25.05.2012 22:56 | Meine Presse Merkliste 0

Ein Bescheid für Autonomie und universitären Widerstand

CHRISTOPH SCHWARZ (Die Presse)

Die Wirtschaftsuniversität bekommt zwar nur sechs Millionen Euro zugesprochen. Das Beispiel, die Regierung – erfolgreich – zu klagen, könnte und sollte Schule machen.

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Es muss wie eine Niederlage auf die Studierenden und Lehrenden an der Wirtschaftsuniversität Wien wirken: Exakt 193,8 Millionen Euro hat der streitbare Uni-Chef Christoph Badelt wegen chronischer Überfüllung seiner Uni von der Republik eingeklagt – geworden sind es nur sechs Millionen Euro, die die zuständige Schlichtungskommission der WU als Einmalzahlung zugesteht. Erhoffte Verbesserungen im Studien- und Lehrbetrieb werden so ausbleiben. Mehr als Kosmetik an einigen besonders neuralgischen Punkten kann die WU mit dieser Summe nicht betreiben. Dennoch ist die Entscheidung von weitreichender Bedeutung – in gleich zweierlei Hinsicht.

So birgt allein die Tatsache, dass erstmals ein Rektor den Klagsweg gegen die Republik – und damit immerhin den Hundert-Prozent-Eigentümer seiner Institution – beschritten hat, die Chance, die Floskel von der Autonomie der heimischen Universitäten mit Leben zu erfüllen. Denn bis heute ist ebendiese Autonomie für viele Uni-Chefs nicht mehr als ein Totschlagargument, das rasch bei der Hand ist, wenn es darum geht, inhaltliche oder strukturelle Eingriffe der Politik in die Unis zu verhindern.

Echtes Autonomieverständnis reicht aber weiter. Eigenständigkeit kann nie nur ein bloßes Recht sein, Eingriffe abzuwehren, sondern ist auch als Auftrag zu verstehen. Sie ist ein Auftrag zum Handeln – und ein Auftrag zur (finanziellen) Emanzipation von der staatlichen Hand. Christoph Badelt hat als begnadeter politischer Selbstdarsteller mit seiner Klage den ersten Schritt getan. Er hat gehandelt – statt unter apokalyptischem Gesudere über Kapazitätsengpässe nur tatenlos dem Zusammenbruch der Uni entgegenzublicken.

Das Beste daran: Der Vorstoß Badelts hat mehr als nur Symbolcharakter. Er könnte angesichts der anstehenden Budgetverhandlungen – also der sogenannten Leistungsvereinbarungen – zwischen Universitäten und Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle (ÖVP) neue Dynamik in die verfahrene Debatte um die Regelung des Uni-Zugangs bringen. Denn der Bescheid ist überraschend deutlich: Wenn die Kommission den Bund belehrt, den Universitäten „aufgrund ihrer verfassungsrechtlich gesicherten Autonomie [...] nur insoweit Aufgaben übertragen“ zu dürfen, als dafür auch die nötigen „finanziellen oder anderen Mittel“ zur Verfügung stehen, stellt sie damit relativ unumwunden den Vorwurf des Verfassungsbruchs in den Raum.

Es mag sein, dass Regierungsparteien, die schon einmal die Verfassung verbiegen – etwa, um (wie im Vorjahr) unliebsame Budgets nicht präsentieren zu müssen –, von diesem Vorwurf nicht sonderlich überrascht sind. Als Befund über die Kraftlosigkeit der heimischen Hochschulpolitik taugt er dennoch: In kaum einem anderen Politikfeld – von der Verteidigungspolitik vielleicht einmal abgesehen – gelingt es der Koalition so nachhaltig, sich hinter Stehsätzen zu verstecken und jede Reform im Keim zu ersticken.


Schuld daran sind vor allem die Sozialdemokraten: Dass Unterrichtsministerin Claudia Schmied ausgerechnet am Tag der Veröffentlichung des Bescheids das endgültige Aus der Studiengebühren beschwört, zeigt, wie viel die SPÖ von den Rahmenbedingungen eines modernen, funktionierenden Uni-Systems versteht. Nämlich nichts. Statt sich an der Suche nach einer geeigneten Nachfolgeregelung für die (noch) geltende, aber vom Verfassungsgerichtshof beanstandete Studiengebührenregelung zu beteiligen, setzt die SPÖ nur weiter auf Blockade.

Es bleibt zu hoffen, dass die Uni-Chefs mit dem Bescheid umzugehen wissen: Eine Regelung des Zugangs sei „unabdingbar“, heißt es dort mit Verweis auf die nächsten Leistungsvereinbarungen. Und weiter: Ist das Budget zu gering, müssten die Unis „Studiengebühren vorsehen können“.

Nun liegt es an den anderen Rektoren, es ihrem Kollegen Christoph Badelt gleichzutun und die Regierung weiter rechtlich unter Druck zu setzen. Nur dann kann es gelingen, die SPÖ – und damit die Koalition – vielleicht noch aus ihrem hochschulpolitischen Koma zu erwecken.

 

E-Mails an: christoph.schwarz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.11.2011)

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12 Kommentare
Gast: Kanzleisozius
29.11.2011 18:18
0 0

Wie wäre es...

...wenn man die Doppel- und Dreifachbeschäftigungen der WU-Professoren ein wenig einschränken würde? Wie schaut es mit den Mindestpräsenzpflichten aus?

Man muss ja nicht immer gleich den Steuerzahler oder die Studierenden zur Kasse bitten...

Gast: B52
29.11.2011 16:48
0 0

Studiengebühren hatten wir schon

und die Situation war damals weder für Studenten noch für Lehrende besser. So what?

Gast: Fritz Ungemach
28.11.2011 21:51
1 0

Naja 10 Jahre ÖVP, das überlebt keine Wissenschaftslandschaft

Wie kann denn da bitte um Himmels Willen die SPOE Schuld sein???

Seit Jahr und Tag stellt die ÖVP Finanz- und Wissenschaftsminister. Da würde schon was gehen, wenn man Bildungs- nicht mit Standespolitik verwechelte. Aber das Resultat: grenzenlose Konzeptlosigkeit, und die SPÖ ist schuld.

geh bitte.

Antworten Gast: Ehrenschlumpf
29.11.2011 15:38
1 0

Re: Naja 10 Jahre ÖVP, das überlebt keine Wissenschaftslandschaft

Dass die OeVP keine Genies in Regierungsposten befoerdert, ist kein Geheimnis, aber die Universitaeten kranken vor allem an zwei Eckpfeilern der SPOe-Politik: Gratisstudium und unbeschraenkter Zugang. Daher ist es richtig, der SPOe die Verantwortung zuzusprechen.

Antworten Antworten Gast: 43er
29.11.2011 16:48
0 0

Gratisstudium und unbeschraenkten Zugang

gibts seit 40 jahren; die Riesenprobleme seit 10 Jahren. Also - wer ist schuld?

Antworten Antworten Antworten Gast: Gast189
29.11.2011 18:00
0 0

Re: Gratisstudium und unbeschraenkten Zugang

... ja, wer denn nun? Ich bin gespannt, denn so wie ich das Klientel hier kenne, wird es heißen:
a) die Deutschen
b) andere Ausländer
c) der EU-Beitritt
d) das Schengener Abkommen.

Sie dürfen gerne jemanden anrufen...

Antworten Gast: Belter
28.11.2011 23:03
0 0

Re: Naja 10 Jahre ÖVP, das überlebt keine Wissenschaftslandschaft

Sehr richtig! Die Schuld auf die SPÖ abzuschieben, wenn die ÖVP in der entscheidenden letzten Dekade alle Fäden in der Hand gehabt hat und nach wie vor hat, ist all zu billig. Und wir dürfen eines nicht vergessen: die ÖVP kontrolliert nicht nur das Wissenschaftsministerium, sondern hat über die Uni-Räte auch maßgeblichen Einfluss auf die Universitäten selbst.

Dieses ewige Gejammere um das angeblich fehlende Geld ist lächerlich. An den österreichischen Universitäten gibt es enormes Reformpotential. Die Hierarchie ist geradezu grotesk. Für ein berufliches Weiterkommen der Wissenschaftler zählt vieles, weniger aber die fachliche Leistung.
Deshalb haben wir auch die aktuellen Probleme an der MedUni IBK, aber auch an Stammuniversitäten.

Wann wird eigentlich Ernst gemacht mit dem Kampf gegen Plagiate und wissenschaftliches Fehlverhalten?

Solange die Universitäten diesbezüglich regungslos und erstarrt sind, würde ich diesen keinen einzigen zusätzlichen Cent geben. Und schon gar nicht Geld von den Studierenden einfordern.

Antworten Antworten Gast: Minimaximus
29.11.2011 09:42
2 0

Re: Re: Naja 10 Jahre ÖVP, das überlebt keine Wissenschaftslandschaft

Ihnen ist schon klar, dass die ÖVP Studiengebühren eingeführt....HAT...und diese in einer Nacht-und-Nebel Aktion, arrangiert von den Boulevardmedien und exekutiert von populistischen Parlamentarien unter Führung der SPÖ, just kurz vor der letzten NR-Wahl abgeschafft wurden? In verfassungswidriger Weise?

Sie dürfen mir glauben, alle Probleme verblassen im Angesicht der Inkompetenz bzw Unwilligkeit der SPÖ hinsichtlich Universitätsfinanzierung/Zugangsregelung.

MfG,
ein prae-doc Universitätsassistent an der WU.

Antworten Antworten Antworten Gast: Belter
29.11.2011 11:41
0 0

Re: Re: Re: Naja 10 Jahre ÖVP, das überlebt keine Wissenschaftslandschaft

Die Studiengebühren sind eine zeitlang an den Universitäten eingehoben worden, das stimmt. Die Situation an den Unis war aber nicht besser.

Die ÖVP hat das UG 2002 zu verantworten, das Wettbewerb an den Unis und zwischen den Unis verhindert. Bei Habilitationen und Berufungen ist von einer Bestenauslese keine Rede. Die Leistungskontrolle steht zwar im Gesetz, ist aber in der Praxis nicht erkennbar. In einem kleinen Land wie Österreich eine Katastrophe. Das ist der Sündenfall!

Re: Re: Re: Naja 10 Jahre ÖVP, das überlebt keine Wissenschaftslandschaft

Dumm nur, dass Österreich sich 1978 durch Unterzeichnung des "Internationalen Paktes über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte" sich völkerrechtlich zur schrittweisen Abschaffung der Studiengebühren verpflichtet hat, denn das kostenlose Studium ist nun einmal ein MENSCHENRECHT!

Nachzulesen im Bundesgesetzblatt BGBl 1978/591

Antworten Antworten Antworten Antworten joquer
29.11.2011 14:04
0 0

Re: Re: Re: Re: Naja 10 Jahre ÖVP, das überlebt keine Wissenschaftslandschaft

Na so ganz eindeutig ist die Interpretation dieses Passus offenbar nicht https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/Recht_auf_Unentgeltlichkeit_des_Studiums.

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Minimaximus
29.11.2011 12:42
0 0

Re: Re: Re: Re: Naja 10 Jahre ÖVP, das überlebt keine Wissenschaftslandschaft

Nur weils in einem Pakt drinsteht wird es dadurch auch nicht sinnvoller.

Es gibt weder auf persönlicher Ebene und schon gar nicht gesellschaftspolitisch einen Hauch an Rechtfertigung für gratis langzeitstudieren für jeden desinteressierten, faulen, "Gerade-so-Maturanten".

Begeben Sie sich an die WU und machen Sie sich ein Bild von der Studientauglichkeit eines Gutteils der dortigen Studenten.

Die große Masse an völlig Studienuntauglichen erschwert den interessierten und begabten Studenten das Studium immens. Anstatt dass diejenigen, die das Studium aus Freude am Fach betreiben, gefördert werden könnten, muss 90% der Lehrzeit darauf verschwendet werden, die Nicht-Genügendenden von den Gerade-so-Tragbaren zu trennen.

Für Heranbildung der 5-10% (sehr) guten bleibt kaum Zeit - dabei sollte das eigentlich der Kern der universitären Lehrtätigkeit schlechthin darstellen.

Deshalb nochmals: wenn man vor "solchen" Problemen steht, sind Habilitationsverfahren/etc. die geringste Sorge. Grundvoraussetzung dafür, dass seriöse Forschung überhaupt - außerhalb des Wochenendes - betrieben werden kann, ist ein "Aufräumen" mit den fürchterlichen Zuständen in der Lehre.

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