Wäre doch nur Griechenland unser größtes Problem

Während Euro-Notenbanker die Krise der Währungsunion kleinreden, zeigt gerade die Stärke Deutschlands, wie schwach die Gemeinschaftswährung bereits ist.

Für alle, die in der Frage, wie es denn um das Projekt „Euro-Rettung“ so steht, den Überblick verloren haben, hier ein kleines „Update“: Am gestrigen Montag zahlten Anleger erstmals Geld dafür, die Schulden der Bundesrepublik Deutschland finanzieren zu dürfen. Für sechs Monate laufende Staatspapiere akzeptierten die Investoren eine negative Rendite. Das wiederum hat zu bedeuten, dass Deutschland mit Schulden Geld verdient.

So etwas schaffte früher bestenfalls der „sichere Hafen“ Schweiz. Was sich liest wie ein schlagender Vertrauensbeweis in die Gemeinschaftswährung, ist das Gegenteil davon. Es ist ein weiterer Hinweis auf die längst stattgefundene Spaltung der Währungsunion: Hier der desperate Süden, dort der relativ stabile Norden, in den die Investoren samt prall gefüllter Geldköfferchen fliehen. Während also Deutschland fast alles zugetraut wird, verlieren die Mittelmeerländer an Vertrauen.

In diesem Zusammenhang ist auch der tiefe Fall der italienischen Großbank UniCredit zu sehen, die allein in den vergangenen drei Tagen knapp 40 Prozent an Marktwert verloren hat. Der Großbank gelingt es nämlich nicht, ihre Eigentümer zum Nachschuss von Kapital zu bewegen – obwohl ihnen die neuen Aktien zum Schleuderpreis angeboten werden. Nun kommt es immer wieder vor, dass sich eine unbedeutende Peripheriebank schwertut, frisches Kapital zu holen – aber eine renommierte europäische Systembank?

Erfreulich an dieser Entwicklung ist lediglich, dass nun auch jene für die Entscheidungen ihres Managements zur Verantwortung gezogen werden, die es auch betrifft: die Aktionäre. Sie haben eine Bankführung eingesetzt, die es für eine gute Idee gehalten hat, den Schuldenkurs der Republik Italien zu finanzieren. Mit der Folge, dass die UniCredit heute auf einem ganzen Berg (38 Milliarden Euro) italienischer Staatsschulden sitzt, weshalb es den Aktionären nicht zu verdenken ist, kein Geld nachschießen zu wollen. Denn der vielversprechende Start des italienischen Expertenkabinetts von Mario Monti ist eben (noch) nicht mehr als ein vielversprechender Start.

Geradezu gespenstisch sind allerdings nicht die jüngsten Nachrichten von den Kapitalmärkten, sondern die seit Wochen aus dem EZB-Hauptquartier abgesetzten Durchhalteparolen. Nicht die Gemeinschaftswährung habe ein Problem, sondern nur einige Mitgliedsländer der Währungsunion. Als könnte man das trennen! Das wäre ungefähr so, als behauptete die ÖVP-Führung, nicht die Partei, sondern nur ein paar ihrer wichtigsten Mandatare hätten bei der Wählerschaft an Vertrauen eingebüßt.

Deutlich überzeugender liest sich die Analyse des tschechischen Notenbank-Präsidenten, Mirsolav Singer, der gegenüber der Prager Tageszeitung „Hospodarske Noviny“ meinte: Europa sollte sich nicht über Jahre hinweg mit Griechenland beschäftigen, das nur zwei Prozent der europäischen Wirtschaft ausmache. Mit den bisherigen Krediten sei hauptsächlich Zeit gewonnen worden, die den reichen Griechen dabei geholfen habe, ihr Geld außer Landes zu schaffen. „Wenn der Wille nicht da ist, Griechenland eine riesige Summe Geld aus europäischen Strukturfonds zu geben, sehe ich keine andere Lösung, als dass es aus der Eurozone austritt und die neue griechische Währung stark abgewertet wird“, so Singer.


Recht hat er. Für Ökonomen ist die Frage aber ohnehin geklärt: Griechenland hat keine Chance, eigenständig im Euro zu überleben. Bleibt es in der Währungsunion, wird es zum dauerhaften Almosenempfänger. Die Finanzhilfen aus dem Norden könnten Athen dann zwar vor der Pleite bewahren, damit würde das Land aber nicht wettbewerbsfähig. Das geht nur über eine Rückkehr zur Drachme samt kräftiger Abwertung.

Die Griechen haben sich für die Rolle des Transfer-Empfängers entschieden. Nun sind die Geberländer am Zug. Deren Vertreter sollten schleunigst eine Linie finden und diese ihren Wählern auch „verkaufen“. Angesichts der jüngsten Meldungslage drängt sich nämlich der Verdacht auf, dass Europa wichtigere Dinge zu tun hat, als in der Griechenland-Frage über ein Jahr lang zu dilettieren.

 

E-Mails an: franz.schellhorn@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2012)

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