25.05.2012 23:06 | Meine Presse Merkliste 0

Was verbirgt sich in den Falten, die die Wirklichkeit wirft?

MICHAEL FLEISCHHACKER (Die Presse)

Zu Weihnachten feiern die Christen die Menschwerdung Gottes. Man muss nicht an Gott glauben, um sich um die Menschwerdung des Menschen zu bemühen.

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Diesmal also keine Holzschnitte, keine Burka-Madonnen, kein Stephansdom mit Halbmond. Nur eine leere Seite, die Falten wirft und ein paar verstörend adaptierte Biedermeier-Sujets. Markus Schinwald, der uns dieses Jahr Arbeiten zur Gestaltung der „Presse“-Weihnachtsausgabe zur Verfügung gestellt hat, interessiert sich als Künstler seit jeher für zwei Dinge: Was verbirgt sich in den Falten, die die Wirklichkeit wirft? Und wie kommt es, dass wir als Menschen immer wieder von den Äußerlichkeiten überwuchert, zugemüllt und eingesponnen werden, von denen wir eigentlich geglaubt haben, dass wir sie als kunstvoll gefertigte Attribute unseres Status in der Welt unter Kontrolle hätten?

Schinwalds Arbeiten sind eine Einladung zur Überprüfung unserer Wahrnehmungsgewohnheiten. Er sagt uns nicht, was sich in den Falten verbirgt, er erklärt uns nicht, was genau es war, das das Gesicht des kirchlichen Würdenträgers unter dem äußeren Zeichen seiner Würde hat verschwinden lassen. Er sagt uns nur: Da ist noch etwas, eine Art Spalt in der Wirklichkeit. Durch diesen Spalt schleicht sich gelegentlich das Unheimliche in unseren Alltag, durch diesen Spalt dringt das Außen in das Innen.

Ein solcher Spalt kann aber auch das sein, was der Philosoph und „Presse“-Kolumnist Peter Strasser den „Weg nach draußen“ nennt. Strasser diagnostiziert in unserer spätmodernen Welt eine Art „Immanenzverdichtung“. Im Zuge von Aufklärung, Entmythologisierung und Verwissenschaftlichung wurden die Schotten der Wirklichkeit dichtgemacht. Es wird immer deutlicher, dass das den Menschen nicht besonders gut bekommt. Vor dem Hintergrund der christlichen Weihnachtserzählung könnte man sagen: Das Zurückdrängen der Vorstellung von der Menschwerdung Gottes hat die Menschwerdung des Menschen nicht wirklich erleichtert – eher im Gegenteil.

Indem wir Markus Schinwalds Falten auf unserer leeren Titelseite platzieren, erlauben wir uns eine Interpretation, die der Künstler nicht vorgibt: Wir laden zu der Überlegung ein, ob sich zwischen den Falten unserer Wirklichkeit nicht doch ein Spalt verbergen könnte, der für einen angemessenen Grad an Durchlässigkeit sorgt.

Schinwalds Biedermeier-Überarbeitungen bieten sich für eine sehr spezielle Lesart von Peter Strassers Bild der „Immanenzverdichtung“ an: Sie macht nicht nur jenen Menschen Probleme, die sich entschlossen haben, allen Vorstellungen von Transzendenz und religiösem Glauben zu entsagen, sondern auch – und vielleicht vor allem – den offiziellen und beamteten Vertretern der verfassten Religion. Da sitzt ein hoher Geistlicher, ein Bischof vielleicht oder ein Kardinal, dem das Amtsgewand, der modische Ausdruck seiner spirituellen Funktion, buchstäblich über den Kopf gewachsen ist.

Schinwalds Manipulationen alter Schinken, die Implantierung von allerlei schrägen Gerätschaften und Vorrichtungen in die repräsentative Abbildung von reputierlichen Individuen, sprechen mehrheitlich unsere tief schlummernde Sensibilität für das Übernatürliche als das Unheimliche an. Ist es nicht in der Tat unheimlich zu sehen, wie jene, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, den Himmel offen zu halten, die Falten und Spalten in der Wirklichkeit zu kultivieren, sich selbst in den Insignien ihrer Bedeutung eingenäht haben?

Gott ist Mensch geworden, sagt die christliche Weihnachtsbotschaft, er ist durch den Spalt in der immanenzverdichteten Kochtopfwirklichkeit geschlüpft und hat damit auch den Weg nach draußen offen gehalten.

Man muss nicht an diesen Gott glauben, um zu sehen, dass die Menschwerdung des Menschen, seine Fähigkeit zum Selbstausdruck wesentlich damit zusammenhängen, seine Wahrnehmung für die kleinen Risse in der Wirklichkeit zu schärfen und sich für die Falten zu interessieren, die sie wirft. Spirituelle Übung und künstlerischer Ausdruck gehören in wechselnden Konstellationen – miteinander, gegeneinander, nebeneinander – seit jeher zu den vornehmsten Formen der Menschwerdungspädagogik. Ich danke Markus Schinwald für das Unterrichtsmaterial.



E-Mails an: michael.fleischhacker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2011)

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18 Kommentare
wmaurer
26.12.2011 13:01
7 0

immer zu Weihnachten

verfällt der Fleischhacker. Während er unterm Jahr recht gute Kommentare liefert. Da spießt sich irgendwas.

Gast: chefredaktion
25.12.2011 18:18
8 0

?????

"immanenzverdichtete Kochtopfwirklichkeit"

Spirituelle Übung und künstlerischer Ausdruck gehören in wechselnden Konstellationen – miteinander, gegeneinander, nebeneinander – seit jeher zu den vornehmsten Formen der Menschwerdungspädagogik......

Bei unangenehmen Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker, Herr CR...

Antworten Ka_Sandra
25.12.2011 21:47
0 0

Re: ?????

Ist doch klar wie Brühe, was mit der immanenzverdichteten Kochtopfwirklichkeit gemeint ist, aber ich gebe zu, das Kelomatbeispiel ist nicht nach jedermanns Geschmack.

Damit ein streng wissenschaftsgläubiger Mensch nicht im eigenen Saft seiner aufgeklärten Wirklichkeit und Wichtigkeit schmort, sollte er jedenfalls hin und wieder den Deckel lüpfen.

Durchlässigkeit sorgt für eine gewisse Durchlüftung und ist ein gesundes Prinzip, ob als Transzendenz in der Philosophie oder als Goretex in der Sportbekleidung ;-)

Gast: el loco
25.12.2011 17:53
12 0

Was ist das

für ein gspritzes Philosophengeschwafel? Viel Worte um fast nichts. Oder gibt fle die Presse schon auf?

Gast: Baguio
25.12.2011 04:47
8 0

wie ich mich in meiner Jugend der glücklichen Weihnachtszeit entsinne,

. . . so erfreue ich mich wieder des fröhlichen Familienfestes in dem wohl christlichsten Land. Gestern waren Carolsänger auf unsere Veranda, hoch in den Bergen, mit paradiesischem Blick. Hier waltet Gott in den Herzen der Familien. Hier fühlt man sich als Mensch, hier freut man sich mit alt und jung, hier ist jeder 'Mensch'. Hier bedeutet Gott und Familie Leben.

Gast: ggggggggg
24.12.2011 16:19
1 12

Doch, Herr Fleischhacker.

Man muß an Gott glauben, um sich - nachhaltig - um die Menschwerdung des Menschen zu bemühen - die ja darin besteht, dass der Mensch schlußendlich sein Einssein mit Gott erkennt.

Im übrigen sagt nicht nur das Christentum, dass Gott Mensch geworden ist. Das sagen alle Religionen (Sanskrit: ´Avatar´ - das ist die wirkliche, ursprüngliche Bedeutung dieses Wortes), und zwar schon viel früher, was selbstverständlich keine Abwertung des Christentums ist! Im Gegenteil: es ist eine Aufwertung des Glaubens daran, dass das Göttliche tatsächlich auf die Ebene des Menschen herabgestiegen - und ´Fleisch geworden´ - ist. Nur so kann Gott Kontakt aufnehmen mit den in der Materie gefangenen Menschen. Das ist ganz einfach - und ganz selbstverständlich.

periskop
24.12.2011 15:26
3 7

Die leere Titelseite steht wohl als Symbol für die Zukunft von "Die Presse"?


0 0

gefällt mir:

Ist es nicht in der Tat unheimlich zu sehen, wie jene, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, den Himmel offen zu halten, die Falten und Spalten in der Wirklichkeit zu kultivieren, sich selbst in den Insignien ihrer Bedeutung eingenäht haben?

Gast: Furche
23.12.2011 20:58
0 0

Umweg über Gott

Safranski lässt grüßen ... (ist keine Schande, guter Mann, der)

Gast: b754
23.12.2011 19:49
3 25

leute die die schwächsten in der gesellschaft als minderleister bezeichnen

so wie neoliberale wie fleischhacker und schellhorn sollten nicht von menschlichkeit schreiben

Antworten Gast: Peter Silie
23.12.2011 20:48
17 3

Re: leute die die schwächsten in der gesellschaft als minderleister bezeichnen

Sie meinen sicher so was wie den schwachen Pelinka Nickerl - schreiben sie doch Ihre rottriefende Geiferei zu diesem Thema. Komisch dass zu dieser Wrabetz-Rudas-Pelinka Ekelstory weder Sie noch der Herr Fox viel zu sagen haben.
Und bei Ihrem Minderleister sollte man halt auch noch schauen, ober nicht kann, oder nur nicht will.

Antworten Antworten Gast: b754
23.12.2011 20:59
1 19

Re: Re: leute die die schwächsten in der gesellschaft als minderleister bezeichnen

wer ist pelinka auch ein leistungsträger wie schellhorn und fleischhacker?

Antworten Antworten Antworten Ka_Sandra
24.12.2011 13:04
19 0

Re: Re: Re: leute die die schwächsten in der gesellschaft als minderleister bezeichnen

Nein, Pelinka ist kein Leistungsträger, sondern ein roter Schleppenträger, und kaum jemand traut sich zu sagen, dass der Kaiser nackt ist.

Antworten Antworten Antworten Antworten modestus
24.12.2011 13:47
6 0

Re: Re: Re: Re: leute die die schwächsten in der gesellschaft als minderleister bezeichnen

zum thema
die weihnachtsausgabe der presse ist mist..die pseudophilosophischen verenkungen des CR ebenfalls.
das positive daran ist, dass es letztes jahr noch übler war. man merkt die provokation und ist verstimmt.
die stephansmoschee sollte uns irgendetwas vor augen halten. wir kaufen aber keine zeitung um uns verbeckmessern zu lassen...und um mein geld lass ich mich schon gar nicht provozieren...also war letztes jahr ...nicht einmal ignorieren..angesagt und die weihnachtsausgaben wanderten kollektiv ungelesen in die rundablage

btw
@ka_sandra
frohes fest und guten rutsch

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Ka_Sandra
25.12.2011 21:25
0 0

Re: pseudophilosophisch?

Danke für die Weihnachtsgrüße, auch Ihnen einen guten Rutsch!

Aber: Seien Sie nicht so streng mit dem CR!

Ich finde die künstlerische Gestaltung der Weihnachtsausgabe ungewöhnlich, aber interessant, und auch die Gedanken über die Falten und nötigen Spalten in unserer Wirklichkeit kann ich nachvollziehen.

Wir sind ja schließlich nicht als Roboter oder Maschinen konzipiert, sondern als Menschen mit feinen Antennen auch für andere Dimensionen als die greifbare und wahrnehmbare Wirklichkeit.

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten modestus
26.12.2011 07:59
1 0

Re: Re: pseudophilosophisch?

kunst kommt von können und nicht von wollwn, sonst würde sie wunst heissen.
verstümmeltes biedermeier als weihnachtsgeschenk an die leser??
einfach pervers

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Ka_Sandra
26.12.2011 21:32
0 0

Re: Re: Re: pseudophilosophisch?

Jetzt übertreiben Sie aber gewaltig!

Scheinheilig-glatte Fassaden von Würdenträgern oder Darstellungen fröhlicher Armut à la Waldmüller & Co sind ja hübsch anzuschauen, aber im Grunde Betrug am wohlgefälligen Betrachter.

In den meisten Biedermeier-Idyllen steckt irgendwo ein Wurm drinnen, und das kann man mit respektlosen Verfremdungen gut aufzeigen. Nun ja, der Weihnachtsbezug ist nicht wirklich vorhanden, da haben Sie recht.

P.S.: Die vorjährige Weihnachtsausgabe fand ich wie Sie nicht besonders gelungen, weil ich erstens kein großer Freund von Holzschnitten bin, und weil ich zweitens finde, dass man mit religiösen Provokationen vorsichtig sein sollte. Trotzdem wär es mir nicht eingefallen, wegen Pusch die Weihnachtsausgabe ungelesen ins Altpapier wandern zu lassen.

Ich hätte es jedenfalls bedenklicher gefunden, wenn die Presse weihnachtliche Holzschnitte von Dombrowski abgedruckt hätte. Würd mich sogar interessieren, ob das jemals der Fall war........

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten modestus
27.12.2011 17:53
0 0

Re: Re: Re: Re: pseudophilosophisch?

die biedermeieridylle ist verlogen..ohne zweifel...was hat das mit unserer weihnachtsboptschaft zu schaffen?
ceterum...das christliche weihnachtsfest ist eine botschaft des friedens und nicht des glaubenskrieg

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