25.05.2012 23:02 | Meine Presse Merkliste 0

Wie oft lässt sich der Leser narren? Der Boulevard testet es

ANNA-MARIA WALLNER (Die Presse)

In österreichischen Medien häufen sich journalistische Fehler und bewusste Täuschungen der Leser. Die Falschmeldungen werden nicht einmal richtiggestellt.

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Ich saß allein im Kompressorenraum, als [...] der große 400-pferdekräftige Kompressor, der den Elektromotor für die Dampfüberhitzer speist, eine auffällige Varietät der Spannung aufzuweisen begann. [...] Völlig unerklärlich ist jedoch die Erscheinung, daß mein im Laboratorium schlafender Grubenhund schon eine halbe Stunde vor Beginn des Bebens auffallende Zeichen größter Unruhe gab.“


Es war die „Neue Freie Presse“, die vor rund 100 Jahren immer wieder Opfer ihrer Leser wurde. In herausragend formulierten Leserbriefen erzählten diverse Herrschaften von haarsträubenden Erlebnissen, die einen entscheidenden Haken hatten: Sie waren erfunden. Die sensationsgierige Zeitung aber druckte die Briefe ab, weil die zuständigen Redakteure den Unsinn nicht entdeckt hatten. Der eingangs erwähnte Text stammt aus einem solchen Leserbrief, und zwar nicht, wie viele vielleicht meinen, von Karl Kraus, einem leidenschaftlichen Feind der und Leserbriefschreiber an die „NFP“, sondern vom Ingenieur Arthur Schütz. Seine Schilderung eines Erdbebens im November 1911 begründete den Begriff „Grubenhund“ als Synonym für gefälschte Neuigkeiten.


Es mag ein Zufall sein, dass exakt 100 Jahre später wieder die Grubenhunde los sind. Heutzutage nennt man solche Täuschungen „Hoax“, die Sache bleibt dieselbe: Redaktionen werden mit offenkundig falschen Fakten vorgeführt. Zuerst war es eine an Schulen verteilte Ausgabe von Kafkas „Das Schloss“, die vor Fehlern strotzte. Nun ist es eine Sexschule, die dieser Tage in Wien hätte eröffnet werden sollen, sich aber als völlig frei erfunden herausstellte. „Österreich“ und „Heute“ schrieben erregt über die „Austrian School of Sex“ (die „Krone“ nicht, der war das Thema im Advent offenbar zu heikel), der „Kurier“ äußerte zwar Zweifel, befasste sich aber doch auf einer ganzen Seite damit. Auch wenn die Aktionsgruppe The BirdBase, die hinter diesen Streichen steckt, die Medien nur als Vehikel für ihre Forderungen an die Politik (etwa ein funktionierendes Pensionssystem) benutzen will, legt sie den Finger in eine klaffende Wunde: den schlampigen und unvorsichtigen Umgang der Medien mit Informationen.

Wenn es nur Schlampigkeiten wären! Zuletzt häuften sich Täuschungen, ja Lügen in den Blättern. Sei es, dass die Reporterin aus der Tierecke der „Krone“ mit falschen Fotos und Fakten von Hundetötungen Stimmung gegen die Ukraine als Austragungsort der Fußball-EM macht (und sogar die Politik auf den Plan gerufen hat). Sei es, dass gekaufte Texte nicht als Werbung gekennzeichnet werden. Oder dass Ereignisse vorweggenommen werden, die erst nach Redaktionsschluss stattfinden. So schrieb die „Krone“ Ende November in ihrer ersten Ausgabe, die gegen 15 Uhr gedruckt wird, eine ganzseitige Kritik über George Michaels Wien-Konzert. Ein Pech, dass das Konzert kurz nach Druck wegen Krankheit des Sängers abgesagt wurde.


Fehler wie dieser passieren auch, weil die Branche immer stärker unter Druck ist. Der Markt wird härter, die Konkurrenz größer. Gerade der Boulevard unterliegt dem Irrglauben, der Leser sei ein ungeduldiges Wesen, das schon bei der geringsten redaktionellen Verspätung in seinem Blatt das Abo kündigt oder zumindest die Gratisentnahmebox wechselt. Dabei wird es der Leser auch in Zeiten der minutenaktuellen Informationswiedergabe im Internet verkraften, wenn er die ausführliche Konzertkritik oder die politische Analyse über den Ausgang des EU-Gipfels einen Tag später liest. Dasselbe gilt für Falschmeldungen, die eine Redaktion erreichen: Wenn keine Zeit für die Überprüfung der Fakten, die Nachfrage bei Dritten, den Check, Recheck, Double-Check bleibt – dann sollte die Geschichte besser warten. Und es sollte schon gar keine erfundene Geschichte in die frei gewordenen Spalten gepresst werden, auch wenn das schlechte Tradition hat, wie Kästner in seinem Roman „Fabian“ zeigt.

Natürlich passieren Fehler, auch in der „Presse“. Nur sollte es selbstverständlich sein, diese auch öffentlich zu machen. In manchen Redaktionen von heute hält man sich lieber an die Usancen der „Neuen Freien Presse“: Die Fehler werden einfach totgeschwiegen.

 

E-Mails an: anna-maria.wallner@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.12.2011)

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42 Kommentare
 
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derhune
16.12.2011 09:20
0 0

Österreicher sind ja daran nicht schuld!

Die östrr. Medien sind ja in der Regel 1 zu 1 Kopien von deutschen Medien. Inhalte werden 99 % von Deutschen übernommen. Wenn dort ein Fehler drin ist, ist es zwangslaeufig in östrr. Medien drin! Die Presse ist die Kopie der "Die Welt"!

2 0

Wenn´s zumindest theoretisch möglich ist...

Weil man uns täglich eintrichtert, grundsätzlich und immer "offen" für alles mögliche Neue zu sein; weil von oben angeordnete "Toleranz" jegliche kritische Hinterfragung nach Sinn und Wert als "rückständig" diffamiert, leben wir in einer Zeit, welche es immer schwieriger macht, Fakts von reiner Fiction zu unterscheiden.

Bei all den oft wirklich seltsamen "Schulversuchen", die wir seit Jahrzehnten aufgetischt bekommen, macht eine "Schule für Sex" auch keinen Unterschied mehr. Anderseits ist die massenhafte Tötung von streunenden Straßenhunden in der Ukraine KEIN Fake, sondern leider echte Realität. Das hat bereits international heftige Proteste hervor gerufen. Zwar versprach die Regierung in Kiew, damit aufzuhören, aber will das wirklich kontrollieren? Immerhin zahlen Bürgermeister Prämien für jede Hundeleiche...

Die Sache mit der Vorauskritik für ein Konzert, daß dann wegen Erkrankung des Sängers auch noch ausgefallen ist, stellt zugegeben ein echtes Novum dar. Oder etwa doch nicht? Die Welt der Medien kennt unzählige wirklich kuriose Stories.

Und das ist die Crux der Medien insgesamt: Früher war eine Verifizierung unglaublich klingender Nachrichten aufgrund der aus heutiger Sicht antiquierter Kommunikationssysteme natürlich schwierig gewesen. Heute wiederum sparen die Herausgeber am redaktionellen Personal, wo es nur geht. Lieber kauft man die Meldungen von einer Agentur und schreibt sie ein bisserl um. Mag sein, daß es noch für einen kurzen Kommentar dazu reicht...

doubleg
14.12.2011 21:12
1 0

Das kennt doch jeder

Jeder hat doch schon mal in einer Zeitung eine Reportage über eine Sache gelesen von der der tatsächlich wusste was passiert ist, weil er dabei war oder die Infos aus erster Hand hat. Und dann liest man den redaktionellen Beitrag und beginnt sich zu fragen ob die von der gleichen Sache berichten. Falsche Zahlen, falsche Zeitabläufe, falsche Beteiligte, alles was das Herz des Lesers begehrt wird verdreht, ergänzt und gedeutet, wie es einem gerade passt.
Und das Schlimme daran: Das geht mir jedes mal so, wenn ich den Sachverhalt einer Geschichte wirklich kenne. Ein Beispiel: Periodisch wiederkehrend wird über Teer berichtet, der am Gelände des Wr. Tierschutzhauses (Altlast N20, Rafinerie Vösendorf) aus dem Boden austritt. Nun, Teer ist ein Produkt aus Steinkohle, eine Raffinerie verarbeitet Erdöl. Das schein ein kleiner Irrtum zu sein, macht aber de facto einen eklatanten Unterschied, da Teer einen großen Anteil an stark krebserregenden PAK hat, bei Bitumen sieht das ganz anders aus. Ich gebe zu, bei der N20 gibt es auch PAK, aber keinen Teer. Da schreibt aber einer fleissig vom anderen ab und bei manchen Artikeln "bricht" sogar Teer aus dem Boden. Na sowas!
Noch schlimmer war mal ein Zeitungsbericht über einen akuten Fall. Da war der Boden eingebrochen weil ein altes verstecktes Bauwerk einer ehemaligen Tankstelle am Gelände des Tierschutzhauses nachgegeben hatte. Ich war persönlich dabei, aber was in diesem Artikel stand. Es war alles falsch.

Gast: africano
14.12.2011 18:08
1 0

Man lässt den Leser bewusst oft DUMM sterben.

Die Wahrheit ist oft zu nervig und beim beschwindeln der Leser ,hat man so seine Erfahrungen.

Gast: sokro
14.12.2011 14:46
3 1

Hat da

plötzlich jemand Kobuk entdeckt?

1 1

ja ich :)

und für die anderen:http://www.kobuk.at/about/
willkommene abwechslung. und da soll noch einer sagen, die studenten bringen nix gscheits auf die reihe!

Antworten Antworten doubleg
14.12.2011 20:57
0 0

Re: ja ich :)

Danke! Super Link!

"wie oft lässt sich der leser narren?"

sehr einfach zu beantworten: der "presse"-abonnent auf lebenszeit! darum hat ja ein abo, und glaubt jedes wort von dem was fle, nowak, schell& co. so schreiben.

sie sollten öfter das forum konsultieren, dann wissen sie, was narretei bedeutet!

2 1

Re: "wie oft lässt sich der leser narren?"

Warum liest man den Online-Auftritt einer Publikation, die man scheinbar so überhaupt nicht schätzt?

Re: Re: "wie oft lässt sich der leser narren?"

mich interessiert halt wie die marktreligiös-fanatischen rechtskonservativen denken. und das kann ich am besten herausfinden, wenn ich "die presse" lese!

GELOBT SEI DER FREIE MARKT!

Antworten Antworten Antworten Gast: L.W.
14.12.2011 17:47
1 0

die marktreligiös-fanatischen rechtskonservativen


Einbildung ist auch eine (Form von) Bildung. Symphatisch kommen Sie damit nicht rüber, was Ihnen aber wahrscheinlich eh herzlichst wurscht ist.

Auch egal. Sei es, wie es sei.

Antworten Antworten freeman
14.12.2011 15:12
3 1

Weil man ein sozialistischer Troll ist?


Kokopelli
14.12.2011 11:59
4 0

Nix Neues

Bitte Marshall MacLuhan in Erinnerung rufen: Das Medium ist die Message! Die Inhalte sind doch nachrangig. Der Durchschnittsleser kann sich die Unzahl an täglichen Infos ohnehin weder merken, noch interessiert es ihn wirklich. Journalismus hat halt nur am Rande mit Wahrheit und Ehrlichkeit zu tun. Wichtig ist es, die Kacke dieser Welt am Dampfen zu halten!

Pete
14.12.2011 11:49
3 8

Auch der Presse passieren Fehler

Kann ich bestätigen, jede Woche der Christian Ortner, großteils aus dem neoliberalen Finger gesogen.

Gast: mulcahy
14.12.2011 11:31
8 0

...

beklagenswert, die fehler der medien.

bestes beispiel gestern vom massaker in lüttich.

nur: es waren keine fehler, es war desinformation, manipulation durch weglassung wesentlicher fakten.

also bitte keine heuchlerischen klageartikel wie oben, denn die medien haben sich längst an die oberen prostituiert.

sie nutzen ihre stärke nicht, um den mächtigen auf die finger zu schauen, sie haben sich zu helfershelfern gemacht, immer in der verblendung, der mündige bürger durchschaut das miese spiel nicht.

sicher, ein paar unbedarfte oder hoffnungslos indoktrinierte lassen sich gerne täuschen.

und es gibt weder den druckmedien noch dem staatshofberichterstattungsorf zu denken, dass die kunden weniger und weniger werden.

warum auch. fette presseförderung, zwangsabgabe an den orf auch bei bürgern, die den orf nicht empfangen können und indirekte förderung durch werbeeinschaltungen der parteien oder parteinahen institutionen.

uns fehlt ein karl kraus, ein egon friedell, ein friedrich torberg.

Antworten SPÖ-Loser
14.12.2011 16:14
0 0

Re: nur: es waren keine fehler, es war desinformation, manipulation durch weglassung wesentlicher fakten .....

Da hast Du schon einen ziemlichen Treffer gelandet.
Ich empfinde diese "absichtlich" unabsichtlichen Fehler schon eher als Propaganda, und Ausmaße annehmend, welche vor 70 Jahren an der Tagesordnung waren.

Die Grenzen sind fliessend, aber das Publikum bleibt das Selbe ...
Freundschaft !

JosefGott
14.12.2011 09:31
2 3

Und das schreibt ausgerechnet die Presse,

die ungeprüft aus Leserbriefen der Hermine Reisinger (übrigens hier ein "Fanforum": reisinger.forenworld.at) Artikel macht, die voller Unwissen und Falschbehauptungen ist.

Antworten Strache_T
14.12.2011 18:15
3 0

Re: Und das schreibt ausgerechnet die Presse,

Super! Danke fürs posten. Das Forum gefällt mir sehr gut. Endlich schlagen die Opfer zurück.

1 4

Re: ???

Keine Ahnung, was und wen Sie meinen. Und warum weisen Sie auf ein Mini-Forum mit fast keinen Beiträgen hin ?

Antworten Antworten JosefGott
14.12.2011 12:01
1 1

Re: Re: ???

http://diepresse.com/home/panorama/oesterreich/704077/Sexuelle-Gewalt_Was-wenn-die-Opfer-zurueckschlagen?from=suche.intern.portal

Beantwortet die Frage Was und wen

Und dass das Forum erst 3 Tage alt ist, dürfte ihnen entgangen sein, nehme ich an.

3 2

Sind die angeführten Beispiele...

...aus KOBUK abgeschrieben, ohne zu zitieren?

1 0

Re: Sind die angeführten Beispiele...

sieht so aus.
auch wenn der artikel inhaltlich meine zustimmung hat, würde der autorin ein selbstkritischer blick in den spiegel wohl auch nicht schaden....

Gast: gast 8
14.12.2011 08:15
3 5

Wer es glaubt ist selber schuld!

Im Vergleich zu den Lügen die die EU verbreitet ist das alles noch harmlos.
Freie Meinungsäußerung hat ihren Preis.

12 1

Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen.

In der PRESSE ist dieser Missstand subtiler - und deswegen noch gefährlicher.

Die PRESSE präsentiert sich häufig als gleichgeschaltetes Medium, das wie andere Zeitung wortgleich Agenturmeldungen abdruckt. Die oft (1) inhaltlich keinen Sinn ergeben oder (2) gezielt manipulieren.

ad 1. Da wird zB. vor kurzem berichtet, dass es in Norwegen keine Butter mehr gibt. Obwohl rundherum Butter in Hülle und Fülle zu haben wäre. Die PRESSE macht sich nicht die Mühe, zu recherchieren, was da eigentlich los ist. Darüber müssen sich die Foren-Teilnehmer gegenseitig selbst in Kenntnis setzen.

ad 2. Am widerlichsten war die mediale Hinrichtung von Hrn. Assange. Wochenlang wurde getrommelt, dass er ein Vergewaltiger sei. Eine Überschrift mit "Vergewaltigung" im Text jagte die nächste. Obwohl bald klar war, dass es sich um ein nur in Schweden bestehendes Delikt handelt - das mit Vergewaltigung im allgemeinen Verständnis rein gar nichts zu tun hat. Obwohl Foren-Teilnehmer darauf hinweisen, trommelte die PRESSE weiterhin die Botschaft vom bösen Vergewaltiger Assange.

Und jetzt ist Wikileaks offenbar lahmgelegt. (Wer glaubt da noch an einen Zufall.)

3. Eine weiterer Missstand (in PRESSE wie auch im STANDARD) ist es, dass offensichtliche Werbe-Artikel nicht mehr als solche gekennzeichnet werden, sondern sich als Zeitungsartikel darstellen.

Wenn der Boulevard Fakes aufsitzt, ist das peinlich. Wenn die PRESSE ihre Leser gezielt manipuliert, ist das demokratie-gefährdend.

Antworten port
14.12.2011 14:38
1 0

Re: Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen.

da sollten sie erst einmal das dunkelrotlinksgrüninnenzentralorgan erleben !

Antworten BAntworter
14.12.2011 07:46
10 2

Re: Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen.

Völlig richtig. Ich sehe den Leser von der Presse nicht weniger verarscht als von den anderen Medien, nur auf vermeint "höherem Niveau".

 
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