Diesmal also keine Holzschnitte, keine Burka-Madonnen, kein Stephansdom mit Halbmond. Nur eine leere Seite, die Falten wirft und ein paar verstörend adaptierte Biedermeier-Sujets. Markus Schinwald, der uns dieses Jahr Arbeiten zur Gestaltung der „Presse“-Weihnachtsausgabe zur Verfügung gestellt hat, interessiert sich als Künstler seit jeher für zwei Dinge: Was verbirgt sich in den Falten, die die Wirklichkeit wirft? Und wie kommt es, dass wir als Menschen immer wieder von den Äußerlichkeiten überwuchert, zugemüllt und eingesponnen werden, von denen wir eigentlich geglaubt haben, dass wir sie als kunstvoll gefertigte Attribute unseres Status in der Welt unter Kontrolle hätten?
Schinwalds Arbeiten sind eine Einladung zur Überprüfung unserer Wahrnehmungsgewohnheiten. Er sagt uns nicht, was sich in den Falten verbirgt, er erklärt uns nicht, was genau es war, das das Gesicht des kirchlichen Würdenträgers unter dem äußeren Zeichen seiner Würde hat verschwinden lassen. Er sagt uns nur: Da ist noch etwas, eine Art Spalt in der Wirklichkeit. Durch diesen Spalt schleicht sich gelegentlich das Unheimliche in unseren Alltag, durch diesen Spalt dringt das Außen in das Innen.
Ein solcher Spalt kann aber auch das sein, was der Philosoph und „Presse“-Kolumnist Peter Strasser den „Weg nach draußen“ nennt. Strasser diagnostiziert in unserer spätmodernen Welt eine Art „Immanenzverdichtung“. Im Zuge von Aufklärung, Entmythologisierung und Verwissenschaftlichung wurden die Schotten der Wirklichkeit dichtgemacht. Es wird immer deutlicher, dass das den Menschen nicht besonders gut bekommt. Vor dem Hintergrund der christlichen Weihnachtserzählung könnte man sagen: Das Zurückdrängen der Vorstellung von der Menschwerdung Gottes hat die Menschwerdung des Menschen nicht wirklich erleichtert – eher im Gegenteil.
Indem wir Markus Schinwalds Falten auf unserer leeren Titelseite platzieren, erlauben wir uns eine Interpretation, die der Künstler nicht vorgibt: Wir laden zu der Überlegung ein, ob sich zwischen den Falten unserer Wirklichkeit nicht doch ein Spalt verbergen könnte, der für einen angemessenen Grad an Durchlässigkeit sorgt.
Schinwalds Biedermeier-Überarbeitungen bieten sich für eine sehr spezielle Lesart von Peter Strassers Bild der „Immanenzverdichtung“ an: Sie macht nicht nur jenen Menschen Probleme, die sich entschlossen haben, allen Vorstellungen von Transzendenz und religiösem Glauben zu entsagen, sondern auch – und vielleicht vor allem – den offiziellen und beamteten Vertretern der verfassten Religion. Da sitzt ein hoher Geistlicher, ein Bischof vielleicht oder ein Kardinal, dem das Amtsgewand, der modische Ausdruck seiner spirituellen Funktion, buchstäblich über den Kopf gewachsen ist.
Schinwalds Manipulationen alter Schinken, die Implantierung von allerlei schrägen Gerätschaften und Vorrichtungen in die repräsentative Abbildung von reputierlichen Individuen, sprechen mehrheitlich unsere tief schlummernde Sensibilität für das Übernatürliche als das Unheimliche an. Ist es nicht in der Tat unheimlich zu sehen, wie jene, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, den Himmel offen zu halten, die Falten und Spalten in der Wirklichkeit zu kultivieren, sich selbst in den Insignien ihrer Bedeutung eingenäht haben?
Gott ist Mensch geworden, sagt die christliche Weihnachtsbotschaft, er ist durch den Spalt in der immanenzverdichteten Kochtopfwirklichkeit geschlüpft und hat damit auch den Weg nach draußen offen gehalten.
Man muss nicht an diesen Gott glauben, um zu sehen, dass die Menschwerdung des Menschen, seine Fähigkeit zum Selbstausdruck wesentlich damit zusammenhängen, seine Wahrnehmung für die kleinen Risse in der Wirklichkeit zu schärfen und sich für die Falten zu interessieren, die sie wirft. Spirituelle Übung und künstlerischer Ausdruck gehören in wechselnden Konstellationen – miteinander, gegeneinander, nebeneinander – seit jeher zu den vornehmsten Formen der Menschwerdungspädagogik. Ich danke Markus Schinwald für das Unterrichtsmaterial.
E-Mails an: michael.fleischhacker@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2011)















