Wenn russische Intellektuelle in die Zukunft blicken, dann sieht diese stets düster, um nicht zu sagen dunkelschwarz aus – und autoritär. Als Jewgenij Samjatin im Jahre 1920 mit „Wir“ seine Zukunftsvision der Sowjetunion verfasste, gab er den Menschen Nummern statt Namen und ließ sie durch ein stets kontrolliertes und „mathematisch vollkommenes Leben“ hasten, in dem nur beizeiten der störende Gedanke auftauchte, dass die „absolute, endgültige Lösung des Problems Glück“ selbst dort noch nicht gefunden war.
Gegenwärtig hat Wladimir Sorokin das Russland des Jahres 2027 als einen Staat porträtiert, der sich mit einer „Großen Westmauer“ von Europa abgeschottet hat, um sich alles Fremde vom Hals zu halten. Sein Russland steht unter der brutal-dumpfen Gewaltherrschaft eines allmächtigen „Gossudaren“, dessen Geheimdienst raubend und mordend durchs Land zieht, um es von seinen letzten inneren Feinden zu befreien.
Ganz so düster, wie es die Literaten ihren Bürgern vorgehalten haben, dürfte es nicht werden – selbst wenn Russlands künftiger Präsident Wladimir Putin bis 2024 im Amt bleiben sollte, was immerhin möglich ist. Aus heutiger Sicht nimmt sich selbst dieser Gedanke wie eine literarische Fiktion aus: Putin wirkt schon heute, ein halbes Jahr vor der Inauguration seiner dritten Präsidentschaft, altersschwach. Bitte nicht falsch verstehen: Natürlich jagt, reitet und kämpft Putin wie eh und je; natürlich wirkt er im Licht der Kameras im Gegensatz zum auf den Premiersessel verwiesenen, treuherzig blickenden Dmitrij Medwedjew wie ein echter Macher.
Doch Putins Problem ist ein anderes, viel substanzielleres: Seit seinem Amtsantritt als Präsident im Jahr 2000 hat er Russland geführt, geordnet und stabilisiert. Doch dieses Rezept reicht mittlerweile nicht mehr aus – das muss auch er ahnen. Die heute 20-Jährigen, die im Jahr des Zusammenbruchs der Sowjetunion geboren wurden, haben keine traumatischen Erinnerungen mehr an wirre Jahre nach dem Ende des Kommunismus. Einige von ihnen verfügen über gute Einkommen, sie können reisen und sich mit eigenen Augen überzeugen, wie es anderswo ist. Und dass es anders gehen kann. Stabilität als Zukunftsparole ist für diese Generation unbefriedigend, ebenso wie für die Mittelschicht, die sich dank der im vergangenen Jahrzehnt gestiegenen Rohstoffeinnahmen und der wirtschaftlichen Stabilisierung gebildet hat.
Es ist nicht die Gefahr der autoritären Herrschaft, die mit „Putin III“ wächst – kein „Gossudar“ nach Sorokins Vorbild zieht demnächst in den Moskauer Kreml ein. Gerade mit der Unfähigkeit, wirkliche Reformen anzugehen und verkrustete Strukturen aufzubrechen, wächst die Gefahr der Instabilität im Riesenreich.
Die stockende Modernisierung im Inneren scheint die Staatsführung mit einer Bombastik in den Außenbeziehungen wettmachen zu wollen: Das große Land, das nicht nur mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hat, sondern die Desintegration im Nordkaukasus seit Jahren nicht in den Griff kriegt, will auf der internationalen Bühne weiterhin Großmacht spielen. Putin, der schon 2005 den Zusammenbruch der Sowjetunion als „größte geopolitische Katastrophe“ des 20. Jahrhunderts bezeichnet hat, will Russlands Führungsrolle im postsowjetischen Raum sichern.
Die mit Weißrussland und Kasachstan geschlossene Zollunion, die um Tadschikistan und Kirgisistan erweitert werden könnte, soll zu einer viel umfassenderen Eurasischen Union ausgebaut werden – ein erklärtes Gegenprojekt zur Europäischen Union. Wenn diese Staaten schon unabhängig sein müssen, will man sie zumindest wirtschaftlich und geopolitisch an sich binden.
In Zentralasien hatte die EU – trotz der im Jahr 2007 stolz verkündeten neuen Zentralasienstrategie – nie viel zu melden. Aber im Fall der Ukraine, der Republik Moldau und Weißrusslands ist die Sache umso verheerender: Von der europäischen Nachbarschaftspolitik hat man schon lange nichts mehr vernommen. Die EU ist in ihrer eigenen Krise gefangen – und blickt ratlos nach Osten. Das kommt Russland gerade recht: Umso leichter fällt es der Großmacht, die keine ist, sich als solche darzustellen.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2011)















