Am Dienstag ist es ganz dick gekommen: Nicht nur Frankreich steht jetzt auf der „Downgrading“-Liste der Ratingagenturen ganz oben. Auch 87 europäische Großbanken, darunter neun österreichische, müssen um die Ratings für ihre nachrangigen Schulden zittern.
Man kann darauf jetzt natürlich mit Dumpfbackenpopulismus der Marke „ÖAAB-Spitzenfunktionär“ oder „SPÖ-Gerechtigkeitskämpfer“ reagieren, über die gemeinsame Verschwörung des internationalen Spekulantentums und der US-Hochfinanz gegen den Euro wettern und eine europäische Ratingagentur fordern, die „freundlicher“ wertet.
Dass viele dieser „Spekulanten“ nicht mit fieser Grimasse in abgedunkelten Wall-Street-Zimmern sitzen, sondern gerade versuchen, mit Finanztransaktionen ein bisschen Rendite für die Lebensversicherung oder den Pensionsfonds, den man selbst besitzt, herauszuschinden, muss man ja nicht groß herausstreichen. Dämonisierung bringt eindeutig mehr politisches Kleingeld.
Man kann die Rolle der großen Ratingagenturen auch seriöser hinterfragen. Diese scheinen dies- und jenseits des Atlantiks ja tatsächlich Bewertungsmaßstäbe mit unterschiedlicher Strenge anzuwenden. Und man kann über die „Macht“ dieser privaten Bewertungsagenturen jammern.
Es hilft aber nichts, weil es den Kern der Sache nicht trifft. Die zweifellos vorhandene Macht der Ratingagenturen kommt davon, dass ihre Bewertungen von Anleihekäufern auf der ganzen Welt offenbar sehr ernst genommen werden. Es wird ja niemand daran gehindert, ohne Rücksicht auf Ratings sackweise griechische Staatsanleihen einzukaufen oder Italien Geld um zwei Prozent Zinsen zu leihen. Aber wenn es schiefgeht, wird sich der betroffene Pensionsfondsmanager unangenehme Fragen über seine Methode der Bonitätsprüfung gefallen lassen müssen.
Wir haben also, objektiv gesehen, ein kleines Problem mit hinterfragenswerten Bewertungsunterschieden der Ratingagenturen zwischen Amerika und Europa. Und ein großes mit dem, was diese Agenturen berichten, wenn sie die Qualität der Verbindlichkeiten von Staaten und Banken bewerten. Beim Ringen um „AAA“ oder „BB“ geht es ja um die Frage, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Schuldner seine Verbindlichkeiten in vollem Umfang wird begleichen können. Und diese Kreditqualität hat sich bei den Staaten der Eurozone (und bei den USA, die ja auch auf der Downgrading-Liste stehen) tatsächlich verschlechtert.
Vor allem aber hat sich die Fähigkeit der Staaten verschlechtert, ihre viel zu großen „Systembanken“ im Fall des Falles aufzufangen. Um genau das geht es beim jüngsten Moody's-Vorstoß. Und da haben die Herrschaften von der Ratingagentur leider recht: Die kumulierte Bilanzsumme der drei größten heimischen Banken macht beispielsweise annähernd das Dreifache des heimischen BIPs aus, die ausstehenden Ostschulden immerhin noch etwas mehr als das BIP. Größere Probleme, die auch nur eines dieser Institute in wirklich ernste Schieflage bringen, wären für die Republik nur um den Preis der Staatspleite zu meistern. Dasselbe gilt natürlich auch etwa für die Schweiz, deren zwei Großbanken UBS und CS ein Vielfaches des BIPs ausmachen. Und für Deutschland. Und so weiter.
Strengere Kapitalvorschriften, wie sie bereits beschlossen sind, lindern das Problem ein wenig, schaffen es aber nicht aus der Welt. Die Lösung könnte nur ein „Trennbankensystem“ sein, bei dem die großen Institute in einen Teil mit traditionellem Einlagen- und Kreditgeschäft (das notfalls vom Staat aufgefangen würde) und in einen spekulativen Investmentbankingteil geteilt werden, der im Notfall einfach in die Insolvenz geschickt werden kann, ohne dass der Spargroschen der ganzen Nation draufgeht.
Das ist international aber noch nicht einmal richtig angedacht. Deshalb werden die vielen „unsinkbaren“ Titanics, die immer noch recht riskant im eisbergbestückten Finanzmeer herumkreuzen, nicht nur die eigene, sondern auch die Kreditwürdigkeit von Staaten weiter gefährden. Dafür kann man aber wirklich nicht die Ratingagenturen verantwortlich machen.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2011)















