25.05.2012 22:56 | Meine Presse Merkliste 0

In schlechten Ratings steckt eine große Portion Wahrheit

JOSEF URSCHITZ (Die Presse)

Man kann Ratingagenturen hinterfragen, aber dass „unsinkbare“ Banken ganze Staaten und damit deren Kreditwürdigkeit gefährden – daran sind sie nicht schuld.

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Am Dienstag ist es ganz dick gekommen: Nicht nur Frankreich steht jetzt auf der „Downgrading“-Liste der Ratingagenturen ganz oben. Auch 87 europäische Großbanken, darunter neun österreichische, müssen um die Ratings für ihre nachrangigen Schulden zittern.

Man kann darauf jetzt natürlich mit Dumpfbackenpopulismus der Marke „ÖAAB-Spitzenfunktionär“ oder „SPÖ-Gerechtigkeitskämpfer“ reagieren, über die gemeinsame Verschwörung des internationalen Spekulantentums und der US-Hochfinanz gegen den Euro wettern und eine europäische Ratingagentur fordern, die „freundlicher“ wertet.

Dass viele dieser „Spekulanten“ nicht mit fieser Grimasse in abgedunkelten Wall-Street-Zimmern sitzen, sondern gerade versuchen, mit Finanztransaktionen ein bisschen Rendite für die Lebensversicherung oder den Pensionsfonds, den man selbst besitzt, herauszuschinden, muss man ja nicht groß herausstreichen. Dämonisierung bringt eindeutig mehr politisches Kleingeld.

Man kann die Rolle der großen Ratingagenturen auch seriöser hinterfragen. Diese scheinen dies- und jenseits des Atlantiks ja tatsächlich Bewertungsmaßstäbe mit unterschiedlicher Strenge anzuwenden. Und man kann über die „Macht“ dieser privaten Bewertungsagenturen jammern.

Es hilft aber nichts, weil es den Kern der Sache nicht trifft. Die zweifellos vorhandene Macht der Ratingagenturen kommt davon, dass ihre Bewertungen von Anleihekäufern auf der ganzen Welt offenbar sehr ernst genommen werden. Es wird ja niemand daran gehindert, ohne Rücksicht auf Ratings sackweise griechische Staatsanleihen einzukaufen oder Italien Geld um zwei Prozent Zinsen zu leihen. Aber wenn es schiefgeht, wird sich der betroffene Pensionsfondsmanager unangenehme Fragen über seine Methode der Bonitätsprüfung gefallen lassen müssen.

Wir haben also, objektiv gesehen, ein kleines Problem mit hinterfragenswerten Bewertungsunterschieden der Ratingagenturen zwischen Amerika und Europa. Und ein großes mit dem, was diese Agenturen berichten, wenn sie die Qualität der Verbindlichkeiten von Staaten und Banken bewerten. Beim Ringen um „AAA“ oder „BB“ geht es ja um die Frage, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Schuldner seine Verbindlichkeiten in vollem Umfang wird begleichen können. Und diese Kreditqualität hat sich bei den Staaten der Eurozone (und bei den USA, die ja auch auf der Downgrading-Liste stehen) tatsächlich verschlechtert.

 

Vor allem aber hat sich die Fähigkeit der Staaten verschlechtert, ihre viel zu großen „Systembanken“ im Fall des Falles aufzufangen. Um genau das geht es beim jüngsten Moody's-Vorstoß. Und da haben die Herrschaften von der Ratingagentur leider recht: Die kumulierte Bilanzsumme der drei größten heimischen Banken macht beispielsweise annähernd das Dreifache des heimischen BIPs aus, die ausstehenden Ostschulden immerhin noch etwas mehr als das BIP. Größere Probleme, die auch nur eines dieser Institute in wirklich ernste Schieflage bringen, wären für die Republik nur um den Preis der Staatspleite zu meistern. Dasselbe gilt natürlich auch etwa für die Schweiz, deren zwei Großbanken UBS und CS ein Vielfaches des BIPs ausmachen. Und für Deutschland. Und so weiter.

Strengere Kapitalvorschriften, wie sie bereits beschlossen sind, lindern das Problem ein wenig, schaffen es aber nicht aus der Welt. Die Lösung könnte nur ein „Trennbankensystem“ sein, bei dem die großen Institute in einen Teil mit traditionellem Einlagen- und Kreditgeschäft (das notfalls vom Staat aufgefangen würde) und in einen spekulativen Investmentbankingteil geteilt werden, der im Notfall einfach in die Insolvenz geschickt werden kann, ohne dass der Spargroschen der ganzen Nation draufgeht.

Das ist international aber noch nicht einmal richtig angedacht. Deshalb werden die vielen „unsinkbaren“ Titanics, die immer noch recht riskant im eisbergbestückten Finanzmeer herumkreuzen, nicht nur die eigene, sondern auch die Kreditwürdigkeit von Staaten weiter gefährden. Dafür kann man aber wirklich nicht die Ratingagenturen verantwortlich machen.

 

E-Mails an: josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2011)

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14 Kommentare
Gast: finding
30.11.2011 17:08
2 0

Wieder einmal ein ausgezeichneter Kommentar!

Ausgewogen, sowohl die Rolle der Ratingagenturen bedenkend als auch die heikle Lage der (österreichischen wie europäischen) Banken beschreibend. Josef Urschitz sieht u n d schreibt, was Sache ist. Unaufgeregt, dennoch glasklar. Und nicht nur einem banalen ideologischen Schema folgend. Eine weit herausragende wirtschaftsjournalistische Säule Österreichs (gerade auch jetzt in der duckmäuserischen Krisenzeit).

sir007
30.11.2011 12:32
3 0

Sehr gute Analyse, Herr Urschitz!

Zwei Ergänzungen:
1) Es gab in der Vergangenheit durchaus auch schlechte Arbeit und Fehleinschätzungen der Ratingagenturen - ABER: grosso modo sind die Ratingagenturen enorm nützlich. Über die Bonitätsbewertungen hinaus erfüllen sie heute sogar Aufgaben, die die Finanzmister und FMAs zu tu hätten, etwa die Stabilität / Risiken der heimischen Banken zu beurteilen.
2) In USA (zT auch in Europa) werden Konzerne zerschlagen, sobald ein Kartell entsteht - zu Recht. Warum wird diese Regel nicht auch auf Banken angewandt, sobald diese eine volkswirtschaftlich schädliche Größe erreichen?

0 0

Mehr Verantwortung ist gefragt

Die macht der Ratingagenturen ist wohl darin zu suchen, dass es seitens vieler Marktteilnehmer eben sehr bequem, sich auf deren Urteile bezüglich der Bonität von Staaten, Banken, Unternehmen zu verlassen. Dieses Sich-Verlassen gipfelte in einem quasi-religiösen Glauben an die Richtigkeit dieser Wertungen. Dass auch bestbewertete Firmen stürzen können, weiss man seit Lehman. Da auch bei Bestnoten immer eine Restwahrscheinlichkeit des Ausfalls bleibt, sind diese keinSiegel der Unfehlbarkeit. Es ist also für jeden, der kredite vergibt, sinnvoll, sich ein eigenes Bild vom Schuldner zu machen und die Wertungen der Ratingagenturen unterstützend heranzuziehen. Die Systembanken sind überall eine große Gefahr, stürzen sie, so reissen sie die Staaten mit. Oder man lässt sie stürzen und sichert nur die Spareinlagen. Es obliegt jedem Anleger, sich die Bank und den Fonds vorher genau anzusehen.

Gast: The Seaotter
30.11.2011 10:23
2 2

Man muss die Rolle der Ratingagenturen sehr wohl hinterfragen

Zurest mit Gefälligkeitsratings die Spekulationsblase (mit)herbeiführen (beste Ratings für verbriefte Subprimekredite, auch Griechenland wurde ja jahrelang viel zu positiv eingeschätzt) und dann mit Herabstufungen noch Öl ins Feuer giessen - die Ratinagenturen (bzw. auch der Glaube an deren Unfehlbarkeit) haben schon aktiv dazu beigetragen, dass die Krise so schlimm geworden ist.

derhune
30.11.2011 09:32
0 0

So sieht also die Welt von Provinz aus!

Statisten können immer über den Hauptspieler diskutieren. Manchmal hben sie das Gefühl, sie könnten es besser machen!

Paul Katz
30.11.2011 08:50
2 0

zwei Punkte

Das Trennbankensystem würde das Rückzahlungsrisiko traditioneller Kredite in Osteuropa ja keineswegs verhindern, weil dort hat man ja "nur" mit (viel) traditionellem Geschäft das Risiko aufgebaut.

Das Problem mit den Ratingagenturen ist natürlich, dass ihre Prophezeihungen self-fulfilling sind. Sagen sie, da ist ein höheres Risiko, kommen diese Schuldner automatisch ins wackeln. Sagen sie super, verkauft sich der größte Schmarrn bis er im Ernstfall dem Halter um die Ohren fliegt (siehe CDS). Dies alles konsequenzenlos trotz fahrlässiger oder vorsätzlicher Falschbeurteilung.

Gast: 1. Parteiloser
30.11.2011 08:37
1 0

Wo liegt das Problem wirklich?

Sind es nun die Banken oder doch die Staaten oder beide zusammen?

Die Banken, besonders die Ö Ostbanken, haben zu erheblichen Teilen der Bilanzsumme doch Sicherheiten von den Kreditnehmern. Es sind sehr oft auch harte Sicherheiten vorhanden. Auch wenn es teilweise Bewertungsfehler gibt, oder auch Abwertung in Rezessionsphasen geben wird, so sind diese Werte niemals von einem Totalausfall bedroht. Der Teil der aggressiv vergebenen Konsumkredite, der ist schon eher von einem Zahlungsausfall bedroht, wird aber keine großen Teil der Bilanzsumme ausmachen. Eines der Probleme der Banken sind sicher die schnell steigenden internen Kosten, also aufgeblähte Apparate, welche zunehmen nicht mehr getragen werden können. Ein Schrumpfen wird unumgänglich sein und zur Heilung entscheidend beitragen können. Die (Geschäfts)Banken haben ein Risiko zum Zahlungsausfall, jedoch ein sehr überschaubares Risiko, welches unter 15% der Bilanzsumme sein sollte.

Die Staaten der Eurozone, mit einem offiziellen Schuldenstand um die 10.000 Mrd. Euro, die können aber schon lange nicht mehr zahlen. In Wirklichkeit bezahlen die Staaten doch nicht einmal die Zinsen, weil ja eine hohe Neuverschuldung zum gleichen Zeitpunkt erfolgt. Wenn schon F in Phasen der Hochkonjunktur Defizite von über 100 Mrd. Euro pro Jahr aufreißt, dann muss man F wohl die Kreditwürdigkeit absprechen. Wie die Bonität von F so gut sein kann, das wissen wohl nur die Agenturen.

Die Staatsausgaben sind das Problem!

TheDalien
30.11.2011 02:45
0 3

Es gibt noch eine andere

*Verschwörungstheorie...aber auf dieser Bewusstseinsebene befinden sie sich nicht...

aber sehr bald werden meine Worte Sinn ergeben...

begges
30.11.2011 02:26
2 0

Der eigentliche Urgrund dieser Misere wird in diesem Kommentar nicht erwähnt: Das Teilreservesystem !


Ein "Trennbankensystem" würde die Kreditschöpfung aus dem Nichts u damit die Girageldschöpfung nicht verhindern, es wäre im Prinzip das gleiche System wie bisher - es wäre nur eine Modifikation von Organisationseinheiten. Was soll die Unterscheidung "Traditionelles Bankgeschäft"u"spekulativer Investmentbankingteil"? Wir haben eine Überschuldungskrise! Die entstand durch das ganz normale Bankgeschäft - Kreditvergabe!

Eine andere Art von Trennung muss her: Eine klare Unterscheidung zwischen Sichteinlagen und Termineinlagen: Für jederzeit verfügbares, nicht verleihbares Geld - für Sichteinlagen- kann es keine Zinsen geben, der Einleger sollte sogar eine Gebühr bezahlen. Für Termineinlagen sehr wohl-der Einleger hätte aber das Verfügungsrecht bis zum Termin nicht, sie stehen bis zum Termin für Investitionen zu Verfügung. Diese Trennung ist wichtig, denn nur so wird die Girageldschöpfung (=Betrug) vermieden und man hätte ein wirklich marktwirtschaftliches Bankwesen.

Die Österreichische Schule der Ökonomie kennt schon seit ca. 100 Jahren -durch fundierte ökonomischer Analyse- die verherrenden Auswirkungen der künstlichen Kreditexpansion durch das Teilreservesystem.

Herr Urschitz, ich empfehle Ihnen dringend das Buch:

Geld, Bankkredit und Konjunkturzyklen,
von Jésus Huerta de Soto

http://www.amazon.de/Geld-Bankkredit-Konjunkturzyklen-J%C3%A9sus-Huerta/dp/3828205321/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1320873456&sr=8-1

(Die englische Ausgabe ist günstiger.)

0 0

Re: Der eigentliche Urgrund dieser Misere wird in diesem Kommentar nicht erwähnt: Das Teilreservesystem !

Ihre "Verschwörungstheorie" ist durch die Schweiz widerlegt !!

Die Girageldschöpfung erscheint wie Betrug, ist aber historisch gesehen durchaus funktionabel.

m.fr. Grüssen

begges
30.11.2011 02:00
1 0

Der eigentliche Ur-Grund dieser Misere wird in diesem Kommentar nicht erwähnt: Das Teilreservesystem !


Ein "Trennbankensystem" würde die Kreditschöpfung aus dem Nichts und damit die Girageldschöpfung nicht verhindern, es wäre im Prinzip das gleiche System wie bisher - es wäre nur eine Remodifikation von Organisationseinheiten. Was soll die Unterscheidung "Traditionelles Bankgeschäft" u "spekulativen Investmentbankingteil"? Wir haben ein Überschuldungskirse! Die entstand durch das ganz normale Bankgeschäft - Kreditvergabe!

Eine andere Art von Trennung muss her: Eine klare Unterscheidung zwischen Sichteinlagen u Termineinlagen: Für jederzeit verfügbares, nicht verleihbares Geld, für Sichteinlagen kann es keine Zinsen geben, der Einleger sollte sogar eine Gebühr bezahlen. Für Termineinlagen sehr wohl-der Einleger hätte aber das Verfügungsrecht bis zum Termin nicht, sie stehen bis zum Termin für Investitionen zu Verfügung. Diese Trennung ist wichtig, denn nur so wird die Girageldschöpfung (=Betrug) vermieden u man hätte ein wirklich marktwirtschaftliches Bankwesen.
Die Geldschöpfung aus dem Nichts ist Betrug, sie führt zu einer Verzerrung der Zinsstruktur und
damit zu Fehlinvestionen - Immobilienkrise in Spanien etc..

Die Österreichische Schule der Ökonomie kennt schon seit ca. 100 Jahren -durch fundierte ökonomischer Analyse- die verherrenden Auswirkungen der künstlichen Kreditexpansion durch das Teilreservesystem.

Herr Urschitz, ich empfehle Ihnen dringend das Buch:

Geld, Bankkredit und Konjunkturzyklen,
von Jésus Huerta de Soto

http://www.amazon.de/Geld-Bankkredi

1 0

Die ganze Diskusion kommt zu spät

Das Geld ist längst weg. Der Patient Osteuropa ist tot. Jetzt kann man nur noch diskutieren wann die Systeme abgeschaltet werden.

Und die Rating Agenturen können nur noch das System bewerten, wie lange es hält. Den Patienten bringt es nicht mehr ins Leben zurück.

Antworten Pete
30.11.2011 08:09
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Re: Die ganze Diskusion kommt zu spät

Zu ihrem Diskussionsbeitrag . Ihre Aussage " das Geld ist weg", Geld kann nicht weg sein, es hat nur jemand anderer. Und wenn in der EU über Nacht das Geld weg ist sollten sich Politiker und Wirtschaftsfachleute damit beschäftigen herauszufinden wer es sich beschafft hat und es nicht mehr in Umlauf bringt.

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"Man kann die Rolle der großen Ratingagenturen auch seriöser hinterfragen."

und warum tun sie das nicht, herr urschitz?

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