25.05.2012 22:57 | Meine Presse Merkliste 0

Ein großes Land mit Großmachtträumen

JUTTA SOMMERBAUER (Die Presse)

Russland will seine inneren Schwächen vermehrt außenpolitisch wettmachen. Und die Europäische Union sieht dabei ratlos zu. Das ist ziemlich besorgniserregend.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Wenn russische Intellektuelle in die Zukunft blicken, dann sieht diese stets düster, um nicht zu sagen dunkelschwarz aus – und autoritär. Als Jewgenij Samjatin im Jahre 1920 mit „Wir“ seine Zukunftsvision der Sowjetunion verfasste, gab er den Menschen Nummern statt Namen und ließ sie durch ein stets kontrolliertes und „mathematisch vollkommenes Leben“ hasten, in dem nur beizeiten der störende Gedanke auftauchte, dass die „absolute, endgültige Lösung des Problems Glück“ selbst dort noch nicht gefunden war.

Gegenwärtig hat Wladimir Sorokin das Russland des Jahres 2027 als einen Staat porträtiert, der sich mit einer „Großen Westmauer“ von Europa abgeschottet hat, um sich alles Fremde vom Hals zu halten. Sein Russland steht unter der brutal-dumpfen Gewaltherrschaft eines allmächtigen „Gossudaren“, dessen Geheimdienst raubend und mordend durchs Land zieht, um es von seinen letzten inneren Feinden zu befreien.

Ganz so düster, wie es die Literaten ihren Bürgern vorgehalten haben, dürfte es nicht werden – selbst wenn Russlands künftiger Präsident Wladimir Putin bis 2024 im Amt bleiben sollte, was immerhin möglich ist. Aus heutiger Sicht nimmt sich selbst dieser Gedanke wie eine literarische Fiktion aus: Putin wirkt schon heute, ein halbes Jahr vor der Inauguration seiner dritten Präsidentschaft, altersschwach. Bitte nicht falsch verstehen: Natürlich jagt, reitet und kämpft Putin wie eh und je; natürlich wirkt er im Licht der Kameras im Gegensatz zum auf den Premiersessel verwiesenen, treuherzig blickenden Dmitrij Medwedjew wie ein echter Macher.

Doch Putins Problem ist ein anderes, viel substanzielleres: Seit seinem Amtsantritt als Präsident im Jahr 2000 hat er Russland geführt, geordnet und stabilisiert. Doch dieses Rezept reicht mittlerweile nicht mehr aus – das muss auch er ahnen. Die heute 20-Jährigen, die im Jahr des Zusammenbruchs der Sowjetunion geboren wurden, haben keine traumatischen Erinnerungen mehr an wirre Jahre nach dem Ende des Kommunismus. Einige von ihnen verfügen über gute Einkommen, sie können reisen und sich mit eigenen Augen überzeugen, wie es anderswo ist. Und dass es anders gehen kann. Stabilität als Zukunftsparole ist für diese Generation unbefriedigend, ebenso wie für die Mittelschicht, die sich dank der im vergangenen Jahrzehnt gestiegenen Rohstoffeinnahmen und der wirtschaftlichen Stabilisierung gebildet hat.

Es ist nicht die Gefahr der autoritären Herrschaft, die mit „Putin III“ wächst – kein „Gossudar“ nach Sorokins Vorbild zieht demnächst in den Moskauer Kreml ein. Gerade mit der Unfähigkeit, wirkliche Reformen anzugehen und verkrustete Strukturen aufzubrechen, wächst die Gefahr der Instabilität im Riesenreich.

Die stockende Modernisierung im Inneren scheint die Staatsführung mit einer Bombastik in den Außenbeziehungen wettmachen zu wollen: Das große Land, das nicht nur mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hat, sondern die Desintegration im Nordkaukasus seit Jahren nicht in den Griff kriegt, will auf der internationalen Bühne weiterhin Großmacht spielen. Putin, der schon 2005 den Zusammenbruch der Sowjetunion als „größte geopolitische Katastrophe“ des 20. Jahrhunderts bezeichnet hat, will Russlands Führungsrolle im postsowjetischen Raum sichern.

Die mit Weißrussland und Kasachstan geschlossene Zollunion, die um Tadschikistan und Kirgisistan erweitert werden könnte, soll zu einer viel umfassenderen Eurasischen Union ausgebaut werden – ein erklärtes Gegenprojekt zur Europäischen Union. Wenn diese Staaten schon unabhängig sein müssen, will man sie zumindest wirtschaftlich und geopolitisch an sich binden.

In Zentralasien hatte die EU – trotz der im Jahr 2007 stolz verkündeten neuen Zentralasienstrategie – nie viel zu melden. Aber im Fall der Ukraine, der Republik Moldau und Weißrusslands ist die Sache umso verheerender: Von der europäischen Nachbarschaftspolitik hat man schon lange nichts mehr vernommen. Die EU ist in ihrer eigenen Krise gefangen – und blickt ratlos nach Osten. Das kommt Russland gerade recht: Umso leichter fällt es der Großmacht, die keine ist, sich als solche darzustellen.

 

 

E-Mails an: jutta.sommerbauer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2011)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

9 Kommentare
Gast: Potemkin
05.12.2011 19:27
0 0

und außerdem

produziert die von der russischen Mehrheit voll akzeptierte großrussische Politik Asylanten mit denen wir uns dann herumzuschlagen haben, das sind nicht nur die Tschetschenen (1997 wurde Grosny niedergebomt, aber die EU betrachtete das als "innerrussisches Problem", nun haben wir die Folgen mitzutragen) sondern auch die Afghanen (1978 marschierten die Russen in Afghanistan ein).
.

Gast: Beno
05.12.2011 17:50
0 0

Österreich wäre ja auch gerne etwas größer und mehr beachtet.


Ilka
05.12.2011 17:11
0 0

Die EU ist offensichtlich in einiger Hinsicht ratlos -

rückblickend gesehen und genau genommen seid ihrer Gründung.
Auf große Player machen jetzt offiziell Merkel und Sarkozy; Obama spielt auch mit und Putin wird natürlich auch weiterhin seine Interessen verteidigen.
Zusätzlich haben wir längst muslimische Groß-Investoren In Europa - speziell in Frankreich und England - samt entsprechender Einwanderung.

derhune
05.12.2011 10:09
1 1

Hab keine Sorgen...

Putin hat in seiner Amtszeit Russland veraendert. Im Januer kommt er noch mal an die Macht. In der EU gibt es keinen einzigen Politiker, der die Format was Putin besitzt annaehernd hat. Man sollte sich viel mehr um die EU Sorgen machen und das ist berechtigt. In einer Woche wird entschieden, ob die EU weiter existiert oder aufgelöst wird. In beiden Faellen wird die EU ausbluten.

völlig logisch

ein neuer Block - die EU - führt zur Bildung eines Gegenblocks. Immer. Schliesslich verlässt sich kein Nachbar, der bei Sinnen ist, auf good-will. Schon gar nicht nach dem Lybienkrieg.

Antworten Barde_09
05.12.2011 11:04
1 0

Re: völlig logisch

Achtung: Es heißt LIBYEN!!!

Re: Re: völlig logisch

die linguistischen Feinheiten überlasse ich gerne den Barden.

Gast: Potemkin
04.12.2011 18:57
1 2

westlich orientierte Mittelschicht??

Orientiert an westlichem Konsumniveau,
wenig interessiert an Politik.
Jeder, der in Südfrankreich und in den alpinen Skiorten einen Bogen um diese Leute macht,
weiß das. Politische Äußerungen dieser Mittelschichtstouristen sind durchgehend nationalistisch-großrussisch.
Es gibt keine demokratischen Traditionen in Rußland, die nun erfolgreichen Parteien sind noch schlimmer als die Putins.


Antworten Gast: schlÄchter
05.12.2011 17:14
0 0

Re: westlich orientierte Mittelschicht??

sg potemkin!
+
deckt sich mit meinen wahrnehmungen und der geschichte russlands. natürlich ist es eine (gekränkte) großmacht 8alleine schion wegen seiner atomaren bewaffnung, seiner größe und seinen ressourcen) und putin hat trotz verlusten noch einen gewaltigen rückhalt in der bevölkerung, von der westl. politiker nur träumen können.
mfg
s.

Mehr Kommentare:

Top-News