25.05.2012 22:54 | Meine Presse Merkliste 0

Ideenlose Mitläufer

CHRISTIAN ULTSCH (Die Presse)

Österreichs Regierung ist (wie meistens in der EU) in der Eurokrise mit keinem einzigen eigenständigen Vorschlag aufgefallen. Das mögen Zyniker für ein Glück halten, ärgerlich ist es trotzdem.

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Krisen eröffnen Chancen, denn in Zeiten des Umbruchs verschieben sich die Machtverhältnisse. Die Starken und Schlauen vergrößern ihren Einfluss, die Schwachen und Denkfaulen fallen weiter zurück.

Trotz seines politischen Personals zählt Österreich nach wie vor zur ersten wirtschaftlichen Riege innerhalb der EU. Wegen seines politischen Personals könnte sich dies jedoch bald ändern. Bekanntlich wankt das dritte A im rot-weiß-roten Triple A wie ein Betrunkener um fünf Uhr früh.

Noch aber gehört Österreich neben Deutschland, den Niederlanden, Luxemburg, Finnland und bis auf Weiteres auch noch Frankreich zu den letzten Eurostaaten, die von Ratingagenturen mit der Bestnote bewertet werden. Das gäbe der Bundesregierung die Lizenz, im Kampf um die europäische Währung den einen oder anderen Vorschlag einzubringen. Es ist jedoch seit Ausbruch der Eurokrise keine einzige Idee überliefert, mit der sich Mitglieder des Kabinetts Faymann bemerkbar gemacht hätten. Der Kanzler selbst zeigte sich bei den EU-Gipfeln dem Vernehmen nach eher von seiner introvertierten und schweigsamen Seite.

Die Stabilität des Euro und die Zukunft der EU stehen auf dem Spiel. Doch die Bundesregierung bringt dazu keinen eigenständigen Gedanken, geschweige denn so etwas Ähnliches wie einen Lösungsansatz zustande. Selbst wenn man wollte, wäre es unmöglich, die österreichische Position in der Eurokrise zu kritisieren. Denn es gibt keine österreichische Position.

Faymann, Spindelegger und Co. vollziehen nur nach, was andere vorgeben. Und das auch noch zu spät. Es hat eine lange Tradition, dass Österreich von der Abwrackprämie bis zu Fernsehshows bereitwillig abkupfert, was den deutschen Nachbarn zwischendurch so einfällt. Doch ausgerechnet bei der Schuldenbremse ließ sich die Plagiatsabteilung vom Ballhausplatz dann doch ein bisschen zu lange Zeit. Die Deutschen haben sich schon vor zwei Jahren per Verfassungsgesetz darauf festgelegt, die Aufnahme neuer staatlicher Kredite bis 2016 auf höchstens 0,35Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu begrenzen. Die Koalition in Wien schritt erst vergangenen Montag zur (Ankündigung der) Tat, als es gar nicht mehr anders ging.

Man darf von der Regierung eines Landes, das die Größe und Bedeutung Österreichs hat, natürlich nicht zu viel verlangen. Aber man kann und muss mehr als nichts verlangen. Es reicht nicht aus, vorwiegend dadurch aufzufallen, nicht weiter aufzufallen. Manchmal entsteht der Eindruck, Österreich sei der EU beigetreten, um sich hinter anderen verstecken und ihnen die Denkarbeit überlassen zu können.

So sehr sich einzelne Fachbeamte bemühen, auf Augenhöhe mit EU-Kollegen zu bleiben. Österreichs Politiker zeigen zu selten Mut, sich auf europäischer Bühne des eigenen Verstandes zu bedienen. Woran immer es mangeln mag, an Mut, Verstand oder beidem: Österreich verpasst in der EU-Krise eine Gelegenheit, seine Interessen zu wahren und seinen Stellenwert zu erhöhen.

christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2011)

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40 Kommentare
 
1 2
Gast: happytechno1
20.11.2011 17:29
1 3

Ultsch, wenn Sie Fremdsprachen könnten

hätten Sie verstehen können, wie Präsident Barroso sich bei Österreich für das Engagement Richtung Transaktionssteuer bedankte, aber selbst wenn Sie nur Deutsch könnten, hätten Sie die Anti-Kernkraft-Bemühungen des Kanzlers bemerken müssen. Sie schalten also absichtlich auf taub. Gratuliere zum Applaus von Schuschnigg-Anhängern, das entlarvt Sie offiziell als Anti-Demokraten, der Sie nun mal durch destabilisierende Phrasen sind.

wmaurer
20.11.2011 16:43
5 1

schön langsam

kommt auch der Dümmste drauf, dass man in Österreich Politiker vom Kaliber eines Dr. Schüssel wieder dringend benötigt

Antworten karcsi
20.11.2011 21:36
0 1

Re: schön langsam

oh gott, der war gut

consulent
20.11.2011 14:32
2 0

Ideenlose Mitläufer

Sehr geehrter Herr Ultsch, mit Ihrem Leitartikel haben Sie mir aus der Seele geschrieben.
Als alter Mann darf ich feststellen, dass ich in Österreich noch keine so führungslose Zeit erlebt habe. Ich kann mich noch an die Abschiedsworte des Bundeskanzlers Dr.Schuschnigg erinnern, als er im März 1938 den Schutz Österreichs dem lieben Gott überantwortete. Für Kanzler Faymann und Vizekanzler scheint Frau Merkel den lieben Gott zu ersetzen.

Walter2
20.11.2011 13:37
1 0

Ein altes Sprichwort, leicht adaptiert

Mit halben Mitteln auf halben Weg, zaudernd stehen sie herum.

Die hier vorgebrachte Kritik ist durchaus richtig. Sie zeigt, nicht direkt aber doch mit beschrieben, dass diese Politik nicht nur keine eigenen Ideen hat, sondern sogar gar nicht mehr erkennt, wann es an der Zeit wäre, richtiges rechtzeitig nach zu machen. Lähmung bzw. Apathie wär daher wahrscheinlich die eher passende Beschreibung für den Zustand der derzeitigen "Regierung".

Antworten Gerald
20.11.2011 14:49
2 0

Re: Ein altes Sprichwort, leicht adaptiert

Das ist kein altes Sprichwort, sondern stammt von Franz Grillparzer und ist eine Beschreibung des Hauses Habsburg:

Das ist der Fluch von unserm edeln Haus: // Auf halben Wegen und zu halber Tat // Mit halben Mitteln zauderhaft zu streben. // Ja oder nein, hier ist kein Mittelweg.

Zu unserer jetzigen Regierung passt es jedoch nicht. Denn wenn diese wenigstens zauderhaft und mit halben Mitteln etwas machen würde, wäre schon viel gewonnen. Stattdessen könnte man die jetzige Regierung eher so beschreiben:

Das ist der Fluch unseres Faymanns:// Untätig grinsend herumzustehen// sich mit vollen Mitteln selbst zu beweihräuchern// Ja oder Nein entscheidet eh die "Krone"

Faymann ist einfach ein ideenloses Nichts dessen einziges Interesse der Machterhalt ist. Sein Vize ist eine Marionette des Landeskaisers von Niederösterreich und beliebig austauschbar. Über die Ministerriege breitet man am besten den Mantel des Schweigens.

Antworten Antworten Walter2
20.11.2011 16:02
0 0

Re: Re: Ein altes Sprichwort, leicht adaptiert

Grillparzers Zeit ist ja auch schon etwas länger vorüber, daher "alt". Aber er war auch ein guter Beobachter seiner (und der vergangenen) Zeit und hat uns dazu viel überliefert. Was sich, in der einen oder anderen Form, doch "irgendwie", natürlich adaptiert auf unsere heutige Zeit, zu wiederholen scheint!?

"Doch ausgerechnet bei der Schuldenbremse ließ sich die Plagiatsabteilung vom Ballhausplatz dann doch ein bisschen zu lange Zeit."

lol - ausgezeichnete Charakterisierung des Kanzlerdarstellers Faymann und seiner farblosen Kumpanen.

lien
20.11.2011 11:34
4 0

ungerecht

Dieser Artikel ist ungerecht: sehen wir doch, wie schnell unsere Politiker das Bundeshymnenproblem gelöst haben, da bleibt halt keine Zeit für weniger wichtiges

Trog
20.11.2011 10:26
3 0

"Manchmal entsteht der Eindruck, Österreich sei der EU beigetreten, um sich hinter anderen verstecken und ihnen die Denkarbeit überlassen zu können."

Eine fantastische Komprimierung von Werner Faymanns Leben und Werken!
"Gelungen!", würde Ernst Waldbrunn sagen.

Gast: Vogel Strauss
20.11.2011 09:26
3 0

Brave Parteisoldaten ...

... haben eben für die Parteien Vorteile: sie sind austauschbar, fallen nicht unangenehm durch Eigenleben auf und machen brav, was die Ideologen (und die Personal Coaches) vorgeben. Jetzt sollen sie auch noch in Brüssel ihren Mann stehen? Das ist nicht einprogrammiert ...

Dagobert
20.11.2011 08:04
4 0

Verständnis

Wenn ein Spindelegger lieber wahabitische Religionszentren in Wien eröffnet und die Mitarbeiter von BK Faymann ihm jeden morgens die Worthülsen an den Badezimmerspiegel hängen müssen, damit er irgendwas unter Tags von sich gibt, dann habe ich dafür Verständnis, das da nichts kommt und nichts ist.

Gast: Eusebius
20.11.2011 07:06
3 0

Sehr guter Artikel

WO sind sie, die großen Töchter und Söhne dieses schönen Landes?
Ich sehe weit und breit - was die Politik betrifft -
nur Zwerge, ganz winzige Zwerge.......

Gast: faw
20.11.2011 06:21
3 0

Korrekt bis ins letzte Satzzeichen.


Westend
20.11.2011 01:29
3 0

Gut geschrieben.


Gast: Seltener Gast
20.11.2011 00:15
4 0

Indem er nichts sagt, während die Großen

Entscheidungen treffen, verkörpert Faymann sein Volk in vollkommener Weise.

Gast: ein österreicher...
19.11.2011 23:54
0 0

"Es reicht nicht aus, vorwiegend dadurch aufzufallen, nicht weiter aufzufallen"

...in Österreich leider doch. Ist quasi unser Kulturgut^^

Gast: Gast 2011
19.11.2011 23:36
4 0

Hirn, Ideen und Mut

sind etwas was man von unseren Politkanaonen die zur Zeit in "Amt und Würden" sind nicht erwarten kann. Man fragt sich nur wie kommen diese fragwürdigen Typen in solche Positionen? Mir graut vor Österreichs Politikern!

7 0

Gut analysiert,

mir fehlt Schüssel auch!! ;-)

Antworten Gast: truth
19.11.2011 23:37
1 10

Re: Gut analysiert,


Jemand wie Merkel fehlt uns. Aber Schuessel? Der unterscheidet sich von Faymann nur durch besser inszeniertes So-Tun-als-Ob.

Antworten Antworten roli123
20.11.2011 09:29
6 0

Re: Re: Gut analysiert,

wohl 6 Jahre in der Pendeluhr verbracht? Jetzt schlagt's 13!
man kann über die Regierung (vor allem über einzelne Mitglieder) ja sehr geteilter Meinung sein, aber die Aktivität von Blau/Schwarz war vor allem finanzpolitisch weit höher und vor allem mutiger als heute.

wenn's einen weniger feschen aber dafür integreren Finanzminister gegeben hätte, dann wäre auch vielleicht das Defizit nachhaltiger gedrückt worden....

0 0

Re: Re: Re: Gut analysiert,

seh ich genau so!

Antworten Antworten Gast: Vogel Strauss
20.11.2011 09:23
5 0

Re: Re: Gut analysiert,

Man mag über die Regierung Schüssel denken wie man will, aber der war der einzige, der in Brüssel auf Augenhöhe verhandeln konnte ... wir würden einen Juncker brauchen!

Antworten Antworten Antworten Gast: Gast: Leser
20.11.2011 16:33
0 3

Re: Re: Re: Gut analysiert,

Ja, richtig: sie hat die sogenannten "Sanktionen" höchst erfolgreich verhandelt (genauer gesagt, für Uninformierte oder Vergessliche: sich eingehandelt - verhandeln wollte niemand mit ihm, und schon gar nicht auf Augenbhöhe: bei geradem Blick reichten Schüssels Augen gerade auf Chiracs oder Schröders Bauchnabel).

0 0

Re: Re: Re: Re: Gut analysiert,

eingebrockt haben uns die sanktionen die spö bonzen, einer ist südamerikaner, alle gemeinsam bestuhlen das land!

nachdenken
19.11.2011 21:59
3 0

es ist vor allem der feigheit und visionslosigkeit dieser politiker zu danken, dass dieses land sich nicht mehr erneuern kann und an diesen miesen typen zugrunde gehen wird!


 
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