25.05.2012 23:01 | Meine Presse Merkliste 0

Richtspruch der Märkte kann Euro retten

KARL GAULHOFER (Die Presse)

Auf dem (diesmal wirklich) entscheidenden EU-Gipfel regiert statt Solidaritätspathos die nüchterne Einsicht in die Gefahr. Das macht Hoffnung – diesmal wirklich.

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Die Sorgen der Schweizer möchten wir haben: Die Eidgenossen rüsten sich mit bedächtiger Sorgfalt für den Fall, dass es den Euro zerbröselt. Dann würde nämlich alle Welt in den Franken flüchten und dieser gefährlich erstarken. Aber die Erben Tells wissen sich zu wappnen: In diesem Fall müssen Investoren eben eine Strafsteuer in Form von Negativzinsen zahlen, wenn sie ihr Vermögen in der Schweiz halten wollen.

Nicht so leicht zu lösen sind die Probleme Europas. In Brüssel tagt ein schicksalhafter Gipfel – diesmal wirklich. Eineinhalb Jahre lang hat uns das Gremium der Granden nach jedem Treffen versichert, die ultimative Wunderwaffe zum Schutz der Eurozone gefunden zu haben. Rettungsschirme wurden aufgespannt, aufgebläht und mit Feuerkraft versehen, dass einem ganz heiß und schwindlig wurde. Pathetische Appelle an die Solidarität liefen stets darauf hinaus, alte Schulden mit neuen Schulden, Haftungen und Risken zu überhäufen.

Und was machten die undankbaren Investoren? Sie ließen die Maßnahmen verpuffen. Denn sie erkannten, dass damit das Problem nur verschoben, vergrößert und auf die ganze Eurozone verbreitert wird. Die kollektive Abstufungsdrohung von Standard & Poor's hat auf den Märkten ein Erdbeben der Stärke null ausgelöst. Sie schafft also keine neue Realität, sondern erklärt nur, was schon passiert ist: dass sich die Bondanleger scharenweise zurückziehen, weil sie das Vertrauen in die Lösungsfähigkeit von Europas Politikern verloren haben.

Diese stehen durch den Richtspruch der Märkte mit dem Rücken zur Wand. Sie wissen: Wenn aus ihrer Konklave nicht weißer Rauch aufsteigt, wird es ernst. Also bemühen wir Hölderlin: Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Das war nicht die wirre Vision eines vom Wahn Befallenen, sondern die Beobachtung eines noch wachen Geistes.

Und sie könnte sich wieder bestätigen: Was Merkel und Sarkozy vorab ausgehandelt haben, macht Hoffnung. Es packt das Problem der Euro-Fehlkonstruktion an der Wurzel: dem von Anfang an missachteten Stabilitätspakt. (Fast) automatische Sanktionen gegen Defizitsünder, Schuldenbremsen in allen Verfassungen, ihre Kontrolle durch den Europäischen Gerichtshof: Auf diesem Fundament lässt sich neu bauen. Und wenn die Briten sich sträuben, dann bauen eben nur die 17 Eurostaaten mit.

Dass zwei Politiker sich das beim Mittagessen ausschnapsen, ist nicht schön. Aber wer sollte den Takt vorgeben? Van Rompuy? Der blasse Präsident schießt quer, indem er alte und neue Tricksereien aus dem Hut zaubert: eine Banklizenz für den EFSF, den Missbrauch des Währungsfonds oder parallele Rettungsschirme. Man muss also Merkel dankbar sein, dass sie das Heft in die Hand nimmt und Sarkozy, das Sprachrohr des Südens, ins Boot holt.

Freilich: Auch wenn sich der Rat einigt, dauert es Monate, wenn nicht Jahre, bis die Vertragsreform umgesetzt wird. Sie ist eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung dafür, das missratene Eurogebilde zu retten. Denn wir bewegen uns auf dem Anleihemarkt rasch auf ein Krisengleichgewicht der negativen Erwartungen zu, das hoch verschuldete Staaten nicht überleben. Es muss also auch kurzfristig etwas geschehen. Aber nichts, was negative Anreize für den Schuldenabbau setzt und damit das Vertrauen weiter untergräbt. Also keine Eurobonds und auch kein schrankenloser Aufkauf von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank.

Was bleibt? Nur der gezielte Einsatz der EZB, Zug um Zug nach Erfüllung von Sparvorgaben, wie Präsident Mario Draghi es plant. Natürlich schafft jede Ausweitung der Zentralbankgeldmenge das Potenzial für künftige Inflation. Aber da hat Europa Glück im Unglück: Wenn niemand investiert, wächst das Kreditvolumen nicht. So bleibt es beim Handel mit Anleihen in den stillen Gewässern der Banken, Versicherungen und Pensionsfonds. Da dringt vorerst kein Geld nach außen, das sich unkontrolliert vermehren könnte. Und wenn Draghi seine Linie beibehält, macht nicht er sich von der Politik abhängig, sondern eher umgekehrt: Letztlich war es die EZB, die Berlusconi von Italiens Thron gestoßen hat. So geben Merkel und Draghi einen Pfad vor, der ein Ziel haben könnte: Wo die Gefahr wächst, wächst Europa auch.

 

E-Mails an: karl.gaulhofer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.12.2011)

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24 Kommentare
Gast: pensionär
10.12.2011 08:58
0 0

Was rettet Europa

... die Abkehr von der Gigantomanie der Industrie, von der Überfluß- und Vergeudungsgesellschaft und das Projekt der Sklavengesellschaft durch Hinunternivellieren der Ausbildung.

Gast: hfgrt
09.12.2011 16:21
1 0

Von was unsere Politiker Angst haben

Hi
Eurokrise: Österreich fürchtet sich vor dem Schilling

Eurokrise: Österreich fürchtet sich vor dem Schilling

Deutsche Mittelstands Nachrichten | Veröffentlicht: 08.12.11, 21:23 | Aktualisiert: 08.12.11, 23:08 | 40 Kommentare

Kommt es zu einer Teilung Europas in eine starke Nord- und eine schwache Süd-Zone, hätte das für Österreich gravierende Folgen. Der Chefvolkswirt der Bank Austria, Stefan Bruckbauer, meint: Österreich ist für die Nord-Zone zu schwach und müsse in die italienische Liga absteigen.

Empfehlen10

Themen: Eurozone, Krise, Österreich, Spaltung

Viele Ökonomen glauben, der einzig richtige Weg aus der Eurokrise sei die Teilung der Eurostaaten. Hans-Werner Sinn beispielsweise, Präsident des Münchener ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, vertritt diese Haltung. Er spricht sich klar für eine Zweiteilung in eine Nordzone aus „gesunden“ Staaten und einer Süd-Zone aus kritischen Ländern wie Griechenland oder Italien aus.

Doch in welche Zone gehört dann Österreich? Chefvolkswirt der Bank Austria Stefan Bruckbauer warnt in einem Zeitungsinterview vor der Spaltung. Abgesehen von den Folgen für die gesamte Eurozone, würde vor allem Österreich darunter leiden, denn für den Sprung in die Nordzone sei Österreich zu schwach. Die damit verbundene Wiedereinführung des Schillings hätte schwere Auswirkungen. Selbst Deutschland hätte nicht genug finanzielle Mittel, Österreich in der Nordzone zu halten.

Auch Karl Aiginger, Leiter des Wiener Instit

Für die Checker ist alles im grünen Bereich

war doch irgendwie klar, dass der Euro zu einem Bundesstaat mit Provinzen führt.

Alles andere macht ja im Kontext weitgehend vereinheitlichter Schnittstellen wirtschaftlich keinen Sinn...

26 Bauordnungen? 28 Bankgesetze .u.s.w.u.s.

Für die Traditionalisten - Schnitzel wird es ewig geben...


Gast: g9
09.12.2011 14:16
1 0

Ausgezeichneter Artikel.

Endlich ein sachlicher, unideologischer, und besonnen positiver Kommentar zum Thema. Ohne Sparen und die nötige ´Strenge´ (beides in unserer permissiven, gierigen, egomanischen Gesellschaft völlig diskreditiert) hat Europa keine Chance. Merkel und Sarkozy sind auf dem richtigen Weg und sie verdienen möglichst viel Unterstützung. Und die Briten gehören als de facto Bundesstaat der USA ohnehin nicht zu Europa. Europa braucht diese arroganten Schnösel wie einen Kropf - oder so, wie es M. Thatcher ´gebraucht´ hat. (´I want my money back!!´)

Ich sage: Tschüsss England!

Gast: kurtbayer
09.12.2011 12:39
0 0

Falsch gedacht

Das ist das Kreuz, daß auch die Medien den "Märkten" nachbeten. Die Krise ist doch keine Budgetkrise im Ursprung, sondern eine des exzessiven Risikoaufbaues durch die Finanzmärkte und der Rettung der Banken durch die Regierungen. Natürlich hatten diese vorher zu nachlässig Geld ausgegeben..
Das Argument, daß EZB Geld kein Inflationsproblem wäre, weil sowieso nicht investiert wird, also alles in den Bondhandel fließe, ist besonders absurd: ja wollen wir denn noch mehr "Marktpanik", "Zittern", etc. durch sich selbst bedienende Finanzmärkte, die handeln statt die Wirtschaft zu unterstützen?
Sie tacuisses.....

Gast: Ein Denkender
09.12.2011 09:27
5 1

Wer sind die "Märkte"?

Ungleich früherer Zeiten, sind "Märkte" heute dominiert von Großkonzernen, Hedgefonds und Milliardären, die nichts anderes tun also Casino-Kapitalismus betreiben.
Die Märkte sind kein Barometer für den wirtschaftlichen Erfolg eines Landes.
Die "Märkte" sind Indikator für die Tätigkeiten von unmoralischen Kapitalisten die nur Eines im Sinn haben: Gewinne zu machen- und das auf Kosten von Menschen, die oft ins Elend gestürzt werden.
Die Märkete müssen reguliert werden, ansonsten führt dieser Casinokapitalismus zur politischen Katastrophe, da der Ruf nach einem "starken Mann" immer größer werden wird. Denn die Ohnmacht von hart arbeitenden Menschen gegenüber den kapitalistischen Blutsaugern wird immer größer.

Antworten Gast: lou
09.12.2011 12:43
1 1

Re: Wer sind die "Märkte"?

mit den unmoralischen kapitalisten meinst den häuselbauer, der sich einen fremdwährungkredit nimmt weil er glaubt damit profit zu machen? Oder den der lieber im supermarkt als beim einzelhändler ums eck einkauft, weil er so ein paar € spart? Vielleicht auch den anleger der sich von hohen renditen unrealistische gewinne verspricht und sein geld risikoreich anlegt?

Gier ist schon ok, wir alle sind gierig und wollen mehr als uns zusteht aber nur wenige sind schlau genug es auch zu bekommen.

Antworten Antworten Gast: Ein Denkender
09.12.2011 15:36
0 0

Re: Re: Wer sind die "Märkte"?

Das ist genau Ihr problem. Sie verwechseln Schläue mit Anstand und moralischer Verantwortung. Wenn sie Gier OK finden, dann sollten sie in den USA leben...dann werden sie vielleicht verstehen, wohin ungezügelte Gier führt...
Ich habe auch ein Häusl mit Kredit gebaut..das hat nichts mit Kapitalismus zu tun..sondern mit wirtschaftlichem Denken...

2 0

Am Ende steht somit die Bundesrepublik Europa ohne UK.


Für linke "wir-drucken-geld-wie-es-uns-gefällt-tralala-und-hopsasa"-Schuldenmacher und rechte "wir-wollen-wieder-unsere-alte-währung-haben"-Recken natürlich ein Graus.


0 0

Europa ohne monkey Island

nett beschrieben

Lupus.67
09.12.2011 08:36
1 7

die märkte

die die presse interessieren sind schon längst nicht mehr die, die wohlstand und volksvermögen schaffen. die einzigen "märkte" die die presse interessieren sind die spekulanten, zocker, casino-kapitalsiten und börsen-jongleure.

kein wunder, ist die presse anscheinend ja auch zum lieblingsblatterl der albaner geworden, während sich die andern lieber seriöseren medien wie den salzburger nachrichten widmen

Antworten Gast: Ppngo
09.12.2011 11:12
1 0

Re: die märkte

Die Märkte sind Anleger, auch jene unserer Abfertigung neu oder der Zukunftsvorsorge, die sich Gedanken darüber mache, ob sie das hergeborgte Geld auch wieder zurückbekommen. Im Gegensatz dazu gibt es Bundeskanzler, die darauf spekulieren, dass Anleger Geld herborgen ohne sich darum zu kümmern, ob es jemals zurückgezahlt wird.

ein totes Pferd reiten

es gibt hier nur eine sinnvolle Lösung und die lautet "weg mit dem Euro zurück zu nationalen Währungen" - aber die Politiker werden stur weitermachen, bis unser ganzer Wohlstand verbrannt ist, dann werden sie erst diese Lösung in Betracht ziehen.

Antworten Iason
09.12.2011 08:55
2 2

Re: ein totes Pferd reiten

Das Zurückgehen in ein geteiltes Europa der nationalen Eigeninteressen wird gar nichts lösen. Im Gegenteil die alten Kokurrenzkämpfe des letzten Jahrhunderts werden vielfach wieder aufflammen. In diesem Fall sollte das Heer deutlich verstärkt werden.
Niemand will das haben. Das fortschreitende Finanzdesaster in der Gemeinschaft ist da noch der Weg des geringeren Übels.

Antworten Gast: Seifenstayn
09.12.2011 07:09
5 1

Re: ein totes Pferd reiten - weg mit € ?

die Deutschen könnten sich das leisten,
mit neuen Schwierigkeiten beim Export,

aber die Kleinstaaten ???? also auch "Ösiland" holt dann der Teufel !!!

große Volkswirtschaften setzen wieder auf Abwertungen und andere Tricksereien (ITA SPA, FRA,)

Die Wetlwirtschaft liegt schon lange mit Schwerpunkt im Pazifik, da hilft keine "nationales Gejohle" in Europa ....

Kleinstaaterei hat uns schon im 19. Jh. kein Glück gebracht, jetzt noch viel weniger .........


Re: Re: ein totes Pferd reiten - weg mit € ?

soweit ich weiss sind wir in der Voreurozeit auch gut gefahren obwohl Italien etc. ständig abgewertet haben. So haben die Südstaaten auf ihre Weise überlebt und unsere Wirtschaft ist eben genau wegen der ständigen Abwertungen immer produktiver geworden. So wie es jetzt ist ist es für alle Beteiligten ein Fiasko.

Antworten Antworten Antworten Gast: lou
09.12.2011 12:54
1 0

Re: Re: Re: ein totes Pferd reiten - weg mit € ?

die ersten 50 jahre des letzten jahrhunderts waren aber nicht so toll. Davor auch nicht.

Danach kam der wiederaufbau, den gibts ohne krieg nicht.

Was genau meinst mit vorm € genau? 1970-2000? Den eisernen vorhang? Die zeit vor der globalisierung? Schau dir mal kottan oder mundl an, wien in den 70er bis 80ern war aus heutiger sicht auch nicht so leiwand was die lebensqualität angeht.

Große teile europas waren bis in die 90 ein krisengebiet. Dagegen ist der mittlere osten ein witz.

1 0

Re: Re: Re: ein totes Pferd reiten - weg mit € ?

wir hatten höhere Inflation und ein jahrzehntelanges aussenhandelssefizit.

besser?

Gast: beschwerer
08.12.2011 22:38
1 2

oh ja, der markt wird uns alle retten

hamm ma wieder mal den reichen schellhorn nachgekaut, gell...

Westend
08.12.2011 21:28
2 1

Der Artikel ist soweit ja ganz nett,

aber die Streiksaison kommt eher erst im Frühjahr. Spätestens mit dem üblichen "Zeitumstellungsstreik" auf Sommerzeit bei den ital. Staatsbahnen sollte es aber losgehen.

Boris
08.12.2011 21:07
8 1

Die Lösung ist einfacher


...Erzwingen aller bislang geschlossenen Verträge insbesondre des Gründungsvertrages /Lissabon / Maastricht unter besonderer Berücksichtigung der "non-bailout" Klausel.

Rückabwicklung sämtlicher Rettungsschirme (die Benzin im Feuer sind) und Nutzung dieses Kapitals zur Stützung der eigenen systemrelevanten Banken jedes Landes um die Konkurse des Südens abzufedern.

Voila - bitte was spricht in einem Rechtsstaat dagegen ultimativ zu fordern bestehende gültige Verträge einzuhalten und bei Nichterfüllung diese zu sanktionieren?

Es ist doch grotesk das man verlangen muss nicht wieder angelogen zu werden und auf Vertragseinhaltung pochen muss.

Antworten Boris
08.12.2011 21:08
1 0

Soll heisse Erzwingen der Einhaltung der geschlossenen Verträge


derhune
08.12.2011 19:34
5 5

Auf jeden Fall ist die Sachlage amüsant!

"Aber wer sollte den Takt vorgeben? Van Rompuy? Der blasse Präsident schießt quer, indem er alte und neue Tricksereien aus dem Hut zaubert."
Wer hat diesen Van Rompuy ins Amt eingeführt?
Der ganze Artikel ist in sich widersprüchlich. Um darüber zu diskutieren müsste man einen neuen schreiben. Bemerkenswert ist allerdings die Eile von KARL GAULHOFER sich zu ergeben. Er akzeptiert ohne wenn und aber die Dominanz und Machtsucht von Frankreich und Deutschland. Ich frage nur, warum es einen Staat Namens Österreich gibt!

2 1

Plan statt Chaos

Es wird Zeit, dass Frau Merkel strukturierter vorgeht. Es genügt nicht ständig neue Einzelmaßnahmen zu präsentieren.

Es muss Maßnahmen geben, die sofort greifen. Das können nur Anleihenankauf und Eurobonds sein.

Diese machen aber nur Sinn, wenn sie von langfristigen Maßnahmen, wie 0 Defizit, Reformen und Schuldenabbau begleitet werden.

Die richtige Mischung entscheidet langfristig über den Erfolg.

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