25.05.2012 23:03 | Meine Presse Merkliste 0

Ein Genozid ist ein Genozid

RAINER NOWAK (Die Presse)

Der türkische Präsident droht wieder in Richtung Europa. Es geht um die Leugnung des Völkermords an den Armeniern in der Türkei vor bald 100 Jahren. Ein Randthema? Nicht für unsere Glaubwürdigkeit.

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Ohne diplomatische Immunität könnte der türkische Botschafter in Paris schon bald ein Problem haben: In Frankreich ist ein neues Gesetz in Planung, das die Leugnung des Genozids an der armenischen Volksgruppe im Osmanischen Reich 1915–1917 verbietet und mit hohen Strafen bei Nichtbefolgung belegt.

Dieses Verbotsgesetz ist wohl auch eine Provokation, um den von der Türkei offiziell verdrängten bzw. geleugneten Völkermord zu thematisieren und die Türkei zu einer Diskussion zu zwingen. Und das ist sichtlich notwendig, wie die offizielle Reaktion der Türkei zeigt: Sollte das Gesetz beschlossen werden, hätte dies „schwere Folgen“, wie der türkische Premier Erdogan erklärte. Und damit meint er offenbar nicht nur den Austausch der üblichen diplomatischen Freundlichkeiten, wie sie Botschafter von der einen in die andere Hauptstadt komplementieren. Noch vor Kurzem drohte Erdogan übrigens mit der Ausweisung tausender armenischstämmiger Türken.

Interessanterweise meldet sich kein europäischer Staatschef, stellt sich solidarisch an die Seite von Nicolas Sarkozy und warnt Erdogan vor „schweren Folgen“, wenn sich die Türkei und ihre Regierung nicht endlich zu einer echten historischen Aufarbeitung und Anerkennung des Völkermords entschließen. Aber in Europa herrscht die Meinung vor, dass man die Rücksicht und Toleranz, die einem nicht zuteil wird, zumindest anderen entgegenbringen sollte. Es ist interessant, dass diese Haltung so selten zumindest als das kommuniziert wird, was sie ist: (unfreiwillig) christlich.

Vertreter der türkischen Regierung erinnern im Zusammenhang mit den Armeniermorden die Franzosen gern daran, dass diese doch ihre eigene grausame Geschichte in der Kolonialzeit aufarbeiten, also quasi vor der eigenen Tür kehren sollten. Stimmt, Frankreich hat noch einiges an Vergangenheitsbewältigung, etwa für das Vorgehen im Algerischen Unabhängigkeitskrieg, vor sich. Aber genau diese „Hinweise“ und „Vergleiche“ kennzeichnen die Argumentation eines Landes oder einer Person, die ihre historische Schuld verkleinern oder verharmlosen will: So relativieren Stalins Millionen Massenmorde oder die Beinahe-Ausrottung der indianischen Urbevölkerung eben auch niemals den Holocaust.

Das muss auch die Führung eines wirtschaftlich boomenden Landes wie die Türkei anerkennen, deren Bürger noch die Spur stolzer auf ihr Land als andere sind. Es ist historisch bewiesen, dass es zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts einen Genozid in der Türkei gegeben hat. Auch in den Archiven der damals türkischen Verbündeten, in Deutschland und Österreich-Ungarn, fanden sich genügend Beweise. Hunderttausende wurden während zielloser Todesmärsche durch Kleinasien ermordet.

Beschrieben hat das als einer der wenigen in „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ mit Franz Werfel ein Österreicher. Auch wenn wir derzeit andere, drängendere Sorgen haben. Einen moralischen Auftrag, für die historische Gerechtigkeit aktiv zu werden, gäbe es für die Außenpolitik Europas und Österreichs.

rainer.nowak@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.12.2011)

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74 Kommentare
 
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Krenmayr
25.12.2011 08:34
0 0

Resignation

Einen Genozid kann man begehen, man kann ihn gutheißen, man kann ihn leugnen oder bestreiten.
All das ist in moralischer und rechtlicher Hinsicht unterschiedlich zu bewerten.
Schließlich kann man auch den freien Diskurs darüber unter Strafe stellen.
Nur wenn alle Diskussionsteilnehmer hier differenzieren kann eine Diskussion Sinn ergeben.
Die unglückliche Neigung in der EU, innen- und außenpolitische Interessen mittels Moralkeule zu verbrämen ist problematisch. Besonders Frankreich hat aus den peinlichen "Sanktionen" gegen Österreich offenbar kaum gelernt.
Bloß um der Türkei eins auszuwischen, die Rede- und Meinungsfreiheit im eigenen Land einzuschränken ist absurd. Vermutlich wird mit ähnlich guten Gründen in der Türkei das Absingen der französischen Hymne bald wegen Volksverhetzung unter Strafe gestellt werden.
Das kann ja noch heiter werden, schöne neue EU !

Antworten Gast: Besserwisser
27.12.2011 17:09
0 0

Re: Resignation


Wieder mal, schön und Gut...

aber was gibt es bei diesem Thema noch zu Diskutieren?

Dieses "Diskutieren" ist nur die türkische art der Verdrängung...

in der Hoffnung dass es irgendwann einmal der türkischen "Wahrheit" entspricht, damit der türkische Nationalstolz ja nicht befleckt wird.

Dieses hat nichts mehr mit Wahrheitsfindung zu tun...

0 0

ich. ...

.... Bestreite, dass es in den USA einen Genozid an den Indianern gab.
Ich bestreite, dass es in den USA Rassendiskriminierung zu der Zeit gab, als sie Europäern Rassismus vorwarfen.
Ich bestreite, dass die USA Angriffskriege vorbereitete und durchführte.
So! Das ist doch hoffentlich noch straffrei in Frankreich.
PS: Für die Deppen: Das ist ironisch gemeint!

0 0

Selbstverständlich. ..

... Muss man auch auf andere Genozide hinweisen. Denn mit dem Hinweisverbot unterdrücken die US Amerikaner die Auseinandersetzung um den erfolgreichsten Genozid der Menschheitsgeschichte.
Mit dem Hinweisverbot können Völker, die selbst Genozide verursacht haben, Genozide, die andere Völker verursachten, gezielt als politisches Instrument (wie jetzt Frankreich) einsetzen.
Ich muss den Kommentator widersprechen: es gibt keine Opfer 1. oder 2. Klasse, die durch das Hinweisverbot automatisch entstehen.

Antworten Gast: Besserwisser
27.12.2011 17:13
0 0

Re: Selbstverständlich. ..


Dann geh mal in einen türkischen "Club" und thematisiere diesen angesprochenen Völkermord...

...da liegt der Unterschied.

Gast: echter Wiener
23.12.2011 08:35
0 4

Das ist die Qualitätszeitung? "Die Presse"

würde gerne wissen wieso "Die Presse" immer nur Negatives über die Türkei schreibt. Sind in dieser Zeitung nur "Strache Anhänger" beschäftigt? Bitte um Antwort DANKEEEE

Antworten Gast: Besserwisser
27.12.2011 17:15
0 0

Re: Das ist die Qualitätszeitung? "Die Presse"


ja genau, wenn die Wahrheit negativ ist darf man diese ja den türkischen Mitbürgern nicht antun, oder wie?

Armenian Issue

Jemand der seiner historischen Schuld bewusst ist, aber diese seit Jahrzehnten versucht zu verdrängen um Deutschland als alleinigen "Täter" darzustellen sollte nicht im Glashaus mit Steinen schmeißen.

Europäische Staatschef haben sich "solidarisch" an die Seite der Armenier während der Periode des ersten Weltkrieges gestellt und sie mit Waffen beschmückt um sie gegen das osmanische Reich aufzuhetzen indem man ihnen einen eigenen Staat versprach.
Wären diese Staatschef nicht so "solidarisch" und "einfühlsam" dann gebe es heute dieses Problem nicht.

PS: Die Aussage von Erdogan mit der Ausweisung der Armenier aus der Türkei war von ihm eine rhetorisch gestellte Frage und keine Drohung, Herr Nowak.


Antworten Gast: Besserwisser
27.12.2011 17:17
0 0

Re: Armenian Issue


Nix neues,

was das Geschehene trotzdem nicht besser macht...

dr. philpp
22.12.2011 17:40
1 0

...eine spur stolzer ist die untertreibung des jahres.....


Gast: DonBosco
22.12.2011 16:43
0 0

Genozid, Frankreich soll nicht richten

Ser geehrter Herr Novak!
Ich teile zwar ihre Ansichten dass es eine grausame Genozid an Armenier war, aber ich teile die Meinung nicht dass Europa hier was zu sagen hätte!
Ich habe, das Buch vom Franz Werfel gelesen und muss Ihnen auch sagen dass alles so auch nicht stimmt! Ich stamme von diesem Gebiet (Sweydiya-Antiochia) und kenne,jede im Buch, angegebene Winkel! Das Buch ist keine historisches Beleg für ein Massaker! Die Armenier in diesem Gebiet und allegemein die Nusarier (im Buch als minderwertige Sekte der Askeije angeführt- was auch nicht stimmt!) waren eine Rettungsoase gegen die osmanische Übermacht! Dei Einheimischen retteten unzählige Armenier vor den Einheiten der Osmanen! Wir haben hier immer noch die Armenier-gemeinde (Magaracik) und ist immer noch intakt! In dieser Zeiten haben wir genauso gegen die Osmanen gekämpft aber auch gegen die Besatzung durch die Franzosen! Keine sollte hier recht haben zu bestimmen weder die Türken noch die Franzosen (den durch ihre Belagerung von Sancak Syiria häuften sich die Probleme! Die Armenier haben sich in Frankreich enttäuscht! Versprochene Hilfe in el- Adeniye (heutige Adana) Zeytuniye (heutige Gaziantep) nicht bekommen! Die Franzosen haben Kriege angezettelt, für die, sie nicht gewachsen waren!)

Genozid ja! Aber Hilfe von Frankreich sollte nicht sein! Man möge sich fragen zu dieser Zeit warum die meistens Armenier nicht nach Frankreich geflüchtet sondern nach Syien und Lebenon!
Nieder mit neuen emperyalisten

5 0

Nationalismus...

...ist und bleibt für mich ein völlig unverständliches Phänomen.

Wenn man sich die Kommentare hier durchliest, so stellen sich einem die Haare auf!

Wodurch werden Menschen eigentlich so indoktriniert (und zu welchem Zweck), dass sich ihre eigene Identität und ihr Stolz so sehr auf ihre Zugehörigkeit zu einer Nation/einem Volk beziehen?
Diese Zugehörigkeit ist doch mit keinerlei Individualität oder gar Eigenleistung verbunden, oder?
Wie kann man dann auf so etwas stolz sein?

Was treibt einen Menschen dazu an, sich so sehr auf seine Nationalität zu konzentrieren?

Ich weiß, sogar in Österreich haben wir sowas in abgeschwächter Form.
Dennoch. Das ist einfach fremdartig...


0 0

Fremdartig?

Ironie?

Gast: pi78.
20.12.2011 19:51
4 0

Herr Nowak träumen sie weiter

die ÖVP hat vor Jahren verhindert, dass ein solches Gesetz beschlossen wird, u.a wegen dem türkisch-österreichstämmigen Mitglied Mustafa Iscel -> im Standard gab es einen Bericht.
Die ÖVP kooperiert mit den türkischen Vereinen sehr eng zusammen, u.a mit Feti Gülen -> Thomas Schmidlingers Gastkommentar lesen.

Beschämend für eine christlich(!!!) konservative Partei.

Gast: Garo
20.12.2011 08:37
3 4

Ich bin ein Armenier und schaeme mich, ein Spielzeug des westlichen Innenpolitiks zu sein.


Antworten roli123
23.12.2011 15:10
0 0

Re: Ich bin ein Armenier und schaeme mich, ein Spielzeug des westlichen Innenpolitiks zu sein.

um sie gehts auch gar nicht, sondern um Prinzipien.

Gast: türken-armenier-dialog
19.12.2011 21:46
2 3

meinungsfreiheit

Wenn man eine Meinung vetritt die diesen Völkermord leugnet, macht man sich auch mitschuldig, mit denen, die ihn begangen haben. Entweder schweigt man oder man bejaht ihn. Es ist die größte Ungerechtigkeit für Menschen, die Ungerechtigkeit erfahren haben, aber diese nicht anerkannt wird.
Traurig! Man soll die Vergangenheit ruhen lassen, wenn es zu immer mehr Diskussionen führt und zu immer mehr verblödeten Türken und deren Ignoranz.

Gast: cCc_TÜRK
19.12.2011 17:39
3 14

Kotz

Zum Teufel mit den Franzosen!
Die sollen liebver ihre eigene schmutzige Kolonialzeit aufarbeiten...

Antworten Gast: schlÄchter
20.12.2011 17:07
3 0

Re: Kotz

sg ccc-türk (grauer wolf)!
die osmanische kolonialzeit dauerte vom 13 jhd bis ins 20.
die spezifisch französische etwa vom 15 jhd bis ins 20 jhd.
beide kolonialmächte eroberten und verwalteten ihr empire mit entprechender härte und unterdrückung. da haben sich beide nicht viel zu schenken.
tatsache ist aber, dass im zuge des ersten weltkrieges eben die osmanen - aus durchaus nachvollziehbaren gründen - 100.000ende armenier als feinde betrachteten und grausamst deportierten, ethnische säuberungen durchführten. es bleibt der türkei überlassen, zb die leugnung französischer verbrechen etwa in algerien oder canada unter strafe zu stellen, ebenso ist es das recht frankreichs türkische leugnungen unter strafe zu stellen.

mfg
s.

Antworten Antworten Gast: Besserwisser
20.12.2011 18:05
0 1

Re: Re: Kotz

"durchaus nachvollziehbar" ist dieses aber trotzdem nur für geistig gestörte.

Würdest du das genauso machen?

Gründe:

-> Sündenbock für die Niederlage gegen die Russen.

-> Territoriale Verlustangst der nationalistischen Jungtürken.

Frauen und Kinder "aus durchaus nachvollziehbaren gründen" als feinde zu betrachten ist für meine Wenigkeit...

-> nicht nachvollziehbar.

Aber z.B. Hitler hat diesem nachgeeifert...

Antworten Antworten Antworten Gast: schlÄchter
23.12.2011 08:30
2 0

Re: Re: Re: Kotz

sg besserwisser!
ein blick in die geschichtsbücher genügt:
"aus nissen werden läuse" - die ausrottung des gegners (kinder und frauen) ist so alt wie die geschichte selbst: der gegner soll so an rache gehindert, endgültige tatsachen geschffen werden.

nachvollziehbar heißt nicht gutheisßen, bitte bedenken sie das. mfg
s.

Antworten Gast: Besserwisser
19.12.2011 18:02
3 1

Re: Kotz

und dieses macht was besser?

Krenmayr
19.12.2011 08:20
8 6

objektive Wahrheit

Es ist nicht Aufgabe von Regierungen, objektive Wahrheiten zu verkünden und andersgläubige zu verfolgen.
Wer etwa die Schwerkraft leugnet, soll das, auf eigenes Risiko(!), auch tun dürfen.
Frankreich soll meinetwegen Resolutionen verfassen, sich aber ansonsten um Meinungsfreiheit und Redefreiheit im eigenen Land kümmern.
Leider hat der Westen das Recht verloren, in islamischen Ländern die Respekierung der Grundrechte einzufordern.

Antworten Gast: ichich
20.12.2011 12:53
9 4

Re: objektive Wahrheit

danke für den witz

... respekt in islamischen ländern erhält man offensichtlich nur durch härte.
etwas anders wird nicht verstanden.


Antworten Antworten Krenmayr
22.12.2011 19:30
0 0

Re: Re: objektive Wahrheit

Zum wiederholten Male:
Wenn Frankreich die Meinungsfreiheit in Frankreich einschränkt, empfindet das die Türkei nicht als Härte. Im Gegenteil, sie wird sich ihrerseits dadurch eher in der Mißachtung der Grundrechte bestätigt fühlen.
Den Witz haben Sie und Ihre Zustimmer nicht verstanden!

Antworten Gast: Besserwisser
19.12.2011 12:08
2 0

Re: objektive Wahrheit


objektiv, schön und gut...

was, wenn die objektive wahrheit eigentlich bekannt ist, diese vom Täter aber einfach nicht anerkannt wird?

Wenn von außen kein druck kommt wird sich dieses nicht ändern... aber leider wird dieses nur dann ausgeübt wenn es zu irgendeinjemanden gerade zu seinen eigenen Interessen dient.

Um die Opfer des Völkermordes geht es eigentlich niemanden...

...das ist das traurige.

 
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