22.05.2013 13:14 Merkliste 0

Die Koalition, die sich nicht traut

RAINER NOWAK (Die Presse)

Die Verhandlungen um die Aufnahme der Schuldenbremse in die Verfassung zeigen. Rot-Grün und Schwarz-Blau sind die wahren Träume der Regierungsparteien.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Frage: Können zwei Partner zusammenarbeiten, deren eigentliches Ziel lautet, ohne den anderen zu arbeiten? Völlig unmöglich.

So gesehen arbeitet die Regierungskoalition gar nicht so schlecht. Immerhin konnte sie sich – auch aufgrund internationalen finanzpolitischen Drucks – auf eine gemeinsame Haltung in einigen Punkten durchringen, Kanzler Werner Faymann bekannte sich überraschend deutlich zu Europa. Er und sein Vize Michael Spindelegger waren auch gemeinsam stolz, unter vier Augen mit Angela Merkel gesprochen zu haben. Und positiv ist – ganz ohne Ironie – der gemeinsame Versuch, eine Schuldenbremse in der Verfassung zu verankern, hervorzuheben. Der ist zwar bisher nicht gerade erfolgreich verlaufen, aber nun gibt es neue Hoffnung. Sowohl die Grünen als auch die FPÖ genießen die Rolle, die zuvor kurz das BZÖ spielen durfte: die des Züngleins an der Waage. Vor allem der SPÖ gelang es durch die Verhandlungen mit den Grünen, die ÖVP in eine unangenehme Situation zu manövrieren: Plötzlich stand die Einführung von neuen Vermögensteuern zum Abtausch für das grüne Ja in Reichweite. Diese sollen unter Titeln wie Solidarabgabe oder Spekulationssteuer aber erst mit Verkündung des Sparpakets bestätigt werden.

Dies wollte Spindelegger nicht auf sich sitzen lassen und führte seinerseits Gespräche mit Heinz-Christian Strache, der trotz aller Tiraden gegen Brüssel und Ballhausplatz um die politische Anerkennung buhlt, die ihm Werner Faymann verwehrt. Die Gespräche verliefen offenbar einigermaßen fruchtbar. Denn Strache könnte von einer Forderung abrücken, deren Umsetzung ohnehin unrealistisch ist: dass Österreich nämlich allein aus dem EU-Rettungsschirm aussteigt. Dafür bekommt er eine andere Zusage, die überhaupt nichts mit den Themen Schulden oder Defizit zu tun hat: Maßnahmen für mehr direkte Demokratie. Dass die ÖVP plötzlich den Forderungen, wie verpflichtende verbindliche Volksbefragungen nach erfolgreichen Volksbegehren, nachgeben will, ist dabei ein putzig-durchsichtiges Manöver, um aus dem ungeliebten Vermögensteuer-Eck herauszukommen.

Die gesamte Diskussion, die gut zur Kleinheit der Regierung und der Opposition passt, hat aber einen äußerst positiven Effekt. Endlich kann die Öffentlichkeit die bisher mehr oder weniger geheimen Wünsche auf beiden Seiten erkennen: SPÖ und ÖVP können und wollen nicht mehr miteinander. In SPÖ-Zentrale und Kanzleramt träumen Werner Faymann, Josef Ostermayer und Laura Rudas von Wiener Verhältnissen. In der Lichtenfelsgasse und im Außenamt hingegen lautet der Traum des Vizekanzlers und seiner wenigen Vertrauten, es noch einmal Wolfgang Schüssel gleichzutun. Wenn es um Steuern und Sparkurs gehe, sind sich die Rechtsparteien ebenso einigermaßen einig wie die beiden links der Mitte. Das BZÖ passt inhaltlich besser in die erste Konstellation, für ein paar Jobs ginge aber auch alles andere.

Beide Varianten – Rot-Grün und Schwarz-Blau – würden zwar im jeweils gegnerischen Lager sofort demokratie- beziehungsweise finanzpolitische Endzeitstimmung aufkommen lassen, würden aber vor allem eines bringen: einen Wechsel, wie ihn Demokratien kennen. Dass die FPÖ weder über das richtige Personal noch über die notwendige politische Verantwortung – siehe Europa – verfügt, darf an dieser Stelle nicht vergessen werden. Dass die Grünen trotz schwacher Vorstellung von SPÖ und ÖVP nicht genügend Wähler zur Sicherung einer rot-grünen Mehrheit ansprechen können, ebenso.

Und auch wenn es hier möglicherweise wie ein einsamer Ruf in der parteipolitischen Wüste klingt, muss es angesichts der künftigen Alternativen sein: In der aktuellen Anything-goes-Stimmung könnten Faymann und Spindelegger doch auch über strukturelle Reformen reden. Nein, nicht über die Abschaffung der Bundesländer – bleiben wir realistisch –, sondern über die Einführung eines neuen Wahlrechts. Eines mit mehr persönlicher Verantwortung des gewählten Mandatars und einer klaren Mehrheit am Wahltag würde in der jetzigen Situation helfen und vermutlich schneller ein eindeutiges Steuer- beziehungsweise Sparpaket bringen. Oder wir würden sofort wählen.

 

E-Mails an: rainer.nowak@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.12.2011)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

23 Kommentare

spion & spion

in diesem comic ist mal der weisse spion der böse, mal der schwarze.
mal ist der eine dran, mal der andere.

in der realität ist diesmal der rote spion der konstruktive und der schwarze spion der destruktive:
die kontakte zur fpö haben sich mittlerweile als taktische antwort auf die gefahr erwiesen, bei mitmachen der grünen ganz arg in bedrängnis zu kommen. heute wurde eh schon bekanntgegeben, dass von fpö-seite nichts vernünftiges gekommen sei.... was für eine riesen-überraschung !!!

das war doch auch jedem in der övp im vorhinein bekannt. doch seit gefühlten ewigkeiten gilt in der övp der grundsatz:
taktik ist unser liebstes instrument.

manchmal gehen vernunftehen gut. manchmal sind sie die hölle auf erden.

vergessen wir nicht: die groko ist nicht resultat einer liebesheirat.
der wähler hat bei der letzten wahl keine andere möglichkeit gelassen.

welche regierung hätte sich denn 2008, mitten im ausbruch der krise, bilden sollen?

wir österreicher bekommen seit 3 jahren serviert, was wir damals gekocht haben.

Eine große Koalition könnte große Probleme lösen



Eine andere Rechtfertigung hat sie nicht, denn demokratiepolitisch ist sie abzulehnen, weil sie die Kontrolle schwächt und das Junktim fördert.

Ja, sie könnte die großen Probleme angehen, aber diese hier kann es nicht Demokratiephase

Die Koalition, die nicht kann

so ist es richtig...

Sie können nicht, da einfach die mentale Leistungsfähigkeit fehlt - rein körpersprachlich eine Tragödie ... was natürlich den Zockern dieser Welt gefällt ... easy prey... kill them...


Re: Die Koalition, die nicht kann

haha, die körpersprache.

die "zocker dieser welt" kennen unsere regierung nicht mal dem namen nach. was sollten sie erst mit deren körpern anfangen?

Gast: Condorcet
16.12.2011 15:43
2 1

Werner, Josef und Laura bald allein zuhaus?

Aber eines muss man zu diesem Artikel schon auch sagen:

So ist es ja nicht, dass Werner, Josef und Laura die ganze SPÖ repräsentieren mit ihrem Wunsch nach Rot-Grün.

Das stimmt für Wien-Margarten und für gewisse steirische Bezirke und vielleicht noch für den Ackerl, aber sonst?

Und wenn nach den nächsten Wahlen die ÖVP der FPÖ ein Angebot macht, kommt die traurigste Stunde dieser Genossen:

Sie werden blitzartig entsorgt, und dem Strache wird ausgerichtet: Wurscht wieviel Minister die Schwarzen bieten - wir bieten einen mehr.

Werdt's schon sehgn.

Gast: Gast: Leser
16.12.2011 12:41
7 1

Personal

Das "richtige Personal" haben weder die Grünen noch das BZÖ, auch nicht die SPÖ und die ÖVP - wenn nämlich etwa Darabos, Heinisch-Hosek, Bures, Mikl-Leitner, Karl usw. schon die Besten sind, kann man sich ausmalen, was für "Experten" in diesen Partein noch auf Ministerposten lauern. So gesehen ist es schon egal, ob die FPÖ dabei ist oder nicht.

Gast: Yvonne O
16.12.2011 09:52
8 0

Klaus Woltron über österreichs Politiker:


"Wenn Sie mich fragen: ein Haufen Deppen, die erst übermorgen erkennen, was morgen passiert. Halte ich bei einem internationalen Unternehmen einen Vortrag, gibt es im Publikum 500-mal mehr graue Zellen pro Kubikzentimeter als in sehr vielen - nicht allen - Politikergehirnen."

Dem ist nichts hinzuzufügen!

Antworten Gast: elan
16.12.2011 14:26
0 2

Re: Klaus Woltron über österreichs Politiker:

klaus woltron -obergescheid wie immer

Antworten Gast: Vogel Strauss
16.12.2011 10:49
1 1

Re: Klaus Woltron über österreichs Politiker:

Kein Guru wird sein Publikum beschimpfen, das leisten sich nur (staatsfinanzierte) Künstler ...

Gast: Gast 2011
15.12.2011 22:59
11 2

SPÖVP Dauerkoalition

entspricht eher einem Albtraum für die Österreicher. Solange die beiden Parteien sich nicht aus den Fängen der Nebenregierung aus versteinerten Sozialpartner lösen können oder die Österreicher in der Wahlzelle anders entscheiden, wird diese Politdiktatur zum Schaden Österreichs fortgesetzt werden. Nur mehr direkte Demokratie könnte Österreich aus diesem Dilemma befreien und das will SPÖVP um jeden Preis verhindern!

Re: SPÖVP Dauerkoalition

Die Nebenregierungen (ÖGB, AK, ...) sind ein direktes Egebnis früherer, großer Koalitionen. Etwas, was in der Nachriegszeit, vor einem halben Jahrhundert, geschaffen wurde, und damals(!) durchaus seinen Sinn und Zweck hatte.

Nur diese Institutionen haben, in der Praxis, letztendlich zu einer mittlerweile versteinerten undf unzeitgemäßen Proporzaufteilung Österreichs zwischen ÖVP und SPÖ geführt. Sie haben sich, unter Duldung einer reformresistenten Politik, auch bereits dieser bemächtigt.

D.h., weder ÖVP noch SPÖP sind in der Lage, ohne dem Risiko der Selbstzerstörung, hier versäumte Reformen nachzuholen. Der Zug ist einfach abgefahren, oder "wer zu spät kommt, den bestraft die Geschichte". Und ich fürchte, wir leben momentan in der Gegenwart dieser zukünftigen Geschichte.

Re: SPÖVP Dauerkoalition

Direkte Demokratie in oesterreich?
Wir haben sie ja, denn alles recht geht vom volk aus (wann kommt es zurueck?).
Diese an der macht sich befindlichen parteien wurden vom volk gewaehlt und jedes volk hat die regierung welche es verdient!!!! - Die Oesterreicher jubelten unter dem Kaiser, in der 1. Republick, bei der machtuebernahme der NSDAP, bei der "Befreiung" durch die Alliierten, unter Raab und Figl, usw!
Jetzt, wo die zeiten schlechter werden zu drohen, wird der Oesterreicher munter (aber nur ein teil!), gewaehlt wird wie immer, wir werden es erleben (hfftl. nicht!).
Meine erkenntnis: Die gefahr fuer die Demokratie sind die Sozialisten (aber auch die traeumenden Gruenen)!!!
--Es ist zum verzweifeln! -- Ich werde FPOe waehlen! - Sollte eine partei gegruendet werden, welche noch weiter rechts steht, dann diese!

2 3

Re: Re: SPÖVP Dauerkoalition

So viel Unsinn wie Sie hier in einen Kommentar verpacken könnte man glauben Sie wollen FPÖ- bzw. rechte Wähler absichtlich schlecht dastehen lassen.
Selbst nominell haben wir eine repräsentative, keine direkte, Demokratie, und de facto geht schon lange nichts mehr vom Volke aus. Das vorhandene System demotiviert vielmehr jegliche Partizipation des Bürgers.

Antworten Antworten Antworten Gast: ein Wutbürger
16.12.2011 14:15
3 1

Re: Re: Re: SPÖVP Dauerkoalition

nirgends steht geschrieben, daß Österreich eine repräsentative Republik ist. Das haben sich SPÖVP in den vielen Jahren der Koalition immer perfekter gezimmert - einschließlich der Verlängerung der Legislaturperiode. Es ist ja auch lästig, das Volk in Entscheidungen mit einzubeziehen. Das könnte ja glatt der fröhlichen Korruption schaden.

Antworten Antworten Gast: Lukas
16.12.2011 11:14
3 1

Re: Re: SPÖVP Dauerkoalition

alle 5 Jahre lassen sie dich nach Verlängerung der Legislaturperiode noch wählen. In der Zwischenzeit ist Sendepause für die Bürger. Da regieren dann SPÖVP mit ihren Kammern und Bünden in fröhlicher Korruption unter den Agenden von Brüssel. Es liegt einzig am Wähler das zu ändern!

Das ist doch nicht wahr, die heutigen ÖVP-Granden wollen um jeden Preis mit der SPÖ koalieren

Deshalb haben sie ja auch die Schüssel-Truppe ausradiert und auch medial fertig machen lassen - obwohl Schüssel der bei weitem erfolgreichste Kanzler und ÖVP-Obmann seit Menschen gedenken war.

Pröll, Pühringer, Neugebauer, Leitl alle sind froh dass sie sich mit der SPÖ das Land aufteilen können.

Die SPÖ sorgt für neue Steuern und genau das wollen auch die ÖVP-Granden,

Die SPÖ sorgt dafür, dass der Kammer und Proporzstaat weiterläuft, die Privilegien im geshcützen Bereich nicht angestatest werden und genau das wollen die ÖVP Granden auch.

Der Rest ist einfach Theaterdonner um die Bevölkerung über diese simple Tatsache hinwegzutäuschen.

Aber der bürgeliche Teil der Bevölkerung lässt sich von der ÖVP nicht mehr täuschen und deshalb wird sie untergehen so lange sie nicht Taten setzt und in einer Kartisis in der Opposition sich von den heutigen Granden trennt.

Das ist die letzte und einzige Chance der ÖVP will sie nicht Österreichweit den Wiener Weg gehen.

Re: Das ist doch nicht wahr, die heutigen ÖVP-Granden wollen um jeden Preis mit der SPÖ koalieren

"obwohl Schüssel der bei weitem erfolgreichste Kanzler und ÖVP-Obmann seit Menschen gedenken war"

Gestatten Sie die Frage: Leben Sie auf dem Mond oder leiden sonst an Wahrnehmungsschwierigkeiten ? Haben Sie schon etwas von Figl und Raab gehört ? Beide drehen sich noch heute im Grab um, wenn sie an den Mascherlkanzler denken.
Wortbrüchig sich als Dritter von Haider zum Kanzler und die Reputation von Österreich vernichtet zu haben und Figuren wie KHG, Strasser und Gorbach neben anderen Flaschen in der Regierung, das sind die wahren Verdienste des Herrn Schüssel !

Antworten Gast: Konrad Duden
16.12.2011 10:21
0 0

Re: Das ist doch nicht wahr, die heutigen ÖVP-Granden wollen um jeden Preis mit der SPÖ koalieren

"Katharsis" vielleicht?

Re: Das ist doch nicht wahr, die heutigen ÖVP-Granden wollen um jeden Preis mit der SPÖ koalieren

perfekt - und viel realistischer analysiert, als der Hauptartikel!

dem ist nichts


hinzuzufügen

Mehrheitswahlrecht? - von mir aus, aber nur mit einer Stärkung der direkten Demokratie!


Gast: Saiffensteyn
15.12.2011 19:22
0 1

das Züngelein ....

wenn Rot-Grün gegen Schwarz-Blau - oder wahrscheinlicher doch Blau-Schwarz - steht,
dann geht sich das doch nur dort aus,
wenn Orange als Züngelein an der Waage seinen Zuschlag gibt,

der Kopf muß "hin im Kopf" sein wenn er dieses Spiel vorantreibt, dann gibt es 2/3 Mehrheiten überhaupt nicht mehr ....

und der jeweilige "Juniorpartner" hat nix einzubringen als die Rolle Mehrheitsbeschaffer .....

Mehr Kommentare:

Top-News