar nicht so ominösen Finanzmärkte zurückgewonnen werden. Angekündigte Schuldenbremsen sind dabei eine feine Sache. Wirken können sie aber nur, wenn auch echte Reformen folgen. Die zu reformierenden Bereiche – Verwaltung, Föderalismus, Pensionen, Gesundheitssystem, Subventionen – sind bekannt. Bislang war der Druck aber zu gering, um die allesamt unpopulären Maßnahmen anzugehen.

In Österreich und anderen nördlichen Euroländern ist es noch nicht zu spät, das Ruder herumzureißen. Wesentlich prekärer ist die Situation in den Krisenländern des Südens. Diese bemühen sich nun zwar redlich, grundlegende Reformen umzusetzen. Dass diese jedoch reichen, um das Vertrauen bei den Geldgebern wieder zu gewinnen, ist alles andere als gesichert. Gelingt es auch mittelfristig nicht, Investoren eine Anlage in europäischen Staatsanleihen wieder schmackhaft zu machen, wird die Eurozone vor einer Weggabelung stehen, deren Alternativen nicht angenehm sind. Die wahrscheinlichste Variante, um aus dem Schlamassel herauszukommen, ist, dass die Druckerpressen der EZB angeworfen werden. Mit neuen Scheinen kann die Zentralbank die Schulden der Krisenländer bequem abzahlen, indem sie Staatsanleihen aufkauft.

Allerdings dürfte dadurch eine Hyperinflation entstehen, durch die mittelfristig sämtliche Ersparnisse entwertet werden. Zudem bekämpft das Drucken von Geld nur die Symptome, nicht die Ursache. So war etwa Italien über Jahrzehnte gewohnt, seine Wirtschaft durch das Abwerten der Lira wettbewerbsfähig zu halten. Seit dem Euro geht das nicht mehr. Daher verlieren Italiens Firmen sukzessive an Konkurrenzfähigkeit. Ob sich diese Wirtschaftskultur nun in wenigen Monaten ändern lässt, ist fraglich.


Es könnte also sein, dass die bisher mit Denkverbot belegte Verkleinerung der Eurozone die bessere Variante ist. Natürlich gäbe es auch hier große Probleme – allen voran jenes, die Krisenländer davon zu überzeugen, dass es auch in ihrem Interesse ist, den Euro zu verlassen. Zudem müsste eine Lösung für die Euroschulden der Länder gefunden werden, da diese aufgrund der Abwertung ihrer neuen Währungen sonst sofort bankrott wären.

Einige Juristen meinen, dass es möglich sei, diese zum ursprünglichen Wechselkurs in Drachmen oder Lira zurückzuwechseln und die neue Währung erst danach abzuwerten. Wenn das nicht geht, müsste es einen deutlichen Schuldenschnitt geben. Die Kosten dafür hätten in jedem Fall die restlichen Euroländer zu tragen, indem sie ihre Banken retten. Nach einem Euro-Austritt hätten die Krisenländer jedoch wieder die Freiheit, ihre Währungen an die eigene wirtschaftliche Kraft anzupassen.

Noch lebt die Hoffnung, dass es so weit nicht kommen muss. Denn ein Austritt einzelner Euroländer käme einer Zerreißprobe für die Europäische Union und ihr Finanzsystem gleich. Langfristig könnte dies aber die einzige Möglichkeit sein, das Projekt Euro noch zu retten.

 

E-Mails an: jakob.zirm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2011)

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18 Kommentare
Gast: Realistiker
19.11.2011 16:43
0 0

Klare Worte, sachlicher Beitrag

indessen: meine Hoffnung lebt nicht mehr, vor allem nicht für Österreich. Es wird mit der derzeitigen Politker/Gewerkschaftskaste keine Reformen geben - nur zwei schauerliche Beispiele: die Reaktion von Haberzettel und Bures auf das Ansinnen, die ÖBB zu reformieren und das Interview der Frau Vasilakou! Genauso wird von den Schwarzen reagiert werden, wenn es um die Bauern geht. Und wie soll eine Verwaltungsreform in unserer Bananenrepulik möglich sein, und eine Reform des Föderalismuswahnsinns, des Subventionsirrsinns und des Gesundheitssystems??? Oder glaubt z.B. jemand daran, dass für medizinische Leistungen ein Selbstbehalt auch für ASVG-Versicherte eingeführt werden kann, oder dass die Ärztekammer jemals einer Sparreform zustimmen wird??? Eben. Daher: Österreich wird Griechenland folgen - und schlußendlich ganz Europa, inclusive Deutschland.

karcsi
19.11.2011 11:51
0 0

das scheint der ultimative platz der apokalyptiker zu sein.

jeder sieht die hyperinflation kommen.

usa, japan etc drucken seit jahrzehnten auf teufel komm raus geld, und - oh wunder - keine hyperinflation.

oder ist jede inflation gleich hyperinflation für marktreligiöse?

periskop
17.11.2011 18:54
0 0

Wir werden sowohl die Verkleinerung, als auch die Hyperinflation erleben!

Dass der Euro im derzeitigen Umfang nicht überlebensfähig ist, ein Nordeuro ohne Mittelmeerländer aber schon, das vertrete ich hier schon lange!

Inzwischen ist der Schuldenberg durch die immer unförmiger werdenden "Rettungsschirme" derart angewachsen, dass eine wertbeständige Tilgung unvorstellbar ist. Es wird daher auch eine "Entschuldung" durch Hyperinflation geben müssen!

Das alles ist die Folge davon, dass alle nationalen Parteien nur ihre Versager nach Brüssel "weggelobt" haben. Dieser unfähige Haufen hat schon jetzt einen Schaden angerichtet, der nur mit den Katastrophen nach den beiden Weltkriegen vergleichbar ist!

Schade, das Projekt "Europäische Union" wäre so schön gewesen!

Steininger
17.11.2011 10:45
3 0

Du liebe Güte!

Einmal mehr wird die Nebelbombe Pensionen geworfen.
In Wahrheit wird das gesamte Staatswesen von einer Überbordenden Versorgungsmentalität ausgezehrt.
Erfolgreiche Wirtschaftsunternehmen werden jährlich mit demselben Betrag gefördert wie alle Pensionisten. Und das nur vom Bund.
Die Länder fördern ebendieselben Unternehmen weiter.
Geschätzte 16 Milliarden Euro gibt der Staat auf diese Weise Unternehmen!
Doch davon spricht niemand!
Wir haben aber auch noch Presseförderung, Parteienförderung, Kulturförderung.
Niemand ist dagegen die Oper in Wien großzügig zu bedenken. Das ist gut für den Tourismus. Aber man fördert auch Trachtenvereine und dergleichen.
Wir leisten uns ein Krankenhaus pro politischem Bezirk - oft sind die nur ein paar hundert Meter voneinander entfernt - aber reden tun wir von den Medikamenten für Bedürftige.
Es werden prestigeträchtige Infrastrukturprojekte bezahlt nur weil sich gewichtige Politiker Denkmäler setzen wollen. Von überdimensionierten Stadien bis zu teuren Tunneln durch die dann nur wenig Fahrzeuge fahren werden.
Diese Art von Auszehrung geht an die Grenzen der Leistungsfähigkeit der Bürger.
Aber der Finanzminister stellt sich hin und spricht von weiteren Belastungen!
Es hat nie ein Ende!

Mendacis
17.11.2011 09:31
2 1

Wäre jetzt wohl Zeit,..

..vorsichtig Kontakt zu den Germans aufzunehmen, ob sie uns denn im Fall des Falles wohl auffangen werden (und was sie dafür haben wollen).

Antworten Svenco
17.11.2011 14:41
0 0

Re: Wäre jetzt wohl Zeit,..

Was können denn die Germans noch haben wollen? Die Seele der Österreicher haben sie ja schon!

0 1

Re: Wäre jetzt wohl Zeit,..

na wie wärs mit dem beitritt als neues bundesland ?

Westend
17.11.2011 00:04
0 0

Den sofortigen Bankrott sehe ich nicht,

bei den austretenden und abwertenden Staaten. Vielleicht bei einer bilanzmäßigen Betrachtung, wenn das Geldvermögen (und nur dieses, denn Häfen, Fabiken, Goldvorräte bleiben in ihrem Euro-Wert sowieso unverändert) plötzlich schrumpft. Die tatsächliche Leistungsfähigkeit ändert sich aber nicht bzw. verbessert sich sogar auf Grund sinkender Löhne. Kann schon sein, dass zum Zurückzahlen der Schulden kein Bargeld mehr vorhanden wäre, aber Staatsschulden werden sowieso nicht zurückgezahlt, sondern mit neuen Krediten getilgt.

Antworten Paul Katz
17.11.2011 11:10
0 0

Sie vergessen die Zinsen

Die Schulden waren zu EUR-Sätzen verzinst. Entweder die Zinsen bleiben auch für Drachmen-Schulden so niedrig, dann wird aber niemand neue Kredite zur Tilgung der alten geben. Oder der Staat zahlt dann eben 20-30 % auf den geinflationierten Schuldenbetrag, was er nicht schafft - und das Gelddrucken setzt nur eine Inflationsspirale mit entsprechenden Zinssteigerungen in Gang.

Gast: Hubertus
16.11.2011 23:27
8 3

Unsinn

Die Finanzmärkte mißtrauen nicht Österreich wegen der finanziellen Situation Österreichs. Sie mißtrauen Österreich 1) weil ein paar größenwahnsinnige Banker (Treichl, Konrad, Stepic) in Osteuropa Risiken angehäuft haben, die sie niederzwingen können. Da man aber weiß,daß die Raiffeisenpartie in Regierung und Parlament dies auf jeden Fall zu verhindern versuchen wird und sei es auch daß der letzte Österreicher finanziell ausgeplündert wird, sieht es für die Republik nicht gut aus. Hinzu kommt 2) daß österreich ohne Not für Bankrotteure, die sich im letzten Jahrzehnt einen schönen Lenz auf Kredit gemacht haben, Bürgschaften und Geld hergibt, Geld ,das sie nicht hat und niemals wieder sehen wird. Nicht umsonst gilt immer noch das schöne alte deutsche Sprichwort: Bürgen soll man würgen. Gäbe es noch den Schilling und keine dummen Banker dann wäre Österreich eine Fluchtburg und wir könnten uns der Zuflüsse gar nicht erwehren.Und 3) nicht die pensionen sind es, sondern 1 und 2. Aber die dummen Schweizer; die wollten partout nicht beitreten. Das haben sie jetzt davon, eine harte Währung, ein sicheres Triple A und sie müssen nirgendwo mitzahlen. Aber gottseidank haben uns unsere"Experten" Vranitzky,Schüssel und Ditz vor diesem Unglück bewahrt. Danke EU.

Antworten Geldfux
17.11.2011 05:11
2 4

Re: Es waren die Prölls die Österreich ruinierten!

Zuerst aber war es der schöne Grasser und seine Lobbyisten, dann kam Molterer, dann Josef Pröll , und jetzt die Schotter-Mitzi, keiner und keine hatten eine Ahnung von den Aufgaben eines Finanzministers und von der österreichischen Wirtschaft. Josef Pröll rettete Griechenland zuerst mit 800 Mio Euro, eine Woche später waren es 2,3 Mrd., noch eine Woche später 15 Mrd. Euro Garantien. Jeder vernünftige Mensch, hätte schon bei 2,3 Mrd. Euro nein gesagt und sein Amt niedergelegt. Ja in den vergangenen Jahrzehnten gab es keine österreichischen Finanzminister, wie diese. Kamitz, Klaus, Androsch, Lacina, Vranitzky waren um vieles besser, gar nicht zu vergleichen, mit diesen schwarz-blauen Träumern der letzten zehn Jahre!!


Gast: Hardliner 1
16.11.2011 23:06
2 0

Pro Scheidungen

So wie Ehen geschieden werden können, müssen auch in der Euro-Zone Scheidungen möglich sein. Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende, denn mit Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zu flechten..

Gast: Hardliner 1
16.11.2011 23:05
0 0

Pro Scheidungen

So wie Ehen geschieden werden können, müssen auch in der Euro-Zone Scheidungen möglich sein. Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende, denn mit Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zu flechten..

starclimb
16.11.2011 19:42
15 2

Wenn die Euro-Zone verkleinert wird, wird Österreich aber wahrscheinlich nicht mehr dabei sein

Weil so viel besser als die PIGS sind wir nicht.

Nicht wenn die überwältigende Mehrheit der Österreicher an ein Gottgegebenes Recht auf Frühpension glaubt, nicht wenn sie die Schuldenpopulisten Faymann/Strache wählen, nicht wenn sie glabuen dass die Finanzmärkte eine natürliche Verpflichtung hätten ihnen immer und immer wieder jedes Defizit zu zahlen.

Österreich ist nicht viel anders als Griechenland oder Italien - face it.

Antworten Gast: b754
16.11.2011 20:02
1 13

Re: Wenn die Euro-Zone verkleinert wird, wird Österreich aber wahrscheinlich nicht mehr dabei sein

im moment sind es aber wir die den finanzmärkten das geld nachschmeißen und die ihnen den a... gerettet haben du bist auch so ein neoliberaler träumer wie der schellhorn

Antworten Antworten Gast: biserl
16.11.2011 21:35
3 0

Re: Re: Wenn die Euro-Zone verkleinert wird, wird Österreich aber wahrscheinlich nicht mehr dabei sein

Jein. Ja, wir haben "unsere" Banken vor der Pleite gerettet. Das ist erst mal gut für die Aktionäre besagter Banken, andrerseits hätten die Pleiten von einem Großteil der Banken einige kleinere "realwirtschaftliche" Nebenwirkungen.

Nein, es war die Entscheidung der Politiker für einen "Schrecken ohne Ende" statt ein "Ende mit Schrecken" zu stimmen. Und ein nicht unwesentlicher Teil der "Hilfe" bestand in Garantien bzw. kleineren Änderungen in den Bilanzierungsregeln (z.B. im Sparkassensektor).

Das Problem ist einfach, wenn es keine Investoren für unsere Staatsanleihen gibt, dann muss das Defizit praktisch sofort auf 0 zurückgefahren werden. Nicht so cool, oder? Andrerseits ist es das einzige was in Österreich zu Strukturreformen führen könnte, ...

Deshalb ist der Euroausstieg von Italien keine so coole Idee, dadurch wird der europäische Binnenmarkt kleiner (Währungsrisiko), und die Italiener können wie gehabt weiter wursteln. Solange sie nicht abwerten können, müssen sie Strukturreformen durchführen. Siehe auch Griechenland. Kann sein das alle Massnahmen nicht reichen, aber plötzlich ist es möglich Steuerschulden in Milliardenhöhe einzutreiben. Wäre das angegangen worden ohne den Druck von außen? Nein. Siehe auch Staatsreform. Wenn es bei der Staatsreform "Geschenke" zum verteilen gäbe, hätten wir vor 20 Jahren eine neue Verfassung. Aber "Sparmassnahmen" => das Wort nimmt ein Politiker nur unter Zwang in den Mund.

4 2

Re: Re: Wenn die Euro-Zone verkleinert wird, wird Österreich aber wahrscheinlich nicht mehr dabei sein

es ist ja durchaus verständlich und allgemein bekannt, dass stinkende rote Socken nicht denken können, warum müssen Sie uns aber hier mit Ihren " Ergüssen " so offensichtlich nocheinmal beweisen - weil es die Löwelstrasse so will ?

Antworten Antworten Antworten Gast: biserl
16.11.2011 21:41
3 0

Re: Re: Re: Wenn die Euro-Zone verkleinert wird, wird Österreich aber wahrscheinlich nicht mehr dabei sein

Wie gesagt, die Eurozone ist "gut" für uns. Letztendlich zwingt unsere Politiker das zu tun was getan werden muss.

Alleine im Gesundheitswesen gibt es soviel wirtschaftliche Verzerrungen, dass ein großes Ausmisten angebracht war. (Wenn wir schon auf Versicherungspflicht bestehen, wieso 2-3 Dutzend verschiedene Versicherungen? Insbesondere weil als Geldbeschaffungsmassnahme in den letzen Jahren alle Berufsgruppen in ihren "sozialen Rechten" angeglichen werden (ausser Beamte, natürlich). Und wieso zahlen die Krankenkassen nur einen Bruchteil der Krankenhauskosten, der Rest wird per Gießkanne vom Spitalserhalter dazugezahlt == allgemeiner Steuertopf))


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