25.05.2012 23:06 | Meine Presse Merkliste 0

Demokratie-Domino, der Irak und der „Arabische Frühling“

WIELAND SCHNEIDER (Die Presse)

George W. Bush wollte mehr als nur „Iraks Öl stehlen“. Viele der Ziele haben die USA nicht erreicht. Und doch herrscht im Irak heute mehr Freiheit als zu Saddams Zeiten.

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Es war George W. Bushs „War of Choice“: Der selbst gewählte Krieg, der – anders als der Afghanistan-Einsatz – nicht nötig war, um die Hintermänner der Anschläge vom 11. September 2001 auszuschalten. Und doch sah die Führungsmannschaft rund um den US-Präsidenten den Irak-Feldzug als Teil ihres sehr weit gefassten „Krieges gegen den Terror“, als wichtigen Schachzug bei der Neuordnung des Nahen Ostens. Die Rhetorik vieler Kriegsgegner, es sei Bush nur darum gegangen, Iraks Öl „zu stehlen“, ist zu schlicht. Es ging um mehr. Natürlich spielte der Reichtum an Bodenschätzen eine Rolle, ist er doch einer der Gründe für die große strategische Bedeutung der Golfregion. 9/11 zeigte erneut, dass Saudiarabien, wichtiger Verbündeter und Öllieferant des Westens, ein unsicherer Kantonist ist. Aus dem Königreich stammte der Großteil der Attentäter, saudische Kreise unterstützten seit jeher Extremisten in aller Welt. Ein demokratischer, säkularer Irak als neuer Partner wäre wie gerufen gekommen. Der Einzige, der dem im Wege zu stehen schien, war Saddam Hussein.

Die USA wollten zudem ein Exempel statuieren und zeigen, dass die Anschläge sie nicht geschwächt hatten. Länder wie der Iran sollten es erst gar nicht wagen, Washington in die Quere zu kommen. Dazu kam die naive Reißbrett-Idee der „Neokonservativen“, man könne mit Panzern Demokratie exportieren, und ein „befreiter Irak“ würde einen Dominoeffekt in der ganzen Region auslösen.

Ganz nebenbei konnte man ein altes Problem aus der Welt schaffen: Denn der Irak-Krieg begann nicht erst 2003, sondern 1990, mit Iraks Einmarsch in Kuwait. Eine US-geführte Koalition vertrieb Saddams Truppen aus dem Golfstaat. Der Irak wurde harschen Sanktionen unterworfen, britische und US-Flugzeuge operieren seither über dem Norden und Süden des Landes, und Bushs Vorgänger Clinton führte 1998 einen begrenzten Militärschlag gegen den Irak, weil er Saddam vorwarf, UN-Waffeninspektoren hinters Licht zu führen. Daher die Schlussfolgerung: Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Als Vorwand mussten jene Massenvernichtungswaffen dienen, die nie gefunden wurden. Zieht man heute Bilanz, wird klar, dass der Schrecken zunächst perpetuiert wurde: Attentate der Bürgerkriegsparteien lösten Saddams Massenmorde ab.

Das mit der Warnung an andere Regimes funktionierte kurz: 2003 beendete Libyen sein Atomprogramm, und Teheran gab zu, an Nukleartechnologie zu arbeiten. Heute ist der Iran aber stärker denn je zuvor – gerade wegen seines Einflusses im Irak. Die USA büßten durch die Probleme im Zweistromland an Abschreckungspotenzial ein.

So dubios die Regierung von Nouri al-Maliki auch sein mag: Heute herrscht im Irak mehr Freiheit als zu Saddams Zeiten, die Kurdengebiete florieren. Funktioniert hat die Demokratie-Domino-Theorie aber nicht. Im Gegenteil: Angesichts des Bürgerkriegschaos wurde der Irak zunächst zum abschreckenden Beispiel. Und aus Angst vor dem, was danach kommen könnte, hielt Washington bis zuletzt an „seinen“ arabischen Autokraten fest.


Mittlerweile schwappt eine Welle von Aufständen gegen die repressiven Regimes über die arabische Welt. Mubarak mussten die USA fallen lassen, Ägyptens Militärregime wird weiter unterstützt. Gaddafi, der es wie einst Saddam übertrieb, wurde mit Hilfe des Westens gestürzt. Auch wenn Was-wäre-wenn-Fragen müßig sind: Hätte der „Arabische Frühling“ vor dem Irak haltgemacht, wenn Saddam noch an der Macht wäre? Wäre der Westen heute erst recht zum militärischen Eingreifen gezwungen, so wie in Libyen? Libyen war Nicolas Sarkozys und Barack Obamas „War of Choice“. Auch hier ging es um den Sturz eines Diktators, um den Versuch, die Entwicklung im arabischen Raum mitzugestalten. Es geschah mit der Hilfe für bedrängte Aufständische, der Verhinderung eines Massakers, ohne Bodentruppen und direkte Einmischung in Libyens Innenpolitik nach Gaddafi – also dezenter als 2003 im Irak. Dieses Mal wurde niemand mit dem Sturz seines Despoten zwangsbeglückt. Wie schwer der Übergang zu mehr Freiheit und Demokratie trotzdem ist, zeigt sich auch jetzt – ein Jahr nach Beginn des „Arabischen Frühlings“.

 

E-Mails an: wieland.schneider@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2011)

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8 Kommentare
Gast: Luzifer
30.12.2011 16:09
1 0

Mehr Demokratie, mehr Freiheit?

Wenn man radikalen Islamismus als Demokratie versteht und wenn man die gewaltsame Eroberung der Macht in einem Staat als legitimes Mittel der Demokratie versteht, dann hat der Autor natürlich recht. Faktum ist, daß die beseitigten laizistischen Baath-Regime trotz ihrer demokratischen Defizite (weil sie sich nämlich selbst als Revolutionäre verstanden) dem westlichen Gedankengut wesentlich näher waren als die Islamisten! In der Sozial-Politik war etwa Ghaddafi wesentlich fortschrittlicher als fast alle westlichen Staaten (zumal er durch die Öl-Einnahmen auch über die nötigen Mittel für deren Finanzierung besaß)!

Die westliche Beteiligung am Regime-Wechsel kann man also je nach Gusto als "Griff in den Dreck" oder als Ausfluß reiner Machtpolitik für rein westliche Interessen bezeichnen!

Ich gehe davon aus, daß die westl. Nahost-Politik der USA auf Dauer genau so scheitern wird wie die im "US-Hinterhof" Südamerika!

Antworten Gast: Gerne nur Gast
30.12.2011 18:18
0 0

Gut gesprochen!


Klüger als Herr Schneider .. wie so oft.

Gast: nona
29.12.2011 22:33
2 0

Herrlicher Artikel!

Die Freiheit, jederzeit in die Luft fliegen zu können! O sancta simplicitas!

Antworten Gast: schlÄchter
30.12.2011 13:05
1 0

Re: Herrlicher Artikel!

sg(e) nona!
also so vereinfacht möchte ich den kommentar von herrn redakteur schneider nicht interpretieren.
die rolle der neocons und des vielleicht wirklich von seiner demokratisiserungsmission überzeugten ex präsidenten g.w. bush ist mmn durchaus gelungen herausgearbeitet.
die politische "freiheit" unter hussein im politischen betätigungssinne war sicher eingeschränkter als heute, ob allerdings die sicherheit auf der straße für den normalbürger unter hussein nicht besser war und wohin sich der irak entwickeln wird (stichwort brodelnder konfessioneller bürgerkrieg, de - facto zerfall des staates, kriminalität, tagtägliche gewalt auf den straßen gerasde in bagdat, verfolgung religiöser minderheiten...) das bewertet mmn herr scheneider zu wenig oder zu blauäugig.
der irak droht vielmehr zu einem failed state zu werden und zu einem vorbild/menetekel für die artifiziellen staatsgebilde in seiner nachbarschaft. der wahre arabische frühling wird ganz anderst aussehen und steht noch bevor - zunächst wohl eine noch verstärkte islamische rückbesionnung mit viel blutvergießen udn am ende vielle. sogar eine gesamtarabische erneuerung-mit völlig anderen entwicklungen, als unsere entscheidungsträger im westen oder rerst der welt es erhoffen....
interessanten zeiten stehen bevor.

mfg
s.

Antworten Antworten Arethas
30.12.2011 17:28
1 0

Re: Re: Herrlicher Artikel!

Ausnahmsweise einmal nicht d´accord:

Eine einfache Anmerkung zeigt die tatsächliche Entwicklung...

"Laut Le Monde vom 24. März 2008 haben inzwischen weit mehr über die Hälfte der ehemals ca. 700.000 irakischen Christen das Land verlassen müssen."

Wenn es das ist, was der Autor des Artikels unter mehr Freiheit versteht, dann gute Nacht .

Gast: Gerne nur Gast
29.12.2011 21:37
1 0

Und die Freiheit,

in der Presse zur Eleminierung der Irak. Christen zu posten, die existiert jedenfalls nicht.

0 0

Re: Und die Freiheit,

Und was haben Sie gerade getan?
Oder hab ich da was falsch verstanden?

Gast: Elektriker-Meister AchtMalDinneDraht
29.12.2011 20:20
3 1

Ja, im Irak hat heute jeder die Freiheit seine Bomben zu zünden , wo und wann er will . Thank You, Mr. President


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