25.05.2012 23:01 | Meine Presse Merkliste 0

Die EU wurde aufgedoppelt statt neu gegründet

WOLFGANG BÖHM (Die Presse)

Politisch mag der Durchbruch zur Fiskalunion gelungen sein. Die Umsetzung ohne demokratische Einbettung birgt aber neuen Sprengstoff für die Gemeinschaft.

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Nicht jeder Sieg ist ein Gewinn. Es gibt auch teure Siege, die neue Lasten mit sich bringen. Die Staats- und Regierungschefs der EU haben zwar Ende vergangener Woche einen Durchbruch zu einer Fiskalunion erreicht. Ein Kraftakt, der vor wenigen Monaten noch undenkbar war. Aber Kraftakte sind eben auch Machtdemonstrationen. Da wird nicht gleich an die notwendige Kontrolle dieser Macht gedacht. Denn das wäre ja Selbstbeschränkung. Und Selbstbeschränkung in Zeiten der endlich zurückgewonnenen Handungsfähigkeit: Das ist in der Politik ein psychologischer Ausschließungsgrund.

Doch wenn die Staats- und Regierungschefs ein Stück weiter denken, wären sie gut beraten, diesen Teil demokratischer Legitimation und institutioneller Gleichgewichte so rasch wie möglich nachzuliefern. Sie haben am vergangenen Freitag die EU mit einem neuen Vertrag der Euroländer und voraussichtlich neun weiterer Staaten aufgedoppelt, statt den wirklich großen Schritt einer Neugründung zu wagen.

Weil Großbritannien einen Sonderweg gewählt hat, wird der erste Schritt zu einer Fiskalunion abseits aufgestellt. Durchaus logisch wird das politische Euro-Rettungsboot am Euro-Rettungsschirm angedockt. Der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) wird also eine Vertragsgemeinschaft mit neuen Pflichten für die Euroländer (Schuldenbremse) und neuen Kompetenzen für Brüssel (Durchgriffsrechte auf hoch verschuldete Staaten). Logisch ist das, weil der ESM damit ein Währungsfonds nach Vorbild des IWF wird. Länder, die hier im Ernstfall Hilfe für ihre ausufernden Schulden erhalten, gestehen dem Geldgeber für diesen Fall Durchgriffsrechte zu. Was in Griechenland längst Realität ist, bekommt also eine rechtliche Grundlage für alle Euroländer.

Prekär daran ist, dass dieser Kraftakt die bereits problematische Konstruktion der EU noch erweitert: Es werden nationale Kompetenzen auf europäische Ebene übertragen, ohne dass die demokratische Legitimation dazu mitgeliefert wird. Die Staats- und Regierungschefs haben beschlossen, dass der Europäische Gerichtshof künftig Einfluss auf ein bedeutendes nationales Verfassungsrecht – die Schuldenbremse – bekommt. Sie haben beschlossen, dass die EU-Kommission als Wächter über Sparprogramme agieren darf. All das mag notwendig sein, soll die Eurozone weiter bestehen und die Stabilität zurückgewonnen werden. Aber wo ist die Kontrolle des Ganzen durch Höchstgerichte oder Parlamente?

Oft wurde in den vergangenen Tagen das Vorbild des Schengen-Vertrags genannt. Auch er wurde gesondert aufgesetzt, bevor er im Rahmen des Lissabon-Vertrags endlich Teil der EU wurde. Bis dahin war die parlamentarische Kontrolle ausgeschaltet. Mit dem ESM wird es nicht anders sein: Was er tut, ob er zu Recht oder Unrecht ein Land unter Kuratel stellt, ihm Geld zur Verfügung stellt oder das verweigert, er wird dies in einem weitgehend demokratiefreien Raum tun. Wenn nun auch noch die sogenannte Wirtschaftsregierung auf Ebene der Staats- und Regierungschefs hinzukommt, wird das ganze Konstrukt der Union höchst problematisch.

Die EU hätte einer Neugründung bedurft. Über eine saubere Übertragung von Souveränitätsrechten durch nationale Parlamente und eventuell notwendige Volksabstimmungen hätte die EU-Kommission neue Kontrollfunktionen über die nationale Haushaltsführung erhalten. Der Rat (EU-Regierungen) und das direkt gewählte Europaparlament hätten in gegenseitiger Balance die Beschlüsse dazu liefern müssen. Damit wäre die repräsentative Demokratie parallel zu den Kompetenzen nach Brüssel verschoben worden.

Es wird argumentiert, dass für eine solche Neugründung der EU jetzt mitten in der Krise keine Zeit sei. Das stimmt nur zum Teil. Selbst eine Krise entschuldigt keine Konstruktionsfehler, keinen unsauberen Umgang mit dem Recht des Volkes auf eine funktionierende Demokratie. Und es wird argumentiert, dass diese Konstruktion ja nur so unsauber ist, weil Großbritannien nicht daran mitwirkt. Auch das ist wenig glaubwürdig. Gerade wegen einer Größe der EU von bald 28 Mitgliedstaaten muss ein neues flexibles Vertragssystem her, das genau solche Fälle miteinkalkuliert.

 

E-Mails an: wolfgang.boehm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2011)

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8 Kommentare
Gast: ulj
14.12.2011 17:18
0 0

Leicht gesagt...

Ich lese immer wieder, dass die EU demokratischer werden muss bzw. undemokratisch ist. Bei manchen Themen können wir froh sein, dass direkte Demokratie kein Baustein der EU ist. Wie man an Griechenland sieht, ist es eben eher problematisch die Bürger dazu zu befragen ob sie in Zukunft sparen wollen. Sparen nämlich ja, aber bitte nur bei den anderen.

Konrad Adenauer hat einmal gesagt: "Wer einen Sumpf trocken legen will darf nicht die Frösche fragen." Im totalumverteilten Wohlfahrtsstaat sind wir Bürger leider die Frösche.

Im Grunde genommen ist der Beschluss eine wirtschaftliche Besachwalterung der nationalen Regierungen und Parlamente. Soweit ich weiß werden die Gremien der EU entweder direkt oder indirekt gewählt und zwar nach wie vor. In den USA käme auch keiner darauf die demokratische Legitimation in Frage zu stellen weil der Präsident von Wahlmännern bestimmt wird und nicht durch die Wählerstimmen. Demokratie kann durchaus unterschiedliche Ausprägungen haben.

Und etwas polemisch betrachtet, was heißt Demokratie in Österreich? Alle 5 Jahre wählen und dazwischen tut die Regierung was ihr gefällt. Wenn die Verfassung im Weg ist machen sie statt einfachen Gesetzen Verfassungsgesetze und schon kann der Vfgh sch... gehen.


Gast: mulcahy
13.12.2011 14:44
2 0

...

sie dürfen es nicht schreiben, herr böhm, doch demoktratisierung und rechtsstaatlichkeit ist schon lange nicht mehr das ziel der eu.

na ja, vielleicht darf ich es auch nicht mehr schreiben.

Gast: so ist es !
13.12.2011 14:41
5 0

Die Politker, unsere Angestellten, füchten das Volk wie der Teufel das Weihwasser !

Fällt es auf, dass aus unserer Regierung niemand mehr an H.C. Strache anstreifen will, ja nicht einmal mit ihm reden, weil dieser zu grundlgenden Veränderungen unserer Verfassung oder des Maastricht Vertrages eine Volksabstimmmung angedacht hat, wie sie der Bundeskanzler, als er noch kein Bundeskanzler war, versprochen hat?

Gast: klaus der denker
13.12.2011 11:28
6 0

es lebe die EUDSSR!!


lange wird dieses konstrukt nicht mehr überstehen u. dann den weg der udssr gehen u. im nirwana verschwinden..

3 0

Na Endlich

faellt auch der Euro-Claque auf, dass da etwas nicht ganz stimmt im Bruesseler 'Generalgouvernement'
dirdem.org

redneck
12.12.2011 21:48
0 0

Nicht jeder Sieg ist ein Gewinn

Wahre Worte sind wie umgekehrt.
- Laotse http://bit.ly/oCT7n

Kontrolle ist eine Illusion.

Ein großes Land muß man leiten,
wie man kleine Fischlein brät.

gms_
12.12.2011 19:59
2 0

Wegfall der Einstimmigkeit im ESM


Gibt es einen besonderen Grund dafür, weshalb die "Presse" mit keiner einzigen Silbe darüber berichtet, daß nun auch noch die Einstimmigkeit im Direktorium bei ESM-Beschlüssen gefallen ist?!

Bis auf Italien, Frankreich und Deutschland sind nun alle Länder dazu verdammt, ESM-Gelder zu erbringen, ohne Veto einlegen zu können -- eben jenes Veto, mit dem EU-rokraten bis vor Kurzem noch den ESM verteidigen konnten, er sei kein Mittel zur vollständigen monetären Entmündigung der Einzelstaaten.

Antworten Gast: est es so ?
13.12.2011 14:43
2 0

Re: Wegfall der Einstimmigkeit im ESM

.. dieses Theater wird nicht allzu lange dauern, warten wir es ab!
Wenn Vereinbarungen derartiger Tragweite absichtlich am Volk vorbei abgeschlossen werden, dann werden sich die Wähler wohl in kurzer Zeit zu Wort melden und diese Beschwichtiger und Verräger an der Demokratie zum Teufel jagen!tNicht nur bei uns...

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