25.05.2012 23:06 | Meine Presse Merkliste 0

Ungarn ist noch nicht in der Gegenwart angekommen

MICHAEL LACZYNSKI (Die Presse)

So gut wie alle Reformen von Viktor Orbán haben den Zweck, Geld für den Wohlfahrtsstaat aufzutreiben. Das entspricht genau dem Wunsch der Wähler.

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Wenn sich ein Land neue Spielregeln verpasst, geht das normalerweise nicht ohne eine gehörige Portion Pathos vonstatten. Kein Wunder, denn neben ihrer nüchternen Funktion als juristisches Fundament hat eine Verfassung auch die wichtige Aufgabe, die Quintessenz des nationalen Selbstwertgefühls zu erfassen – so melodramatisch das auch klingen mag. In Ungarn, wo am kommenden Sonntag das neue Grundgesetz in Kraft tritt, wird dieser zweite Aspekt großgeschrieben. In der 26 Punkte umfassenden Präambel werden die „großartigen intellektuellen Schöpfungen“ des ungarischen Volks gepriesen, wird ihr Jahrhunderte andauernder Kampf gegen nicht europäische Aggressoren gelobt und werden jene Kardinaltugenden hervorgehoben, die den Fortbestand der Nation sichern: Loyalität, Glaube, Liebe.

Wer die offiziellen Stellungnahmen zu der neuen Verfassung gehört hat, könnte fast auf die Idee kommen, der Text sei nicht von Normalsterblichen erdacht, sondern vom Fatum höchstselbst diktiert worden – ein unerschütterliches, ewiges Naturgesetz, das, um mit den Worten von Ungarns Staatsoberhaupt Pál Schmitt zu sprechen, „wie der in die Erde gesetzte Samen darauf wartet, zum Stängel hinaufzusprießen“.

Der Haken an dieser Analogie ist, dass sie eines ausgeklammert lässt: An welcher Stelle er in die Erde gesetzt wird, bestimmt nicht der Samen, sondern der Gärtner. Und genau das führt schnurstracks zum Kern des Problems: Seit Viktor Orbán vor eineinhalb Jahren in die Kanzlei des Premierministers zurückgekehrt ist, scheint er sich allzu sehr in der Rolle des strengen Botanikers zu gefallen, der in seinem Garten nach Belieben Setzlinge arrangiert, Nutzpflanzen zu Unkraut erklärt und zwischen den Gemüsebeeten jätet, was das Zeug hält.

Doch trotz all des schicksalhaften Pomps und Traras in der Präambel ist die neue ungarische Verfassung nichts anderes als ein Gesetz, das von der Regierungspartei Fidesz mit der Zweidrittelmehrheit beschlossen wurde – und das mit derselben Mehrheit wieder abgeändert werden kann.

Dass Orbáns Verfassung so ihre Schwachstellen hat, um es einmal vorsichtig auszudrücken, ist sattsam bekannt. Als problematisch gilt etwa der Passus, der allen Ungarn ohne Wohnsitz in ihrem Heimatland das Stimmrecht gewährt – was das republikanische Credo„no taxation without representation“ auf den Kopf stellt. Bedenken im In- und Ausland gibt es auch im Zusammenhang mit anderen Gesetzen im Verfassungsrang: etwa dem Mediengesetz oder der geplanten Einschränkung der Unabhängigkeit der Notenbank.

Doch es sind nicht die verfassungsrechtlichen Verrenkungen des Viktor Orbán, die Ungarn ins internationale Abseits gedrängt haben und den Weg aus der anhaltenden Wirtschaftskrise versperren. Das wahre Problem ist die mentale Zwangsjacke, aus der sich das ungarische Wahlvolk bis dato nicht befreien konnte. Wenn Meinungsforscher richtigliegen, dann glauben fast 60 Prozent der Ungarn daran, dass das Leben im Zeitalter des real existierenden Sozialismus besser war als anno 2011. Das ist zu einem gewissen Teil verständlich, denn Ungarn hatte vor dem Fall des Eisernen Vorhangs den Ruf, die bequemste Baracke im sowjetischen Straflager zu sein. Der Gulaschkommunismus des János Kádár war mit einer Prise Privatwirtschaft gewürzt und ersparte den Ungarn den ökonomischen Kollaps, den etwa die Balten durchmachen mussten. Eine Schocktherapie war nicht notwendig, das System musste lediglich nachjustiert werden.

Das rächt sich nun. Zumindest was das Verhältnis zwischen Staat und Markt anbelangt, sind die Ungarn noch nicht in der Gegenwart angekommen. So gut wie alle Reformen von Orbán – von der Sonderabgabe für Banken bis zur Verstaatlichung der privaten Altersvorsorge – zielen darauf ab, den wuchernden Wohlfahrtsstaat mit Steuergeldern zu düngen. Genau das wünscht sich der Souverän – auch auf die Gefahr hin, dass die restliche Wirtschaft dabei sukzessive in ein Trümmerfeld verwandelt wird.

Angesichts der Tatsache, dass die Legislaturperiode noch bis 2014 dauert, bleibt nur die Hoffnung, dass EU und IWF Orbán den Schlüssel zum Geräteschuppen wegnehmen.

 

E-Mails an: michael.laczynski@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2011)

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269 Kommentare
 
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Hotroad90
23.01.2012 17:18
0 0

Die USA und die EU nehmen Ungarn in die Zange..

Die USA soll erst einmal vor ihrer eigenen Tür kehren und im eigenen Land sehen , was Demokratie ist ! Bei den Demonstrationen gegen die Banken war klar zu sehen was in den USA Demokratie bedeutet , und wer nimmt die USA in die Zange wegen ihr Lager auf KUBA ? Wegen ihren verlogenen Krieg gegen den IRAK , wegen Korea,Vietnam , usw. ! Und ausgerechnet Frau Clinton Urteilt über Ungarn , wo "US-Staats-geheimnisse" ,über die Behandlung von Gefangenen durch US-Soldaten bekannt wurde ! Der dies Veröffentlicht hatte, wurde sofort zum Staatsfeind Nr.1 erklärt , und andere Staaten aufgefordert , ihn an die USA auszuliefern , und sie schrecken auch hier vor Lügen nicht zurück ! Und Bajnai(Liba) Gordon fand in den USA Unterschlupf ! Und das EU-Parlament, ist doch wohl derzeit die Größte Diktatur, nach den USA auf der Welt , erklärt die EU nicht immer, das die Länder der Mitgliedstaaten eine Gemeinschaft , gleichberechtigte Partner ? Aber behandelt man so seine Partner ?

0 1

ORBANIEN

Mit dieser historischen Mehrheit fast die gesamte Sympathie der eigen Bevölkerung zu verspielen obwohl man sich ins Zeug legt Populismus-pur zu zelebrieren,- das ist schon eine Kunst! Das Volk in Orbanien ist aber anscheinend doch klüger wie sein Häuptling "Grosse Klappe".

2 2

Clintin soll einfach den Mund halten.

Sie hat in Ungarn nichts zu melden, und auch sonst nirgends auf der Welt.

derfreund
30.12.2011 16:11
1 0

Die Zeiten haben sich geaendert!

Viktor Orbán hat vermutlich Anspruch auf Österreich. Inzwischen hat Ungarn mehr Einwohner und flaechenmassig grösser als Österreich! Ein König Viktor Orbán klingt gut!

Gast: Alois Schicklgruber
30.12.2011 15:38
0 2

Viktor Orbán

''Vom Gulasch zum Gulag''

Gast: Endmoraene
30.12.2011 00:30
1 0

Es geht doch nicht um Freiheit ...

In Ungarn hat ein Viertel der Bürger sich zu einer korrupten, geldgierigen Klique entwickelt. Sie haben alles an den Westen verscherbelt und Ungarn war ihnen so was von egal. Genau so wie ihe armen und ungebildeten Landsleute, die suagen sie bis auf den letzten Forint aus.

Wer Hirn UND Rückgrat hat, ist schon weg oder sitzt auf gepackten Koffern. Wir haben alle geglaubt, dass solche Länder die ihre Diktatur los wurden -egal ob Portugal, Ungarn oder Rumänien - von einem Tag vom Paulus zum Saulus werden. Der Kommunismus hat sich doch so lange gehalten, weil so viele sich im System ganz gut eingerichtet haben.

Und der Unterschied zu Österreich: Es gibt noch eine gscheite Mitte. Die immerhin ordentlich ihren Job macht. Das fehlt in Ungarn komplett. Ich weiß, wovon ich rede. Man kann in und an Ungarn verzweifeln, wenn man hier lebt und mit anschauen muss, wie alles an die Wand gefahren wird. Orban hat dazu viele Helfer!

Antworten Hotroad90
23.01.2012 17:35
0 0

Re: Es geht doch nicht um Freiheit ...

SIE SIND NICHT RICHTIG INFORMIERT ! Die Wirtschaft wurde bereits seit 1990 jährlich durch die MSZP/ SZDSZ Regierungen an die Wand gefahren , und Orban ist ein Träumer, denn er glaubte , das alles noch zu Retten sei ! Doch mit Milliarden Schulden und leeren Kassen , und durch die Privatisierungen kommt auch kein Geld in die Kassen , kann auch er nichts anfangen ! Ungarn ist nicht Griechenland oder Irland , es kommt auch keine Frau Merkel zur Hilfe , die in der DDR , als Führendes Parteimitglied von Freiheit träumte ! Ich bitte Sie also, die Kirche im Dorf zu lassen ! Alles was ich geschrieben habe sollten auch Sie wissen , oder wo waren Sie die ganzen Jahre ? Oder soll ich Ihnen auch noch die ganze Geschichte der MSZP ( MSZMP) Minister schreiben , angefangen bei Gyula Horn seit 1956 ? Nun , und ich bin auch kein FIDESZ Freund , aber auch kein Roter !

2 0

böser Orban vergrämt die "Fachelite"von USA,EU,IWF

der Würgeriff der Kompetenzmafia wird auch Ungarn kleinbekommen,wo kämen wir denn sonst hin.....

0 0

Will Orban Forint drucken?

das wäre sehr riskant,
aber ein ausweg,
eventuell in den untergang.

Gast: 12345
29.12.2011 19:14
2 2

Was heißt hier noch nicht in der Gegenwart angekommen?

In Österreich wird man nie in der Gegenwart ankommen.
Lassen sich alles von der EU vorschreiben, können kein Deutsch, haben keine Schulbildung, überall abgefuckte Bahnhöfe,...

Gast: 12345
29.12.2011 19:09
3 3

Was geht es die EU und die USA an was Ungarn macht?!

Die USA hat in Europa erstmal überhaupt nichts zu sagen.
Was die USA denkt, interessiert niemanden.
Was die EU denkt, interessiert auch niemanden.
Freiheit für Ungarn!
Ein Ungar lässt sich nicht so leicht einschüchtern!

Antworten Gast: Walther G.
29.12.2011 23:46
0 0

Re: Was geht es die EU und die USA an was Ungarn macht?!

Man hat den Eindruck, sie haben da eniges ünesehen, was sich so in letzter Zeit getan hat.

Re: Was geht es die EU und die USA an was Ungarn macht?!

Ungarn läßt sich nicht einschüchtern und verletzt EU-Recht, das es anerkannt hat mit seinem Beitritt.
Es ist nur schön, dass sich Ungarn wenigstens helfen läßt, z.B. vom IWf uns sicher auch von der EU. insbesondere von AT.
Das Postinmg des Gastes 12345 erweckt schon einen etwas eigeartigen Eindruck.

Kurinsk
29.12.2011 18:20
2 0

Armutsgürtel

Der Kommunismus hat in Osteuropa eine kaputte Wirtschafts- und Sozialstruktur hinterlassen. Nach anfänglicher Euphorie ist schnell Ernüchterung eingetreten: niedrige Löhne, Gesundheitswesen auf Dritten Welt Niveau, kaum inländische Produkte (z.B. Lebensmittel überwiegend aus A u. D), Firmen und Banken in ausländischer Hand, Bildung und Ausbildung desolat, Mittelschichten als Leistungsträger kaum vorhanden, usw. In dieser Situation versucht Orban mit einem patriotisch-nationalistischen Programm die inneren Kräfte ("Historisches Ungarn" etc.) zu mobilisieren, um nicht völlig zur veramten und damit einflusslosen EU-Peripherie abzusinken. Es ist dieser lokale Eigensinn, der Brüssel und Washington auf den Plan rufen, sonst nichts. Wenn Orban scheitert, heisst das auch für Österreich Wohlstandsverlust. Ein serviler Armutsgürtel im Osten kann nicht in unserem Interesse sein.

Antworten Gast: ajaaa
29.12.2011 19:22
2 0

Re: Armutsgürtel

Ohne ein baldiges, bedingungsloses grundeinkommen über der armutsgrenze für alle, wird in österreich u. auch ausserhalb ein armutsgürtel systematisch produziert - mit allen katastrophalen folgen!
Das kann nicht in unserem interesse sein - ebensowenig wie demokratieabbau , zb. auch in ungarn!

Gast: Kuno Jau
29.12.2011 18:15
0 1

Präsenzeinsatz an der Grenze

beibehalten! Sicher ist sicher!

Choleriker
29.12.2011 17:43
1 0

Radio Free Europe

Das könnte zum Eigentor werden.
Dann müßte sich der Sender in erster Linie mit den USA beschäftigen, die eine weitere Vormachtsstellung in Europa anstreben.
Und wo sollte der Sender dann stationiert sein?
Am ehesten käme Österreich in betracht - da sollten die Alarmglocken schon jetzt schrillen, sich nicht als Handlanger der USA missbrauchen zu lassen.

Antworten Kurinsk
29.12.2011 18:24
0 0

Re: Radio Free Europe

Radio Free Europe hat gleich nach der Ostöffnung in Prag Qaurtier bezogen, und zwar im ehemaligen Parlamentsgebäude der CSSR.

Gast: baumisms
29.12.2011 15:58
4 5

Ziel Orbans ist nicht, den Wohlfahrsstaat zu erhalten.

Sein Ziel ist es, die Bevölkerung ruhig zu halten, damit sie sich nicht mit seiner sonstigen Politik kritisch auseinandersetzt.
So lange die Menschen "dankbar" sind, verzeihen sie vieles. Das hat er von den "alten" Diktatoren gelernt.

Antworten Gast: HP 1
29.12.2011 16:37
2 3

Und genau deswegen

muss die ungarische Verfassung von 1989 auch weg. Das war die erste demokratische Verfassung Osteuropas und ist für Orban ein Problem.

Gast: Systemerhalter
29.12.2011 15:24
9 3

Die Hetze gegen Ungarn kann es gegen jeden anderen EU-Staat auch geben

Es braucht nur einer auf die Idee kommen nicht zu 100% der US-Diktatur dienen zu wollen.

Antworten hw007
29.12.2011 16:15
1 4

Re: Die Hetze gegen Ungarn kann es gegen jeden anderen EU-Staat auch geben

und? wenn sich da bua aufführt, bekommt er auch a gesunde watschen!

ich nehme an, ihnen ist aber jeder Freund der was gegen die EU sagt und tut, dabei ist ihnen wurscht was es ist.

Antworten Gast: Hildegard Kunst
29.12.2011 15:54
5 0

Jaja, wir kennen diese Wortwahl

nur zu gut. So schrieb die TASS als sich der Westen vor 50 Jahren gegen die KP-Diktatur in Budapest wehrte ... für die jüngeren Leser: TASS war das "Nachrichtenamt" der UdSSR.

Antworten Antworten Gast: Systemerhalter
29.12.2011 16:33
2 0

Re: Jaja, wir kennen diese Wortwahl

Schauen Sie sich das Demokratieverständnis der USA einmal näher an. Wer ihren Ausbeutungs- und Machterweiterungsplänen im Weg steht wird fertig gemacht.
Die UdSSR hatte sicher einen schädlicheren Einfluss auf Osteuropa, keine Frage. Ich befürchte aber dass der schädliche Einfluss der USA in den nächsten Jahren und Jahrzehnten noch ( weltweit ) zunehmen wird.

Antworten Antworten Antworten Ilka
29.12.2011 21:10
2 0

Re: Re: Jaja, wir kennen diese Wortwahl

Noch jahrzentelangen Einfluß der USA können sich die Europäer wahrscheinlich nicht mehr leisten.

Gerade folgenden Link, Google sei dank, gefunden:
http://translate.google.at/translate?hl=de&langpair=en|de&u=http://www.globalresearch.ca/index.php%3Fcontext%3Dva%26aid%3D5564

Antworten Gast: SvERR
29.12.2011 15:45
1 4

Hamma das brav

bei der KP-Jugend unter Kadar auswendig gelernt, gell.

 
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