25.05.2012 22:57 | Meine Presse Merkliste 0

Der Mob von Teheran schweißt Irans Gegner zusammen

THOMAS SEIFERT (Die Presse)

Die Eskalation in den Beziehungen zwischen dem Iran und dem Westen verlangt nicht nur härtere, sondern schlauere, konterintuitive Sanktionen.

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Der Sturm auf die britische Botschaft in Teheran durch „Studenten“ am vergangenen Dienstag erinnerte fatal an die Botschaftserstürmung am 4. November 1979. Damals wurden 52 US-Botschaftsangehörige 444 Tage als Geiseln gehalten. Die Geiselkrise und die schiefgegangene Befreiungsaktion im April 1980 desavouierte US-Präsident Jimmy Carter, der Iran und die USA sind bis heute erbitterte Feinde, bis heute sind keine US-Diplomaten nach Teheran zurückgekehrt.

Diesmal begnügte sich der Mob mit der Verwüstung der britischen Botschaft. Nach der Wiener Konvention von 1961 ist das ein flagranter Bruch des Völkerrechts, denn nach Artikel 22 des Konventionstexts ist der Gastgeberstaat verpflichtet, für ausreichenden Schutz der Botschaft zu sorgen. Außenminister Michael Spindelegger, einer der vielen Juristen in dieser Bundesregierung, urteilte zu Recht: Der Iran stehe völlig außerhalb des internationalen Rechtsrahmens.

Die britische Reaktion auf die Botschaftserstürmung kam nicht überraschend: Rausschmiss der iranischen Diplomaten aus London, Schließung der britischen Botschaft in Teheran. Die Entscheidung ist nachvollziehbar und bringt die britische Diplomatie dennoch ins Dilemma. Denn Diplomaten werden gerade in jenen Ländern am meisten gebraucht, mit denen man volatile Beziehungen pflegt. Bisher waren die Briten stets bestens über die Vorgänge in der Islamischen Republik unterrichtet – das wird sich nun ändern. Aber das ist der politische Preis, den London für die Wiederherstellung der Ehre eben in Kauf nehmen muss. Immerhin bleibt Außenminister William Hague die Genugtuung, dass der iranische Botschafter in London hastig seine Koffer packen muss.

Jene Hardliner, die den Mob angeleitet haben, die Botschaft zu erstürmen, und die Verantwortlichen im Staatssicherheitsapparat, die der diplomatischen Mission den Schutz verweigert haben, haben freilich geschafft, was bisher unmöglich schien: für Geschlossenheit innerhalb der internationalen Staatengemeinschaft zu sorgen. Frankreich, Deutschland und die Niederlande haben ihre Botschafter zurückgerufen, Norwegen hat die Botschaft „aus Sicherheitsgründen“ geschlossen. Selbst China und Russland, zwei Mächte, die üblicherweise die schützende Hand über den Iran halten, haben protestiert. Sollte es also zu einer Einigung mit Moskau und Peking kommen, die Sanktionsschraube im Atomstreit mit Teheran fester zu ziehen, dann ist das auch ein Verdienst des Mobs vor der britischen Botschaft.

Der Botschaftssturm ist der bislang letzte Eskalationsschritt in den schon in der Vergangenheit recht stürmischen Beziehungen zwischen dem Iran und einer recht bunten Allianz von Gegnern. Die arabische Welt – vor allem die Golfstaaten – fürchten die Islamische Republik vielleicht sogar noch mehr als Israel, das sich von Teheran existenziell bedroht sieht. Europäer und Amerikaner sind nicht nur über die iranischen Atombombenbasteleien besorgt, sondern fürchten auch die Ausdehnung der persischen Einflusszone in der Nachbarschaft, die sich nach dem Truppenabzug aus Afghanistan und dem Irak nur noch beschleunigen wird.

Der Arabische Frühling hat Teheran nervös gemacht, denn lange bevor die ersten Proteste in Tunesien begannen, waren in den iranischen Städten im Jahr 2009 über Monate Demonstrantenmassen auf den Straßen, um gegen Wahlbetrug und Gängelung zu protestieren. Im März 2012 finden im Iran Präsidentenwahlen statt, im Juni 2013 wird ein Nachfolger von Präsident Mahmoud Ahmadinejad gewählt: Aus Teheran sind daher sogar noch schärfere Töne zu erwarten.

Das Dilemma für den Westen: Eine Beschleunigung der Eskalationsspirale wäre fatal, gerade weil der Iran immer unberechenbarer zu werden scheint. Gleichzeitig verstärkt eben diese Unberechenbarkeit die Notwendigkeit von härteren Sanktionen. Doch das reicht nicht. Wir brauchen schlauere, konterintuitive Sanktionen. Etwa, indem der Westen der iranischen Zivilgesellschaft die Hand entgegenstreckt: Ein Regimewechsel ist eher von den Demonstranten von 2009 als von Bomben auf Teheran zu erwarten.

EU erhöht Druck auf Iran Seite 1

 

E-Mails an: thomas.seifert@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.12.2011)

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13 Kommentare
Gast: Ein Denkender
04.12.2011 15:31
0 1

Iran und der Westen

Kein Zweifel: das Regime im Iran ist grausam, menschenverachtend und korrupt. Zutiefst anit-demokratisch.
Aber warum ist es an der Macht?? Weil die USA und die Briten die demokratische Regierung in den 50er Jahren gestürzt haben –natürlich mit kriminellen Mitteln. Der damalige Premier wagte es, den Engländern das iranische Öl zu entreißen. Als Belohnung dafür, wurde der Premier entfernt und durch den westlich orientierten Schah ersetzt.
Und wer hat kürzlich iranische Atomwissenschaftler ermordet? Alles deutet auf Israel und seine engsten Freunde: die USA und das UK.
Israel hat Atomwaffen und begeht Kriegsverbrechen – regt sich irgendjemand auf? Es erlaubt keine Kontrolle seiner Atomwaffen.
Also diese Kriegshetzerei ist eine Heuchelei angestiftet von Israel und den noch immer kolonialherrlich agierenden englischen Politikern…

Gast: nestbeschmutzer
02.12.2011 11:04
3 0

so is et!

"Nach der Wiener Konvention von 1961 ist das ein flagranter Bruch des Völkerrechts, denn nach Artikel 22 des Konventionstexts ist der Gastgeberstaat verpflichtet, für ausreichenden Schutz der Botschaft zu sorgen"
Wer sagts denn, dass der Islam keine Religion allein, sondern eine alles umfassende Weltanschauung ist. Träumer wacht auf! die kümmert unsere Völkerrechtsnormen nicht, weil die haben eben nur eine: das der muslimischen Durchsetz- Gewalt! brauchts noch mehr und mehr Tatsachen und Beweise?????

Gast: schonwiedereingast (dauerzensuriert)
02.12.2011 10:31
0 5

die Medien heute:

der verlängerte Arm des Militärs.

Warum hat niemand geschrieben, dass die Resolution 1973, die libysche Flugverbotszone, "ein flagranter Bruch des Völkerrechts, völlig außerhalb des internationalen Rechtsrahmens" war, sie wurde von einer Libyschen Menschenrechtsbehörde, die zum NTC gehört, initiiert. Ganz zu schweigen von den hundertausenden Toten, zu denen die Durchführung dieser Resolution und die Sanktionen gegen Irak geführt haben, alles völlig innerhalb des internationalen Rechtsrahmens??

Sanktionen werden ja heutzutage schon im Viertelstundentakt vergeben, komischerweise immer nur gegen Feinde des Westens, Libyen, Syrien, Iran etc.

"stürmischen Beziehungen zwischen dem Iran und einer recht bunten Allianz von Gegnern": Desinformation in Reinstform, nicht gesagt wird, dass die Golfstaaten alle schon dem Westen zuzurechnen sind, sie wurden praktisch gekauft, hier gehts nur mehr Westen gegen Iran.

"gerade weil der Iran immer unberechenbarer zu werden scheint": Desinformation in Reinstform, der einzige, der an der Eskalationsspirale dreht, ist USrael+EU, der Iran reagiert nur und ist hier der einzig verbliebene berechenbare in diesem grausamen Spiel mit unser aller Menschenleben, genannt ww3.

Was ich hier noch vermisse, ist ein bißchen Ahmadinejad-Bashing, aber das wird schon noch kommen.

Gast: schlÄchter
02.12.2011 10:16
0 2

sg herr redakteur seifert!

durchaus gelungener kommentar, der den westl. standpunkt mit schwerpunkt auf die behandlung diplomat. personals und auszugsweise den russisch-chinesischen wiedergibt.

nun aber bitte eunmal den iranischen einnehmen und dabei nicht vergessen, dass selbst die oppsition und minderheiten (aseris, luren ua.) durchaus gegen westl. bevormundung und auf (militärische) absicherung der iranischen souveränität bedacht ist.
mfg
s.

derhune
02.12.2011 09:55
0 4

Sie werden es nie lernen!

An den Bruch des Völkerrechts denken Sie nur, wenn die westlichte Interessen bedroht sind. Eine einfache Frage: Von welchen Völkerrecht war die Besatzung vom Irak gedeckt?
Wer wird jetzt für die Ermordung von mehreren Hunderttausen Zivilisten aufkommen?

Der Iran spricht anscheinend die Sprache vom der der Westen versteht! Jemand muss wohl die westliche Doppelmoral und Aroganz in den Schranken weisen. Es ist vielleicht der Iran!

Antworten mig29
02.12.2011 10:56
4 2

Re: Sie werden es nie lernen!

Mag ja sein mit dem Doppelmoral - nur wir sprechen hier über einen Staat der Teile seiner eigenen Bevölkerung, nur weil sie anderer Meinung waren und sind, totschlägt, foltert und/oder ins Gefängnis wirft und somit die Menschenrechte nicht einhält. Ein Regime das Neonazis in einer eigens veranstalteten Konferenz in Teheran eine Plattform bietet. Leute wie Sie bejubeln einerseits offensichtlich den "arabischen Frühling", sind aber im Falle des Irans gegen einen solchen. Hauptsache man kann Tiraden gegen den Westen loslassen! Und wenn Sie schon von Unrecht in Bezug Völkerrecht sprechen - ein Unrecht rechtfertigt keineswegs ein anderes Unrecht zu begehen!

Gast: ´Lausbub
01.12.2011 23:37
2 2

Und was geschieht jetzt? Wird man den Iranern

die "Wohltat der Demokratie" beibringen, etwa durch Bomben- od. Raketenangriffe oder Ermunterungder Opposition zum Bürgerkrieg? Ist dann diese Art von Politik im Einklang mit dem Völkerrecht?

Gast: Machmuss Verschiebnix
01.12.2011 21:36
0 2

Bomben scheißen ist intuitiv, was wäre dann konterintuitive ?

Friedenstauben statt Drohnen ?
Lebensmittelpackete statt Bomben ?

Gast: Luzifer
01.12.2011 18:48
2 7

Kriegsdrohungen sind natürlich auch kein probates Mittel

um die Sympathien im Empfangsstaat Iran zu stärken. Nehme an, daß ein Großteil des britischen Botschaftspersonals weniger mit der Verbesserung der Beziehungen sondern damit beschäftigt war, die Opposition im Lande gegen das Regime auf vielfältigste Weise zu "ermuntern"!

Es stellt sich halt immer mehr heraus, daß die Islamisten neben den postkommunistischen Staaten die einzigen sind, die sich gegen die Hegemonieansprüche der USA und ihrer Satelliten aufzumucken trauen!

Antworten durendal
02.12.2011 10:00
3 2

Re: Kriegsdrohungen sind natürlich auch kein probates Mittel

Also wenn ich mir so die Islamisten und andere Schurkenstaaten so anschaue, dann kann ich von der Hegemonie der USA und ihrer Satelliten gar nicht genug kriegen!

Antworten Gast: Martin_S
01.12.2011 20:01
1 0

Re: Kriegsdrohungen sind natürlich auch kein probates Mittel

So,So... interessanterweise war aber zB Polen ganz interessiert daran, am US-Raketenschirm mitzumachen.. also so ganz stimmt Ihre These also nicht...

Antworten Gast: Konservativer
01.12.2011 19:46
8 1

Re: Kriegsdrohungen sind natürlich auch kein probates Mittel

Ist prinzipiell richtig, nur würde ich, vor die Wahl zwischen islamistischer, kommunistischer oder amerikanischer Hegemonie gestellt, leichten Herzens für das Fortbestehen der amerikanischen Hegemonie und sogar für deren Ausbau votieren.

Antworten Antworten derhune
02.12.2011 14:19
0 0

Re: Re: Kriegsdrohungen sind natürlich auch kein probates Mittel

Amerika hat so viele Hunde, dass es gar nicht sicher ist, ob alle ein Knocken bekommen!

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