25.05.2012 22:55 | Meine Presse Merkliste 0

Das Glück der Amerikaner ist die Unfähigkeit der Europäer

MICHAEL LACZYNSKI (Die Presse)

Die Rocky-Horror-Schulden-Show in Europa lenkt den Blick der Investoren von den USA ab. Amerikas Polit-Establishment ist ebenso gelähmt wie das europäische.

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Der Überraschungseffekt hält sich in engen Grenzen: Zum x-ten Mal ist die Stabilisierung der amerikanischen Staatsfinanzen gescheitert, und wieder einmal schanzen sich Demokraten und Republikaner die Verantwortung für das Debakel zu. Eigentlich hätte ein parlamentarisches „Superkomitee“ am Mittwoch ein überparteilich geschnürtes Sparpaket präsentieren sollen, doch der budgetäre Befreiungsschlag dürfte aus Mangel an tragfähigen Ideen abgeblasen werden. Das politische System der Vereinigten Staaten hat, wie es scheint, den Punkt ohne Wiederkehr überschritten.

Na und?, könnte ein gelassener Zeitgenosse an dieser Stelle einwenden und auf die Trends auf den Anleihemärkten verweisen. Sind die niedrigen Renditen, die Washington den Investoren bieten muss, nicht der beste Beweis dafür, dass die Glaubwürdigkeit des amerikanischen Schuldners intakt ist? Außerdem seien die USA ohnehin zum Sparen verdammt: Das Scheitern der Verhandlungen bedeute nämlich, dass mit 1. Jänner 2013 automatische Ausgabenkürzungen in Kraft treten. Der Staatshaushalt werde also auch ohne ein filmreifes Happy End am Capitol Hill stabilisiert.

Abgesehen vom fundamentalen Einwand, dass es kein Grund zur Gelassenheit sein kann, wenn die Legislative der weltgrößten Wirtschaftsmacht mit einer fast schon bewundernswerten Beharrlichkeit an ihrer Selbstabschaffung arbeitet, hält diese rosarote Sicht der Dinge der Realität nicht stand. Die USA sind mit 15 Billionen Dollar in der Kreide, das entspricht der jährlichen Wirtschaftsleistung und ist nicht weit vom italienischen Schuldenniveau von 120 Prozent des BIPs entfernt. Um den Schuldenstand stabil zu halten, müssen die Vereinigten Staaten in den kommenden zehn Jahren rund vier Billionen Dollar einsparen – durch den Automatismus ab 2013 werden aber lediglich 1,2 Billionen Dollar eingespielt. Nur mit dem Rasenmäher über die Staatsausgaben drüberzufahren wird nicht ausreichen.

Weiters ist es fraglich, ob dieser Rasenmäher überhaupt zum Einsatz kommen wird. Bereits jetzt wird in Washington laut darüber nachgedacht, wie die automatischen Kürzungen, die zur Hälfte den Verteidigungsetat betreffen sollen, entschärft werden könnten. Im transpazifischen Kräftemessen mit China zähle jeder Dollar, warnen die Freunde der US-Streitkräfte. Sollten sie sich durchsetzen, werden 2013 in allen anderen staatlichen Einrichtungen – vom FBI über das Schulwesen bis hin zur Flugsicherung – die Lichter ausgehen, denn die wirklich großen Budgetposten Pensions- und Krankenversicherung sind von automatischen Kürzungen ausgenommen.

Zum Glück für die USA findet diese leidige Debatte zu einem Zeitpunkt statt, zu dem die ganze Welt gebannt auf die Rocky-Horror-Schulden-Show in der Eurozone starrt. Die Hauptgründe für die momentan niedrigen US-Renditen heißen weder Barack Obama noch John Boehner, sondern Angela Merkel und Mario Monti. Der Haken an dieser Sache ist nur, dass Anleihemärkte nicht als Propheten taugen. Erinnern wir uns: Noch vor wenigen Monaten hatte Italien keine Probleme damit, Schuldscheine zu begeben. Und plötzlich war das Vertrauen der Investoren dahin.

Was wird nun in Washington passieren? Aller Voraussicht nach nicht viel: Das politische Patt dürfte bis zur Präsidentenwahl im November 2012 anhalten. Für die Zeit danach gibt es zwei Szenarien: Entweder machen Demokraten und Republikaner weiter wie bisher, oder sie schaffen es in den acht Wochen zwischen Wahl und Jahresende, sich auf ein umfassendes Reformprogramm zu einigen, das die Ausgaben im Sozialbereich stabilisiert, das Steuersystem stromlinienförmiger gestaltet und Unternehmern Investitionsanreize bietet.

Angesichts der Ereignisse der vergangenen Monate – man denke etwa an das unwürdige Gerangel um die Anhebung der US-Schuldengrenze – stehen die Chancen auf eine Einigung nicht gut. Dieser Karren steckt schon zu tief im Dreck. Doch daran, dass gespart wird, besteht kein Zweifel. Die einzige offene Frage ist nur, ob die USA noch in der Lage sind, aus freien Stücken zu sparen – oder ob sie von Investoren dazu gezwungen werden müssen.

 

E-Mails an: michael.laczynski@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2011)

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14 Kommentare
Gast: Humerus
22.11.2011 13:15
1 0

Schuldenbremse - so what?

Was ist dann, wenn man die Schukdengrenze erreicht (das findet gerade in den USA statt)?
dort: nix, die Grenze wurde heuer bereits angehoben, dan kommt ein hlabherziges Programm.

Was wäre bei uns? Ein Verfassungsgesetz, das weiter Schulden erlaubte....

Politiker müssen ggf. für das Überschreiten verantwortlich=haftbar gemacht werden. Persönlich mit Konsequenzen rechnen, die unangenehmer sind, als nicht wiedergewählt zu werden.

Gast: Analyst 829
22.11.2011 12:07
2 1

Was ist der größte Investitionsanreiz für Unternehmen?

Das allergrößte Investitionsanreiz für Unternehmen scheint eine staatliche Subventionen zu sein, die man als Konzern verbrauchen kann und wo bei Vertragsende das Unternehmen wieder geschlossen wird.

Dann glauben viele niedrige Steuern in einem Land seien DER Investitionsgrund. Andere glauben es sei die Infrastruktur und liegen damit schon etwas näher am wichtigsten Investitionsgrund, der schleicht und einfach fähiges, relativ zu Weltmarktpreisen günstiges, arbeitswilliges Personal heißt.

Genau letzteres können die USA nicht mehr bieten. Eine US-Studie besagt z. B. dass Mischlinge aus Europäern, Chinesen und Zentralafrikanern ein vielfaches weniger als BIP hervorbringen als reinrassige Europäer, reinrassige Chinesen und reinrassige Zentralafrikaner (wie auch immer das genau definiert sein mag).

Faktum ist aber, dass Konzerne dieses Faktum längst erkannt haben und lieber eben in China, Europa und neuerdings auch Afrika investieren als etwa in den USA, wo es immer mehr Mischlinge gibt, die gemessen am Preis/Leistungsverhältnis sehr wenig verkaufbaren Output hervorbringen.

Beispiel mit Hausnummern: Wenn vor 50 Jahren in den USA 7 Europäer 700 BIP-GE, 1 Chinese 70-BIP-GE, 1 Afrikaner 50 BIP-GE und ein Mischling 60-BIP-GE schafften, wobei 65 BIP-GE pro EW für den Staat ein Plus bedeuten, so sind es heute 6 Europäer mit 600 BIP-GE, 1 Chinese mit 70-BIP-GE, 1 Afrikner mit 50-BIP-GE und 5 Mischlinge mit 300 BIP-GE. Damit hält sich das BIP aber der Verlust für den Staat wächst.

Gast: Markus Trullus
22.11.2011 10:16
0 0

S'wird schon seinen Grund haben...

Irgendwo fehlt in der ganzen Geschichte ein wichtiger Proponent: Der US Wahlbürger. Wie denkt der denn? Wie würde er denn mehrheitlich wählen, wären jetzt Abgeorndetenwahlen?
Vielleicht ist das der Grund, warum in der Schweiz manche derartigen Entscheidungen eher über Bürgerentscheide getroffen werden; weil es nie zu einer Einigung der Interessen der Politiker kommen würde...

Antworten sleepyc
22.11.2011 14:22
0 0

Re: S'wird schon seinen Grund haben...

"die/der amerikanische wahlbürgerIn" denkt...
... sich vermutlich, "des is ma sooo wuascht, hauptsach' die 49ers spü'n guat und i kann nextes month die rate fia de hitn zam'kratzen..."

oder denken SIE, dass in den usa von otto und ottilie normalverbraucher mehr "gedacht" wird, als in unseren breiten?

WENN dem so wäre, hätte die ganze misere vermutlich gar nicht erst begonnen.

Gast: GastA
22.11.2011 08:02
7 0

Vorteil für die Europäer

Die Schuldenkrise in Europa war schon länger absehbar. Nur hat es kein Politiker für nötig erachtet zu sparen.
Nun findet man aber Schuldenbremsen und Sparprogramme in fast allen Euro-Staaten. Sogar in Österreich beginnt die große Schuldenmacherpartei nachzudenken. (Eine kleine Dummpartei fordert sogar noch mehr Miese!)
Am Ende - nach "Blut und Tränen" - werden wir hier in der Euro-Zone aber besser dastehen, und uns, unsere Arbeitspätze und unsere Ideen - inklusive Umweltschutzgedanken - gegenüber dem Rest der Welt besser behaupten können.
Was dann noch fehlt ist eine Steuerbremse. Es wird wohl niemand ernsthaft glauben, daß mit höheren Steuern Wirtschaft gefördert und Arbeitsplötze geschaffen werden, vorallem auch weil diesen "Gerechtigkeitssteuern" meist nur irgendwo versickern, und fast ausschließlich jeweils parteinahen Institutionen und Gruppierungen (Wählerstimmenkauf) zugute kommen.

2 3

Re: Vorteil für die Europäer

"Was dann noch fehlt ist eine Steuerbremse. Es wird wohl niemand ernsthaft glauben, daß mit höheren Steuern Wirtschaft gefördert und Arbeitsplötze geschaffen werden"

das gegenteil (niedrigere unternehmenssteuern fördern die wirtschaft und schaffen arbeitsplätze) wurde bereits 2 mal durch die realität widerlegt.
sowohl reagan als auch bush jr. haben das durchgesetzt.
der effekt auf wirtschaft und arbeitsplätze war null. denn die unternehmen haben dieses geld nicht produktiv investiert, sondern es kam zu verschiebungen: 'reiche' firmen haben andere firmen aufgekauft. die verkäufer haben den erlös in die finanzwirtschaft gesteckt oder eine karibik-insel gekauft...

Antworten Antworten begges
22.11.2011 22:22
1 0

Re: Re: Vorteil für die Europäer


Natürlich schaffen Steuern keine Arbeitsplätze.. alle Wertschöpfung findet nur in Unternehmen statt - der Staat ist bloß ein Abnehmer und Verteiler dieser Wertschöpfung durch Zwang. Hohe Steuern verringern das reinvestieren von Überschüssen in Kaptialgütern; ihr Beispiel ist überhaupt nicht passend, denn die meisten Arbeitsplätze werden in Klein- und Mittelbetiebe erhalten -
und selbst, wenn es so ist, das Überschüsse zum Kauf andere Firmen genutzt werden, dann hat das den Grund, dass sich die Käufer eine Steigerung der Gesamt-Produktivität erwarten. Die Verkäufer reinvestieren die erhalten Mittel; diese bleiben NUR DANN etwas wert, wenn sie der Wertschöpfung dienen..

Die Ursache von Krisen/Arbeitslosigkeit liegt in Fehlinvestionen, Resourcen-Fehlallokationen. Diese entstehen durch künstlich zu billig gemachte Kredite und verantwortlich dafür ist ein Bankensystem, das mit Marktwirtschaft kaum was zu tun hat.. - und sie entstehen durch falsche Anreize, die der Staat setzt.


Paco
21.11.2011 23:04
2 0

Frage an den Presse-Redakteur MICHAEL LACZYNSKI:


Sie schreiben:

>Die USA sind mit 15 Billionen Dollar in der Kreide, das entspricht der jährlichen Wirtschaftsleistung und ist nicht weit vom italienischen Schuldenniveau von 120 Prozent des BIPs entfernt.<

Sind Sie sicher, dass die in Ihrem Artikel erwähnten 15 Billionen Dollar US-Schulden die Schulden von Bund, Ländern und Kommunen sind (maastrichtkonform wie die 120%/BIP Italien-Schulden)?

Könnte es sein, dass die 15 Billionen nur die Schulden des Bundes sind (die gesetzliche Schuldengrenze gilt ja nur für die Bundesschulden)?

Wenn dem so wäre (ich weiß es nicht), dann kämen noch ca 2,6 Billionen Bundesstaaten-Schulden hinzu (= ca 17%/BIP).

Und weitere ein bis zwei Billionen (habe dazu keine Daten) von den Kommunen.

Wenn das zuträfe, wären die USA nicht mit 100%/BIP verschuldet, sondern mit ca 125%.

D.h., verschuldet wie Italien (120%/BIP) und jährliche Neuverschuldung wie Griechenland (10%/BIP).

Können Sie (oder ein Presse-Leser) meine Frage beantworten?

Antworten Gast: Skydings
21.11.2011 23:41
0 0

Re: Frage an den Presse-Redakteur MICHAEL LACZYNSKI:

Eurostat gibt die Schulden der USA zumindest in der Nähe von 100% des GDPs an, jenes Italiens um die 120%. Man sollte annehmen, dass die die Zahlen fuer die USA auf einen verlgeichbaren Rahmen bezogen haben.

Die Frage ob da dies Schulden der US-Staaten bereits inkludiert sind, ist jedoch einen interessante.

Antworten Antworten Paco
22.11.2011 08:18
0 0

Re: Re: Frage an den Presse-Redakteur MICHAEL LACZYNSKI:


Danke für den Eurostat-Tipp.

Hätten Sie dazu noch den Link parat?

Iason
21.11.2011 21:45
3 0

Es herrscht Finanzkrieg,

da dominiert derzeit die psychologische Kriegsführung.

Der nächste Schritt sind Handelsbeschränkungen und danach folgen die Kriegsschiffe und Raketen.

Jeder sollte wissen wo der nächste Bunker ist.

Auch in Anbetracht der US-Schulden-Krise wäre es umso wichtiger, Griechenland möglichst schnell in den Staatsbankrott zu schicken!

Den spekulierenden Investoren muß in Europa klargemacht werden, daß Staaten nicht unbegrenzt Schulden aufhäufen können!

Es gibt keine Bank, die nicht Pleite gehen darf! Notfalls wird sie liquidiert und die kleinen Sparer entschädigt. Die Währungshoheit liegt beim Staat!!!!

Antworten Gast: Heinz der Fischer
22.11.2011 03:32
2 0

Re: Auch in Anbetracht der US-Schulden-Krise wäre es umso wichtiger, Griechenland möglichst schnell in den Staatsbankrott zu schicken!

Ausnahmsweise muss ich Ihnen völlig zustimmen.

Re: Re: Auch in Anbetracht der US-Schulden-Krise wäre es umso wichtiger, Griechenland möglichst schnell in den Staatsbankrott zu schicken!

Wenn Sie nicht der Heifisch wären, müßte ich Ihnen dafür danken!

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