25.05.2012 22:57 | Meine Presse Merkliste 0

Kollektiver Gedächtnisverlust

RAINER NOWAK (Die Presse)

Werner Faymann, Michael Spindelegger und Maria Fekter erinnern sich hoffentlich einfach nicht mehr an das, was sie gestern gesagt haben. In der ÖVP vergessen manche sogar, was sie gerade sagen.

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Formulieren wir es einmal positiv: Europas und Österreichs Spitzenpolitiker zeigen in der Krise, wie menschlich sie sind. Fehler, Irrtümer, Hilflosigkeit kennzeichnen ihre Handlungen. Das ist alles andere als beruhigend, selbst wenn es Angela Merkel, Nicolas Sarkozy und sogar Werner Faymann gut gelingt, Panikattacken zu verbergen und stattdessen staatstragenden Defätismus zur Schau zu tragen, um das Weihnachtsgeschäft nicht zu vermiesen.

Aber der Eindruck lässt sich nicht abschütteln: Es regiert die Ohnmacht – die handelnden Personen kriegen die Finanzkrise nicht in den Griff, weil sie sie nicht verstehen. Was fast verständlich ist. Der Zickzackkurs verstärkt das Gefühl der Unsicherheit weiter: Was gestern noch als Zeichen der Niederlage und als Krisen-Brandbeschleuniger vehement abgelehnt wurde, ist heute Lösung und Hoffnung zugleich. Niemand zeigt das besser vor als die Mitglieder der Bundesregierung, die wohl samt und sonders lieber in einer anderen Zeit in der ersten Reihe sitzen würden. Maria Fekter hatte einen Schuldenschnitt für Griechenland ebenso ausgeschlossen wie die Einführung gemeinsamer Anleihen der Euro-Gruppe. Die erste Festlegung musste sie schon über Bord werfen, die Ausgabe von Eurobonds rückt näher. Auch Kanzler Faymann schließt sie nicht mehr aus – allerdings erst, wenn das Eurofundament wieder trocken und tragfähig sei. Sagt Werner Faymann, der alte Wohnbaustadtrat.

Auch beim Thema einer Wirtschaftsregierung der EU streut Faymann beiläufig einen gewaltigen Positionswechsel ein. Eben war diese aus Wiener Sicht noch undenkbar, nun ist sie doch vorstellbar. Und: Erst wenn Brüssel in die Budgets der Staaten eingreife, müsse darüber eine Volksabstimmung abgehalten werden, über die neuen geplanten Stabilitätsregeln aber nicht, sagt der Kanzler. Damit ist sein Versprechen an die „Krone“, über EU-Verfassungsänderungen abstimmen zu lassen, aufgehoben. Seine Angst vor dem Euro-Aus ist größer als jene vor der „Krone“ – das zählen wir als positive Nachricht.

Michael Spindelegger und seiner Finanzministerin gelang der Vollzug eines radikalen Meinungsumschwungs noch schneller, nämlich quasi zeitgleich: Michael Spindelegger predigte Blut, Schweiß und Tränen, als Maria Fekter noch ihr Budget 2012 mit einer Ausgabensteigerung und einem geplanten Defizit von 3,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Nationalrat lobte. Und während sich die ÖVP für die Schuldenbremse erwärmte, stellte sich Fritz Neugebauer hin und forderte 4,65 Prozent plus für die Beamten. Der Mann sitzt nicht nur an der Spitze der Beamtengewerkschaft, sondern dank seiner ÖVP-Fraktion im schönen Büro des Zweiten Nationalratspräsidenten. Über eine – sinnvolle – Nulllohnrunde kann er nur lachen. Michael Spindelegger warnt indes vor dem Schuldenberg.

FPÖ, Grüne und teils auch das BZÖ versuchen ein paar Stimmen in den Umfragen zu lukrieren und erklären zum Thema Sparen täglich unfreiwillig, aber glaubhaft, warum sie in einer Regierung nichts verloren haben. Glaubwürdigkeit ist in der Politik spätestens seit dem Dezember 2011 ein Fremdwort.

rainer.nowak@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2011)

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19 Kommentare
bula sagt
04.12.2011 20:23
0 0

"glücklich ist wer vergisst ....

ist es nicht ungeheuer wichtig, dass unsere lenker und leiter nicht nur in weisheit und bescheidenheit glänzen, sondern auch glücklich sind ?
denn nur so können sie das beste für sich und - wenn wohl noch ? - herausholen.

Hr. Zyni
04.12.2011 18:07
0 0

leider auch

SPÖVP haben in einer vernünftigen Regierung auch nix verloren. Als Kasperltheater sind sie aber authentisch.

Hugo99
04.12.2011 16:01
0 0

Bewerbungsschreiben

HALLO! Ich kenn mich auch nicht aus. Will aber einen Ministerposten. Ich mach es um die Hälfte!

Re: Bewerbungsschreiben

warum machen sies um die Hälfte? sie haben doch alle Voraussetzungen

2 0

" .. zeigen in der Krise .."

Sehr geehrter Herr Novak,
von welcher Krise schreiben Sie ? Ich erlaube mir dazu unseren Bundeskanzler Werner Faymann zu zitieren: http://diepresse.com/home/wirtschaft/international/660808/Faymann-zu-EuroZone_Ich-nenne-es-nicht-Krise , der ja ganz klar sagt, dass es in Europa keine Krise gibt !
Nicht nur, dass es keine Eurokrise gibt, es geht noch weiter. Ein gewisser Dr. Michael Spindelegger, Vizekanzler dieser Republik, hat kürzlich in Vorträgen vor englischen Studenten, empfohlen, dass auch England den Euro einführen soll, weil das für England so viele Vorteile bringt.
Darüberhinaus hat Österreichs Regierung auch in den nächsten Jahren ein gewaltiges Schuldenwachstum eingeplant. Sie sehen also, dass von einer Krise keine Rede sein kann. Es ist schön, wennn Sie sich Sorgen machen, diese scheinen aber völlig unbegründet zu sein, wenn sich Österreich so eine kräftige Neuverschuldung locker leisten kann.
Seien Sie also vernünftig beim Schreiben Ihrer Beiträge, dann stehen Ihrer Zeitung auch weiterhin zahlreiche Inserate ins Haus. Malen Sie nicht schwarz, wir haben hier in Österreich keine Probleme. Zumindest hat unsere Regierung keinerlei Probleme.

gut und jetzt schalte ich den Ironiemodus aus und wünsche noch einen schönen Tag in unserem krisenlosen Land.

Nicht nur das Gedächtnis

Diesen Herrn ist nicht nur das Gedächtnis sondern das ganze Hirn abhanden gekommen.

derhune
04.12.2011 11:20
0 4

Was denken Sie über den deutschen Terrorismus?

Ist das gafarehrlicher als der islamischer Terrorismus?

Gast: MILEI - niederösterreichisches Milcheiweiß
04.12.2011 10:52
2 0

Nowak - kein Bildungsbürger?

Zwiedenken, auch Doppeldenk oder Wahrheitskontrolle genannt ist eine psychische Fähigkeit die hauptsächlich in Ozeanien angewandt wird. Es beschreibt die Fähigkeit zwei widersprüchliche Überzeugungen aufrecht zu erhalten und beide zu akzeptieren. Absichtlich Lügen zu erzählen, und aufrichtig an sie zu glauben, jede beliebige Tatsache zu vergessen, die unbequem geworden ist, und dann, falls es wieder nötig ist, sie aus der Vergessenheit zurückzuholen, nur solange wie nötig, die Existenz einer objektiven Realität zu leugnen, und gleichzeitig die Realität zu akzeptieren, die man verleugnet; all dies ist zwingend notwendig.
Um die immerwährende Geschichtsverfälschung endgültig im Denken der Mitglieder der Partei zu integrieren jedoch keinerlei Gefährdung durch Schuldgefühle oder die Anzweifelung der Unfehlbarkeit der Partei aufkommen zu lassen, wurde Zwiedenken erfunden und eingeführt.
Der Anwender in Ozeanien ist dadurch in der Lage, die Wahrheit der Partei so lange zu glauben, bis er aus einem arbeitstechnischen Grund heraus die Wahrheit der Realität benötigt um sie nach ihrer Anwendung wieder zu vergessen und wieder im Einklang mit INGSOC steht. Zwiedenken kann antrainiert werden. Weiters ist jeder Anwender von Zwiedenken von seiner Aussage, und mag sie noch so gegen die Realität verstoßen, überzeugt. Selbst wenn er die Lüge selbst verfasst hat.

Ka_Sandra
04.12.2011 10:04
4 0

Das BZÖ....

...kommt im obigen Artikel noch am besten weg. Den Eindruck, dass dessen Obmann Josef Bucher recht vernünftige und nachvollziehbare Äußerungen zur derzeitigen Katastrophenlage macht, teilen wahrscheinlich viele Österreicher.

Ob das bei den nächsten Wahlen seinen verdienten Niederschlag findet, bleibt abzuwarten.

Irgendwie hat man nämlich auch den Eindruck, dass es sich beim BZÖ um eine Ich-AG handelt. Die Personaldecke ist dünn bis nicht existent; Stadler geht jetzt auch nach Straßburg. Schade irgendwie.

Vielleicht sollte Bucher alte Hypotheken abschütteln und neu durchstarten. Mit einer neuen unbelasteten Farbe ;-)

Antworten Gast: Vogel Strauss
04.12.2011 16:15
0 0

Re: Das BZÖ....

BZÖ = Bucher, die anderen sind alle zum Vergessen. Er sollte eine eigene Partei gründen und den alten Müll zurücklassen, sonst ist er unwählbar.

Steininger
04.12.2011 03:29
2 0

Angesichts der Plethora an Meinungen ist es auch schwierig sich eine zu bilden!

Es ist ja nicht so daß Politiker automatisch mit großer Unterscheidungskraft ausgestattet sind! Wie soll man handeln, und wie nicht?
Auf jeden Fall handelt man einmal nicht sondern spuckt große Töne! Auch Angela Merkle kann diese Kunst!
Im Widerstreit der Meinungen spielen die ThinkTanks eine große Rolle. Ob man nun Wirtschaftsweise dazu sagt oder Wirtschaftsforschungsinstitute. Es bleibt gleich. Alle Empfehlungen sind weltanschaulich gefärbt. Die Politker selbst bleiben ratlos zurück!

offspring
04.12.2011 01:21
9 0

Eine Minute vor zwölf

Das schlimme in Österreich ist dieser kleinkarierte parteipolitische Streit.
Anstatt die Interessn Österreichs zu vertreten, wird darüber diskutiert, welche Partei welches Amt bekleidet.Darüberhinaus haben wir einen Bundeskanzler, der wahrscheinlich nichts von dem, was auf europäischer Ebene entschieden wird, begreift.So kann man nur dem Untergang entgegengehen.

4 0

Re: Eine Minute vor zwölf

globales danken hat auch mit bildung zu tun.

und da hapert es beim ehem. wohnbaustadtrat schon sehr gewaltig!

Ka_Sandra
03.12.2011 22:55
8 0

Was interessiert die österreichsichen Politiker...

...schon ihr Geschwätz von gestern?

OK, aber was hindert sie daran, schlauer zu werden?

Es herrscht kollektive Hilflosigkeit.

Der Gerechtigkeit halber muss man jedoch hinzufügen, dass sich dieser Zustand nicht auf Österreich beschränkt, sondern europaweit verbreitet ist.

Nichts ist in Stein gemeißelt, und derzeit ist nicht einmal mehr die Verfassung vor Übergriffen sicher.

Der Stein der Weisen ist die zahnlose Schuldenbremse jedenfalls nicht, ebensowenig wie der darauffolgende Zickzackkurs.

Ich finde, der vielbelächelte Ausspruch von Sinowatz „Es ist alles sehr kompliziert“, der hat was. Er trifft in der derzeitigen Situation den Nagel auf den Kopf. Kollektive Hilflosigkeit eben.

Wer besonders hellhörig ist, kann bereits den verhaltenen Ruf nach dem starken Mann hören.

Antworten Fintofanto
04.12.2011 10:15
2 0

Re: Was interessiert die österreichsichen Politiker...


Super-Kommentar! Nur: Der Ruf nach einem starken Mann hat mich persönlich noch nicht derwuschen. Vielleicht bin ich terisch, vielleicht mangelt's aber zum Glück schlicht und ergreifend an charismatischen Persönlichkeiten innerhalb der internationalen politischen Räuberbanden.

Antworten Antworten Ka_Sandra
04.12.2011 11:00
0 0

Re: Re: Was interessiert die österreichsichen Politiker...

Eine Schrecksekunde lang hab ich geglaubt, Sie haben sich persönlich angesprochen gefühlt vom Ruf nach dem starken Mann ;-)

Antworten Antworten Antworten Fintofanto
04.12.2011 12:57
0 0

Re: Re: Re: Was interessiert die österreichsichen Politiker...


Der Große Gott mag abhüten!

Gast: b754
03.12.2011 19:29
0 3

na hoffentlich übernimmt der schellhorn bald das ruder


19 0

Und schuld sind nur die bösen Ratingagenturen !

Wie können die uns einfach nach 40 Jahren Schuldensozialismus die Wahrheit zumuten. Jetzt, wo wir uns soo an den umverteilenden Staat gewöhnt haben. Jede Hausfrau geht besser mit Geld um als unsere Pseudosozialisten aus SPÖVFP.

Und BITTE, BITTE nicht in die SCHWEIZ schauen !!
BUDGETPLUS im Krisenjahr 2009 usw.

Dafür haben wir 22 Öffis, die nur 8 je 1000 Einwohner. Finanzhoheit der Kantone, wir 9 Landesfürstentümer.(GELDVERNICHTUNGMASCHINEN laut Androsch u. aller NICHTGRIECHEN).

Schweiz hat die GLEICHE Sockelpension für ALLE, wir dafür 9 Landespensionsregelungen nebst WUNDERPENSIONSREGELUNGEN in den Gemeinden wie WIEN.

Die haben die gleiche WERTSCHÖPFUNG mit der SBB wie die ÖBB mit der doppelten Belegschaft.

Ach ja 7% MWST statt 20. Allein das lässt erahnen wieviele Mrd in ÖSTERREICH sinnlos unseren Kindern Jahr für Jahr GESTOHLEN werden.

Nähere Daten jederzeit lieferbar, interessiert unsere UMVERTEILUNGSGLÄUBIGEN wahrscheinlich eh net...

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