25.05.2012 23:11 | Meine Presse Merkliste 0

Leben mit dem unperfekten Leben

ULRIKE WEISER (Die Presse)

Resilienz ist die „neue Nachhaltigkeit“. Bei Experten ist die Bedeutung der Widerstandsfähigkeit schon angekommen. Die Politik lässt noch auf sich warten.

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Was kommt heraus, wenn man österreichische und deutsche Experten aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft fragt, was in den kommenden Jahren wichtig wird? Ein Begriff, der schon länger als „Trendwort“ gehandelt wird, einem bislang aber eher mühsam über die Lippen kommt: Resilienz.

Resilienz ist, salopp formuliert, so etwas wie die „neue Nachhaltigkeit“ und bedeutet so viel wie Widerstandsfähigkeit. Das Wort wurde bisher vor allem in der Technik (Elastizität) oder der Psychologie (Talent, schwierige Lebenssituationen zu meistern) verwendet. In der vorliegenden Arena-Analyse (Seiten 2 und 3) wird Resilienz breiter verstanden: Es geht um die Fehlertoleranz eines komplexen Systems, seine Fähigkeit, sich selbst zu regulieren, also Störungen auszubalancieren oder sich an neue Gegebenheiten anzupassen. Weniger abstrakt formuliert ist Resilienz die Fähigkeit, sich auf harte Zeiten einzustellen. Und zwar weniger, indem man hofft, schlimme Dinge ganz abwenden zu können, sondern, indem man aktiv versucht, mit den wahrscheinlichen und unangenehmen Folgen fertigzuwerden. Wer das mit Realismus übersetzt, liegt nicht ganz falsch. Ehrlichkeit ginge auch.

Was bedeutet es aber, wenn viele kluge Leute – und zwar in einer offenen Befragung – unisono Realismus/Resilienz einfordern? Bedeutet es überhaupt etwas? Ja, durchaus. Dahinter steckt nämlich die ernüchternde Erkenntnis, dass die Krise, die inzwischen zum Dauersummton geworden ist, gezeigt hat, dass sich „von selbst“ prinzipiell nichts mehr löst: Weder führt die Krise automatisch zu einem Paradigmenwechsel (welchem auch?), noch reguliert sich alles „eh irgendwie von selbst“. Die Arena-Analyse prägt hier den hübschen, aber etwas dramatischen Begriff der „schleichenden Apokalypse“.

Der Schluss daraus: Man muss wohl selbst tätig werden. Ob in einer fatalistischen – „Armageddon verwalten“, nennt das einer der „Arena“-Teilnehmer, Jürgen Turek vom Centrum für angewandte Politikforschung an der LMU München – oder in einer optimistischen Grundhaltung, bleibt dabei offen. Der Begriff Resilienz, sagt der Kulturphilosoph Burghart Schmidt, schillert nämlich in beide Richtungen. Wobei Optimismus günstiger ist: Denn im Idealfall – Beispiel Klimapolitik – unternimmt man das Mögliche, um den CO2-Ausstoß zu verringern, richtet sich aber gleichzeitig darauf ein, dass es anders kommen wird. Ohne jegliche Hoffnung wäre so eine Übung eher trist.

Das Bedeutende an der Analyse, sagt Turek, sei, dass es unter Experten in dieser Frage überhaupt (spät, aber doch) einen Mainstream gebe. Denn so lautet die Hoffnung: Was im kleinen Kreise anfängt, zieht später größere. Und es kommt der Tag, an dem die Gesellschaft, sprich die Bürger, von der Politik eine ehrliche Auseinandersetzung mit den Fakten und krisenfeste Lösungen fordern. Die aktuelle Spardebatte plus Verwaltungsreform wäre etwa ein guter Anlass. Allerdings: Wenn man auf die Mut-/Wutbürger-Gemengelage blickt, ist man geneigt, das für einen frommen Wunsch zu halten. Zumindest geht es einem latenten Pessimisten so.

Wobei: Die Wissenschaft gibt doch Anlass zur Hoffnung. Beim Design von Systemen oder in der Expertenklimadebatte ist Resilienz inzwischen zum fixen Bestandteil im Anforderungskatalog geworden. Freilich hat die Wissenschaft der Politik etwas voraus. Wir wollen es Demut nennen. Resilienz bedeutet nämlich auch das Eingeständnis, dass es keine perfekten Systeme und Lösungen gibt, dass man nie alles im Griff hat und dass es eben oft schlimmer kommt, als man es sich wünschen würde. Den Vorteil einer solchen Haltung hat schon Douglas Adams plastisch – und hier frei übersetzt – so geschildert: „Der Unterschied zwischen Dingen, die kaputtgehen können, und Dingen, die nicht kaputtgehen können, besteht darin, dass Dinge, die nicht kaputtgehen können, im Fall, dass sie doch kaputtgehen, unmöglich zerlegt oder repariert werden können“ („Hitchhiker's Guide to the Galaxy“).

In diesem Sinn darf man hoffen, dass Resilienz letztlich nicht bloß als modische Worthülse in Hochglanzbroschüren Karriere macht. Es wäre doch schade darum.

 

E-Mails an: ulrike.weiser@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2012)

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18 Kommentare
Gast: Realistiker
12.01.2012 17:52
0 0

Sie werden sich wundern....

Ich zitiere aus dem Artikel: ´Weder führt die Krise automatisch zu einem Paradigmenwechsel (welchem auch?), noch reguliert sich alles „eh irgendwie von selbst“.´

Falscher könnte eine Aussage kaum sein.

1) Wir haben noch keine wirkliche Krise. Merkwürdig, dass das Reden über die Krise mit der Krise selbst verwechselt wird. Und die - wirkliche - Krise wird kommen. Und dann wird es einen Paradigmenwechsel geben, liebe Frau Weiser, u. zwar einen äußerst schmerzhaften. Und wenn es keinen Paradigmenwechsel geben wird, wird es die Menschheit eben nicht schaffen. Und weil Sie - und alle anderen Menschen, die der Illusion erliegen, mit dem lächerlichen menschlichen Verstand die Welt verstehen zu können - sich keinen Paradigmenwechsel vorstellen können, stellen Sie die rhetorische Frage: ´nach welchem?´ Ich sage Ihnen, welchen Paradigmenwechsel es geben wird, bzw. geben muss (wenn wir überleben wollen): es wird den irren Egos, welche diese derzeit irre Welt beherrschen, an den Kragen gehen. So einfach ist das. (ZU einfach für die Egos. Daher können sie damit wenig anfangen. Das lässt ein Ego nicht zu.)

2) Es WIRD sich alles von selbst regeln. Allerdings sehr viel anders, als sich die irren Egos das vorstellen können.

Nehmen Sie mich beim Wort. (Und gehen Sie tiefer mit Ihren Betrachtungen, denn erst hinter und über dem Verstand findet die Wirklichkeit statt. Ob die Egos das glauben, oder nicht. Und verwechseln Sie ´Verstand/Intellekt´ nicht mit Intelligenz oder gar mit Weisheit.)

Antworten europa
13.01.2012 09:59
0 0

freuen sie sich eigentlich, ....

dass sie offenbar keinen "lächerlichen menschlichen verstand" haben und daher die welt verstehen?

"Resilienz", "Kompetenz", "Nachhaltigkeit" ...

alles Worthülsen, die verdecken sollen, dass alles so bleibt wie bisher.

Resilienz ...

.... ist als Widerstand gegen die Anfeidungen von Krankheiten - körperlich und/oder psychisch - längst als Methode erkannt. Was für den einzelnen Menschen Gültigkeit hat, trifft selbstverständlich auch für die Gesellschaten zu. Selbst der Planet auf wir uns befinden und das gesamte Universum ist nicht - oder noch nicht - perfekt. Nur die 150% Wissenschaftsgläubigen und jene die den Menschen selbst zum Maß aller Dinge machen wollten, waren der Meinung sie könnten perfekte System bauen. Dabei wurde die Menschenwürde allerdings mit Füßen getreten. Lieber Herr Thonet, hinsichtlich der Demut vor Gott und seiner Schöpfung stimme ich ihnen zu. Allerdings reicht für das bessere Zusammenleben nicht das "Großer Gott wir loben dich....." an Sonntagen, sondern der dem Menschen mögliche Versuch auch Wochentags im Alltag und vor allem auch im Beruf dem Nächsten mit gutem Willen zu begegnen.

Thonet H.
12.01.2012 11:31
3 0

Eine Gesellschaft ohne Gottesbezug mutiert über kurz oder lang zu einer Räuberbande.

Was soll dieser Klüngel aus Politik, Banken und Wirtschaft anderes zusammenbringen, als sich und ihre "Klienten" zu bereichern?!

Ein Beispiel dafür sind die Lebensversicherungen, die meiner Erfahrung nach nur zur Bereicherung des Staates, der Banken und Versicherungen dienen.

Antworten Gast: toro
12.01.2012 11:54
0 2

Re: Eine Gesellschaft ohne Gottesbezug mutiert über kurz oder lang zu einer Räuberbande.

So Sie dieser meinung sind: Sie müssen keine Lebensversicherung abschließen.
Stopfen sie Ihre euros ruhig in die Socken...

Antworten Gast: oberon 12
12.01.2012 11:53
1 1

Re: Eine Gesellschaft ohne Gottesbezug mutiert über kurz oder lang zu einer Räuberbande.

Spanien im 16. Jahrhundert hatte krankhaft engen Gottesbezug und war das Musterbeispiel für eine Räuberbande.

Gast: radius
12.01.2012 09:42
2 0

Auf die jetzige Politkrise mitsamt Ausschaltung demokratischer

Regeln und Vertragsbrüche umgelegt, bedeutet das: Wir gehen in eine Diktatur, bleiben wir trotzdem optimistisch, dass diese Verbrecherbande mit nassen Fetzen eines Tages davongejagt wird.

Ich bin eher für aktives Gestalten, als für hoffenden Optimismus.

17und4
12.01.2012 09:01
2 0

so genau weiß ich immer noch nicht, was das soll

aber es klingt sehr gescheit.

Wenn man dann natürlich Reizwörter wie CO2 Ausstoß, Wutbürger und Sparpaket verwendet, dann fehlt nur noch das bild einer halbnackten Promidame.

Ich werde irgendwann noch draufkommen, was das soll?

Gast: yamo
12.01.2012 08:35
4 1

Jetzt verstehe ich endlich

was sich die Bankster, Spekulanten und Politikster denken, wenn sie absurde Wetten eingehen die einem normalen Menschen einen kalten Schauer über den Rücken laufen lassen: "es reguliert sich eh von selbst" oder "alles wird gut (egal was ich tue)".

4 1

Inflation

'Armageddon verwalten' ist im Jahr 2012 eine Inflation der Worte. Eine Finanzkrise ist kein Armageddon. Auch nicht, wenn es einem im europäisch-westlichen Sinne schlecht geht. Armageddon - das wartet auf einer ganz anderen Ebene auf sein Eintreffen und wenn wir so weiter machen, kann es sogar geschehen. Aber das würde ich derzeit eher im 'Herrn der Ringe' sehen, als in der wirklichen Welt.
Bitte, Herren und Damen Wissenschaftler - zügeln wenigstens sie ihre Katastrophenszenarienausdrücke. Wir haben eh die Medien für all das.

Gast: total crash
12.01.2012 04:27
0 1

Is eh alles Wurscht,

das Ende naht,am 21.12.2012 is eh alles aus.

Schön wär`s, leider spielt`s es ned.

Antworten 17und4
12.01.2012 09:03
1 0

Re: Is eh alles Wurscht,

hunter Jahre später würde die zahl besser aussehen:
21.12.2112
ein klassisches Hochzeitsdatum, ist vielleicht auch eine Art Weltuntergang

Antworten Antworten Gast: radius
12.01.2012 09:44
0 0

Müssens fleißig Nachwuchs produzieren,

damit irgendwer dann das klassische Hochzeitsdatum dann wohl auch nutzen kann.

Gast: So what
11.01.2012 20:45
1 0

So what

gibts die "Seiten 2 und 3" eigentlich auch online??? Ansonsten bitte keine "Leitartikel" mehr online stellen, die man ohne den dazugehörigen Bericht einfach nicht versteht!

Im übrigen ist interessant, dass sich anscheinend bisher viele Probleme "von selbst gelöst hat"; hab ich nicht gewusst. Ich ging bis jetzt von der Vorstellung aus, dass bei menschlichen Problemen immer auch Menschen an deren Lösungen maßgeblich beteiligt waren?

Weiters: Resilienzforschung kenne ich persönlich vor allem durch Untersuchungen bei Kindern aus sehr schwierigen Verhältnissen; Bei denen geht es nicht darum sich auf "schwierige Zeiten einzustellen", sondern von vornherein damit umgehen zu können, im Gegensatz zu Kindern, die in die vorgelebten Handlungsfallen tappen.

auch erstaunlich: dass Systeme "designt" werden!! Am besten "intelligent", denn mit Systemtheorie ala Luhmann kann das - egal wie man dazu steht - aber nichts gemein haben: aber wahrscheinlich hängt mein ganzer Ärger nur am -online- nicht auffindbaren Artikel zu diesem Kommentar.

und falls doch online: bitte um mithilfe beim auffinden und entschuldigung für eventuellen blödsinn, den ich geschrieben habe. Danke!


Antworten clinhart
11.01.2012 22:35
1 0

Re: So what

Ich habe den Bericht zu diesem Kommentar zwar auch nicht gelesen / gefunden, aber bin aus beruflichen Gründen mit diversen Systemen vertraut.

Der Artikel verwendet meines Eindrucks nach einen sehr weitgefassten Systembegriff.

Darunter fallen zB wohl auch technische Systeme.
Dabei geht es zB darum, diese Systeme so zu designen, dass selbst bei Ausfall bzw Fehlfunktion einzelner Komponenten, das Gesamtsystem noch zuverlässig einsetzbar ist. Im Bereich Informationssysteme wird das zB oft durch Redundanz, also mehrfache Ausführung bestimmter Komponenten, erreicht. Das wird oft auch in Ausschreibungen bzw Pflichtenheften gefordert.

Bei allen technischen Systemen ist also "Design" durchaus ein zutreffender Begriff.

Bei der Organisation von Unternehmen ist Resilienz auch ein Thema, das gerade in letzter Zeit vermehrte Aufmerksamkeit erlangt hat. Auch dabei kann man von "Design" sprechen.

Antworten Antworten 17und4
12.01.2012 09:05
1 0

Re: Re: So what

ein technisches System wird nicht 'designet', es wird konstruiert, entworfen, aber niemals designet.

Antworten Antworten clinhart
11.01.2012 22:39
2 0

Fortsetzung

Das Thema der Selbstregulation ist zB in marktwirtschaftlichen Wirtschaftssystemen relevant. Der Begriff Selbstregulation ist dabei irreführend, weil natürlich die handelnden Personen etwas tun müssen.

Die Selbstregulation eines marktwirtschaftlichen Wirtschaftssystems ist nur insofern gegeben, wenn
* man bestimmte Verhaltensweisen der handelnden Personen annimmt,
* wenn weiters das Kommunikations-subsystem der Marktwirtschaft (d.h. die freie Preisbildung) nicht gestört ist bzw nicht blockiert ist,
* wenn das Geldsystem neutral ist, d.h. die Gesamtmenge der Spareinlagen immer relativ exakt der Gesamtmenge der Kredite entspricht.

Keine der drei Vorraussetzungen sind in unserem gemischten Wirtschaftssystem und unserer Gesellschaft erfüllt. Das ist einer der Gründe für die periodisch wiederkehrenden Krisen.

Eine Erhöhung der Resilienz wäre gegeben, wenn zB die Störungen und Blockaden der freien Preisbildung reduziert werden.


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